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Neue jüdische Presse · 1913-11-21 · Heft 46 (21.11.1913) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 46 (21.11.1913)
Date
1913-11-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Heu «rSffaatl Telephon Amt I, 6723. Weissfranen-Bad .Herren-Abteilung. Damen-Abteilnng. Knrand Bade-Anstalt L Banges mit allem Komfort der Neuzeit eingerichtet. Frankfurt a.N, 'Weissfranengtr. 12,1., (Lift) Trambahn- Haltestelle Schauspielhaus ‘WeisBfranenhof. gWmwfflMdcrltgLgLDonohe, eleg. ein gericht«, inkL Wäsche H&.4.— 6 Fichtannndglbider inkL Wäsche Mb. 6.— 6 elektrische Xlclitb&der Mb. 10.—. Hatnr-Kohlensänre und allemedlc. Bader und ynsfagMi. meinen Heinrich, unb das ist das beste, was er nur geben kann, — wozu unnütze Ausgaben verursachen?" „Nun, nun! Sehr gefühlvoll!" lachte Sidi. „Aber Sparen hat seine Zeit, und kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Und Du besitzest ja gar keinen Schmuck, was mich in Deinem Namen immer sehr verdrossen hat. Wassermanns sind doch wohlhabende Leute; warum sollen sie Dich nicht standesgemäß beschenken?" „SM!" „Nun ja doch," fuhr SM, unbekümmert um Rosas Erregung, fort. „Mein Hugo hat mir an unserem Verlobungstage eine Brillantenriviöre verehrt, und mein Schwiegervater hat mich am Empsangstage mit echten Merlen überrascht. Du müßtest längst einen Ring tragen; ich finde, es wäre höchste Zeit, daß die Wassermänner sich rührten. Dir die Gaben der Liebe zu bringen." Es war Sidi entgangen, daß die Zimmertür nur -angelehnt stand; nun schwieg die junge Dame plötzlich tief erschrocken. Denn ihr Vater, der in der Synagoge mit seinen beiden Tischgästen zusammengetroffen war, trat mit den beiden Herren eben herein. Niemand hatte sie kommen hören; die dicken Teppiche auf dem Fußboden hatten das Geräusch ihrer Schritte vollständig ausgesangen; nun standen sie alle drei in der Tür. Sidi sprach immer sehr laut; die Ankömmlinge mußten ohne Zweifel ihre letzten Sätze gehört haben. Ter Vater drohte ihr verstohlen mit dem Finger,'und Frau Meyer bemühte sich, mit herzlicher Begrüßung ihrer Gäste üjnen über die peinliche Situation hinwegzuh elfen. Rosa versuchte mü Gewalt die Tränen zurückzuhalten; SM äbet saß zusammengekauert wie ein ängstliches Kücklein da: sie hatte ihre ganze Weltdamenwürde eingebüßt, öeitn ihr bangte vor den Folgen ihrer vorlauten Ratschläge.' Ter Hausherr hatte eben den Segen über den Wein und die Brote gesprochen, als Frau Meyer ihrer Nichte einen leisen Wink gab. Sogleich machte Rosa lacht ihre Hand' aus Heinrichs Händen los, die sie sanft feUatten wolllen, denn der sehr feinfühlende junge Mensch hatte wohl gemcrtt, daß seine Braut über irgend etwas betrübt war. Wer Rosa schlüpfte hinaus und ging durch die Reihe der Stuben der Hausfrau nach bis in deren Schlafzimmer, wo niemand sie hören konnte. Dort sagte die Tante zu ihr: „Röschen, laß Dir Deinen Verdruß nicht so anmerken! Sidi hat es vielleicht ungeschickt ausgrirrückt, aber sie hat es gut gemeint. Und recht hat sie auch: wenn ein Vater zur Verlobung des einzigen Sohnes eintrifft, muß er die Schwiegertochter beschenken; der alte Herr scheint ein wenig unbeholfen zu sein. Einstweilen haben Tein Onkel und ich Dir für den heutigen Abend ein Andenken bestimmt, da wir doch Elternstelle an Dir vertreten." Sie zog eine Schieblade ihres Toilettentisches auf und entnahm dieser eine Leine, mü Sammet ausgelegte Schachtel, in der ein goldenes Kettchen funkelle. Das legte sie Rosa um den Lals. „Trage es in Freuden!" sprach sie bewegt und küßte das jupge Mädchen herzlich. Rosa brach in Tränen auss, Tränen der Freude und des Dankes. „Nun weint sie wieder!" rief Frau Meyer mü versttlltem Zorn. „Die Männer drinnen werden glauben, ich habe Dich ausgescholten." Arm in Arm schritten die beiden in das Speisezimmer zurück. Heinrich bemertte sogleich das Kettchen und fragte mü den Augen; da aber Rosa sich verlegen abwandte, ward er mißtrauisch und sagte halblaut: „Woher diese Pracht?" Rosa schwieg und lächelte. 1L Ettinger Söhne Pelzhandlim« und Pelzkouicktion. Anfertigung nach neuesten — Pariser und Wiener Modellen. - Frankfurt a. M. Langestrasse 31. Telephon Amt I, 5281. Frankfurter JsraeMifthes FamUeMM. Sidi, die nach Art virier. Evastöchter just am liebsten immer das sagte, was man am wenigsten von ihr hören wollte, antwortete spitz: „Die'Pracht kam über Nacht. Wissen Sie nicht, daß in der ganzen Welt die Sitte gebietet, eine Braut .zu schmücken?" Die gesamte Leine Tafelrunde verspürte ‘in diesem Augenblick nicht übel Lust, die elegante Weltdame zu prügeln; nur Vater Wassermann behielt seine Fassung. „Fräulein Meyer hat recht," sagte er laut. „Eine Braut soll man schmücken." Er zog von dem Leinen Finger seiner Rechten einen Brillantring, — nicht ohne Mühe, denn der Reif saß sehr fest und drückte tief ins Fleisch ein. „Nimm, Heinrich, es ist der Verlvbungsring, den mir einst Deine Mutter gegeben hat! ... . Stecke ihn -Deiner Rosa an!" Er konnte nicht weiter reden, fast erdrückt von den Liebkosungen seiner Kinder. Rosa lachte und schluchzte in einem Atem, und Heinrich rief immer wieder: , „Vater! Liebster Vater!" Dann umfaßte er im Gefühl des höchsten Glückes Braut und Vater zugleich und murmelte: „Ach, wenn doch auch die Mutter hier wäre!" . . * ' Frau Cassilde war zuerst sehr erstaunt gewesen) als ihr ehrsamer Gatte nicht um die ihm anbcsohlene Zeit wieder zu Hause eintraf. Da aber weder ein Auf- Lärungstelegramm, noch ein Entschuldigungsschreiben einliefen, verwandelte sich ihr Staunen in Zorn, der um "so größer wuchs, je ohnmächtiger er sich zu äußern vermochte; denn schreiben oder gar hinfahren und Mamr und Sohn, wie sie am liebsten gewollt hätte, mit Zwang und Gewalt zurückzubringen, verbot der Sabbat. Sie, die sich sonst des festen, traumlosen Kinocrschlafes aller gesunden, arbeitsfreudigen Menschen erftcute, wurde die ganze Nacht von phantastischen Traumbildern und seltsamen Gestalten umgaukelt; sie hörte Stimmen, die sie riefen, fühlte eiskalte Finger, die sich auf ihre warmen Hände mit erstarrendem Druck legten, und da sie als resolute Frau dem allem ein Ende machen und sich erheben wollte, sah sie ihren Mann zur Tür hinausgehen, ganz langsam hinausgleiten, als schleiche da einer, der nimmer wiedcrkommt. „Der Alp hat mich gedrückt," sagte sich Frau Cassllde, da sie am Morgen sich erhob. Sie steckte das Gesicht in kaltes Wasser und kleidete sich sabbatlich für den Gang in den Tempel ton; aber was der noch immer recht hübschen und entsprechend eitlen Frau sonst großes Vergnügen bereitete, das frohe Sichschmücken für ihren Gott und ihren Gatten, das betrieb sie heute hasttg mrd unzufrieden, und so begab sie sich mü halb verschlafenem, mürrischen Gesicht auf den Weg nach dem Gotteshaus. Die Frauen der Nachbarschaft, Bekannte und Freunde, hielten sie an und machten ihre Bemerkungen, je nachdem sie ihr wohl oder übel gesinnt waren. Richtig, — um die Ecke bog eben, ganz in Sammet und Seide gekleidet, eine Frau Cassüden gleichaltrige Dame, mit der sie seit dreißig Jahren im steten, grimmigsten Kriege lebte, und diese Feindschaft gehörte zu ihrem Seelenleben, wie die Mücken zum Sommer, die Eiszapfen zum Winter; sie war wie die Nähnadel: sie stach unaufhörlich, aber sie heftete aneinander. Trug Frau Cassilde einen runden Hut, dann erkürte Frau Mathilde, die Gattin res langen Feuerstein: eine anständige Frau könne nur einen „Backcnhut" auffetzen; Fassons, wie sie Frau Cassilde bevorzuge, seieneine Schande für die ganz: Stadt! - Buk Frau Mathilde Festtagskuchen, und der Zufall führte am dritten Ort eine Kostprobe davon Frau Cassilden in den Mund, dann versicherte Frau Wassermann, — und sie tat cs ebenso laut, wie häufig, gegen jeden, der ihr die Freude bereitete, zuzuhören —, solche Bäckerei sei ein reines Gelächter; im seidenen Kleid könne man sich auf diesen Kuchen setzen und mache sich dennoch keinen Fleck! Dabei verkehrten die Damen trotz alledem sehr -artig mit einander, besuchten sich in wohl abgezirkelten Zeitläufen und sagten sich unter dem Schutze der gesellschaftlichen Konvenienz so viele Bosheiten, als anging, ohne einander wegen Injurien zu verklagen. Eingeweihte wußten sich iwch recht gut zu erinnern, wie diese herzliche Feindschaft ihren Anfang nahm. -Damals warm Cassilde und Mathilde zwei sehr liebreizende junge Mädchen gewesen, die als Nachbarinnm unter einem Dach harmlos und verträglich wie zwei Turteltaubm hausten, dm lieben, langen Tag und noch mehr an den Abendm bei einander steckten, sich unaufhörlich Geheimnisse zutrugen und jedes Stückchen Konfekt ' wie eine jede Süßholzraspeler ihrer Verehrer einander initteilte», svdaß ihre Mütter oft genug ver- Nr 46 (blocken-Drogerie Allerheiligenstrasse 53. Telephon I, 3217. Vorteilhafteste Bezugsquelle für alle Parfümerien, Seifen und Toilette-Artikel. wundert ausriefen: „Das weiß Gott, was Ihr beide so unaufhörlich mit einander zu sichem und zu schwatzen habt!" Da bekam das Nest, in dem sie ihre Jugendtage verzwiffcherten, eine Sensation: Der Buchhändler Ktollmann nahm einen neuen jungen Mann. Die ganze Stadt war darüber einig, daß sich noch nie in dem Schattm ihrer Mauern ein hübscherer, bescheinerer und netterer junger Mensch geborge Hobe, wie Jakob Wassermann. Das Ktollmannsche Geschäft gewann einm unerhörtm Aufschwung. Sämtliche unvermählte weibliche Wesm von vierzehn Jahren aufwärts verliebten sich in den nmm Mitbürger, der jede Kündin gleichmäßig fteundlich bediente, ob sie ihn mit roten Lippen anlächelte oder mit blassem Munde ihm entgegensmfztc. Cassilde und Mathilde, die ehedem ihre Spargroschen in Schokolade und bunte Ränder umgesetzt hattm, legten sich jetzt mü ganz plötzlich erwachtem Bildungsetfer eine kleine Bibliothek an und brachtm es bis zu erstaunlichster Virtuosität darin, unter immer neuen Vorwänden den Tag über zwanzigmal an dem Kallmannschen Laden vorüberzugehm. Jakob Wassermann grüßte, so oft er sie sah, mit immer gleichem, verbindlichen Anstand, fand beide junge Damen reizend und trug sich so wenig mit Heiratsabsichten wie etwa der Erzbischof von Posen. Wer auch an den ehrbaren Hausvätern des Oertchens hatte der junge Wässermann manchen Gönner gefunden. Es wurde wohlgefällig bemerkt, daß er sehr regelmäßig am Freitag Abend und am Sabbat in der Leinen Betschul stand und nicht, wie einige andere Ladenjünglinge, welche die Freigeister marLerten, mit der brennenden Zigarre , just am Sabbat-Mittag mitten über den Marktplatz lief. Und sowohl Eassildens wie Mathildens Herr Papa erwogen die Möglichkeit einer Einladung ton Herrn Jakob Wassermann „zu Freitag Abend auf ein Stückchen Fisch". Der nächste Purimball brachte die Entscheidung: Cassilde verlobte sich mit Jakob Wassermann. Auf welche Weise sie diesen Sieg errungen hatte, blieb ihr eigenes Geheimnis. Frau Mathilde schwor noch als Großmutter darauf, Jakob habe „diese Intrigantin" in ihrer Maske als Fischerin mü ihr, die als Schifferin erschienen war, verwechselt. „Was hat der Schlcmihl auch an dieser Person?" fügte sie in einem verächtlich-mitleidigen Frageton hinzu, der weder eine Antwort wollte, noch ihrer bedurfte. Aber die Taffache blieb nun einmal bestehen: Cassilde hatte dieses erlesene Exemplar eines tugendhaften, hübschen und seelenguten Mannes ihr vor der Nase weggcsischt und dadurch die Drachensaat gestreut, aus der ihr eine sehr kräfttge Lebensfeindschaft ersprießen sollte. Zwanzig Jahre später nahm Frau Mathilde eine wahrhaft teuflische Rache. Sic Jjattc ihrem verlorenen Ideale nicht allzu lange nachgetrauert; sich deshalb die Bleichsucht anzuschmachtcn, dazu war das resolute Mädchen zu Lug. „Ueberhaupt," so sagte sie in den Familien, von denen sie wußte, daß sie es ihrer siegreichen Nebenbuhlerin mit Schnellpost weiter berichteten, „was hatte denn die großtnige Cassilde so Großes an der Partie mit dem Wassermann? Spaß? Ein nackter Junge!" Und sie erhörte den langen Feuerstein, den zwar auch die verwegensten Schmeichelznngen nicht hübsch und elegant nennen konnten. Wer was braucht-ein Mann schön zu sein? -Besonders wenn er über ein so ansehnliches Vermögen verfügte! Also heiratete sie. noch vierzehn Tage vor Casslldc und >var ihrem Gatten ein braves Weib und seinem sechsjährigen Töchterchen, das er ihr aus erster Ehe znsührte, eine ausgezeichnete Mutter. Fräulein Wassermann zählte bereits neunzehn Lenze, und ihre Mutter begann sich schon sehr ernstlich unter den besten Partien der Stadt umznsehen. Da war ein junger Arzt, der Cassilde würdig genug schien, in ihre Famllie ausgenommen zu werden, ein netter Mensch aus achtbarem Hause mit schon recht anständiger Praxis. Und der Herr Doktor ward, oft Christ. Wilhelm Leux Telef. I, 8667. Hoflieferant. Goethentr. 21. Herren*, Samentu Jüvreeschneiderei. Spezlal-Sportgescbäft.;-- — Auf'Wunsch-koschere Verarbeitung. —

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