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Neue jüdische Presse · 1913-10-31 · Heft 43 (31.10.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 43 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Der Länderzuwachs Rumäniens durch das Gebiet südlich der Dobrutscha erweckte in uns ruwänischen Juden die Hoffnung, daß damit auch unsere Lage endlich eine bessere Wendung nehmen werde. Aber unsere Hoffnungen sind bis heute unerfüllt geblieben. Es soll hier ein kurzer Uüberblick über die jüngsten Vorgänge gegeben werden. Gegen Anfang Juli ds. Js. lvurde aus hier nicht zu erörternden Gründen die Mobilisierung des gefaulten rumänischen Heeres angeordnet. Es stellten sich über eine halbe Million, .worunter ca. 30,000 Juden, ein. Dazu meldeten sich noch viele Freiwillige, darunter 500 jüdische junge Leute, größtenteils Abiturienten und Hochschüler. Alles lvurde über die Donau entsendet. Selbstverständlich herrschte int ganzen Lande eine große Begeisterung, und unsere Brüder ließen es sich auch nicht nehmen, ihren heißeir Patriotismus an den Tag zu legen. Der „Verband der ansässigen Juden", der nun drei Jahre für die Rechte kämpft, entfaltete in allen Städten eine sieberhafte Tätigkeit und forderte die Juden inr Namen der Vaterlandsliebe auf, kein Opfer zu scheuen. Auch die Zionisten — uni! der rumänischen Welt zu zeigen, daß der wahre Zionismus die Liebe zum Vaterland'e nur verstärken kann — entwickelten eine kräftige Propaganda. Indessen war — infolge der Mobilisierung — im Lande eine allgemeine ökonomische Krisis eingetreten. Zahlreiche große Geschäfte mußten ihre Tätigkeit einschränken, kleinere schlossen ihre Türen gänzlich oder zur Hälfte, den Familien der in den Krieg gezogenen Handwerker drohte Hunger und Not. Ueberall mußte Hilft geschaffen werden. Die wohlhabenderen Juden zeigten nun ihre philanthropischen Gefühle mehr als je und spendeten für die bedürftigen Familien „ohne Unterschied der Nation und Konfession" Tausende und Abertausende. Sie brachten die größten Opfer, und sogar die grimtnigsten Antisemiteir konnten sich der Aeußerung nicht enthalten, die Juden hätten sich als echte Söhne des Landes gezeigt. Der Krieg selbst verlief fast ohne Blutvergießen; es war Mehr eine Demonstration, die den Zweck hatte, die Bulgaren, die übrigens wehrlos . waren, zu erschrecken, als ein regelrechter Krieg. In einem Monat war der Bükarester Friede unterzeichnet und der gewünschte Landstrich zugestanden. Der rumänische Staat hat an Ansehen und an Räche MgenomMen, das Volk jedoch und speziell die Juden haben infolge des Feldzuges schwer gelitten. Die jüdischen Soldaten wurden von den Vorgesetzten sowohl als auch von ihren Kameraden mißhandelt, beleidigt, geschlagen, einige sogar erschlagen. Ihr Patriotismus wurde verspottet, ihre Opfer nicht gewürdigt und häufig zurückgewiesen. Tatsache ist — die Zeitungen haben es bestätigt —, daß viele Offiziere den Soldaten antisemitische Ansprachen hielten und die jüdischen Mitkämpfer als Verräter hinstellten. .Ein Oberst befahl sogar seinen Soldaten, daß sie, falls es giu einem Zusammenstoß mit den Bulgaren kommen würde, zuerst ihre jüdischen Kameraden als die weit gefährlicheren Feintw niederschießen sollten! Die Cholera, die in Bulgarien wütete, drang auch ins rumänische Heer ein, und nmi war es grauslich zuzusehön, wie die jüdischen an Cholera erkrankten Soldaten verlassen würden und .unter freiem Himmel. verschmachteten. Viele, die infolge der schlechten Verpflegimg und der langen Märsche, die im Juli besonders erschöpfend wirkten, zusammenbrachen, wurden als von der gefährlichen Seuche befallen erklärt imd ohne labenden Trunk liegen gelassen. Auf diese Weift sind über 100 jüdische Soldaten und Reservisten umgekommen. Schon am Beginn der Mobilisierung verbreiteten die politischen Männer das Gerücht, die Juden werden die Bürgerrechte bekommen, sobald sich das Land beruhigen werde. Es ist nicht zu leugnen, daß diese unbestimmten Nachrichten auf die jüdische Bevölkerung begeisternd wirkten; es wäre aber verfehlt. anzunehmen, daß dieser Umstand allein ihren Patriotischen Schwung hervorgerufön hätte. Und als die ersten glücklichen Nachrichten über die Operationen jenseits dür Donau vernehmbar wurden, stellte ein Senator in einer Plenarsitzung an den Minister des Innern den Antrag, man möge doch den jüd. Soldaten ihre Pflichttreue gebührend vergelten. Dieser Antrag fand einen Widerhall, und man fing in den Zeitungen von dür Gleichberechtigung der jüdischen Mobilisierten zu sprechen an. Doch wir sollten bald wieder enttäuscht werden. Es begann nüt Kleinen:. Gegen Ende des Feldzuges erließ das Kriügsministerium an sämtliche jüdischen Frciivilligen nach Bulgarien, wo sie sich mit den regelmäßigen Truppen befanden, eine Verordnung, in der es hieß, daß. da deren Anniahme als Freiwillige nur durch einöir Irrtum geschah, sie das Ministerium als Nichteinberufene betrachte, „denn Fremde können im rumänischen Heer als Freiwilftgc nicht .aufgenontmün werden". . . Sie wurden aufgefordert, den Kriegsschauplatz gleich zu verlassen. Rach Abschluß des Bükarester Friedens glaubte Man, der rumänische Staat werdä gemäß seinem Versprechen den Juden die Bürgerrechte zu teil werden lassen. Aber er hat keine Eile. Die Staatsmänner betrachtetet: die Sache näher und fandet:, daß es eine Gefahr für Rumänien bedeuten Würde, der jüdischen Bevölkerung, und sei cs auch nur den 30,000 Einberufenen, en bloc die Bürgerrechte zu geben. Sie griffen daher zu allerhand Mittel, ihrem Versprechen zu entschlüpfen. Der Minister des Innern Take Jonescu äußerte sich dahin, man werde die im Kriege gewesenen Juden einzeln zu Bürgern anerkennen während einiger Jahre, um. eine Uebürflutung der Staatsämter zu vermeiden. (fl Ein gewesener Finauzminister verlangt von uns, daß wir uns vorher „gut roManisieren", statt des Jargons nur rumänisch sprechen und tatsächlichen Militärdienst leisten (also Befreite oder für den Dienst Untaugliche ausgeschlossen), — und dann werde man uns die Rechte geben. Und so kommt ein jeder mit seinen Meinungen und Vorschlägen, aber an die Erfüllung der Schuld denkt kein Mensch. Und wenn das Ausland auch hie und da zu 'Gunsten der bedrückten Juden ein Wort sagt, wie das Luzzatti und CleMenceau in einer italienischen und einer französischen Zeitung gemacht haben, so entbrennt der Grimm der Antisemiten — der offiziellen, die hier wichtiger sind als die zahllosen ParadejudeNfresser —, und sie richten an die Juden die ernstliche Mahnung, sie sollet: aufhören, „daß Vaterland draußen zu verleumden". Jaziw. «ns de» Greiguiffe» des Tages. Zum BeMS-Prozetz. . Die erste Halste^ des Beilisprozesses ist nunmehr vorbei, und die gesamte Welt hat bereits zur Genüge Gelegenheit gehabt, die ganze schmtchige Farce, die ganze Medertracht und Perfidie dieses Prozesses zu erkennen. Niemals noch war ein Ritualmordprozeß unter solchen Verhältnissen dagewesen, denn während bei allen anderen Prozessen der wirkliche Mörder unbekannt war und blieb, weiß diesmal alle Welt — der Staatsanwalt so gut wie die Verteidiger, der Präsident des Gerichtshofes nicht minder wie jeder Gassenjunge Kiews —, wer hie wahren Mörder sind. Niemals noch aber hat sich auch die ganze innere Berftultheit Rußlands, die ganze Vcrbrecherphyfrognomie der russischen Gewalthaber so unverhüllt, so abstoßend gemein offenbart, tvie in diesem Prozeß. Mit Schaudern blicken alle jene in Europa, die noch Rußland als Bestandteil europäischer Kultur angesehen haben, in den furchtbaren Abgrund hinein, der sich im Beilisprozeß aufgetan hat, und mit Ekel wendet sich jeder anständig Denkende von dem nwralischen Pestgerucho HZ, der ihm entströult. In den Annalen der Geschichte wird dieser Prozeß als das krasseste Beispiel für die Verdorbenheit und Verworfenheit des heutige:: offiziellen Rußland für alle Zeiten bleiben. Denn wenn der Prozeß über irgend etwas Klarheit gebracht hat, die vorher nicht da war, so ist cs darüber, daß der Beilisprozeß von der Zentralregierung in Petersbburg gewollt und inszeniert worden ist. Nicht die Kiewer llntersuchungsbehörden, nicht die öffentliche Meinung, sondern allein die russische Regierung ist die Urheberin des Prozesses, und alle Schuld und alle Schwach fällt auf ihr Haupt allein zurück. Alte brutalen Mittel einer koruMpierten Despotie wurden angewandt, :nn! diesen Prozeß zu bewerkstelligen, und so lange hat Man Beamte entlasset: und bestraft, bis sich Subjekte fanden, die den Willen der Regierung auszuführen sich bereit erklärten. Daß sie ihn ft schlecht ausführten, daß die ganze Anklage ft haltlos tvie nur Möglich ist, daß die Künste des Staatsanwalts ft durchsichtig und plump sind, daran tragen nicht die ausführenden Organe Schuld, denn auch dem durchtriebensten aller Staatsanwälte konnte es nicht gelingen, in einem ft offenkundig imd unzweideutig daliegenden Falle irgend etwas zur Stütze der Anklage herbeizubringen. Wie wird nun der Ausgang des Prozesses sein? Niemand kann es Voraussagen. In rechtlicher und politischer Hinsicht ist Rußland das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Was in jedem anderen Staate klar uttd sicher wäre: die Freisprechung des Llngeklagten, in Rußland kann es niemand mit Bestimmtheit behaupten. „Ich habe noch in meinen: ganzen Leben kein solches Geschworenönkolleginm gesehen tvie das des Beilisprozesses", erklärte einer der bedeutendsten RechtsanwÄte Rußlands. Und sieht man sich in der Tat die Zusammensetzung der Geschworenenjury an, in der Bauern die Majorität bilden, ft versteht man, daß nichts vorausgeftgt werden kann. Jedoch gewinnt es den Anschein, als ob die Staatsanwaltschaft selbst die Anklage geigen Beilis fallen oder zumindest in den Hintergrund treten lassen will; denn von Anbeginn an ist es ja ihm und der Regierung auf Mendel Bellis gar nicht angekommen. Was für die Regisseure dieser niederträchtigen Farce die Hauptsache war, ist die Konstatierung eines Ritualmordes, und dies wlll die Staatsanwaltschaft dadurch erreichen, daß sie über die wirklichen Mörder möglichstes Dunkel zu breiten sich beurüht, durch zum Prozeß in keinerlei Zu-

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