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Neue jüdische Presse · 1913-12-12 · Heft 49 (12.12.1913) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 49 (12.12.1913)
Date
1913-12-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. der ge Wiegen Indien frage ist in Palästina zk>ar noch nicht gelöst, aber die Grundlage Zur Lösung ist gelegt und die heutige Tendenz der Entwicklung braucht nur zu bleiben wie sie ist um!, die Lösung zu bringen. Das mag noch geraume Zeit dauern, aber die Frage der Schaffung einer neuen, gesunden hebr. Kultur ist auch ihrem! ganzen Wesen nach eine Frage von Jahrzehillen und Jahrhunderten. Es ist schon eine große Sache, daß die Basis gelegt ist; wir können auch auf diesem.Gebiete mit voller BefriMgung auf das in Palästina Erreichte! blicken. * vUnt> nun gelangen wir zuM zweiten Dell der Judenfrage, zunk wichtigeren und schwierigen: zur materiellen Judonftage. Ich nenne sie die wichtigere. Denn von ihrer Lösung hängt die der geistigen Judenfragü ab. Losen wir die letztere ohne die erstere, so erhalten wir das blutlose „geistige Zentrum" im Sinne Achad-Haams, wo- ' durch das Wesen der Judenfrage, die Schaffung der Garantien für die Existenz! des jüd. Volkes, nicht im mindesten seiner Lösung nähergeführt ist. Darum ist das Ziel der Lösung der materiellen Zudenfrage der vornehmste Maßstäb aller Erfolge in Palästina und wird .sie für alle Zukunst bleiben müssen. Was haben wir hier erreicht? Wer sich nichts vormachen will, was nicht da ist muß antworten: Sehr, sehr wenig. .Gewiß, wir Häven in Palästina eine Anzahl recht, schöner Kolonien, eine so angenehme Villenstadt wie Tel-Awiw, aber gegenüber dem Zick ist dies so gut wie nichts. ' Nehmen wir hinzu, daß .der größte Test dieser Kolonien aus der Basis der arabischen Arbeit ruht, so können wir sagen, daß heute.in Palästina für arme Juden, die aus ihren Ländern .auswandern müssen und durch Arbeit ihr Brot verdienen ’ wollen, kein Platz ist Nicht nur dies, fehlte doch sogar einem- Tell der bereits im Lande ansässigen Judenheit die ökonomischen Existenzbedingungen, so daß die starke Emigration anhält, wenn nicht so- . gar wächst Trotz ZOjähriger Kolonisation sind wir nicht in der Lage, auch nur einen geringen Teil der Emigrantenmassen des Ostens nach Palästina zu führen. Gewiß: es lM sich! bereits recht angenehm in Palästina, aber Voraussetzung hierzu ist ein wähl gefüllter Beutel. Sich nur durch eigene Händckrast in Palästina eine Existenz zu gründen, ist heute noch so gut wie unmöglich. Diese Tatsache, wenn man sie einige Zeit nach der Anlünst im Land, da der erste Begeisterungsrausch verflogen ist, konstatiert, nmcht zunächst einen niederschmetternden Eindruck. Ich war verzweifck, als ich nach dem ersten Monat rneincs Hierseins zu der vollen Erkenntnis dieser Tat- - suche gelangte. Aber bevor man dann ein Urteil fällt, muß man sich! erst zwei Fragen stellen: einmal, wie verhält sich das Wenige des Erreichten zu den bisherigen Leistungen, und sodann, welches sind die Aussichten für die Zukunft? Die Antwort auf jede dieser Fragen bedeutet euren Trost für den Schmerz , über den im Verhältnis zum Ziel geringen Erfolg. Was die erste betrifft, so führt ein genaueres Bekanntwerden mit der bisher geleisteten 'Arbeit zu der Einsicht, daß auf Grund dieser Arbeit nicht mähr hat erreicht werden können, als es der Fall ist, Die Hauptarbeit der bisherigen Entwicklung ist die des Barons Edmund Rothschild. In. diese Arbeit hat dieser große Mann gewiß an die 60, 70 Millionen hineingesteckt. Mir wer die Wirffchaft der Administratoren bis 1900 kennt, wer die ersten ungeheuren Schwierigkeiten, denen jede Kolonisation in einem seit Jahrhunderten verwahrlosten Lande begegnen Muß, in ihrer ganzen Größe begreift, wer dazu die in diesem Fall noch ganz besondere ' Schwierigkeit hinzunimmt, die das Kolonistenmatericck, .das Produkt, einer jahrhundertelangen städtischen EntwilLung verursachen mußte, wer all das zusanünenzählt, wird mit dem Erreichten sehr zufrieden sein müssen. Die jüdischen Kolonien sind fast alle wirtschaftlich nun fest basiert. Manchen geht es ökonomisch sehr gut, in Untergaliläa ist die Entwicklung ebenfalls «ine recht günstige, und die unbefriedigenden Verhällniffe .in Obergallläa find nicht derart, daß sie nicht in naher Zukunft durch Energie und Umsicht beseitigt werden können. Und wie stellen sich! die Aussichten für die Ankunft dar? Die heutige Kolonisation hat dm. Frankfurter JsraelitWüS NamilftnöWS. Nr. 49! Beweis erbracht, daß die jüdische Landwirtschaft in Palästina 'eine sicher« „und gute Zukunft vor sich hat. Auf Grund der gemachten Erfahrungen ist heute die Möglichkeit vorhanden, durch weitaus kleinere BodÄllelle, als man sie früher für nötig erachtete, die Existenz von Bauernfamilien zu. garantieren. Nur ist eins dabei nötig: eine Aenderung der Kolonisationsmethode. Nicht mehr auf kapitalistischer Grundlage basierende Pflanzerkolonien mit arabischen Arbeitern, sondern auf Ackerbau oder gemischter Wirffchaft und Hauswirtschaft ruhende Bauernkolonien, wo der Einzelne samt seiner Familie arbeitet. Auf diese Weise ist die Möglichkeit vorhanden, größere Massen in Palästina anzusiedeln, auf dresü Weise auch die Garantie gegeben, daß der Boden des Landes von uns wirklich erworben wird. Die Bchauptung Achad- Haams, die Entwicklung der Mischen Kolonisten habe bewiesen, „daß die Heranbildung richtiger Bauern unmöglich sei, ist durch keinerlei Tatsachen belegt. Die Schuld daran, daß .bisher dieser jüdische Bauer nicht herangewachsen ist, tragen ganz andere Adomente als .die innere Nichtqualifizierung des Juden: vor allem die verfehlte Behandlung durch den Baron, sodann die Plantationswirtschaft als Grundlage der Kolonisation; und in den untergaliläischen. Ackerbaukolonien, die ja erst seit etwa 10 Jahren existieren, haben wir schon in der Tat zum Tell eine-bäuerliche Lebensweise, und Man kann die Entwicklung zum echten Bauerntypus hier bereits .jetzt deutlich wahrnch!- men. Man kann also, soweit über Ding«. der Zukunft überhaupt sichere,' apodiktische Aussagen möglich sind, die bestimmte Bchauptung aufstellen, daß auf der Grundlage einür wahrhaft bäuerlichen Kolonisation die Ansiedlung größerer Judennrassen in Palästina durchaus möglich .fein wird.' .Nötig sind natürlich vor alleni!' große Geldmittel und sodann tüchtige, umsichtige Leitung düs Ganzen. Daß neben dieser landwirtschaftlichen Kolonisation in Palästina viel Platz ist für städtische Industrie, ist so klar und selbstverständlich; daß ich diesen Punkt nicht näher zu erörtern brauche. So vermag ein Rückblick..über die bisherige Entwicklung der Kolonisation, aber mehr noch! ein Ausblick in ihre Zukunft über die — am Ziel gemessen — .geringe Höhe des bisher Erreichten zu trösten und den einzelnen pneder mit Stärke und Hoffnung zu erfüllen. Es sind.'das die natürlichen Stadien der Entwicklung, die .jeder Fremde in den ersten Monaten seines Aufenthalles in Palästina durchmacht. Vom Ausland, wo man ja meist so gut wie Line Vorstellung von den wirklichen Verhältnissen in Palästina hat, kommt man voll höchster Erwartungen hin, ist auch im ersten Monat begeistert über die neue, rein jüd. Welt, die sich da. einem eröffnet. Wird man mit den tatsächlichen Zuständen näher vertraut, sieht man die starke Auswanderung, beobachtet man das Leben der Kolonisten, dann erkennt man, wie wenig noch erreicht ist und ist verzweifelt. Dringt man dann aber tiefer in die Materie hinein, studiert man die Geschichte der Kolonisation, hört man aus dem Munde der älteren Kolonisten von den Zuständen, die einst herrschten, dann tröstet Man sich, beruhigt Man sich durch die Erkenntnis, daß unter diesen Umständen das Erreichte einen beträchtlichen Erfolg Bereits darstellt. Beginnt man aber dann, sich eingehender mit .den Fragen 8er Kolonisation zu beschäftigen, beginnt man ruhig und nüchtern ihre Aussichten für die Zukunft zu prüfen, so zieht wieder Hoffnung in die'Seele ein, und wemr man dann das Land, verläßt, dann ist man wieder erfüllt von neuer Hoffnung und neuem . Znknnftsglauben, der aber jetzt viel stärker und'- tiefer ist als der, den man draußen hatte, well er nun auf der Kenntnis der realen Verhältnisse beruht. 1 .Ich war im ersten.Monat meines Hierseins begeistert, in« Wellen verzweifelt, im' dritten resigniert-zufrieden und. verließ das Land Hundertfach gefestigter in meiner Ueberzeugung von der Realisation der zionistischen Ideale, als ich es vor meinem Herwmmün war. Es ist schon an der Zell, die Fragen der jüdischen Kolonisation in Palästina nicht vom StandpunR romantischer Träume und begeisterter Schwärmerei, sondern von .düm objektiver Er- ' fassung der realen Grundlagen zu betrachten. Eine solche Betrachtung wird, so fschr sie alle senti- - Mentale Begeisterung dänffssen wird, hierfür den Glauben an die glänzende Zukunft der Kolo,! satiön in Palästina umsomehr vertiefen und stg ken. Man wird dann erkennen, welche eminenä Schwierigkeiten der Verwirklichung, unserer JdeZ im Wege stehen; über man wird ebenso Har I kennen, daß energische Arbeit und aufopfernde Äu dauer zweifelsohne imstande sind; diese Schwl rigkeiten zu. beseitigen und das große weltgeschiä liche Ziel: die Lösung dör Judenftage im Juo lande, zu. .erreichen. -Praktisches Weitaachtsgescbenfc „Sanogrcs“ Wunderbare Kochmethode. — Vornehmster Gasofen. Alleinverkauf: Kaiserstrasse 81 Telephon 901. Jreitoieser $ franke Die Tätigkeit der Alliance Jsraelitej Universelle in der Türkei. Ein Vortrag, den Herr Jacques Bigart 24. Mai 1913 in der Jüdischen Volksuniversit zu Paris gehalten hat, ist vor kurzemauch deuffcher Uebersetzung erschienen, damü auch deutschen Mitglieder der Universelle erfahren, i ches große Kulturwerk. die A. I. U. im £)rit| vollbringt. Dieser Vortrag wlll ,;gewisse Legenden" seitigen, aber dör Referent tritt selbst den Be der Wahrheit an und führt uns die Tätigkeit - A. I. U. in solch überzeugender Weise vor 2Iugd daß wir alle .erkennen: Diese Legenden sind leiq nicht legendär. Der Geist, der in diesem! Vortrage umges leidet gewiß nicht an Au großer.Unterschätzung eigenen Könnens. Alles, was die A.' I. U. schaffen hat, ist unbesehen gut, konnte von feiij Organisation an echtem!. Bildungsgrad. übertrof werden. Sucht Man aber in dieser Darstellu nach den Beweisen der Existenzberechtigung diel Organisation als jüdische Alliance, so wq Wan sie vergeblich suchen. Die Ideen dös Herrn Bigart sind zu sa saM bekannt, als daß man darüber verwund sein könnte. Wer abgesehen davon, daß Fehlen von positiv jüdischen Merkmalen bei Unternehmungen der A. I. U. gar nicht auffo Muß .es doch als unerhört konstatiert würden, ein Sekretär der Alliance es wagI das alte echtjüdische Leben und ken der türkischen und orientalisch- Juden so tzju verunglimpfen. Der Ko« ntentar, den der Chederlehrer lehrt, ist „sinnlos die Rabbiner sind ihm Hetzapostel schlimmster Sois der Chassidismus zeitigt Narrheitün, und Glaube an Feen und gute und.böse Geister herrscht das' ganze religiöse Leben der orieitta| schen Juden. Nur der französisch! gebildete Lehrer der All ance ist der wahre Kulturträger, und . feine Aq gäbe ist deshalb so schwierig, weil alles, w er sieht, der zurückgebliebene Zustand der Jsroi liten, ihr religiöser Fanatismus seine Gedankl und Gefühle verletzt. Aber die Mliance hat di Stern aufgehen lassen, der nunmehr am! Himni des Orient den „zurückgebliebenen" Juden leua ten soll. Es ist ein „junger Göisllicher, der 8 türkische und arabische Sprache wunderbar beherrsi und dessen berufliche Ausbildung nicht in einer va alteten Jeschiba, sondern im Rabbinerseminar vß Paris erfolgt War. Das Ansehen des Großrabi ners bei der nichtisraelitischen Bevöll rung, bei der Regierung, den Botschaften und bj Vorstehern der verschiedenen christlichen Kf fessionen ist für die Israeliten der Türkei erfreulich, ja-beinahe schmeichelhaft. . ." Der Großrabbiner Nahuml scheint also nj 1 Rabbiner für die nichtchriWiche Bevölkerung sein, für die christlichen Konfessionen. Er hat auch G. s. D. keine Jeschiba besucht, sondern i Rabbinerseminar zu Paris, er kennt die arabisd und türkische Sprache, wahrscheinlich auch die stq zösische, aber die hebräischen Kenntnisse schein! ihn nicht allzusehr zu drücken. Er Me ja au einst an einem Sabbat ins Palais, denn er ja, nicht Großrabbiner für die Juden.

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