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Neue jüdische Presse · 1913-10-15 · Heft 41 (15.10.1913) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 41 (15.10.1913)
Date
1913-10-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Ta 41 Seite 4. frianffurter Israelisches FamilkcnklaL Im Zusammenhänge damit steht der an zweiter Stelle der Mitteilungen abgedruckte Entwurf einer Satzung für die Mandats-Prüfungskommission. Diese Bestimmungen /sind von einer aus den Aüsschuß-Mtgliedern: Professor Philippson, Landgerichtsrat Loewe, Justizrat Dr. Salomon, Rabbiner Dr. Nobel-Frankfurt a. M., Rechtsanwalt Dr. Dictor-Wandsbek, Gabriel Hirsch-Halbcrstadt s. A., Justizrat DL Lewin-Stettin bestehenden Kommission ausgearbeitet und vom Ausschuß einstimmig angenommen worden. In die zwölfgliedrige Mandats-Prüfungskommission sind gcwahÜ worden: Prof. Philippson, RÄhtsanwalt Dr. Lamm, Justizrat Makower, Justizrat Dr. Mendel, Justizrat Salomon, Jnstizrat Feilchenfeld I.-Berlin, Justizrat Dr. Lewin- Stettin, Rechtsanwalt Dr. Kaempfer-Poscn, Dr. Emil Sirsch-Halberstadt, Rechtsanwalt Dr. Victor-Wandsbek, »ms Sachs-Berlin und Rechtsanwalt Dr. Kollenscher- Posen. Instruktiv ist die Zusammenfassung der Hauptergebnisse der vom Gemeindebunde bei seinen Bundcsgemeinden. veranstalteten Rundfragen über das jüdische Volksschulwcsen in Deutschland. Roch nie ist eine Enquete des D.-J. G.-B. in dem gleichen Umfange beantwortet worden wie diese. Von ca. 1130 Bundesgemeinden haben 1058 die Frageiarie Beantwortet. Es bestehen in 1130 Bundesgemeinden, die Auskunft erteilt haben, 247 öffentliche oder private jüdische Volksschulen, während in 811 nur Religionsschulen oder Wanderunterricht existieren. Keine Wolksschule ist vorhanden in Ostpreußen, Brandenburg, Pommern, Schleswig- Holstein, Provinz Sachsen, Königreich Sachsen, Großherzogtum Hessen und Baden. Eine zweite Tabelle bezüglich der Frequenz ergibt, daß von den 247 Volksschulen 32 eine Frequenz bis zu 5 Schülern, 62 eine Frequenz bis 10, 80 eine Frequenz bis 20 und 73 eine Frequenz von mehr als 20 Schülern haben. Die Frage, ob innerhalb des Kreises der Gemeindemitglieder, oder bei den Vorständen solcher Gemeinden, die bisher keine Wolksschule besitzen, Wünsche nach einer solchen laut geworden sind, wird von der überwältigenden Mehrheit der befragten Gemeinden mit „nein" beantwortet. Nur zwei Großgemeinden, Cöln und Straßüurg, besitzen jüdische BolEschwlen, alle 'übrigen Großgemeinden verhalten sich gegen die Einrichtung solcher ablehnend. Eingehendere, zusammengefaßte dlngaben sind noch bezüglich derjenigen Bezirke gemacht worden, in denen Provinzialverbände vorhanden sind. Schließlich enthalten die Mitteilungen noch den Jahresbericht ^der Deutschen Zentralstelle für jüdische Wander- -armenfürsorge und das stenographische Protokoll ihrer letzten Jahresversammlung. Berlin. Der Borstand und Ausschuß des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin haben sich wiederholt mit der Frage der Verhältniswahl beschäftigt und sind in gemeinsamer Sitzung zu folgendem einstimmigen Beschlüsse gekommen: „Der liberale Verein tritt für die Verhältniswahl als für diejenige Wahlform ein, die allen religiösen Richtung«! in der Gemeinde eine Vertretung sichert." Schneiderei CrossmamT Kafsanatraamo 10a, Entnesol. Kaiser WIIhelm-PaSBage. Telefon Amt I, 6930. Englische Jacken-Kleider. Garantie für gute Passform. — Prima Stoffe und Zutaten Solide Preise. — Auf Wunsch zuverl. koschere Verarbeitung. Oesterreich-Ungar«. Wien. Unter Anwesenheit Hunderter der angesehensten Persönlichkeiten der österreichischen Judenheit fand — infolge Einberufung des Vorstandes der Wiener israelit. Knltu'sgemeinde — im großen Musikvereinssaal eine Protestversammlung gegen diePlntlüge statt. Präsident Dr. Alfred Stern und Oberrabbiner Dr. Güdemaun sprachen. —; Auch in Lemberg fand eine Protestversammlung statt. Sie war von 5900 Personen besucht. DL». LrLViS« Gegründet 1832. Frankfurt a. M. Telefon Amt I 5679. 34 G 0£tli estr&s se 34 (nächst dem Opernh&usj Moderne Wandnnd Stand-Uhren. Tasehen-Dhren. Glashülter und Genfer Fabrikate Oram ra ophone. Offizielle Verkaufsstelle der Deutschen Grammophon-A G Rußland. «lew. Die Stimmung der jüd. Bevölkerung ist sehr mutlos. Das Pogromgespcnst war nie so drohend, wie jetzt. Unter diesen Umständen ist. rs kein Wunder, daß die Affäre Bcilis auch einen FM von Geistesstörung zur Folge hatte. In der großen Wladimir-Kathedrale bestieg ein Jude die Kanzel und hielt an die Versammelten eine wirre Ansprache, die die Grundlosigkeit der Blutbeschuldigung dartun sollte. Den Armen schützte seine offenkundige Geistesstörung nicht davor, ins Gefängnis gesteckt zu werden. Dieser an sich unbedeutende Vorfall hatte für die ,Juden Kiews recht unangenehme Folgen: Der Gouverneur ließ Len Rabbiner HoroWitz und den bekannten Philanthropen Leo Brodsky als Vertreter der jüdischen Gemeinde zu sich kommen nnd ermahnte sic, auf die jüdische Bevölkerung dahin zu wirken, daß sie sich nicht zu Exzessen hinrcißrn lasse! Dabei betonte Seine Exzellenz nachdrücklich, daß er alle Versuche von jüdischer Seite, Unruhe zu stiften, mit rücksichtsloser Gewalt unterdrücken würde!! Gegenüber dieser unerhörten Verhöhnung soll Brodsky ruhig erklärt haben, daß Unruhen jiidifchcrseits nicht zu befürchten seien, da die Juden noch nie eine» Pogrom veranstaltet haben; er persönlich finde es übrigens überhaupt unter der Würde des Judentums, auf die niederträchtiger Verleumdung, die bereits von der gesamten Äulturwelt als solche erkannt werde, in irgendeiner Weise zu reagieren. Der Gouverneur bemerkte darauf, daß die Nervosität der Juden unbegründet sei, da die Beschuldigung nicht dem gesamten Judentum, sondern nur einer jüdischen Sekte .gelte. Herr Brodsky bedankte sich .für diesen Trost höslich. Er hob hervor, daß das Judentum überhaupt keine Sekten kenne und daß man ihn, Brodsky, mit ebenso gutem Grunde wegen' eines Ritualmordcs auf die Anklagebank setzen könnte, wie Bellis. Der Gouverneur entgcgnete gereizt, daß er sich in eine religiöse Disputation nicht einlassen wolle und betonte nochmals nachdrücklich seinen Wunsch, daß die Eingeladencn die jüdische Bevölkerung beruhigen und von Ausschreitungen zurückhalten möchten. — Das Pogromblättchen „Zweiköpfiger Adler", das anläßlich des Prozesses in Hunderttausenden Exemplaren verbreitet wird, darf unverhüllt und ungestraft für einen Pogrom Propaganda machen. Die fortschrittliche Presse jedoch wird für jede Aeußerung über den Beilis-Prozeß, ja, selbst für die trockene Wiedergabe nebensächlicher Nachrichten hart bestraft. Sv wurden dieser Tage zwei Kiewer fortschrittliche Zeitungen wegen Veröffentlichung eines von mehreren Rabbinern anläßlich des Beilis-Prozcsses verfaßten Gebets mit hoher Geldstrafe belegt. ( Teppichhaus Eberhard \Jleue Mainzerstp.ZZ.EchB FriBdeirsstr. - "SÄST j H MOefon. Spielleute. Eine Humoreske von K le m e n s I n n o s z a. Ucbersetzung von S. Horowitz. Sie waren vier Mann stark — ein vollständiges Orchester: Judka Milch, David Samowar, Anschcl Lisobiker und der minderjährige Ch'una Brummbaß; eine Geige, eine Flöte, eine Trompete und ein Tamburin. Alle spielten ausgezeichnet, umsomehr, als keiner von ihnen einen Begriff von Noten hatte, die die Individualität des Künstlers behindern und ihn zum gemeinen Vollstrecker fremder Eindrücke machen. Judka Milch, der erste Fiedler dieses Orchesters, zuckte, wenn man nach Noten fragte, die Achseln und antwortete: „Ich bin, Gottlob, kein Apotheker . . . nnd kann Musik ohne Rezept machen." Ebenso dachten seine Gefährten. Sie spielten alles nach dem Gehör. Judka gab das Motiv an, und David, Anschcl und Chuna folgten ihm ganz einträchtig. Wenn einer sich ein wenig irrte, verbesserte' er sich gleich; wer unter der Sonne begeht keinen Irrtum? Ein Brautmarsch war ihr Clou. So, wie man aus cineni langen Kaftan einen kurzen Rock und aus einer Weste eine Kappe Herstellen kann, konnte man aus diesem Marsche eine Polka oder eine Galoppade machen. Es genügte, daß Judka seinen Leuten zuri.'f: „Polka- ' Marsch!" Dann tanzte alles wie bes sscn, daß vom Fußboden Splitter sich loslösten und di: Zuschauer sich mit den Händen an die Hüsten schlugen, in die Handflächen klatschten und vor Lachen taumelten. Es entstand eine rasende Lustigkeit, — keine einfache, sondern neunfache Hochzeit, ein Freudentaumel! Und wer verstand cs, solch eine Freude hervorzurufcn? Judka Milch. Wodurch rief er sie hervor? Mit seinen! kombinierten „Polka-Marsch". Außer dem jüdischen hatte Judka noch zwei Repertoirs: ein ganz herrschaftliches für Propinatoren, Gutspächtcr und den kleinen Adel, — und ein viel billigeres, bäuerisches, fürs einfache Volk. Im herrschaftlichen figurierte etwas wie ein Kontrctanz, zwei „Pariser" Walzer, ein roter, ein blauer Masur, wie auch eine „schwingende" Polka — im bäuerischen war eben nur ein ländlicher Tanzden Judka selbst im Schlaf spielen konnte ... Bei der Ausführung dieses Stückes konnten David und Anschcl sogar ein wenig cinschlummern, — und, wenn nur Chuna regelmäßig das Tamburin mit der Faust bearbeitete, so hopsten die Bauern wie übermütig gewordene Ochsen und sangen dazu, daß man cs im dritten Dorfe hörte. Die Künstler wohnten in einem kleinen Städtchen, und jeder beschäftigte sich womit er konnte. Judka selbst war quasi ein Schneider, manchmal flickte er irgend einem Jude» den Kaftan, manchmal zeugte er ein Originalwerk aus Nanking, manchmal böt sich ihm Gelegenheit, cinm alten Pelzrock pinzuarbeiten, und er besaß sogar ein Andenken an diese Tätigkeit. Er besaß einen herrlichen Winterkaftan mit Stückchen von Fuchs-, Schoppen- und Widderpelz gefüttert, es war sogar etwas Wolfsfell. Wer konnte sich eines solchen Kleidungsstückes rühmen? David hatte eine leichtere Beschäftigung, er war ein wenig Makler, ging auch am Markttag zur Maut hinaus und erwarb von den Bauern magere Hühner zum Wiederverkauf. Anschcl hatte ein Detailgeschäft mit Teer. Nur der kleine Chuna hatte noch nichts; er lungerte den ganzen Tag vor der Herberge, und manchmal fielen ihm da ein paar Groschen zu. JA>es Orchestermitglied hatte genug zu leben, und außerdent warf ihnen die Musik einen schönen Ertrag ab. Fürs Spielen auf einer jüdischen Hochzeit konnte man, außer der Bewirtung und der Unterhaltung, wenigstens drei Rubel bekommen; ein Propinator oder ein Keiner Schlachziz gaben sogar fünf Rubel, aber sie rechneten die Nacht von der Dämmerung bis nahezu zur Mittagszeit, — und mit den Bauern konnte man kein anderes Uebereinkommen treffen als pro Tanz. Will Bartel tanzen, soll er zahlen, wollen achtzehn Bartels tanzen, dann sollen achtzehn zahlen, jeder für sich und seine Magda, dmn Damen dürfen selbst auf den größten Bällen nicht die Kosten tragen. Judka wußte, daß das Orchester kleine Mängel hatte: seine Hände zitterten, David hatte vier Vordcrzähne verloren und blies deshalb seine Flöte nicht ganz rein, und der kleine Chuna Brummbaß, ein sehr begeisterter Kunstjünger, trommelte manchmal nicht gerade dort, wo es nötig war . . . Aber was läßt sichtun, — solch eine bedeutende Stadt kann doch nicht ohne ein Orchester existieren? * Es passierte einmal, daß irgendein Jude in die Stadt gefahren kam, am Marktplatz hielt und sich nach Musikanten zu erkundigen begann. Bald war er von einer ganzen Menge umringt. „Nu, wozu brauchst Du Musikanten? Was für ein Geschäft hast Du für die Musikanten? Was willst Tu von ihnen? Woher bist Du?" Es stellte sich heraus, daß der Jude aus einem drei Meilen entfernten Städtchen sei, daß er von dem reichen Boruch. hergeschickt werde, der eine Tochter verheiratet, Judka Milchs berühmtes Orchester auf seinem Familienfest haben will. Das ist immerhin für die Kapelle und die Stadt keine kleine Ehre. Boruch wird kein Geld sparen, die Musikanten können sogar zehn Rubel verlangen, und er wird ihnen ohne weiteres Feilschen fünf abzwicken und fünf bezahlen und alle Rcisespesen per pedes hin und zurück erstatten, und außerdem fistrd er sie, wie auf einer Hochzeit, herrlich bewirten. Judka wurde ohne Zaudern handelseinig, und nachmittags traten alle Orchcstcrmitgliedcr, feiertäglich gekleidet, die Instrumente und kleine Bündel mit Lebensmitteln mitführend, den Weg an. Es war ein feuchter Wintertag; auf den Feldern lag Schnee und auf der Landstraße ein tiefer, klebriger Kot, wie gewöhnlich in Podlachien. Es wehte ein unangenehmer Wind. Judka band sich ein rotes Tuch um die Ohren, schürzte die Kaftanschößc bis zum Gürtel und schritt vorsichtig durch den Kot dahin, denn cs schickt sich doch nicht, zu solch einer Hochzeit in bis zu den Knien kotbespritzten Stiefeln zu erscheinen. -David und Anschcl gaben auch aufs Schuhwerk und die Kleider acht, nur der kleine Brummbaß, ein dünner, unerfahrener Schlingel, watschelte so im Kvt wie eine Gans im Wasser und beschmutzte seinen Kaftan beinahe bis zum Kragen. Während des Gehens unterhielten sich Judka, David und Anschcl über ernste Gegenstände und auch darüber, daß sie infolge der Külte und des durchdringenden Windes im Wirtshaus beim Wald einen Schnaps trinken müssen. Das Wirtshaus werden sie gegen 2 Uhr mittags erreichen, dort werden sie ein wenig ausruhen nnd dann weiter bis nach Korcorka marschieren, wo sie beim Pächter übernachten werden. Von der Schenke in Wygoda nach Kvrcarka ist beinahe eine Meile Weges und durch cinm Wald, aber da läßt sich nichts abhandeln,— wenn man zu einem guten Verdienst, auf eine prächtige Hochzeit zu solch einem reichen Manne geht, darf man keine Strapazen sparen. In Wygoda restaurierten sie sich ein wenig, der Schankwirt berechnete ihnen den Branntwein ein wenig billiger, denn Künstler haben überall ihre Privilegien, | Damenschneider«! . empfehle tadellosen Sitz, gute Verarbeitung. I Gr. Eschenhelmerstr. 19, I. Telef.'12206:

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