Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1913-10-31 · Heft 43 (31.10.1913) · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 43 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692819-2692862--08011-2703123
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 43 taugen von Mitgliedern gebracht. Tee und Gebäck wird gratis an die Anwesenden verabreicht. Ferner beginnen Sonntag (um 4 Uhr) die geselligen Zusammenkünfte an den Sonntag- Nachmittagen. Es ist dafür gesorgt, daß den Anwesenden gute musikalische und rezitatorische Bortrüge geboten werden. Die Herren, die sich an der Hauskapelle oder an den Lehr!ursen beteiligen wollen, werden gebeten, sich sosort im Vereinsbiiro anzumelden. Bereis „TifereS Bachsrim". Der Verein nimmt am Sonntag seine Wintertätigkeit wieder auf. Jeden Sonntag Mend 8—9 Uhr findet ein Gemoroh-Schiur des Herrn Rabb. Dr. Horovitz statt, an den sich sodann um 9 Uhr ein Vortrag anschließt. Anßerdem verfügt der Verein über eine reichhaltige Bibliothek, die den Mitgliedern zur Bersügnng steht. Die Vorträge sind öffentlich. Die für diesen Winter' getroffene Auswahl der Themen läßt die Erwartung zu, daß die Bereinsabende einen guten Besuch ausweisen werden. Agudas Jisroel-Mädchrngruppe. Am 9. Nov. findet im Kaufmännischen Verein, Eschenheimer Anlage (Parterre-Saal) eine größere geselligeVeranstaltung statt. Näheres wird durch Zirkular sowie in der nächsten Nummer dieses Blattes bekanntgegeben. SuccauSgedauke«. Die Agudas Jisroel-Mädchengruppe (Hanauerlandstratze 1?) leitete ihre Wintertätigkeit am ersten Tage des Succaüsfestes mit einem Bortrage des Herrn M. Gold st ein ein. Zahlreich waren die Mitglieder und Freundinnen der Mädchengruppe erschienen und legten durch ihr Erscheinen beredtes Zeugnis ab von der Sympathie, die diese junge Vereinigung sich in der kurzen Zeit ihres Bestehens bereits in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung unserer Stadt erworben hat. Der Referent sprach über das Thema „Succausgedanken". Er schilderte in blumenreicher Sprache den innigen Zusammenhang zwischen der Natur und der Thora, den gerade das Succausfest dokumentiere. Die Sterne, die durch das Laub der Suecöh ihr Licht senden, sollen den Menschen daran erinnern, daß nur durch die Vereinigung der Natur mit der Thora, daß nur wenn das Irdische durch den Geist der Thora verklärt ist, der Mensch' wahrhaft glücklich und zufrieden werde. Das neue jüdische Leben in Palästina. Am 21. Oktober 1913 sprach Herr Nachum Goldmittn In einer von der Frankfurter Zionistischen Ortsgruppe einbernsenen, stark besuchten öflentlich en Versammln«g über „Das neue jüdische Leben in Palästina". Der Redner, der selbst 6 Monate in Palästina zugebracht hat, entwarf in seinem zweistündigen, fesselnden Referat ein umfassendes, packendes Bild von den ökonomischen, kulturellen und moralischen Verhältnissen des neujüdischen Lebens in Palästina. In einer eingehenden Besprechung der Kolonisation zeigte er, daß dieselbe heute als völlig gesichert in ihrem Bestände angesehen werden könnte,- sowohl jbte Pflanzungskolonien in Judäa wie die Ackerbaukolonien in Galiläa befinden sich in einem Stadium der fortschreitenden Entwicklung. Die wichtigste innere Frage der Kolonisation, das Problem des jüdischen Arbeiters, gehe seiner Lösung entgegen. Wenn auch die jüdischen Kolonisten Judäas heute noch zumeist arabische Arbeiter beschäftigen, so bereite sich doch jetzt eine Umwandlung zugunsten der jüdischen Arbeiter vor durch die Einwanderung der jemenitischen Juden, und durch' die insbesondere von der zionistischen Organisation in Angriff genommene landwirtschaftliche Ausbildung der jüdischen Arbeiter. Auf dem Kolonislüionswerk, dessen zu erwartende Ausdehnung für die Zukunft der Redner skizzierte, baut sich das kulturelle Leben der palästinensischen Juden auf. Im Mittelpunkt des kulturellen Lebens stehen die Schulen. Der Redner behandelte eingehend die verschiedenen Schulen Palästinas, die in kurzer Zeit so Großes geleistet haben. Manche von ihnen, wie das hebräische Gymnasium und die Mädchenschule in Jaffa, leisten in rein pädagogischer Hinsicht Vorzügliches. Die Hilfsvereinsschulen sind recht gut, haben - jedoch den Fehler, daß neben dem Hebräischen auch Deutsch als Muttersprache betrachtet wird. Einen Versuch ganz neuer Art ist der „Cheder - Thora" in Jerusalem, der eine Brücke schlagen wolle zwischen dem neuen und alten 'Jischub und in der kurzen Zeit seines Bestehens, trotz seiner knappen Geldmittel, bereits Hervorragendes geleistet hat. Zu begrüßen sind auch die von'der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums gegründeten Schulen; doch wäre es besser, die Freie Bereinigung würde sich mehr auf die Arbeit in Jerusalem verlegen, als in allen Kolonien Schulen zu gründen, auch da, wo sie durchaus unnötig sind. Die Schulen der Alliance seien die schlechtesten in Palästina; doch mache sich auch bei ihnen eine 'Tendenz zur Besserung bemerkbar. Neben diesen kultnrellen Schöpfungen entwickelt sich eine moralische Regeneratton der palästinensischen Juden. Der jüd. Einwanderer wird in Palästina ein anderer, ein besserer Mensch; er ist lebensfreudiger, prakttscher, ordnungsliebender, muttger und schöpferischer als der Goluthjude. Die musterhafte Selbstverwaltung der Kolonien, in denen die beste Ordnung herrsche, die Organisation ,Haschomer", diese Kernttuppe junger Helden, die täglich ihr Leben für das Wohl der Kolonisation aufs Spiel setzen, der Schaffensdrang und das Gefühl der Gehobenheit, Jber Begeisterung, die das ueujüdische Leben Palästinas beherrschen, zeugen von dieser höheren Moral des palästinensischen Lehens. Diese moralische Rege.neßfrtmfftaftet HsratWsches |famÜ|en6tüft. ration sei vielleicht das Größte, was bisher in Palästina geschaffen worden ist. Im Schlußteil seiner Rede besprach der Redner die Aufgaben der Zukunft. Die Hauptaufgabe für den Zionismus sei die, Palästtna zu einem Lande zu machen, das größere Emigrätionsmassen aufnehmen könne. Dazu müssen aber die weitesten Kreise des jüdischen Volkes herangezogen werden; auf dem Boden der praktischen, großzügigen Palästinaarbeit müsse der Zionismus das gesamte Judentum zu einigen suchen. Die anregenden, inhaltsvollen Ausführungen des Redners fanden lebhaftesten Beifall. Eine Diskussion fand nicht statt. JüdischeToynbee-Halle. Am Dienstag Mend fand in den Räumen der „Liederhalle", Langestr. 26, die feierliche Einweihung der von der Frankfurt-Loge ins Leben gerufenen Toynbee-Halle statt. Der Präsident der Loge, Albert Rothschild, begrüßte die zahlreich erschienenen Gäste. Rabb. Dr. Lazarus hielt eine von tiefem sozialem Empfinden zeugende Eröffnungsrede über das Thema: Was ist und will die Toynbee-Halle? Der Redner zeichnete in markanten Strichen die Geschichte der Toynbee-Hallen-Bewegnng, die bekanntlich vom Londoner Ostend ihren Ausgang nahm und den Namen eines englischen Philanthropen trägt. Sie will Licht und Freude 'auch den weniger Bemittelten bringen und vor allen Dingen einen Ausgleich zu schaffen suchen zwischen den verschiedenen Schichten der Bevölkerung, die sich in der Toynbee-Halle wie im Schoße einer großen Familie zusammenfinden soll. Der Redner skizzierte dann das in Aussicht genommene Programm der Frankfurter Toynbee- Hallen-Abende, welches sich in folgender Weise etwa abspielen wird: Zum Beginne des Abends soll ein allgemein interessierender Bortrag (Dauer etwa 20 Minuten) gehalten werden, dem alsdann eine .halbstündige Tee- Pause folgt, in welcher von jungen Mädchen Erfrischungen gereicht werden. Den Beschluß der Veranstaltungen sollen imitatorische sowie instrumentale und vokale Vorträge bilden, um auf diese Weife jedem Geschmacke. Rechnung zu tragen. Für die nächsten Dienstag-Abende sind folgende Borträge angesetzt: 4. Novbr. Dr. med. Plaut: Wie ernähre ich mich gut und billig? 11. Novbr. Kinematographische Vorführungen. 18. Novbr. Reallehrer Gut: Kindererziehung. 25. Novbr. Dr. I. Leinemann: Der junge Goethe (mit eingesügten Deklamationen und Musikvorträgen). 2. Dezbr. A. Galliner: Josef Israels (mit Lichtbildern). 9. Dezbr. Referendar Dr. Ettlinger: Judenjustiz im Mittelalter. 16. Dezbr. Professor Dr. Hülsen: Der Judenfriedhof in Frankfurt (mit Lichtbildern). 23. Dezbr. Rabbiner Dr. Nobel: Festvorttag (Chanuka- Feier). Die Eröffnungsfeier wurde noch durch ausgezeichnete musikalische Darbietungen verschönt, an denen sich ein gemischter Chor sowie hervorragende Solisten mit großem Erfolge beteiligten, vrbenso trug die Tee- Pause sehr dazu bei, eine gemütliche, familiäre Stimmung hervorzurusen, sodaß die Feier einen sehr angeregten Verlauf nahm, und die Beteiligung an den ferneren Veranstaltungen der Frankfurter Jüdischen Toynbee-Halle bestens empfohlen werden kann. Der Eintritt ist jedermann ohne Karte gestattet und völlig kostenfrei. F. M. Der Kampf um die Laubhütte. In einem Hofe der Bergerstraße war eine Laubhütte aufgebaut, die ein Fenster verdeckte. In das Zimmer,, zu dem jenes Fenster gehörte, war ein junger Mann eingezogen, obgleich es nach den Besttmmnngen des Hausherrn nicht vermietet werden durfte. Dennoch forderte der neue Mieter die sofortige Entfernung dex Laubhütte und kam dann mit zwei Arbeitern, die mit Beilen und Hämmern die Laubhütte zertrümmerten, trotzdem sich ihnen der Hauseigentümer mit seinem Bureaupersonal und die Eigentümer der Hütte entgegenstellten. Der mit lautem Lärm verbundene Vorfall lockte eine große Menschenmenge in den Hof, so daß schließlich die Polizei einschreiten mußte. Gegen den Mieter und die Arbeiter ist Anzeige erstattet worden. Reisebilder aus Pole» und Litauen. Ein Schritt über die deutsche Grenze, — und du bist auf russischem Boden. Doch dieser eine Schritt dünkt nns in Deutschland, als würde er Länder unter sich fassen. Wohl ist Rußland eine andere Welt, — daß uns aber kein Grausen vor ihm zu erfassen bramht, daß es bei vieler Unkultur auch viele Kultur, viel Interessantes und Schönes hat, zeigte Rabb. Dr. David Winter-Homburg in einer Plauderei „Reisebilder ans Polen und Litauen", mit der er den Mtgliedern der Jüd. Franenvereinignug einen unterhaltenden, lehrreichen Abend gab. Auf der bequemen, nur drei Klassen kennenden russischen Eisenbahn fuhr der Erzähler mit seinen Zuhörern nach Czenstochau, Warschau und Wilna und gab ihnen ein anschauliches Bild von dem russisch-jüdischen Leben. Jüd. Bibliothek und Lesehalle. Bon Freitag, den 31. Oktober ab ist die jüdische Bibliothek und Lesehalle, Langestraße 33, wie folgt geöffnet: Von Montag bis Donnerstag 1—4 Uhr nachm, und 8—10 Uhr abends, Freitag nach Schluß des Abendgottesdienstes bis 10 Uhr, Samstag und Sonntag 10y» bis 1 Uhr vorm, und 3—7 Uhr nachm. Vereinigung zur Pflege der Literatur. Während des Winterhalbjahres werden jeden Donnerstag abend 8% Tlfjr im Kaufm. Vereinshause abwechselnd ' . ' Leite 11 Literaturgeschichtliche Kurse (Leitung: Dr. I. Heinemann) und Lektüre-Abende (Leitting: Prof. Dr. I. H. Bondi) veranstaltet. Kleine Notizen. Frau I u st i u e R o t h s ch i l d geb. Woog, Cronbergerstraße 5, eine durch ihren Altgemeiiisimi in weiten Kreisen angesehene Dame, feierte letzten Sonntag ihren 70. Geburtstag. Die Frauenloge der Frankfurt-Loge und die Weibl. Fürsorge bezw. der Mädchenklub der Weibl. Fürsorge hatten ‘ ihrer eifrige» Mitarbeiterin durch Deputationen die herzlichsten Glückwünsche und Worte warmer Anerkennung aussprechen lassen. Montag verschied nach längerem Leiden eine Frau, deren Leben sich fast ausschließlich im Bereiche ihres Hauses abspielte und trotzdem so reich und segenspendend war, daß es beispielgebend wirken und zur ungeteilten Bewunderung hinreißen mußte. Es ist Frait Markus S t e r n b e r g s. A., die als echtjüdische Frau nach laugeul pflichterfüllten Leben im Alter von 75 Jahren heimgegangen ist. In Heddernheim geboren, bewährte sich Frau Sternberg schon in ihren Mädchenjahren durch alle weiblichen Tugenden. Als sie dann vor 45 Jahren ihrem Gatten, der mit treuer Liebe an ihr hing, in sein Hans folgte, übernahm sie nicht nur ihre Hausfranenpflichten, sondern suchte selbst ihrem Manne im Erwerbsleben behilflich zn sein. Durch ihren scharfen Verstand und ihren uuübertrefslichen Fleiß verstand sie es, ein Hauswesen hervorzuzanbern, in dem sich jeder Freund edler Gastlichkett» anregender Unterhaltung und altjüdischer Gemütlichkeit behaglich fühlen mußte. Alles ging durch die Hand dieser Frau, die größte und die kleinste Verrichtung, und ihre Sorge galt jedem, der mit ihr in Verbindung stand, — bis zu ihrem letzten Atemzuge. Darum ttanern auch nicht nur Mann und Kinder, denen sie das Höchste gewesen, iun sie, sondern eine große Anzahl guter Freunde, bei denen sie sich durch gütige Fürsorge, durch Rat und Hilfe, durch bestrickende Liebenswürdigkeit und Gastfreundschaft ein stetes, gutes Andenken erworben hat. Der Verein selbst, isr. Handwerker uni» Gewerbetreibender hält Sonntag, 16. November, sein 4. Stiftungsfest mit anschließendem Ball in sämtlichen Räumen der „Liederhalle", Langestr. 261, ab. Ü Ißuiffefon. ü Besiegt. (Fortsetzung aus dem Hauptblatt.) „Solche Unordnung!" dachte Frau Cassilde, unft redete sich ganz gegen chre Urnattü: in ein wehmütiKweiches Gefühl hineint „So Muß sich mein armes Kind unter wildfremden Menschen hernmschlagen!" Und sie las weiter: „Angesichts des sehr flotten Geschäftsganges ist mein Chef nicht abgeneigt, hier in der sehr bevölkerten Vorstadt eine Filiale zu gründen und mir die Leitung derselben unter außerordentlich günstigen Bedingungen zn übertragen. Natürlich bedarf ich einer tüchttgen Hülfskrast, und Fräulein Hausmann, die ja hier schon die Seele des Geschäfts war, wird mich zur Genüge unterstützen." „Wer ist Fräulein Hausmann?" fragte Frau Caf» silde, und da sie gewohnt war, jeden ihrer Wünsche sofort erfüllt zu sehen, rief sie ihren Mann aus dem Nebenzimmer herein. „Jakob, ich wül wissen, wer Fräulein Hausmann ist?'" Jakob erschien sofort auf der Schwelle, versonnen und ein wenig erschrocken, wie ein ängstliches Kind, dem vor Schelten bangt. Er drehte die »Leipziger Illustrierte", in der er soeben gelesen hatte, in den Händen hin und her und blickte seine liebe Gattin unschlüssig an. Ja, da half nichts: Frau Cassilde erwartete eine Antwort von ihm, er mußte sie geben. „Wer wird Fräulcin Hausmann sein?" sagte er mit verlegenem Lächeln. „Gewiß die Schwester von der Frau von Mcyer und Compagnie. Wahrscheinlich eine alte, fleißige Tante, die dort im Hause lebt. Ist die Meyers nicht eine geborene Hausmann?" „Es schwant mir so, als hätte ich dergleichen einmal gehört," antwortete Frau Cassilde. „Warum soll Heinrich nicht mit der alten Person zusammen das Zweiggeschäft übernehmen?" reflettierte sie. Wer ihr Argwohn war schon erwacht, und sie sah unter ihrer Brllle scharf auf den Gemahl, der, ungewohnt, ihnen Gedankensprüngen zu folgen, sich nach dieser Richtung hin auch gar keiner Anstrengung hingab. „Was schadet Heinrich das?" „Nein, das schadet ihm gar nichts," echote Jabib. Er sah wohl, seine Frau las einen Brief, der seines Sohnes Handschrift trug; gut, sie würde ihm das Schreiben doch später geben. „Jakob, höre nur, was der Junge noch schreibt," fuhr Frau Cassildcj gnädig fort, und las laut, mit scharf betonender Stmüne: „Durch irgend eine Unvorsichtig-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.