Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 44 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. frankfurter FsraeMsches WrmAeMM. Nr. 44. Pogromagttatto» i« Kiew. ' Kiew, 1. Novör. Int Stadteil Codol fand eine geheime Wer- ' sanrmlung von „VerÄindlern" und Hausbesitzern über die Frage det Veranstaltung eines Pogroms statt. Die ^lgemeine Stimmung war eine ^gehobene" Unerwarteteriveise sprach sich aber am" Schlüsse Hin Redner gegen den Pogrom aus, da die Pogrome nur den „Barfüßlern" und zugewandeirten Arbeitern zugute kämen, wahrend die Hausbesitzer, denen häufig bloßdemolierte Wohnungen und ruinierte Mieter blieben, ganz leer ausgingen. Dieser triftige Grund blieb nicht ohne Wirkung, und die Kersantmlung ging auseinander, ohne euren pvsitiven. Beschluß gefaßt Zu haben. Die Pogromagitation wird jedoch unter dein Abschaunr der Bevölkerung mit großem Eifer fortgesetzt. Es scheint allerdings, daß die Behörden, die' den „Patrioten" sonst uneingeschränkte Rede-!und Preßfreiheit angedeihen lassen, diesmal entschlossen sind, es Zu keinem Pogrom kommen zu lassen. Die Helden vom ,,d0ppelkövsigen Adler''' lassen es sich intmerhin nicht nehmen, in den von Juden .bewohnten Stadtvierteln ab und Zu kleine Straßenkrawalle ins Werk ZU setzen und jüdische Passanten Au verprügeln; sie Müssen sich aber mit dieser „Kleuiarbeit" Zufrieden geben, ohne ihre „großzügigen" Plane einstweilen verwirklichen zu Wunen. Leo Schweinfest Damenschneiders! empfehle tadellosen Sitz, gute Verarbeitung. IS Gr. Escbenheimerstr. 19. I. Telet 12206. W Der Beilis-Prozeß. (Bon unserem Berichterstatter.) 27. Oktober. Man verliest die Mitteilungen eines nichterschicnencn Zeugen, des Kiewer Kbostervorstchers Ambrosius. Bon der Affäre Jnstschinski weiß er nichts; ob der Rituatuwrd überhaupt existiert, weiß er auch; nicht. Doch hätten ihm 2 Mönche, die.von Juden abstammen, erzählt, daß der Ritualmord existiere. Daraus beginnt das Berieselt verschiedener Protokolle. Zunächst verliest man einige Protokolle, die feststellen. Laß die Kinder der Wera Tscheberjak an Desintherie gestorben sind, sodaß die Meinung des Prokureurs, sie seien vergiftet worden, weil man fürchtete, sie würden vor Gericht gegen Beilis reden, dementiert wird. Man verliest Las Protokoll der Besichtigung der Wohnung der Wera Tscheberjak, das Protokoll der Seziernng der Leiche Justschinskis. Dann folgt die Besichtigung der Photographien der Leiche. Man verliest ferner die Protokolle, die die Beschreibung Der Bekleidwlg Justschinskis und des Teppichs der Wera Tscheberjak enthalten. 28. Oktober. Es beginnt die Expertise. Den ganzen Tag dauert die Verhandlung der Experten der Gerichtsmedizin, die 23 Fragen über den Charakter der Ermordung Justschiliskis zu beantworten haben. Die Experten sind folgende: die Professoren der Gerichtsmedizin Kossorotow und Tufanow, die geneigt sind, den Mord als Rituallnord anzusehen, und die Professoreil Pawlow und Kadjan, die entgegengesetzter Meinung siild. 29. O t t o b. c r. Alan verhört die Experten der Gerichtsmedizin. Zu einem einheitlichen Schluß sind diese nicht gekommen. So werden dem Bericht zwei Meinungen vorgelegt, die eine von Kvssorotow und Tufanow, die andere von Pawlow und Kadjan. Die Bauern, die als Geschworene sitzen, werden nun zu urteilen haben, wer von den Professoren Recht hat. Das Jllteressailteste aus der Expertise Kossoroiows und Tnsanows ist folgendes: es waren mindestens zwei Mörder, dieselben hatten die Absicht, Jnstschinski nicht imr zu ermorden, sondern auch, möglichst viel zu quälen und viel Blut zu gewinnen. Wäre diese Meinung auch die richtige, so schließt sie die Aimahme einer Simulation des „Ritualmords" seitens der Berbrccherbande doch nicht aus. Pawlow und Kadjan meinen auch, es seien wenigstens 2 Mörder gewesen, aber die Absicht derselben, Blut zu gewinnen und Qualen zu verursachen, dementieren sie auf Grund medizinischer Beweise. Das Verbrechen schein einfacher Akord, kein Rituatmord und keine Ritnalmord-Simulation. Die große Anzahl der Wunden er- Wre sich dadurch, daß das Siechinstrument, mit welchem Jnstschinski ermordet wurde, zu stumpf war, sodaß eine geringe Anzahl von Wunden nicht so rasch tödlich gewirkt Ijätte. 30. Oktober. Nun treten zur Verhandlung die Experten der Psychiatrie, die ihre Allsicht über die Mörder und deren Absichten aussagen müssen. — Es sind folgende: Professor Sikorski, der den Mord für einen Ritnalmord hält, der berühmteste Psychiater Rußlands Professor Bechterew und Professor Karpinski. Die beiden letzteren lehnen den „Ritualmord" ab. 31. Oktober. Auch; die Experten der Psychiatrie sind zu keinem einheitlichen Schluß gekommen. Zunächst wird Profeflor Sikorski verhört, welcher den Mord für einen Ritualmord hält. Seine Beweise sind folgende: die starke Entblutung, das Alter des Ermordeten, die vielen grausamen Wunden, die Anzahl der Alörder (er meint. es waren derer 4 oder 8), die Zeit vor dem Pesachj- Fest, die Aehnlichkeit dieser Mordtat mit früheren Fällen, die er als „Ritualmord" ansieht; dann betont er, der Adord geschah da, wo viele Juden leben, ferner erwähnt er die allgemeine Empörung der Juden über die Anklage, was er durchs ihre ,Zingst" erklärt. Wie der Leser sieht, sind diese Beweise nicht gerade wissenschaftlich zu nennen. Er selber gesteht, daß die Psychiatrie kein einziges Werk kennt, das den „Ritnalmord" als Tatsache ansieht. Dann verhört man die Professoren Bechterew und Karpinski. Sie sagen folgendes: die Mörder waren höchstwahrscheinlich gesunde Menschen, weder Irrsinnige, noch Sadisten, sie hatten die einzige Absicht, Jnstschinski zu ermorden, und wollten weder Blut gewinnen noch Qualen verursachen. Den Mord als „Ritnalmord" zu betrachten, dafür liege kein einziger beweiskräftiger Grund vor. 1. November. Man verliest einige Protokolle. Der Vorschlag des Prokureurs, das Protokoll.des Saratowcr Ritualmordprozesses vom Jahre 1845 zu verlesen, wird vom Gericht abgelehnt, da man doch die Experten-Theologen über alle früheren Ritualmordprozesse befragen wird. Man verliest das Werk des Mönchen Neosit, der zuerst, wie er behauptet, Rabbiner war und sich dann taufen ließ. Er spricht in seinem Werk von der Existenz des Ritnaliilords, von der Notwendigkeit des Christenbluts für die Mazzah, gesteht aber, daß in keinem Buch von Ritualmord etwas geschrieben steht, daß nur die Rabbiner davon mündlich ihren Söhnen überliefern. Neofits Werk enthält daneben mich andere Neuigkeiten: Am Beginn jeder Jahreszeit zeigt sich aus den Speisen der Juden Blut; wird ein Jude diese Speisen essen, so wird er sterben, ein Christ kann sie aber ruhig essen und am Leben bleiben. Am Purim werden alle Juden auf einen Tag verrückt. Den Propheten Jeremias und Jezechiel schreibt er christenfcindliche Aeußcrungen zu, da er nicht weiß, daß diese Propheten vor Christus lebten. Das Buch, scheint die Geisteskrankheit seines Autors zu verraten. Man verliest ein Protokoll über die Sekte der Chassidim, in welcher die letzteren darin angeklagt werden, daß sie Feindseligkeit der Regierung und den Christen gegenüber rinzuflößcn versuchen. Bom „Ritualmord" steht in: Protokoll nichts. Es beginnt die „Ritual-Expertise". Den 8 Experten- Theologen werden 29 Fragen vorgclcgt, die feststellcn sollen, ob der Ritualmord existierte oder existiert. Der einzige von diese» Experten, der für den Ritualmord eintritt, ist der katholische Pfarrer Pranaitis aus Taschkent. Pranaitis ist, wie die Presse mittcilt, ungern imch, Kiew gekommen, 'aber das Justizministerium habe ihn dringend gebeten, an der Expertise teilznnehmen. Er hat vor 20 Jahren eine Broschüre über den Ritualmord geschrieben. Jetzt Habe man ihm ans dem Justizministerium geschrieben: „Sic sind doch, bei uns in Rußland der einzige, der die Existenz des Ritualmords nicht bestreitet!" Die änderen Experten sind: die Professoren der Theologie Frolzki, Tichomirow und Kokowzow (hat selbstredend mit de»l Millistcrpräsidentcil Kokowzow nichts zu tun) und der Moskauer Kronrabbiner Mase. L. K. Offenbaeher Druckluft - Anlage OHanbaclt a. H. Telefon 123. (Anschluss mit Frankfurt). Bewährteste Tepolchrelnlgnng, 100,000 gm jährlich sowie unübertroffene Bettennnd Bettfedernrelnignng mittelst Druckluft nnd Wasaerdampf. Aus oller Well. Deutsches Reich. Berlin. In den letzten Tagen haben in Cassel, Gießen, Maimheim und Heidelberg Agitationsversammlnngen der A. I. K.-O. (Allgem. Jüd. Kolonisations-Organisation) stattgcfunden und zwar mit großem finanziellen Erfolg. Hamburg. Nach den bisherigen Meldungen werden an der Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden mehr als 400 Delegierte teilnchmen. Nicht nur die Deutsch-Israelitische Gemcindc iiimmt die Hauptversammlung zum Anlaß besonderer Veranstaltungen, sondern auch andere Organisationen, so veranstaltet bereits am Freitag, den 7. November, abends 8% Uhr, die Gabriel Nießer-Vereinigung zur Förderung der Wissenschaft des Judentums im Cnrio-Haus, Roihenbaumchaussee 9/13 einen Vortragsabend. Rabbiner Dr. Leimdörfer spricht Wer „Die Erziehung zur Einheit". —■ Am Sonnabend Mittag 1 Uhr wird in der Gesellschaft für jüdische Volkskunde zu Han,bürg im Hörsaal des Staatsmusenms für Völkerkunde, Rvthenbaumchaussce, Ecke Binderstraße, ein Vortrag über altjüdische Münzen und Medaillen gehalten, an den sich eine Besichtigung der Sammlungen anschließen wird. Festgvttesdienste finden sowohl, am Freitag abend wie am Sonnabend statt. Die Deutsch-Israelitische Gemeinde zu Hamburg selber hat außer dem Älichxn Festmahl der Delegierten, das Sonntag abend im , Hamburger Hof stattfindet, die Haupt- Versammlungsteilnehmer und die mit ihnen in Hamburg erscheinenden Damen sowie eine große Anzahl Von Hamburger Persönlichkeiten auf Sonnabend abend zu einer M. Ettinger §öhne PeJzliandlung und Pelzkonfektion. Anfertigung nach neuesten -Pariser nnd Wiener Bfodellen. —— Frankfurt a. M. Langestrasse 31. Telephon Amt 1, 5281. Festvorstellnng im Deutschen Schauspielhaus ein» geladen. — Unter anderem kommt Grillparzers „Esther" zur Aufführung. — Da an dem, Festmahl der Delegierte,, Damen — außer den stimmberechtigten Teilnehmerinnen an der Hauptversammlung, wie z. W. die Vertreterinnen des jüdischen Frauenbundes — nicht teilnehmen, sind die Damen, tvelche in Begleitung von Delegierten aus anderen Orten nach Hamburg kommen, zu einem besonderen Souper im Jüdischen Logenheim eingeladen worden. München. Am Morgen des 5. November hat sich in der Hauptstadt Bayerns ein Akt vollzogen, welcher für die Geschichte dieses Landes nicht ohne Bedeutung ist. Mit der verfassungsmäßigen Zustimmung der, beiden Häusern des Landtags wurde der bisherige Regent zum Königsthrone berufen, und in L u d w i g III. hat Bayern nach über 27 jährigen Interregnum wieder einen König. Was uns, Inden hieran ganz besonders angenehm berührt, ist, daß wir in der Person dieses so religiösen Monarchen, einen Herrscher sehen, der allen Konfessionen mit gleicher Achtung und Würdigung begegnet. Daß ihm die konservative Richtung im Judentmn.nicht gleichgültig ist, hat er vor einigen Jahren bewiesen, als er damals die Synagoge der orth. Rcligionsgesellschaft in München besuchte.' Unser seinem Szepter ist zu hoffen, daß auch die Minorität stets einen warmen Beschützer in ihm findet. — Dettclbach, Bayern. Einen intereffanten Vortrag hielt unser Lehrer Mannheimer. Er hatte in mühevoller Arbeit die alten Akten der .Gemeinde gesammelt und eine Art Chronik dazu geschrieben. Acht Foliobände.mit 2213 Belegen, mit Sachregister und Nunilmern versehen, bilden nun den Grundstock eines Archivs der Gemeinde. In einem einstündigen Bortrag referierte er darüber und erntete reichen Beifall für seine interessanten Ausführungen. — Auch war die Rachbargemeinde Mainstockheim durch ihren Vorstand und mehrere Gemeindemitgiieder vertreten, da sie ebenfalls ihr altes Aktenmaterial sichten und binden lassen will. Das sollte und könnte in noch vicleir Gemeinden geschehen! Heimatliebe und jüdische Pietät, sollten dahin führe». In dieser Beziehung hat sich Lehrer Mannheimer um die hiesige Kultusgemeiiide ein bleibendes Verdienst erworben. S. Oesterreich-Ungarr». Wie«. Aus Keinen Ursachen kam eS Schemini Azeres in einem Bcthause zu einer stürmischen S z e n c. Ein jüdisches Kind warf vor dem Hause mit einem kleinen Stein, nnd dieser fiel einer Arbeiterin ins Essen. Das Kind flüchtete ins Bethans, die Frau und ihr Mann liefen ihm nach, nnd die Frau rief den Betenden zu: „Ihr Saujuden! Schaut auf Euer Bankert, sonst erwürg' ich's!" Es entstand eine Prügelei, bei der mehrere Personen leicht verletzt wurden. Rußland. Warschau. Im Zusammenhang mit dem Beilisprozeß ist bei dem Lubawitscher Rebbe Schniursoy» Haussuchung vorgenomme» worden. Man hat alle Bücher und Schriftei, mitgenommen. Das ist wirllich ein unglaubliches Stück! — Für die russische Regierung gilt die wahnwitzige Behauptung, daß die „Sekte" der Chassidim .den Ritualmord kenne, als Tatsache, und sie läßt bei einem der führende» Chassidim Haussuchung vornehmen. Türkei. Saloniki. Trotz aller schönen Redensarten der Regierung, ist es eine Tatsache, daß die Juden Salonikis untqr der griechischen Herrschaft eine übelwollende Behandlung erfahren, wie sie ihnen zur Zeit des türkischen Regimes niemals zuteil wurde. Aus einem ganz harmlosen Vorgang, der sich letzten Roschhaschonoh zutrug, wo jüdische Frauen in der Synagoge sich gegen das grelle Sonnenlicht durch Verhängen der Fenster mit — türkischen, Flagge,ituch schützten, machte die griechische Gendarmerie Salonikis eine politische Affäre, nahm Verhaftungen i» der Synagoge vor, nnd die gesamte.griechische Presse bemächtiget sich des Vorfalls, um über die jüdische Bevölkerung in gehässiger Meise herzufallen, ohne von den Behörden, die den'ganz unschuldigen Hergang der Sache kannten, in die Schranken gewiesen zu werden. Ein anderes Beispiel: Ans Anlaß des schändlichen Kiewcr Ri tu almv rd p r o z e s ses wollten die jüdischen Vereine Salonikis eine Kr o te st v er s am in l ung ciicherufen, die Polizei verbot ipdoch die Abhaltung der Versammlung mit der Begründung, es handele sich hierbei um eine politische Demonstration gegen eine befreundete auswärtige Macht . . . Palästina. Haifa. Heute wurde die Eisenbahnlinie Haifa —Akka dem Verkehr übergeben. Die Bahn ist 20 Kilometer laug und steht unter rein türkischer Verwaltung. Sic bildet eine Zweiglinie der großen Hedschasbahn. Durch die Eröffnung der. neuen Strecke ist die wirtschaftliche Bedeutung Haifas wieder erheblich gestiegen. Bekanntlich ist Haifa auch Ausgangspunkt der über 160 Kilometer langen, ebenfalls rein türkischen Eisenbahnlinie Haifa—Bcisan—Samach—Dcr'at, die seit 1904, bezw. 1906 in Betrieb ist. —