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Neue jüdische Presse · 1913-10-31 · Heft 43 (31.10.1913) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 43 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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*r m Seite 10. jManWrwr MraelWye» MmMaMM Nr. 43. » Grundlage und kaufmännischen Prinzipien beruhendes, großzügiges Ansiedlungswerk schaffen wolle, das — unter Ausschluß nationaler, politischer oder anderer Parteitenden» zen — den notleidenden Juden Mußlands, Galiziens und Rumäniens im Orient auf eigener Scholle dauernde Daseinsbedingungen sichern soll. G e o r g L a ch m a n n - Berlin legte in seinem Referat überzeugend dar, warum die A. I. K.-Ogerade den Orient — insbesondere Palästina, Syrien und die Sinaihalbinsel — zum Felde ihrer Tätigkeit ausersehen mußte. Wirtschaftliche Momente, wie die Nähe des Orients an die Ursprungsländer der jüdischen Emigration, die Fruchtbarkeit und Aufnahmefähigkeit dieser Gebiete, andererseits aber die religiöse Pietät der jüdischen Auswandercrmassen für das Heilige Land waren hier maßgebend. Dr. Alfred Nossig-Berlin berichtete über die Arbeiten der A. I. K.-O. Eine ihrer wichtigsten Tätigkeiten - bestand in der Organisierung behördlich legalisierter Boden-Erwerbs-Genossenschaften aus den jüdischen Auswandererkreisen in Rußlandl Andererseits sorgt die A. I. K.-O. durch chr Finanzinstitnt, „The Orient Colönising Co." für Agrarkredit. In besonders warm empfundenen Worten appellierte dann Rahb. Dr. Werner an die Erschienenen. Er wies eindringlich darauf hin, daß seit den furchtbaren Ereignissen in Spanien im Jahre 1492 keine annähernd so harte Judennot geherrscht habe — wie gegenwärtig im Osten. : Die begeisternden Worte, die auch der Vorsitzende, Justizrat Ofner, in beredter Weise unterstützte, hatten denn auch den Erfolg, daß viele der Anwesenden sich! als Mitglieder der A. I. K.-O. eintrugen, sowie ihrem Kolonisationsfonds namhafte Summen zuwandten und Aktien der „Orient Colonising Co." zeichneten. In der Diskussion begrüßte R.-Ä. Dr. R. Wassermann im Namen des bayerischen ,-Bereins für Statistik der Juden" Dr. N o s s i g als Schöpfer der jüdischen Statistik und wies darauf hin, wie die theoretische, statistische Erfassung der heutigen Verhältnisse der Judenheit zur Orieutkolonisation als einzigen praktischen, wirklich rationellen Ablilfswxrk führe. Aus einem Reise-Tagebuch. Meine diesjährigen Ferien benutzte ich, um den badischen Schwarzwald zu durchwandern. Als ich von Trioerg, der Abwechslung halber, die Bahn benutzte, um ins wildromantische Höllental zu fahren, kam es mir in Erinnerung, daß in der Nähe von Dillingen vor etwa Jahresfrist ein jüdisches Kinderheim in Bad Dürrheim erbaut worden war. Ich unterbrach in Villingen meine Reiseroute und benutzte die Nebenbahn, um mir einmal das Friedrich-Luisen-Hospiz anzusehen. Bad Dürrheim, ein kleiner Ort im badischen Schwarz« Wald, 700 Meter ü. d. M., umringt von herrlichen Wäldern, bietet für ein solches Hospiz alle Vorbedingungen ,char excellence", umsomehr, als durch seine starke Sole im Verein mit einem ausgezeichneten Höhenklima manchem Heilungsprozeß tatkräftig unter die Arme gegriffen wird. Aber mehr als alle diese Dinge war bei mir die Sehnsucht wachgerufen worden, wieder einmal unter Juden zu sein, die ich, wenn auch, erst seit einigen Tagen, schon wieder zu vermissen begann. So meinen GÄanken nachhängend, hatte ich die 20 Minuten Fahrt bald hinter mir, und meinen Rucksack auf dem Rücken, wanderte ich durch Bad Dürrheim und fand mich bald vor den Toren des Friedrich-Luisen- Hospizes. Schon hier drang mir ein vielstimmiger Kinderchor entgegen, der irgend ein Kreisspiel spielte. Lieder, die man einst selbst als Kind gesungen, kamen mir in Erinnerung, und mit Wehmut und Freude im Herzen ward ich alsbald von der dortigen Oberin empfangen, die mir mit Stolz die schöne neue Anstalt zeigte. Ich habe schon viele derartige Institute gesehen und habe es mir immer angelegen sein lassen, jüdische Institutionen, welcher Art sie auch seien, anzuschauen, aber was ich hier sah, war mir wirklich noch nicht vor Augen gekommen. Das Erdgeschoß enthält die Küche und deren Nebenräume, die Dorratsräume, die Heizungsanlage, eine Turnhalle und einen sich daran schließenden Doucheraum. Im Parterre fällt besonders der Speisesaal. für die Kinder auf, in dem die zum Teil niedrigen Tische schon verraten, daß hier Erdenbürger ihre Mahlzeit einnehmen, die, wie man sagt, noch nicht mit den Füßen bis an die Erde reichen. An diesen Speisesaal reiht sich ein Spielsaal an, rn dem die Kinder bei schlechtem Wetter oder in den Wintermonaten spielen. Der Haupttnmmelplatz ist jedoch die große ungedeckte Veranda, die sich, daran anschließt. Den weiten, lichten Korridor entlang liegen die Zimmer der Oberin, des Arztes, der Verwaltung, sowie das Schulzimmer. Die beiden weiteren Stockwerke sind mit den Schlafräumen der Kinder ausgefüllt, die jo licht und luftig sind, daß man ordentlich schon gesund wird, wenn man sie sieht. Damit die Kinder auch nachts nicht ohne Aufsicht sind, ist zwischen je zwei Kinderzimmern ein Schwesternzimmer angeordnet, das rechts und links durch ein Fensterchen mit den Kinderzimmern verbunden ist und so der Schwester eine leichte Bewachung der schlafenden Kinder ermöglicht, denn durch das leicht zu öffnende Fensterchen dringt das geringste Geräusch Zn diesem Geschoß sind auch die Sole- und Kohlensäurebäder untergebracht. . Am allerschönsten aber sind doch die Waschräume der ■» Kinder. Die Waschbecken sind so nieder, daß selbst das Äünfte Kind bequem hinreichen kann. Bon der Schwester wird der Haupthahn geöffnet, und nun lausen alle Becken gleichzeitig voll. Der Witterung entsprechend wird bas Wasser vom Haupthahn aus auch temperiert. Inhalatorium und Wäschevorratsraum füllen die restlichen Räume des Hauptgeschosses aus. Außer den Schlafräumen im Obergeschoß, befindet sich dort auch die Krankenstation, die von den anderen Räumen gänzlich abzuschließen ist. Waschküche und Bügelzimmer liegen auch auf diesem Stockwerk. * Während wir bald am Ende unserer Wanderung waren, ertönte aus einmal der Gong, und bald hörten und sahen wir die großen und kleinen Knaben und Mädchen mit einem Hallo von der Veranda und dem Spielplatz in Scharen hereinströmen. Es war Mittag. Wir stiegen auch herab, denn 'ich mußte unbedingt sehen, ob das kleine Volk auch gut essen kann. Und ich hatte mich nicht getäuscht. — Da saßen sie je zehn an einem Tisch und verschnabulierten ihr Mahl mit einem köstlichen Appetit. Selbst die sonst so gefürchtet kleinen schlechten Esser verzehren hier mit wahrer Andacht ihre Speisen, als hätten sie acht Tage nichts zu essen gehabt. Nach Tisch heißt die Parole: Liegen! Auf der großen Terrasse liegen sie dann, die Herrschaften, in der Sonne und lassen den lieben Gott einen gnten Herrn sein. Manch einem von den Kindern paßt es zwar nicht, so Ml zu liegen, — aber ein Blick der Schwester, und der kleine Herr oder die Dame bequemt sich. Ml liegen zu bleiben. Nach etwa einer Stunde geht das Spielen los, entweder auf dem Spielplatz oder im Walde, der in zwei Minuten zu erreichen ist. Dann wird um vier Uhr Kakao getrunken, von neuem wieder gespielt und gesungen und auch geturnt. Das Abendbrot wird um sieben Uhr verabreicht, und dann wird noch eine Stunde gespielt. Hier erreicht die Fröhlichkeit der Kinder ihren Höhepunkt. Es ist, als ob die Kinder sich vor Lebenslust nicht zu halten wüßten, und auch ich mußte mitmachen. Um acht Uhr wird energisch Schluß gemacht, und dann grhts zum Waschen und von da aus in die Betten. Jetzt erst können sich die Schwestern etwas Ruhe gönnen, und als wir dann im Zimmer der Oberin zusammen saßen, da erzählten sie von den einzelnen Kindern, die zu Hause nicht zu halten sind, hier aber unter chresgleichen ganz anders werden, und wie gut den Kindern der Aufenthalt bekäme. * Die Mittel zum Bau der Anstalt sind von der Gesamtkorporation der Israeliten Badens zum goldenen Ehejubiläum Ihrer Königlichen Hoheiten des Großherzogs Friedrich I. und der Großherzogin Luise gestiftet worden. Damit es der Anstalt auch möglich ist, Mnderbemittelte gegen geringes Entgelt und auch ganz Armen Aufenthalt zu gewähren, hat sich im Laufe dieses Jahres auf Veranlassung von Herrn Geh. Oberregierungsrat Dr. Mayer- Karlsruhe ein Verein für das Friedrich-Luise-Hospiz gebildet, für dessen Gedeihen Frau Geh. Oberregierungsrat Dr. Mayer unermüdlich tätig ist. Großherzogin-Witwc Luise von Baden brachte der Anstalt schon von deren Gründung an warmes Interesse entgegen. Die hohe Frau beehrte diesen Sommer die Anstalt durch ihren Besuch'; in einem Schreiben an den Vorstand sprach sie dann ihre Befriedigung über die schöne Anstalt aus. Es wäre wünschenswert, wenn eine weitere Masse jüdischer Opfersreudigkeit den Verein unterstützen würde. Leider erweist sich das Heim mit seinen 95 Betten in den Ferienmonaten Juli und August als zu klein. Wer sein Kind in dieser Zeit dort unterbringen will, muß es schon Ve Jahr vorher anmelden. Ich sah dort einige Kinder, die durch Sonnenbäder chrer Heilung entgegengingen. Diese Kinder liegen von morgens bis abends nackt in der Sonne und sehen aus wie richtige Neger-Kinder. Die Kuren sind von überraschender Wirkung. Selbstverständlich steht das Heim unter ärztlicher Aufsicht, alltäglich kommt der Arzt und sieht sich die Herrschaften an. Für die streng rituelle Führung gibt die Persönlichkeit der Oberin die beste Gewähr; ferner steht die §ijche Unter Aufsicht von Herrn Rabb. Dr. Spitz in Gailingen. Wer wie ich das Glück hatte, einen Freitag-Abend dort zu verleben, einen kleinen Jungen von '13 Jahren einen Kiddusch machen und nach Tisch Schirhamalaus singen zu hören, dem wird mit mir die Erkenntnis kommen, daß es ein wahrhaft jüdisches Haus ist. Als ich, nachdem ich von allen Kindern Abschied genommen, weiter wanderte, klangen mir immer noch im Ohre die Kinderstimmen und die Lieder nach, Tränen der Wehmut und der Freude .standen mir im Auge. Jedem aber, der einmal in die Nähe dieses Ortes kommt, dem rate ich: „Werse einen Blick ins Kinderland." F. S. Christ. Wilhelm Leux Tel-f. I, 8567. Hoflieferant. Goetheutr. 21. Herren-, Samenu. Jjvreeschneiderei. Spezlal-Sportgescbäft. —.= Anf Wunsch koschere Verarbeitung. rrrrr-r= Periorratteu n. Kleine Mitteilungen. Berlin. Ordentl Honorarprofessor, Geh. Medizinalrat Dr. August von Wassermann erhielt den Roten Adlerorden 3. Klasse mit der Schleife und der Krone. Berlin. Geh. Kommerzienrat Philipp Frendenberg, der Seniorchef der Firma Herrmann Gerson, feierte am 20. Oktober seinen 80. Geburtstag. BreSlan. Das Isidor Honowitz'sche Ehepaar Schwiegereltern des Rabbiners Dr. Grabowski-Barmcn,' feierte die goldene Hochzeit. v Görlitz. Kommerzienrat Katz schenkte 20 000 Mark zugunsten des Pensi0 nsf0nds der Synagogengemeinde. (L.) Fraustadt. In der Synagoge hier wurden nüedcrholt die Fensterscheiben mit Steinen ein - geworfen. Als Uebeltäter wrirde ein Schüler erinittelt. (L.) Posen. In einer Proleswersammlung der Polen erlaubte sich der Redakteur Karl Przepscki folgende Ausfälle gegen die Juden: „Ein Verräter ist, wer zn Juden und Deutschen geht." „Kröben hat seine Schuldigkeit getan, aber der Rest von Juden muß noch fort." „Auf die Jude n müsse der Boykott ausgedehnt werden, denn sie seien die Blutigel mir polnische» Arbeitermarkt!" (L.) Rakel. Der Polizei ist es gelungen die beiden vermummten Gesellen, die einen Einbruch in die Synagoge unternahmen, zu ermitteln. Es sind - ein Arbeitsbnrschc und ein Töpferlehrljng. (L.) Grätz. Kreisarzt, Geheimer Medizinalrat Dr.Rubensohn erhielt anläßlich seiner Pensionierung den Kronenorden 3. Klasse. ll,.) Posen. Der Großkaufmann Bernhard Sokol 0 w s k i, Mitinhaber der Firma Julius Sokolowski, der viele Jahre hindurch hier tätig gewesen und seinen Wohnsitz noch Berlin verlegt hatte, ist dort von einem Automobil überfahren und getötet worden. Die Gattin war Zeugin dieses schrecklichen Unglücksfalles. Der Verstorbene, 56 Jahre alt, war in den weitesten Kreisen der Kaufmannschaft und auch im öffentlichen Leben sehr geschätzt. il, > Hohensalza. Frau Friederike Schatze Wwe., die noch dem Haushalte vorsteht, feierte ihren 101. Geburtstag. Wien. Die israelitische Kultusgemeinde und die israel. Allianz in Wien haben an Lord Rothschild in London eine Depesche gesandt, in der sie im Namen der österreichischen Judenschaft danken für die durch den Briefwechsel mit der Kurie in Rom erreichte authentische Bestätigung der päpstlichen Bulle, durch die bereits im finsteren Mittelalter der Wahrheit die Ehre gegeben und die Lügenhaftigkeit der Blutbeschuldigung konstatiert wurde. Paris. Narcisse Leven, der Präsident der Alliance Jsraölite Universelle, feierte seinen 80. Geburtstag. Leven wurde in Uerdingen am Rhein geboren. Füns Jahre lang war er Sekretär Adolphe Cremieux's, des Gründers der Alliance. Während des Krieges 1871/72 war er unter Cremieux Generalsekretär im Justizministerium. 1880—87 saß er im Pariser Gemeinderat, zuletzt als Vizepräsident. Petersburg. 28. Okt. Die Reichsduma hat heute eine von der Kadettenpartei eingebrachte dringende Interpellation wegen allgemeiner'Bedrückung der Presse, besonders anläßlich des'Aeilisprozesses, mit 149 gegen 106 Sjimmen angenommen. Konstantinopek. Der zum Unterstaatsirkretär im Handels- und Ackerbauministerium ernannte I e ch e s k e l Sassoon Effendi, der erste Jude auf diesem hohen Posten, gewährte dem Berichterstatter des ^„Jewish Chrouicle" eine Unterredung. Die gesamte Regierung sei den Juden wohlgesinnt, und die Lage der Juden sei — jetzt nach Beendigung des Krieges und am Beginn einer neuen Aera — außerordentlich günstig. Airs der Lehrerwett. Frankfurt a. M. Bon kommenden Ostern ab ist Fräulein Selma Schier atz ly als Lehrerin an einer städtischen Schule angestellt. Es. ist unseres Wissens der erste Fall, daß eine strengfrommc jüdische Lehrerin als ordentliche Lehrerin im städtischen Schuldienst Anstellung gefunden hat. Ihre Ausbildung als Religionslehrerin hat Fräulein Schieratzky an dem mit der israelitischen Äeligionsschnle verbundenen Lehrerinnenknrsus erhalten. Colmar. Im nächsten Jahre wird die Eingemeindung Dörnachs in Mülhausen erfolgen. Infolgedessen wird das Rabbinat Dörnach aufgehoben und ein Rabbinat Mülhausen ll gegründet. Das Konsistorium hat beschlossen, dieses neu zu gründende Rabbinat dem jetzigen Rabbiner von Thann zu übertragen und Rabbiner Bloch von Dörnach nach Thann zu versetzen. ^ernowitz. In der öffentlichen Volksschule der israelit. Kultusgemeinde wird jetzt der hebräische Unterricht nach der Methode I b r i t h b' i b r i t h eingeführt. Alts de» Vereine«. Wiesbaden. Der Shnagogen-Gesangverein beging sein 50jähriges ^.Bestehen. Samstag früh hielt Rabb. Dr. Kober die Festpredigt. Samstag abend fand ein Synagogenkonzert statt. Sonntag nahmen die Veranstaltungen mit einer akademischen Feier und einem Festessen ihren Abschluß. Der Feier zn Ehren war die Herausgabe der Wiesbadener Synagogen-Gesänge vorausgegangen. Eine Denkschrift wird demnächst erscheinen. Franksnrter Berichte. I„Montefiore"-Verein. Diesen Freitag beginnen wieder die geseIlige 11 Zusanimenkünf te. Die Veranstaltungen beginnen um 9 Uhr abends. Nach einenl Vortrage über Len Wochenabschnitt werden gesangliche und rezitatorische D'arbie-

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