Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 43 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 2. gehörigkeck stehende Zeugenaufrufe die Geschworen«: in Verwirrung dringt und die Frager: daiür 'so formuliert: 1. Liegt ein Ritualmord vor? 2. Ist Beilis der Ritualmvrder?, svdaß dir! erste Frage bejaht, die zweite aber verneint werden kann. Es ist für jeden klar, daß ein« solche Fragestellung sinnlos wrd juristisch nirzulässig ist, da nicht die Frage des Ritualmvrdes den Inhalt eines Strafprozesses bilden kann, sondern die Anklage einer bestimmten Person. Aber — wie gesagt — in Rußland jfij alles möglich, und es läßt sich sehr wohl denken, daß die Fragen in dieser Form! gestellt werden und dann der Welt das Schauspiel geboten wird, wie ruffisch« Bauern, Analphabetei: Don der niedersten Stufe der Kultur, darüber zu Gericht sitzen werden, ob die Juden Ritualmörder sind oder nicht. . . Wer weitaus schlimmer als das Resultat des Prozesses drohen di« Folgen des Prozesses zu werden. Ob nun die russischen Muschiks die Frage eines Ritualmorders bejahen oder nicht, ist schließlich für uns Juden wahrhaftig recht belanglos, — über Mit angsterfüllten: Herzen sagt man sich: Wird nicht der Prozeß das Signal zu einer erneuten Auflage der PvgroMe werden? Schon hört man von vielen Städten Rußlands, daß Pvgromaufrufe verteilt, ja Pogromversuche gemacht wurden, schon arbeiten die Häupter der „Schwarzen Hundert Mit ihrer bekannten ..Energie und schon schwebt die russische Judenheck in Angst und Sorge. Man sage nicht, der Ausgang des Prozesses sei in dieser Hinsicht entscheidend. Wenn MaN Pogrome machen will, so wird sich ein« Ausred« schon immer .finden. Wird der Ritualmvrd bejaht, so ist cs ja eine hellige Tat, die Ritualnwrder zu vernichten, wird aber die Frag« verneint, so gill es Rache zu nehmen für die Blamage und Niederlage. Nein, nicht der.Ausgang des Prozesses wrrd über die Veranstaltung von Pogromen entscheiden, sondern der Wille der russischen Regierung. Die Pogrome vor acht Jahren haben «s aller Welt bewiesen, daß in Rußland Pogrom« nur dann stattfinden, wenn die Regierung es will, und die rasche Unterdrückung aller Pogromversuche in Kiew! nach Stolypins Ermordung hat gezeigt, wie leicht es den Behörden fällt, Pogrom« Zu verhindern. Nur auf den Wlllen der Regierung kommt es an, aber wie dieser ist, wer kann es sagen? 'Uns Juden steht jedenfalls nur ein einziges Mittel zur Verfügung, um die Gefahr von PvgvoMen zu vermindern, und dieses Mittel heißt: die Erregung der öffentlichen Meinung Westeuropas. Wenn «s eine Macht gibt, die den Willen der russischen Machthaber in dieser Hinsicht beeinflussen kann, so ist es Westeuropa, ohne dessen Geld Rußland nicht existieren kann. Der Beilisprozeß bedeutet für die russische Regierung eine einzig« große Blautage, und man weiß es, daß den freunden Rußlands, Frankreich und England/8er Prozeß sehr ungelegen und peinlich ist. Aber noch hat die öffentliche Erregung nicht ihren Höhepunkt erreicht, iwch könnte da mehr erzielt werden, als es bisher geschehen ist Durch Veranstaltung großer Versammlungen, durch Fühlungnahme mit bedeutenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens könnte ein noch stärkerer Druck auf die russische Regierung ausgeübt werden. Wir bedauern es aus diesem Grund« aufs Ehesteste, daß di« Berliner Gemeind« und mit ihr alle übrigen 'Gemeinden Deutschlands jegliche Aktion betreffs des Beilisprozesses abgelehirt haben Mit der Begründung, es eickspreche nicht der Würde des Judentums, heute noch gegen das Ritualmordmärchen zu protestieren. Dieser Grund ist unseres Erachtens keineswegs stichhaltig und bedeutet nur einen leeren Vorwand zuM untätigen Beseitestehen. Jedermann weiß, daß wenn wir Juden protestieren, wir uns Hamit nur gegen die Barbarei und den Antisemitismus der russischen Regierung wenden, und niemand wird darin ein Vergehen gegen unsere Würde erblicken. Ä«r Beschluß der Berliner Gcineinde ist durch nichts gerechtfertigt und bedeutet iu diesem Momente ein Vergehen gegen das Wohl des Judentums. Vielleicht daß fetzt, wo die Pogromgefahr ihre furchtbaren Schatten bereits vorauswirft, die jüdischen Gemeinden und Organisationen Deutschlmrds und ganz Westeuropas energischer werden? Ob .unsere Proteste Erstlg haben werden oder nicht, unsere Wicht ist es, alles zu Frankfurter Jsraelitffches FamilleMM. tun, um Fie .drohend« Gefahr, die üb«r den HäuA tern unserer Brüder in Rußland^ schwebt, aMuwenden. In diesen: Momente nichts tun und' sich mit der Hoffnung ans die Humanität und d«n Fortschritt vertrösten, heißt sich in u:w«rzeihlicher Weise cur den vitalsten Interessen. unseres Volkes versündigen. Jüd. Institut für techn. Erziehung iu Palästina. Entscheidung über die Sprachenfrag e. Am Sonntag, den.26. Oktober, fand in Berlin uicker dem Vorsitz des Herrn Dr. James SiMon eine Sitzung des Kuratoriums des Jüdischen Instituts für technische Erziehung in Palästina statt. In der Sitzung wurde beschlossen, am! 26. April 1914 das Institut Zu eröffnen. Bis dahin werden die Bauten ferttggestellt sein, svdaß der Unterricht in dm solgmden 'Klassen beginnen kann: 1. In den fünf untersten KlassM der Mittelschule, 2. In der untersten Klaff« der Realschule, 3. In der .untersten Klaff« der Werkstätten, 4. In der untersten Bäüllass«. Auch die erforderlichen Lehrkräfte sind bereits engagiert. Das Kuratorium genehmigte' bei einer V«rtretung von 16 Stimmen mck allm gügen drei Sttnrn:en das vorgelegtv Programm, das in Bezug auf den jüdischen Charakter d«r Anstalt das.Folgend besagt: Im Lehrplan nimmt der hebräisch« Unterricht gemäß der Entwicklung und der Bedeutung der hebräische:: Sprache in Palästina einen breiten Raum ein. Das Hebräische wird so eingehend gelehrt, daß die Schüler imstande sein werdm, di« hebräische Literatur im Urtext zu studieren und sich der Sprache als Umgangssprache Au bedienen. Auch für die religiöse Unterweisung wird in ausgiebiger Weis« gesorgt werden. In Bezug auf die Sprachen frage wurde folgende von Herrn Dr. Nathan vorgeschlagene Resolution angenommen: Resolution. . Als Richtlinie in Bezug auf die Lösung der überaus schwierigen Sprachenfrage wird beschlossen: 1. Eine offizielle Unterrichtssprache, die für alle Fächer 8er Institute bleibend obligatorisch ist, wird nicht eingeführt. 2. Dem Hebräischen wird di« eingehendste Pflege Au Teil, entsprechend deM jüdischen Charakter des DechnikuMs. 3. Arabisch und Türkisch wird so intensiv getrieben, daß. die. Schüler nüt der eingesessenen Bevölkerung des Orients und den ottomanischen Behörden in mge bürgerliche und' geschäftliche Beziehungen zu ttctm vermögen. 4. Die naturwissenschaftlich-t'echnischen Unterrichtsgcgenstände Werden in deutscher Sprache gelehrt, uM den Schüler:: so den Anschluß drrrch eine 8«r großen Kultursprachen an die wissenschaftlich« Entwicklung d«r modernen Zeck zu vermitteln. 5. Englisch und Französisch Werdm in den höheren Klassen in einem Umfange betrieb«:) der den Schülern «s ermöglicht, :hr späteres Fortkommen auch in Gebieten leicht, zu finden, in denen Englisch und . Französisch die hörrschend« europäische Sprache ist Ein archäologisches Institut in Palästina. Baron Edmund Rothschild-Paris ist es gelungen, ein großes Gebiet in Palästina zuint Zwecke archäologischer Studien anzukaufen. D«r Baron hofft, mehrere Gräber und Reliquien aus der Zeck des jüdischen Reiches ans Licht zu beringen und die Gegeifftändc in einen: Gebäude unterzubringM, das auf dem .genannten Gebiet errichtet und.zu einem jüdischen Museum ausgestaltet werden soll. Da die kaiserliche Erlaubnis hinHu bereits eingetvoffm ist, soll mit den Forschungsarb«iten dcimnächst begonnen Werden. Nr. 43 Der Beilis-Prozest. (Bon unserem Berichterstatter.) 21. Oktober. Vom Morgen bis zuin Abend wird Krassowski, der ehemalige Chef der Kiewer Geheim-? Polizei, verhört. Er hatte anfangs die Aufgabe, die Mörder Justschinskis aufzusuchen, und erfüllte dieselbe sehr eifrig. Davon erzählt er nun dem Gericht. Zunächst erfahren wir von ihm, daß ein hoher Beamter des Justiz- Ministeriums ihn aufgefordert hatte, zu untersuchen, ob der Mord nicht vielleicht ein Ritualmord sei. Er aber mußte auf Grund seiner Untersuchungen zu dem Schluß kommen, die Mörderin sei Wera Tscheberjak, und blieb bei seiner Meinung auch nach Beilis' Verhaftung. Da wurde er vom Dienst entlassen, weil man ihm vorwarf, er suche die Mörder bewußt auf falschem Wege. Um seine Unschuld zu beweisen, setzte er nunmehr als Private Person die Untersuchungen fort. Er zählt mehrfach Beweise auf, die seine Vermutung, Wera Tscheberjak und ihre Verbrecherbande seien Justschinskis Mörder, bestätigen. 22. Oktober. Man verhört Katharina Djakonowa, eine Ireundin der Wera Tscheberjak. Sie erzählt, am Tage von Justschinskis Ermordung seien in: Hause der Wera Tscheberjak einige Hoöligane gewesen. Bald daraus fand sie daselbst einen Sack, der nach ihrer Meinung Justschinskis Leiche enthalten konnte. Ferner erzählt sic, wie ein Mensch in einer Maske sie ans der Straße anhielt und sagte, die Mörder Justschinskis seien Latyschew, Rudsinski und Singajewski, die beiden ersten — Freunde der Wera Tscheberjak, der letztere ihr Bruder. Der Prozeß hat sich nunmehr in eine Anklage gegen Wera Tscheberjak und ihre Freunde verwandelt. Bon Beilis wird überhaupt nicht mehr geredet. 23. Oktober. Die Schwester der vorigen Zeugin, Xenia Djakonowa, gibt einige Beweise für Wera Tscheberjaks Schuld. Das meiste aber hat sie vergessen.. Eine andere Zeugin hat auch alles vergessen, und alles, was man von ihr erfährt, ist, daß Offiziere ihr die Kur machten. Solche lustigen Momente wiederholen sich gar oft in diesem tragischen Prozeß. Dann folgt das Verhör Machalins, einer rätselhaften Persönlichkeit. Mächattn wollte, wie er sagt, die Wahrheit aufdecken und machte sich daher freiwillig an das Aussuchen der Mörder Justschinskis. Ihn bewog dazu die Angst, die Ritualmordanklage könne einen Pogrom Hervorrufen, dessen Greuel er in den Revolutionsjahren zur Genüge kennen gelernt habe. Machalin beweist, die Mörder seien Wera Tscheberjak, ihr Bruder Singajewski und Rudsinski, Singajewski habe ihm selber alles gestanden. Beilis, von dem schon mehrere Tage lang keine Silbe geredet wird -und der ganz und gar vergessen würbe, hat an sich heute erinnert, als er plötzlich in lautes Schluchzen ausbrach Die Sitzung wurde deswegen aus 10 Minuten unterbrochen, bis Beilis sich beruhigte. 24. Oktober. Man verliest die Mitteilungen eines Karajew, der wegen politischer Verbrechen in Sibirien weilt. Auch Karajew hat freiwillig di« Mörder Justschinskis gesucht. Singajewski, der Bruder der Wera Tscheberjak, soll ihm gestanden haben, wie er, Rudsinski, Latyschew und Wera Tscheberjak — Justschinski ermordet hätte». Karajew berichtet sogar von einigen Details der Mordtat, die er von Singajewski erfahren habe. Der Tierarzt Balawin, der im Hause der Wera Tscheberjak wohnte, diskreditiert die Person derselben. Er erwähnt auch, wie vielfach geredet wurde, sie sei die Mörderin Justschinskis. Ein Ehepaar, das ebenfalls in Weras Hause wohnte, erzählt vom furchtbaren Lärm, der ^in Wera Tscheberjaks Wohnung am Tage der Mordtat herrschte. Wahrscheinlich habe man dort Justschinski ermordert. Wera habe ihnen gedroht, falls sie nicht schweigen würden. Ein Polizeiafseher, der bei Wera eine Haussuchung unternommen hatte, charakterisiert dieselbe als Diebin und meint, Wera sei die Mörderin Justschinskis. Und von Beilis — nicht die Silbe. Der Leser wundert sich, nicht wahr? „Warum sitzt denn Beilis und nicht Wera Tscheberjak auf der Anklagebank?", fragt er. Wir an alles gewohnten russischen Inden wundern unZ jette». 25. Oktober. Der Geheimpolizist Poljestschuk wird ein zweites Mal verhört. Er erzählt von einem Gebetbuch, über das eine ganze Stunde geredet wird, und das, wie es sich schließlich herausstellt, garnicht zur Sache gehört. Er wiederholt, er hatte Beilis für den Mörder, hat aber dafür nicht einmal einen indirekten Beweis. Bon den drei wahrscheinlichen Helfershelfern der Wera Tscheberjak ist der eine, Latyschew, gestorben. Die beiden andren, Singajewski und Rudsinski, werden nunmehr verhört. Beide sind altbekannte Verbrecher, der eine wurde aus dem Gefängnis, der andere aus Sibirien ins Gericht transportiert. Beide Zeugen werden mit ihrer Wache hereingeführt. Beide leugnen ihre Schuld und behaupten, sie wußten von dem Morde überhaupt nichts. 26. Oktober. Man verhört den hmiloristischcn Schriftsteller Jablonowski. Er hat Wera Tscheberjak ein- Küchen - Einrichtungen kaufen Sie preiswert iu prima Qualität bei Breitwieser & Franke Kaiserstrasse 8. — Telephon-Amt 1, 901 Ständige Ausstellung kompletter Musterküchen