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Neue jüdische Presse · 1913-12-12 · Heft 49 (12.12.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 49 (12.12.1913)
Date
1913-12-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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(Reisebriefe.) Bon Nachum Goldmann. XX. (Schluß.) . ■ - Rückblick und Ausblick. Der Tag' der Abfahrt war gekommen. Mit icrjftdjct Gefühlen sah ich ihn h'erankonunen: ist! keine leichte Sache, Palästina zu verlassen, idem inan schier ein halbes Jahr in ihm vert hat. Man akklimatisiert sich ja so rasch das jetzige Vebön; wie eine liebe, alte Heimat fängt dich Erez-Jsrael vom ersten Tage deiner mftan; einige Wochen sind.kaum vorbei,, und scheint es, als ob öu inüner in dieser jüdischen i gelebt hättest als ob es! gar nicht anders sich wäre, wie hier zu leben, lind nun nach »aten voller herrlicher Eindrücke und unver-, lhlich schöner Stunden, heißt es: Zurück — iick in das Galuth, zurück in die Zweiheit res Deösns, in den.Dualismus unseres jüdii, Daseins, in unsere Existenz ittit ihren tausend ^sprächen und Inkonsequenzen. Und doch: n soll auch in feierlichen Momenten seines ms wahr sei». Und ich will es nicht leugnen/ i mich bei allein Schmerze pes?lbschieds, bei r Unlust der Rückkehr doch etwas nach diesem cha zög; iw' Innern meines Herzens war ein »cs Kämmerlein, in dem Sehnsucht nach En- » und Freude über die bevorstehende Rückr herrschte! Denn warum es sich verschweigen lm? Wir.moderne Juden sind doch nun cin- Dop'pelmcnschcn, und ein halbes Jahr in ästina kam: die Dualität unseres Wesens i schwinden lassen. Auch! hier, im rein jüdi- »'Milieu, wn män hebräisch spricht und meist Wer Angelegenheiten. des Judentums denkt > redet, auch hier bleiben wir doch Europäer, lopäer in der Sehnsucht nach der Struktur des chäischcil Lebens, Europäer in dein'.Drange nach und so vielen Eigenheiten Europas. Es muß r jeden Juden, der sich in Palästina festsetzk, c geraume! Zeit vergehen, bis er diese dishär- »ische Seite seines Seelenlebens überwindet und! und ganz palästinensischer Jude wird. Ich : es in dem halbjährigen Anfonthalte Noch >t getvordcn, konnte :d§ auch nicht werden, . und lvar die Signatur der .Gefühle und Empfindun- , die mich beim Abschiede durchzögen, die ein- ' Signatur des Galuth: die Dualität. Das Schiff hatte Jaffa bereits seit einigen mden verlassen und .schwamm nun stolz und »g in dem' bläuen Mittelländischen Meere da- . Die Sonne strahlte in vollem! Glanze und rgoß das Meer mit ihren goldenen Strahlen, ic leichte, frische.Brise machte die Luft angc- »n und kühl; der Zauber der Mcercsstimmnng ihrer, scelenberuhigenden Macht begann mich erfassen. Und in dieser Rühe setzte ich mich cine Ecke des Oberdecks und begann — die Bilanz ziehen: Was haben wir bis heute in 'Palästina erht? Mit zwingender, Antwort.erheischender Dringkeit' erhob sich diese Frage vor mir. Was ist Bedeutung all des' Bielen und Neuen, das in den letzten Monaten gesehen Und kennen mit hatte, gemessen an dem Ziele, das uns der PMstinaarbeit vor Augün schwebt. Mög- >st nüchtern und objektiv benLhtü ich mich, die zü ziehen. Begeisterung ist eine gute che, aber nur, wenn sie nicht die Möglichkeit zur kritischen, nüchternen Bönrteilinig der Dinge raubt. Gerade die großen. Fragen des Lebens sind es, die ab und zu aM dringendsten eine nüchterne, kühle Betrachtung erheischen. „Die Sache (der Zionismus)", sagte einmal Theodor Herzl, „ist so groß, daß wir nur in einfachen Worten vor ihr sprechen sollen." Also —weg für eine Stunde Zeit 'mit all dem Poetischen Zauber, mit all der romantischen Poesie, die jedes Stück/ jüdischen Bodens in. Palästina umgibt, und. ganz nüchtern, kühl gefragt: Was haNm wir erreicht? * Der Maßstab zur Beurteilung der Größe eines Erfolges ist stets das von'Anfang an verfolgte Ziel. Je nach denk Ziele, je nach denr, was man hat erreichen wollen, stellt sich der Erfolg größer oder kleiner dar. Bei der Bewertung des in Palästina bereits Erreichten gilt es nun, vor allem zwischen zwei Zielen zu unterscheiden; analog den zwei großen Teilproblemen der modernen Judenfrage. Das eine Problem ist die geistige Jüdenfrage, die Moralische Judennot, die Tragikder niödcrnen jüdischen Süelr und mit wie immer verschiedenen Namen .man dasselbe bezeichnet hat. Ihre Ursache ist die rechteinfache Tatsache der Zerstreuung vieler jüdischer Minoritäten innerhalb vieler nichtjüdischer Majoritäten. Die Folge dieses Zustandes ist die Dualität des geistigen und seelichen Lebens jedes Juden, der weder ganz, als Jude noch ganz als Europäer leben kann. Diese Grimdtatsache des psychischen Lebens des Juden in der Diaspora hat zwei Folgen: nach der einen individuellen Seite hin. für den einzelnen Juden bewirkt sie jene innere Zerrissenheit, jene charakterlose Haltlosigkeit, jene inoralische Dekadenz, wie sie ja aus dein täglichen. Leben jedem Juden der nicht blind sein will, genügend, bekannt sind, wie sie auch so oft und so ausgiebig anfgelmesen und geschildert worden sind, daß ich mir hier die genauere Darlegung dieser Erscheinungen wohl ersparen kann. . Nach der kollektiveir, nationalen Seite hin aber verursacht das anormale Seelenleben des Juden eine Dekadenz mlserer Kultur, die Unfähigkeit zu großen national-knlturellm Produktionen, die Unmöglichkeit eineir starken, originellen jüdischen Kultur. Was haben wir in Palästina zur Lösung der geistigen Jndensrago erreicht? Biel, unerwartet viel. Bor allem in ihrer individuellen Seite. Man kann heute ohne Uebertreibung behaupten, daß in Palästina dem! einzelnen bereits die Möglichkeit . gegeben ist, die ntoralische Judenfrage für sich zu lösen. Der europäische oder amerikanische Jude, der den Qualen 8er utoralischen Judennot entrinnen will, der seine. Kinder dem Zwiespalt ihrxr Erziehung entziehen will, ist heute bereits in der Lage, in Palästina in einem, rein jüdischen Milien 'zu leben und seinen Kindeon auf der Basis des .Hebräischen eine harmonische, der europäischen Schulbildung gleichartige Erziehung zu geben. Zwar fehlt noch eine Hochschule, uw den Kreis 'abzuschließen, aber der Gedanke der Universität in Jerusalem steht auf der Tagesordnung, noch eine kurze Zeit, und das Gebäude des hebräischenErziehungsshstems in Palästina ist vollendet, und so kann man schon heute sagen, daß das individuelle inoralische Jndenproblem in seinem Wesen in Palästina bereits gelöst ist. Es fehlt gewiß noch Manches, noch viele Lücken sind ansznfüllcn, gewiß wird auch noch eine gute Zeit vergeh en, bis int jüd. Palästina ein dem europäischen Großstadtleben vollwertiges Milieu entstehen wird; aber schließlich ist dies auch nicht zu nötig; man kann auch ohne Theater und Barite glücklich leben — Kino gibt's ja auch in Palästinaund Man kann sich in Tel-Awiw oder in einer Kolonie bereits heute recht schön und wohnlich einrichten und recht angenehm leben: das Wichtigste, die Grundlage, Las Milieu ist bereits geschaffen. Sprechen wir es also als Faktum aus: dieindividuellemoralischö Judeusrage ist in P alästina bereits gelösi. Wie steht es nun mit der zweiten Seite der geistigen Judenfrage, nrit per national-kulturellen? Hier ist bis heute, gemessen am Ziele, viel weiniger erreicht. Gewiß, wir haben in Palästina eine beträchtliche! Zahl hebräischer Schriftsteller, wir haben einige Zeitungen, einige Berlage, die hebräische Literatur ist vielen die gewöhnliche, tägliche, aber zu behaupten, wir hätten bereits in Palästina eine neue gesunde hebräische Kultur oder auch nur Literatur geschaffen, die die Krankheitszeichen des Galuth nicht Mehr an sich trägt, hieße eins Mücke für einen Elefanten erklären. Die großen Dichter und Schriftsteller der hebräischen Literatur sind fast alle in Rußland, die hebräischen Schriftsteller Palästinas sind erst vor wenigen Jahren ins Land gekommen, und.kein vernünftiger Mensch wird erwarten, daß diese wenigen Jahre sie zu völlig neuen, gesunden Menschen nmgewandelt hätten. Es ist auch ganz selbstverständlich, daß diese Seite der geistigen Judenfrage noch nicht in Palästina gelöst werden konnte. Wir haben ja noch gar kein erwachsenes palästinensisches Geschlecht. Erst muß eine ganze große Generation im Lande geborener, im Lande erzogener palästinensischen Juden hermegewachsen sein, bevor erst an den Versuch der Lösung herangeschritten werden, wird. Und vergessen wir noch eines nicht: In Palästina ist heute und wird' noch für einige Zeit hinaus wenig Zeit und Sinn für Schöpftmg rein literarischer Werke vorhanden sein. Die praktischen, politischen, sozialen Fragen des neujüdischcn Lebens 'in Palästina sind ja so zahlreich und so schwierig, daß alle verfügbaren Kräfte sich ihnen widmen und naturgemäß die literarischgeistige Produktion darunter leiden nulß. Es ist dies aber nur gut so. Es ist dies sogar eine der gesundesten Wirkungen des palästinensischen Lebens. So gewöhnen wir uns wenigstens dort daran, erst die praktische, materielle Grundlage unseres Daseins zu basieren und anMbauen, bevor wir an die Errichtung des geistig-kulturellen Oberbaues schreiten. Haben wir erst einntal ein starkes jüdisches Leben in Palästina. Die Schaffung 8er geistig-literarischen Kultur wird von selbst Kimmen. Aber auch heute, bei all dem wenigen, was in. dieser Hinsicht erst erzielt ist, ist es doch schon recht merkbar, wie Palästina sich immer mehr zw einem geistigen Zentrum entwickelt. Zn seine Schulen sendet man Kinder aus aller Herren Länder, und auf der anderen Seite: tvemr erst das Lehrerseminar in Jerusalem vergrößert, dasLehrerinnenseminar in Jaffa völlig ausgebaut und der Kindergärtnerinnenkurs in Jerusalem , zu einem Seminar ausgefialtet sein wird, dann wird zweifelsohne aus Palästina alljährlich eine große Zahl Lehrer, Lehrerinnen und Erzieherinnen. sich überallhin ergießen und so Las Goluthjudentum durch das nünjndische Leben Palästinas direkt beeinftußt werden. Fäßt Man das Erreichte zusammen, so kann Man sagen: Die national-kulturelle Seite •äs*.---

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