Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 7 (20.2.1914)
- Date
- 1914-02-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Von Rodolfo Lupu (Florenz!. Florenz, Anfang Februar. . Freudig müssen den unvoreingenommenen Bedachter dir Regeneratloiisversuche berühren, die eit einigen Jahren hierzulande — und zwar vorugslveise durch die intellektuelle Jugend — gemacht erden, um dem italienischen Judentum zu seiner Stellung innerhalb des Weltjudentums, die es rührend vieler Jahrhunderte hatte., und die in der chule des nationalempfindcnden S che dal (Sanuel David Luzzatto) den Gipfelpunkt erdichte, wieder zu verhelfen. Freilich sind 'eine Anzeichen dafür vorhanden, daß sich unsere Fugend ani die Spuren des streng gesetzestreuen Judentums begeben werde. Wer nach dieser Richtung tätig sein wollte, den würde man als ein eltfremdes 'Wesen' betrachten. Ist nun einmal die italienische Jugend für >das streng gesetzestreue Judentum nicht zu haben, Isozeigt - sie sich den national-religiösen Stimmungen überaus zugängig. Und wer nationale oder national-religiöse Tasten anschlägt, dein öffnen sich die Herzen vieler junger Judenscelen. Wir sind sogar dazu gelangt, eine streng nationalistisch-hebräische Richtung zu haben, die eigene Organe hat und sich tapfer mit den Assimilanten herumschlägt. Ein wunderbares Land muß doch dieses Italien sein, wenn es nach dem hoffnungslosesten jüdisilDsch'en Winter so schnell wieder Blüten treiben kann. Allerdings sind diese Dinge nicht aus einmal entstanden. Verschiedenartig sind die 'Wege, die der jüdische Gedanke einschlägen mußte, 'bevor er indiese nationalistische Richtung mündete. Wer mit der Geschichte des italienischen Judentums liur einigermaßen vertraut ist, den wird diese Erscheinung nicht befremden. Ich möchte hier die Behauptung aufstellen, daß das winzige italienische Judentum in seiner altehrwürdigen rnoDbeschichte mehr national als religiös gcr i ch t e t w a r. Es sei nur an den starken 'Gegensatz erinnert, der im fernen Mittelalter zwischen dem ' italienischchephardischcn und deutschen bezwöstlichen Judentum herrschte. Die italienischen Juden, die auch im finstersten Mittelalter ein verhältnismäßig freies Leben genossen, kannten nicht die Extremitäten des aschkenasischen Judentums. Bei ihneir fand die Pflege von hebräischer Sprache und Poesie die weiteste Symt, unDpathiej auf diesem Gebiete waren sic Meister. Und das Charakteristische an ihrer Poesie ist die national-jüdische Färbung, während die der Aschkenasim mehr ein religiöses Gepräge trägt. Dagegen war ihr religiöses Leben — im Verhältnis zur Zeit'und zu ihren übrigen Brüdern — etwas lockerer. Sie selbst sprechen mit Stolz von ihrer „nazione ebrea" (hebr. - Nation) in allen ihren Dokumenten, die von ihren Verhandlungen mit den verschiedenen Behörden zeugen. Es fällt ihnen niemals ein, sich nur als eine besondere Glaubensgemeinschaft zu fühlen. Und bis in die neuesten Zeiten bleibt das Verhältnis das gleiche. Man denke nur an Samuel David Luzzatto, der in der Zeit der Emanzipätions- und Assimilationsbewegung lebte. Während seine deutschen Zeitgenossen den Tanz um das goldene Kalb begannen, versenkte sich Luzzatto immer mehr in seinen Hebräismus. Er empfand es als unnatürlich, daß jüdische Gelehrte die Resultate ihrer hebräischen Studien in fremder Hülle därboten. Diesem seinem Empfinden gab er in gcharnischten -Worten „Luft. rüdi jenei i Sd| rend Sa ,t au itttat dies« $Icnl t e boi N g! öebei stand Emi rnter Zug Hz« rüge, eine «selb E 101 ig au er 8c irlosv i, vo, erben Kittd »erbe! letitij Hilft W ie, ii t, > unter Ädni tstan! n wb Mn, r-Vergeßet Liefe, i| .bet' n at sido, jaffe7 ftigeL nberg itzUN!;rg: führ« Liraft Ni Mit richtigem, gesundem Fühlen sah er voraus, wohin jene vielgepriesene „Wissenschaft desJudentums" in deutscher Sprache führte. . . Er war auch ein Meister in der Handhabung der hebräischen Sprache, für deren reine Ausrechterhnltung er - unentwegt kämpfte, da er in ihr ein sicheres Vehikel gegen die Verirrung des national-jüdischen Bewußtseins sah. Und wie Luzzatto empfanden viele seiner Vorläufer in Italien, und auch mancher seiner Schüler ist diesen Weg gewandelt. Mit Luzzatto's Tod aber drang auch nach Italien die Richtung des nur-konfessionellen Judentums, das hier sogar rapidere Fortschritte machte als in den Nachbarländern, was besonders durch den fast völlig rnailgelnden Antisemitismus verursacht wurde. .Die Inden erklommen stie höchsten Stufen des gesellschaftlichen und sozialen Lebens, ohne daß die arischen Zinsen gerümpft tvurden.. Alles schien eilt*' Einlnllung des jüdischen Unterbewußtscins zu begünstigen. * Wenn die früheren Versuche zrrr Hebung des italienischen Judentums mißlangen, so lag die Schuld, an der Diagnose. Es mußten andere Propheten in Israel - erstehen, die die Wunden besser zu heilcir verstanden. Als, 'vor zwanzig Jahren durch die jüdischen Reihen der Ruf der nationalen Regeneration erscholl, fand er ein Echo auch in einigen erlesenen Geistern der italienischen Judenhcit. Ich nenne n. a.: Donati in .Modena, Gino R a c a h in M a i l a n d, Felicc Ravenna in Ferrara, Dante Lottes in Triest, Aldo S o r a n i irr Florenz, die sich von der jugendlichen Frische und Poesie, welche djie neue Renaissanccbewegung ausfloß, hingerissen fiihlten. Sie begannen eine lange, unaufhörliche Arbeit in der Presse, in Versammlungen, irr Privatgesprächen. Broschüren wurden herausgegeben, Zeitungen von nationalem Charakter gegründet, wie die „Jd'ea Sionnista" in Modena, der „Eco Sionista d'Jtalia" in Florenz: der alte „Corriere Jsraelitico" in Triest ist unter Leitung des Rabb. Dante L a t t e s .in zionistischem Geiste erneuert worden. Die Arbeit war zähe und mühsam: es handelte sich vorerst darum, unter der jüngeren Generation eine Schar begeisterter Juden zu schaffen. Mit den Alten war nichts mehr anzufangen: diese rnnßte man ihren Weg gehen lassen. Auch an die Rabbiirer durfte man nicht herantreten. Fast alle — mit einigen einzigen Ausnahmen — waren ernster Arbeit abhold. Biele von ihnen jeder Bildung bar, — garnicht zu sprechen von jüdischer Gelehrsamkeit. Mit Luzzatto war der letzte große jüdische Gelehrte dahingegangen. Auf die Jugend allein mußte man das Augenmerk richten, wollte .man etwas Ersprießliches leisten. Allmählich entstanden in einzelnen Städten kleine Gruppen von begeisterten jungen . Leuten, die entschlossen waren, etwas zur Regenerierung des italienischen Judentums zu leisten. Ich erwähne Florenz, Rom, Turin, Mailand. Das waren aber nur latente Kräfte, die in ihrer Isolierung nur passiv wirken konnten. Wollte nran etwas Mtuelles, Aktives erzielen, so mußte nian an die Sammlung und Konzentrierung der versprengten Kräfte Herangehen. Man mußte an die Organisierung der Jugend denken. . Den' florentinischen jungen Leuten, die sich um die „Aettimana Jsraelitica" scharten, gebührt die Ehre, die Zeichen der Zeitströmung begriffen und demgemäß gehandelt zu haben. Es fehlten natürlich auch die Zweifler nicht-— und so wurde denn nur beschlossen, einen Ausruf zuverössentlichen, in dem die Notwendigkeit der Organisierung hcrvorgehoben wurde: es sollte .eben pur ein Versuch sein, um den Boden zu prüfen. Und siche da, das Resultat übertraf auch die rosigsten Erwartungen: Hunderte von jungen Leuten antworteten .dem Rufe mit großer Begeisterung. Und so konnte der erste Kongreß ^inberufen werden: Florenz gebührt, die Ehre, der erste Ort gewesen zu sein, in dem die' Jugend Italiens ihren Willen zum Judentum in offener, ehrlicher, begeisterter Kundgebung geäußert chat. Als erster Schritt aus denk Wege der Riickkhr zum Judentum hat per erste Kongreß, der. 1911 tagte, eine historische Bedeutung für das italienische Judentum. Zwar sind keine weitgehenden politischen Beschlüsse gefaßt worden, allein die Reden, die von den jungen Juden vernommen wurden, die Stimmung, die herrschte, bildeten einen Ausgangs- und Anhaltspunkt für die Gestaltung des zukünftigen Schicksals des italienischen Judentums. Viel konkreter und wichtiger war der zweite Kongreß, der 1912 in Turin tagte, , da er deutlich zeigte, daß die Besten der jüdischen Intelligenz den Blick mir heißer Sehnsucht nach Zion richteten. Aber auch dieser Kongreß, hat es nicht zustande gebracht, eine feste, solide Organisation der jüdischen Jugend. Italiens zu schaffen. Diese Aufgabe wird dem dritten Kongreß, der anr 22.-24. Februar in Rom stattfindet, zufallen. Diesmal wird die Aufgabe gelöst.werden. Mit dem Referat hat man Adv. AlfonsoPaceific i, einen unserer besten und energischsten Kämpfer, betraut. Noch eins sei hervorgehoben: Ist die Jugendbewegung auch national gerichtet, so sind sich deren Führer doch bewußt, daß man in der Jugendbewegung auch die anderen Momente jnd. Lebens nicht außer acht lassen darf. Vielmehr besteht das Bestreben, cckle jüdischen Strömungen in der Jugendorganisation zu konzentrieren.. Es soll nicht eine rein zionistische Organisatvn sein: dafür besteht eben die „Federation dtzr itr-. lienischen Zionisten". Diese Tendenz dev llmspannung her verschiedenen Tendenzen, wenn, diese nur den nationalen Charakter des Judentpms nicht untergraben, wird nach Möglichktzll. befolgt. So hat man der „Agudas Jisroel" emiMserat eingeränmt: obwohl keine Aussicht vorhanden ist, daß sie in Italien etwas ausrichten wird. Die „Agudas Jisroel", bjc an sich eine schöne Tat ist. dürfte — meiner Ansicht nach — mcht einmal den Versuch machen, inJtalien Mitglieder zu erwerben. Ich verstehe eine solche Organisation in den Zentren, in Lenen es eip jüdischportho» doxes Leben gibt, wo sich die Orthodoxen als solche zu gemeinsanrer Ätrbeit vereinigen müssen. Aber wo haben wir in Italien auch nur eine einzige Stadt, in der auch nur drei Personen zusammen leben, die wirklich und aufrichtig gesetzestren sind, nach dem Begriffe der „Agudas Jisroel"? -Dagegen hatein national-religiöses Judentum vollständige Aussicht auf Erfolg: man denke nur >M Erscheinungen, wie der Fall mit dem Florentiner Adv. Pacifici einer ist! Das sind in kurzen Strichen die Tendeitzen und Bestrebungen des modernen italienischest Judentums. .Der dritte Kongreß her jud. Jugend in Italien wird uns belehren, ob und inwieweit die Hoffnungen, die wir noch auf das italienische Judentum setzen, begründet sind. -2.