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Neue jüdische Presse · 1913-11-14 · Heft 45 (14.11.1913) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 45 (14.11.1913)
Date
1913-11-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Srte 3. Nr. 45. _.... V Der Vertretet: des Bundes Indischer Korporationen regte noch ati, ob' es nicht angängig sei, diejenigen Ausländer, die nicht Medizin studieren, ohne weiteres Kur Immatrikulation zuzulassen. Geheimrat. Tilmann lehnte das ad mit dem Bemerken, daß nach dem preußischen System die Studierenden einer jeden Fakultät auch bei den andern .Fakultäten Vorlesungen hören könnten. Der Vertreter des Bundes Jüdischer Korporationen hatte schon bei einer früheren Unterredung im Kultusministerium die Einrichtung von Parallel- und Ferienkursen für Ausländer in Vorschlag gebracht. Geheimrat Tilmann erklärte jetzt auf Befragen, daß das Ministerium! sich entschlossen hätte, diesen Wog nicht zu gehen. Weitere Auskünfte hierüber zu erteilen, lehnte er ab. Schneider«! Crössmann Kafsanmtraaao lOa, Entreaol. Kaiser Wilhelm-Passage. Telefon Amt I, 6930.. Englische Jacken-Kleider* Garantie für gute Passform. — Prima Stoffe und Zutaten. Solide Preise. — Auf Wunsch zuverl. koschere Verarbeitung. Zur Gleichberechtiguugsfrage der Balkaujndeu. -London. .Auf ein Schreiben düs Commitee of Döstuties of British Jews antwortete Sir Edward Grey: „Die Abschnitte des Bürliner Vertrages auf jne Sie Hinweisen, sind.durch die Verschiebungen im nahen Osten keineswegs hinfällig geworden und bleiben für alle Territorien, auf die sich die betreffenden Abschnitte zur Zeit des Vertragsschlusses bezogen, weiter in Geltung. Die königliche Regierung wird .sich jedoch mit. den anderen Mächten beraten, in welcher Weise die Garantien der Berliner Vertrages für einen Schutz der religiösen und sonstigen Freiheit der in jenen Gebieten, in dür Minderzahl vertretenen Bevölkerungselemünte erneut.werden können, sobald die Frage der formellen Anerkennung der jüngsten Besitzverschiebungen auf der Balkanhalbinsel seitens der Mächte zur Entscheidung gelangt." Das sagt nichts besonders. Selbstverständlich würde eine von dön Großmächten gemeinsam abgegebene Erklärung und eine von ihnen ausgeübte Kontrolle über die tatsächliche Durchführung der Bestimmungen des Berliner Vertrags ihre Wirkung nicht verfehlen. Brief aus Rumänien. Bukarest. Die Regierung läßt durch diü offiziöse 'Presse verkünden, der Ministürrat habe beschlossen, sofort Erhebungen wegen der Juden, die ant jüngsten Kriege tteilgünomMen haben, aufzustellen und in einer Gesetzesvorlage ihre Naturalisation zu beantragen. In einem. erstaunlichün Widerspruche zu dieser halbamtlichen Meldung steht ein GeHeimbefetzl des'Generalstabs an diü Regimentskommandeure, worin es heißt: „Die Kompagnie-Kommandeure! müssen die Gesinnung der nicht-rumänischen, besonders aber der jüdischen Soldaten genau kennen zu lernen suchen. Entsprechend einer früher erteilten Order bleibt es weitür wünschenswert, daß Juden nicht befördert Werden. UM jedoch keine Mißstimmung hervorzurufen, müssen Sie! Wre Meinung Wer die fiidischün Soldaten NWichst 'geheimhalten; es, darf nichts veröffentlicht werden, woraus sie ersehen, daß wir an ihrüm guten Willen zweifeln: Wenn Sie es für notwendig halten, Soldaten von nicht-rumänischer Abstammung zu befördern, so sollen die Gründe hierfür' in eineM'vertraulichen Bericht angegeben werden." — In den letzten Tagen veranstaltete die antisemitische Studentenschaft heftige Sitx aß endeMvnstrationen gegün Kultusminister Dissescu. 'Dieser hatte .seine Zustimmung zur Aufführung eines Drama erteilt, das den jüdischen Schriftsteller und Freiheitskämpfer Rvnetti Rom> a n zum Verfasser hat. Die freisinnige Tendenz des. Stückesdie Person seines Autors und wohl auch der Titel „Manasse" ürregten das Mißfallen der judenfeindlichen Kreise in fo hohem Maße, haß. sie vom Kultusminister ein A u f f ü h - grmckfurter MaegtiMü FamiHenblakt. rungsverbot erzwingen wollten. Da der Minister dem Wunsch nicht willfahren wollte, kam es zn .studentischen Ruhestörungen, die schließlich einen derart heftigen Charakter cmnahmen, daß der Kultusminister .sich genötigt sah, sein« Demission einzur eichen. IRotoert G-erlaoH | Frankfurt am Hain, Mainzerlandstrasse 166 I Telephon-Amt I, 5375. -=- ■ Kunstu. Bauschlosserei, Eisen-Konstruktionen, Schau- I fenster-Anlagen, Werkstatt für kunstgewerbliche Metall- H arbeiten in Eisen. Bronce. Messing, R°paratnrarbeiten. W Pogromfurcht unter Leu rusfischeu Juden. In allen Gegenden des jüdischen Ansiedlungsgebietes herrscht infolge der fortgesetzten Pogronvagitationen eine überaus gedrückte Stimmung. Von verschiedenem Orten köMmen bedrohliche Nachrichten. In Lodz hatte sich ein elfiähriger Knabe vor den Schlagen seines Vaters in dem! Kessel einer jüdischen Eisenniedürlage versteckt. Sogleich verbreitete sich das Gürücht, die Juden hätten den Knaben töten und die Leiche abkochen wollen. Nur deM.Eintreten der rasch herbeigeholten Eltern ist es zu verdanken, daß üs nicht zu Ausschreitungen gegen die Juden kam. In Kvwnv wurde ein jüdischer Laden total demoliert. Alle Warön wurden auf die Straße geworfen, weil ein Knabe, der,mit einer Kundin in den Laden getreten war, verschwand. Der Knabe war nach Hause gelauftn, aber die Frau erhob Wehklagen, daß die JudÄr ihr Kind gestohlen hätten, worauf die sofortige Zerstörung des Ladens erfolgte. In den Vorstädten Odessas, heischt unter der jüdischen Bevölkerung Panik. Jeder, der die Möglichkeit besitzt, siedelt in die Stadt über und deponiert seine Wertsachen in Banken. In Krem ent sch ug ist Lurch die provokatorische Tätigkeit der „Schwarzen Hundert" eine vollständige Panik hervorgerufön worden. Die wohlhabenden Juden verlassen eilig die Stadt. In Kiew selbst hat die Erregung der jüdischen Bevölkerung einen Grad erreicht, der lebhaft an die Schreckenszeit der Pogrome in den Jahren 1904 bis 1907 erinnert. Das Geschäftsleben ist tteilweise völlig in Stockung geraten. Verschiedene Bankfilialen haben Anweisung erhalten, keine größeren KrediM zu gewähren. Der Beilis-Prozetz. (Bon unserem Berichterstatter.) 2. November. Man verhört den „Ritnal-Experten" Pater Pranaitis. Er erzählt vom Talmud, Schulchan Aruch und der Kabbalah. Der Talmud sei christenfeindlich gesinnt und betrachte die Christen als Heiden. Vom Ritualmord stehe im Talmud direkt nichts geschrieben, doch den Mord von Heiden lasse der Talmud zu, sodaß der Christenmord auch gestattet sei. Der Mord von Christenkindern ersetze die Tieropfer zur Tempelzeit und werde immer mit Hilfe von Stechinstrumenten vollführt. Die Zahl 13 sei bei den Inden heilig» was erklären soll, warum auf Justschinskis Kopf 13 Wunden entdeckt wurden. Die Seele verlasse den Körper nach dem Talmud durch den Hals, weswegen Justschinski auch Halswunden versetzt wurden. Während der Christenmord als ein von Gott gesegnetes Werk gilt, werden die im Mittelalter zu Tode gemarterten Juden als Heilige verehrt. Dann spricht er vom Chassidismus und sagt, die chassidischen „Zaddikim" werden bei den Juden vergöttert. Pranaitis polemisiert mit seinem Lehrer, dem berühmten Chwolson, sagt, daß im Mittelalter viele Juden für den Ritualmord hingerichtet wurden und manchmal ihre Tat gestanden (von der Folter hat er vergessen), und erwähnt dann einige Ritualmordprozesse der Neuzeit, von denen der Saratower Prozeß mit einer Anklage der Juden endete. (Er vergißt wiederum, daß in diesem Prozeß der Mord nicht als Ritualmord qualifiziert wurde.) Auf die Frage, ob Juden Blut genießen dürfen, antwortet er, der Genuß von Christenblut in gekochtem Zustande sei gestattet. Das Blut habe nach der Ansicht des Judentums heilende Wirkung. Das alte Testament gestatte auch Menschenopfer. „Du sollst nicht töten!" heiße in Wirklichkeit: „Töte leine Juden!" Die Existenz von päpstlichen Bullen, die den Ritualmord als Märchen bezeichnen, leugnet Pranaitis. (Wer Hai nun Recht, Pranaitis «der der päpstliche Kardinal?) Auf die Aufforderung von Beilis' Verteidigern, die Stellen aus Bibel und Talmud zu zitteren, die all seine Schlüsse beweisen, erwidert Pranaitis — und das ist. wohl das Klügste von allem, was er sagte —, er habe alle Bücher zu Hause gelassen. Den verehrten Leser bitte ich meinerseits um Entschuldigung, daß ich ihn zwinge, all dies zu lesen, aber ich will ein vollständiges Bild vom Prozeß geben. 3. November. Man verhört den russischen Theologen Professor Troizki. Er behauptet, daß weder die Bibel, die Mischnah, der Talmud und der Schulchan- Aruch, noch die Kabbalah und der Chassidismus den Ritualmord Anlassen. Nirgends sei darauf ein Hinweis. Auch die Ermordung Justschinskis kann man für keinen Ritualmord halten. All diese Gedanken beweist Professor Troizki in seiner ll/sstündigen Rede. Diese Beweise führe ich nicht an, da sie dem Leser einer jüdischen Zeiwng — im Gegensatz zur Expertise ches Pranaitis — kaum etwas Neues mitteilen würden. Professor Troizki sagt, er lasse den Mord eines Christenkinds seitens eines Juden für Knltuszwecke nutjann zu, wenn der Mörder geisteskrank wäre. Professor Kokowzow, ein Philologe und Kenner der altjüdischen Literatur, wiederholt die Ansichten Troizkis. „Der Ritualmord", sagt er, „widerspricht in solch starkem Maße der jüdischen Religion, daß wenn bewiesen wäre, daß ein Jude einen Christen ermordet hat und keine anderen Motive ihn zur Mordtat bewegt haben konnten, so würde ich schon einen geringeren Blödsinn einem größeren vorziehen und würde eherannehmen, der Jude wäre ein Menschenfresser und wollte das Fleisch der Leiche verzehren, als einen Ritualmord zulassen." 4. November. Viele dergleichen die „Ritual-Expertise" mit einer mittelalterlichen Dispntatton. Zur Illustration bringe ich eine vom Prokuren! an einen der Experten gerichtete Frage: »betrachten nicht die Inden Kinder bis zum Altar var^M Jahren als Tieres Solche und ähnliche WeisheWhat man in diesem Prozeß gar häufig zu hören bekoonncn., Pranaitis hat, um die Existenz des Ritualmordes zu beweisen, Zitate aus hebräischen Büchern gebracht, die er Rolings Werken entnommen hat. Die anderen Experten behaupten nun, Roling habe ganz falsch übersetzt. Als daher die Verteidiger bitten, Pranaitis einige Bücher vorzulegen, wo er derarttge Zitate aussuchen soll, lehnt das Gericht die Änderung ab. Biel wird über die „heilige" Zahl 13 geredet, da» wie ich schon sagte, ans Justschinskis Kopf 13 Wunden waren.; Man verhört den Hebräisten, Professor Tichomirow, der den „Ritualmord" Äs Unsinn qualifiziert und tzn großen ganzen die Ansichten Troizkis undKokowzows wiederholt. Der letzte Experte, der Moskauer Aronrabbiner Mase, ein hervorragender Talmudist, hält eine mehrstündige Rede über Bibel, Talmud, Schulchan-Arnch. Chassidismus und die Blutlüge. Den genaueren 'Inhalt der Rede hier anzusühren, hatte natürlich keinen Sinn. _ Bei geschlossenen Türen werden einige Stellen aus dem Talmud verlesen, die nach Pranaitis Behauptung gegen das Christentum gerichtet sein sollen. Was da vorging, bleibt unbekannt. Zuletzt stellt sich heraus, daß Pranaitis vielehebräische Worte, die er auf Wunsch der Verteidiger übersetzen sollte, garnicht oder nur falsch übersetzen konnte. Ein interessanter Experte . . . Die Experttse ist beendet. Morgen beginnen die Reden der Vertteter der Anklage und der Verteidiger, der interessanteste Teil des Prozesses. Ich habe von den vielfachen und oft interessantew Wortstreiten zwischen den Anklägern und Verteidigern bis jetzt nicht gesprochen, da diese Stteüe in den Schlußreden derselben ihren Höhepunkt erreichen werden. 10. November. Beilis ist freigesprochen worden. Ausführliches in meinem nächsten Bericht. Christ. Wilhelm Leux Telef. I, 3567. Hofllaferant. Goetheatr. 21. Herren-, Samenu- Jjvreeschneiderei. Spazlal-Sportgeschäft. - ■— Auf Wunsch koschere Verarbeitung. — - jUis aller Wett. DeatschkS «eich. Hamburg. Die Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden erhielt auf ihre Huldigung stelegramme an den Kaiser und an den König von Bayern folgende Antworten: Potsdam. Se. Maj. der Kaiser und König. lassen den dort versammelten Gemeinden und Bereinigungen für den Huldigungsgruß bestens danken. Aus allerhöchsten Befehl. Der Geh. Kabinettsrat -Mn Valentini. ” München. Den zur Hauptversammlung vereinigten Berttetern des Verbandes der deutschen Juden, sage ich für ihre Glückwünsche zu meiner Thronbesteigung besten Dank. Ludwig, VesterreiH-llnsme». Budapest, ll- Rov. 216 jüdische Gemeinden waren auf 1>em heutigen Protestmeeting gegen den Krewer Prozeß vertreten. Es waren auch zahlreiche hervorragende christliche Persönlichkeiten anwesend. Graf Khnen. der Präsident der Arbcitspartei, griff heftig Pie Staatsanwaltschaft an. Von dem kath. Bischof Pro haßka war eine Depesche eingelaufen, in der er seine Sympathie mit dem Meeting ausspräch Es wurden zwei Resoluttonen angenommen; die zweite verlangt ein Gesetz, das in Ungarn eine Ritualmordanklage verbietet. Rußland. Petersburg. 11. Rov Die Reichs!» uma verhandelte heute über einen Antrag .der Kadetten Ms Einsetzung einer Kommission, die einen Initiativantrag auf staatsbürgerliche Gleichberechtigung: ausarbeite. Die Kadetten Schingariw, Friedmanir und Rod itschew sprachen für den Antrag. Friedman» brachte

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