Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 41 (15.10.1913)
- Date
- 1913-10-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 41. _ ihre Arbeit viel intensiver sein lassen, als es in Farmen der'Fall sein kann, wo schließlich die Arbeiter wissen, daß der Nationalfonds oder die P. L. D.. (£.. die Defizite decken wird. Nur der, der ein Stück Boden als sein Besitztum wisse, werde aus ihm das Maximum des Möglichen herausholön. Dieser Ansicht gegenüber wird der Verteidiger des Farmsystems erwidern, daß es nicht so sehr der Zweck der Farmen sei, Ueberschüsse zu erzielen, als vielmehr tüchtige Arbeiter anszubilden. So lange man keinen Schlag solcher Arbeiter habe, Bearbeitung der Boden reüssieren wird. Werden könne man ja auch keine Pächter finden, bei deren aber auch diese Pächter nicht aus ihrem! Boden ihren Unterhalt ziehen können, dann trage schließlich der Nationalfonds trotz aller Verträge die moralische Verantwortung und die moralische Pflicht, sich dann ihrer anziunehmen. Was aber das Argumcnt betrifft, der Pächter werde im Bewußtsein, Besitzer seines Bodens zu sein, besser, intensiver arbeiten als der Arbeiter in der Farm, so seien alle Beurteiler sich darin einig, daß die Arbeitsintensität und Arbeitsfreudigkeit der Arbeiter nichts zu rvnnschen übrig läßt. Ich als Laie kann mir natürlich kein Urteil über die Frage erlauben. Ich hielt es jedoch für wesentlich, auf ihre Existenz hinzuweisen. Doch glaube ich, daß es recht gut wäre, _ auch einmal einen Versuch mit dem Pächtersystem zu machen. Schließlich sind ja all diese zionistischen Unternehmungen nur Versuche; warum also auch nicht ein 'Versuch mit diesem System? Me jüdische Kolonisation Palästinas ist eben nicht so einfach, wie es viele draußen glauben. Was gibt es wohl einfacheres — meint man — als die Landwirtschaft? Das Getreide gibt Brot, die Kuh Milch und das Huhn Eier und Fleisch, was braucht man mehr zum Leben? 30 Jahre der Kolonisation haben gezeigt, daß cs nicht so leicht und einfach, ist, ein Jahrhunderte lang verwahrlostes Land wieder zu beleben, noch viel weniger leicht und einfach, ein Jahrhunderte lang an städtisches Leben gewohntes Volk wieder der Landwirtschaft zuzuführen. Von dem! Ideale, das mir vor Augen steht: „Der jüdische Bauer in Palästina", ist jeder Teil dieses Doppelbvgriffes ein schweres Problem für sich. Einen großen Teil i>er Schwierigkeit haben wir bereits überwunden. Aber noch ein guter Teil von Fragen ist übrig geblieben. Werden wir aber nicht mißmutig und verzweifelt, wenn die Lösung mehr Zeit und Kraft erfordert, als wir es z>u Beginn glaubten. Hierin wie bei allen großen, historischen Leistungen bilden die seltenen Tugenden der Geduld und der Ausdauer die erste Voraussetzung des Erfolges. Ans de« Ereignisse« des Tages. Das Erwachen der Sephardim. In Wien hat anläßlich des zionistischen Kongresses ein Konferenz namhafter Persönlichkeiten der sepharhischen Judenheit getagt und wichtige Beschlüsse! gefaßt, die, wenn sie realisiert werden sollten, von großer Bedeutung zu werden versprechen. Das Problem, das die Konferenz beschäftigt hat, ist ein sehr bedeutsames: es handelt sich um die Regeneration der Sephardim. Die Entwicklung der sephardischön Judenheit in den letzten Jahrhunderten zeigt eine abwärtsführende Tendenz, und heute ist sowohl ihre Materielle wie auch ihre geistige Lage eine recht ungünstige. Materiell fristen die meisten von ihnen ein kümmerliches Dasein, und gehören sie fast alle den untersten Ständen an. Ihre Armut ist teilweise trostlos, und wenn beispiclstveise in Jerusalem auch die Lage der aschkonasischen Juden schon die denkbar traurigste ist, so ist das Elend der sephardischen Gemeinde noch viel größer. Geistig aber liegen sie völlig darnieder; ihre Rolegion besteht zum großen Teil nur in leerem ALergla leben, und von einem tieferen geistigen Leben ist nirgends etwas zu verspüren. Ihre jüdische Unwissenheit ist meist ebenso kraß wie ihre profane Unbildung, wenn sie auch jetzt alle hebräisch zu sprechen wissen. Diese Unbildung zu beseitigen, haben auch die zahlreichen Schüler der.Alliance nicht vermocht, die schon seit 50 Jahren innerhalb der sephardischen Judenheit wirken. Die heutige trostlose innere Lage der Sephardim ist ein vernichtendes Urteil Frankfurter Israelisches FsmigenLlM. Wer das Schulwerk der Alliance, das in allgemein pädagogischer Hinsicht ebenso wertlos ist wie in jüdischer. (Allerdings Macht sich in allerletzter Zeit eine Wandlung znm Besseren bemerkbar; welche Erfolge diese Reformb!estrebungen habenwerden, nruß abgewartet werden.) Der größte Teil des Schulunterrichts wird aus den französischen Unterricht verwandt, und da die Schüler fast all den niedersten Ständen entstammen, haben sie, wenn sie der Schule' entwachsen, keinerlei Verwendung für ihr Französisch und.vergessen cs bald. Der jüdische Unterricht, der in den Händen alter unwissender Chachamim liegt, ist noch mangelhafter. So haben diö' .Allianceschüler keinerlei Aenderung in der Lage der sephardischen Juden herbeizusühreü vermocht. Erst in den letzten Jahren hat eine Regeuerationsströmnng eingesetzt; unter dem Einfluß des neuen „Jischub" in Palästina beginnt es sich mrter den palästinensischen Sephardim zu regen, und auch in den übrigen Teilen der Türkei kann nran schon eine gewisse Wirkung der nationalen Bewegung beobachten. Doch kann all dies nicht genügen, uM eine wahrhafte Wiederbelebung der Sephardim herbeizuführen; dies wird nur eine starke, wohlorganisierte Betvegung bewirken können, die von den Sephardim selbst ausgeht. Diese Bewegung zu schaffen, war der Zweck der Wiener Konferenz, an der viele der namhaftesten Vertreter der sephardischen Judenheit teilnahmen. Es wurde ein provisorisches Komitee eingesetzt, das die Bewegung leiten und organisieren soll, und ihm zur Seite ein beratender Ausschuß gewählt, dem die bekanntesten Führer der Sephardim angehören. Was das Komitee leisten wird, läßt sich noch nicht sagen. Uns dünkt, daß es ein Fehler war, den Sitz des Komitees nach Wien zu verlegen, das doch kein Zentrum' der Seiphardim ist. Konstantinopel wäre wohl geeigneter. Doch wäre es nur wohl verständlich, wenn der erste Versuch nicht sogleich zum Ziele führen würde. Jedenfalls ist die Tatsache, daß man von sephardischer Seite an den Beginn einer energischen, zielbewußten Regenerationsarbeit schreiten will, schon sehr erfreulich. Nicht minder bemerkenswert ist es, daß dieser erste Versuch in engem' Zusammenhang mit dem zionistischen Kongreß unternommen wurde und fast! alle Führer der Bewegung Zionisten sind. Wir hoffen, daß die zionistischen Kreise der Türkei die Bewegung aufs energischste unterstützen und diese selbst rasche Erfolge erzielen wird. Denn die Zeit ist bereits gekommen, da dieser bedeutende, über so manche uns Aschkenasim abgehende Vorzüge verfiigende sephardische Teil des jüdischen Volkes zu neuem Leben erwachen imd die in ihm schlummernden reichen Kräfte in den Dienst der Wiedcrerlösung seines Volkes stellen soll. Küchen - Einrichtungen kaufen Sie preiswert in prima Qualität bei Breitwieser & Franke Kaiserstrasse 8. — Telephon-Amt I, 901 Ständige Aufteilung; kompletter Musterküehen. Brief aus Rußland. Die Ereignisse der letzteil Wochen geben den besten Beweis dafür, ivie die Reaktion in eine Politische Belebung und eine allgeüteine Unzufriedenheit mit der jetzigen politischen Lage Wörgeht. Auf denr Jahrmarkt in Nischni-Nowgorad verlangten die Vertreter der Kaufmannschaft auf einern Bankett zu Ehren des Ministerpräsidenten Kokowzow die Durchfiihrllng liberaler Reformen. Kokowzow >var in einer unangenehmen Lage und verwandte seine Zunge nach Talleyrands Rat znm Schweigerr. Aehnliche Forderungen enthielt die Resolution des Kongresses dür Vertreter der Landwirtschaft. Und endlich trat auf dem' Kongreß dür Vertreter der Städte Gutschkow, der berühmte und berüchtigte Oktobristenführer in der 3. Duma, wo er die Politik Stoly'pins linausgesetzt unterstützte und dafür bei deir letzten Wahlen Schiffbruch litt. Leite 3 derselbe Gutschkow trat mit einer scharfen Verurteilung der Regierungspolitik auf, und Man zollte ihm reichen Beifall. Die Ollobristen haben Gutfchkow zugestimmt und geben ihrer.Empörung Wer die Regierungspolitik tagtäglich Ausdruck. Den Vorschlag, den die Regierung außerordentlich unterstützte, einen Block mit den Nationalisten für die nächste Dumasession zu bilden, haben die Ollobristen abgelehnt. Die Enthüllung des Stolypin-Denkmals in Mew, die die Gelegenheit zu diesem Bündnis bilden sollte, wurde statt einer Bolksfeier, wie man es wohl erwartete, zu einem tragikomischen Spiel einiger reaktionärer Elemente. Aber selbst die Nationalisten, die Stolypnr ihren Schöpfer und Führer nünnen. Müssen unt der wachsenden Unzufriedenheit rechnen, und'' ein Nationalist, der wahrscheinlich vor zwei Wochen vor dem Denkmal Stolypins niederkniete, sagte nun: „Auch wir bilden eine Opposition der Regierung, die uns garnichts gibt und garnichts tut!"^ Zu erwähnen ist noch die wachsende Streikbewegung, die zwar vorzüglich einen ökonomischen Charakter hat, aber doch von einem Steigen des Selbstbewußtseins und des Mutes der Massen zeugt. Eine Versammlung der „Schwarzen Hundert" erllärte sogar, Rußland befinde sich am Vorabend einer zweiten Revolution, erließ einen Aufruf zuM Kampf mit derselben und drohte mit einer Bartholomäusnacht. ' * Und was tut die Regierung? ' Ihre Politik bleibt unverändert. Alle bekannten .Repressalien blühen auf allen Gebieten des russischen Lebens. Und das Lllltagsbrot der Juden, Ausweisungen, ProzentnorM usw., — lohnt es sich noch davon zu reden? Eine Neuigkeit besteht in der Einführung der Verlosung beim Eintritt der Juden in .die Universitäten, sodaß nicht Mehr die jungen Leute mit den Vesten Attestaten ankommen werden, sondern die Glücklichen, auf die gerade das Los fällt. Diese Maßnahme des Aufklärungsministers Kasso, die Mw Aufgabe hat, die begabten jüdischen Elemente zu bekämpfen, wurde sogar von einem Oktobristen verurteilt. (Eine Seltenheit: ein Ollobrist tritt für die Juden ein!) Nur in Polen, wo der Boykott zu den rohesten Aeußerungen gegen die Juden führt und wahrscheinlich auch denr Handel Schaden bringt, hat die Regierung eingegrisfen rmd die offene Organisation des Boykotts untersagt. Aber auch hier greifen offizielle Befehle und Praxis nicht immer ineivander. Als z. B. jüngst in einem Dorf Juden von Polen Werfallen wurden und eine Reiberei entstand, wurden die Polen nicht einmal verhaftet!, die Juden werden wegen. Inszenierung eines christlichen Pogroms angellagt. Wie reagiert aber die Regierung auf ine Regung der Bevölkerung, welche Stellung wird sie zur Duma, die wahrscheinlich oppositionell gestimmt sein tvird, einnehmen? Zunächst hat sie die Einführung neuer Reformen abgelehnt, und die Gesetzesprojekte, die sie einbringt, sind so reaktionär, daß die Duma sie wohl ablehnen wird. Dann will sie auch in dür zweiten Dumasession den Boykott der Volksvertretung fortsetzen. (Bekanntlich hat die Regiermig am Ende der ersten Session die DuMa boykottiert, dä sie die Beleidigung der Regierung seitens eines Deputier-, ten dazu benutzte, uM von der Duma eine Entschuldigung, also eine Herabsetzung ihrer Würde, Kr fordern, was die DuMa ablehnte.) Und schließlich hört man von einem Plan, die 4. Duma auszulösen. In diesen Tagen wird die Judenpolitik der russischen Regierung gerichtet werden. In Kiew, wohin jetzt alle Blicke gerichtet sind, werden nicht nur die Geschworenen über Beilis, sondern wird auch die ganze zivilisierte Welt Wer die Regierung ihren Richtspruch aussprcchen, die als Mittel zu ihrer Politik die schmutzige Blutlüge benutzt. L. K. ■- Aus alter Welt. «tätige» Reich. yerlt«. Nr. 84 der „Mitteilmtg.en" b o in Deutsch-Israelitischea @emein bcbunb enthält an erster Stelle die Einladung zu dem ans. den 7. Dezember 1913 nach Berlin einbernsenen ordentlichen Deutsch-Israelitischen Gemeindetage.