Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 41 (15.10.1913)
- Date
- 1913-10-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Das WKet wir MerchatUah — nachdehn! 8er größte Teil des Zwischenlandüs in letzter Zeit erworÄn worden ist — Mescha, Jemma, Poriah, Kineireth und Dagania bildet ein einheitliches, zusammenhängend^ Terrain, und jede dieser Siedlungen liegt von der anderen nur wenige Stunden entfernt. Als ich« Jemma verließ, mit über Poriah nach Kinereth und Dagania zu gehen, da machte ich Mich auf einen längeren Weg gefaßt; die ganze Route dauerte zwei Stunden. Poriah liegt kaum! eine Stunde von JÄnma entfernt auf einem Berge. Dieses Poriah ninnnt unter allen jüd. Positionen des Landes eine ganz besondere Stellung ein: es stjellt einen ersten Versuch dar, der, wenn er gelingt, von der größten Bedeutung für die jüdische Kolonisation in Palästina zu werden verspricht. Palästina bietet bei allein Fortschritten, die die Kolonisation bereits gemacht hat, bis heute noch keinen Platz für jüdische Kleinbürger; für Leute, die über ein Vermögen von 10—15,000 Frs. verfügen. Bis heute kann hier im Lande entweder ein recht wohlhabender Kapitalist existieren, der Pflanzungen anlegen läßt, oder der besitzlose Arbeiter, der sich als Lohnarbeiter verdingt. Was aber kann der „kleine Mann" hier anfangen? In Lohnarbeit gehen will und kann er nicht'; sich Land kaufen und Aarbellen, dazu werden seine Geldmittel nicht hinreichen, um all der ersten Schwierigkeiten, die in dvösem jahrhundertelang verwahrlosten Lande bei jedem landwirtschaftlichen Unternehmen zu überwinden sind!, Herr zu werden. Auf der anderen Seite aber ist gerade dieses Element für die palästinensische Kolonisation außerordentlich wichtig. Einmal b-esitzt der palästinensische Gedanke gerade unter diesem Leinen Mittelstand« viele Anhänger; sodann aber ist ein solcher „kleiner Mann" Meist viel disponierter als ddr reiche Zionist, sich in Palästina anzusiedeln, well «Sr nicht auf europäisches Wohlleben und gewohnten Luxus zu verzichten hat; ja, gewöhnlich vertauscht er sein hartes, schweres Arveitsleben der europäischen oder amerikanischen Großstadt mü einem viel ruhigeren und glücklicheren Landleben in Palästina;uNd endlich, für Palästina selbst ist. diese Art Kolonisten besonders wichtig, weil sie! sich nicht auf kapitalistische Unternehmungen, die durch die Beschäftigung von Arabern das arabische Element im Lande stärken, einlassen, sondern durch ihrer eigenen Hände Arbeit leben wollen und müssen. So ist es, von verschiedenen Sellen aus gesehen, eine außerordentlich wicht^e Aufgabe, für solche Kleinbürger die Möglichkeit der Ansiedlung zu schaffen. Dieses WUl /.Poriah" versuchen. Der Gedanke geht von Amerika aus. Dort hat .sich eine .Aktiengesellschaft gebildet, die eine genau fixierte Anzahl Aktien ausgibt. Jeder, der Mitglied der Gesellschaft wird, hat jährlich ca. 700 Frs. M zahlen, in vierteljährlichen Raten. Die Gesellschaft «erwirbt im ersten Jahre nach der Gründung eine größere Bvdenfläche in Palästina und läßt sie bearbeiten. Nach .zehn Jahren gibt die Besitzung hren vollen Ertrag, der — nach der aufgestellten Berechnung — pro Mitglied der Gesellschaft etwa 2000 Frs. jährlich beträgt. Nachdem also der Teilnehmer 7000 Frs. eingezahlt hat, kommt er Hierher, baut sich ein Haus, das auf etwa 5000 Frs. zu stehen kommt, und hat hier ein jährliches Einkommen, mü dem er bei schlichter Lebensweise irtit seiner Familie gut auskonnnen kann. Voraussetzung dabei ist natürlich die, daß er dann selbst «wellet. Bleibt er drüben, so erhält er jährlich den ihm zukommenden Gewinnanteil. Außerdem wird eine Biehwirtschast angelegt, für die beson-; dere Aktien ä 200 Frs. ausgügeben werden; diese wird den Mitgliedern die wesentlichsten Nahrungsmittel verschaffen. Die Bearbeitung der Besitzung, wenn die Mitglieder bereits gekommen sind, kann je nach ihrem Wlllen, entweder korporativ oder privat, vor sich gehen, da bereits gleich nach dem Ankauf der Bodens derselbe in Parzellen eingctellt Morden ist, deren Zahl der der Aktionäre entspricht. Auf dieser Grundlage sind bereits vier Gesellschaften in Amerika gegründet worden, deren Wionäre meist Handwerker, bessere Arbeiter, Leine Kanfleute usw. sind. „Poriah" existiert erst zwei Jahre, sodaß also noch nicht zu sagen ist!, ob diese! .Berechnung stimmt. . -Die Lage „Poriahs" ist eine unbeschreiblich schöne. Es liegt' ans einem brcllen Bergeskamm, unten am Fuße erstreckt sich der blaue Tiberias- Frankfurter Israelitisches Familienöläit. sec in herrlichem Sonnenschein; Ms streicht ein frischer, freier Luftzug über diese Siedlung dahin; tvenn die Besitzung später erst cimiräl den Ertrag geben wird, den man erhofft, werden die Bewohner dieses herrlichen Fleckens in der Tat beneidensrvert sein. Die Bcsitzuitg wird heute! von einem voll der Gesellschaft berufenen Verwalter geleitet, und die Pflanzungen, die bereits angelegt sind, m'achen einen vorzüglichen Eindruck. Ip-jährige Mändelbäume sah ich dort bereits Früchte tragen. Bon den Mitgliedern, die erst nach 7 Jahren beginnen sollen, sich anzusiedeln, ist bisher nur einer, der Gründer der.Gesellschaft und Initiator des Gedankens. hcrgckomMeii, um die Leitung der Milchwirtschaft zu Wernehmen. Er selbst ist piit wohlhabender Mann und hat sich demgemäß auch ein prachtvolles, großes Haus erbaut. Ich fragte seine Frau, ob sie und ihre Familie sich hier glücklicher fühlten als drüben in- Amerika. „Welch ein Vergleich!" erwiderte sie, „dort in St. Louis war unser Stäfeh gar kein Leben zu nennen. Früh morgens eilte mein Mann in sein Büro, mittags stürzte er in 10 Minuten das Essen herunter und' lief wieder in sein Geschäft. Und wenn er abends heimkam, war er so müde, daß er für andere Dinge keinen Sinn mehr hatte. Das ganze Leben war uns— und auch allen anderen — nur ein ewiges Hasten, Reimen, Sichübäranstrengen, und int Mittelpunkt des Ganzen stand nur ein Gedanke: busiass. Vergleichen Sie damit mein Leben hier. Der Frieds eines Paradieses umgibt mich, rings um mich diese herrliche Natur, die Familie ist stets beisammen, keine Sorge, kein LärM, fein Aerger, keine Schecks, keine Wechsel; ich würde Mein hiesiges Leben nicht gegen das eines Millionärs in der 5. Avenue New Jorks vertauschen. Glauben Sie es mir, das ist keine Phrase. Jedesmal, wenn ich meinen Mann gesund und froh in seinen Stallen sehe, wenn ich meine Kinder rotwangig und lustig um ihre Mhe springen sehe, danke ich Gott, daß er mich aus der Hölle Amerikas in dieses Paradies geführt hat." Ich gebe die Worte dieser tüchtigen, gebildeten Frau so ausführlich wieder, well sie das allgemein herrschende Gefühl all derer zum Ausdruck bringen, die aus Europa oder Amerika hier- . hergekommen sind. Kaum einen dieser Kolonisten habe ich gefunden, deir nicht Wer diese Veränderung seines Lebens glücklich wäre; gewiß, fast alle möchten sic jede zwei, drei Jahre wieder einmal für ein, zwei Monate nach Europa hinüber; der Instinkt des Großstädters ist Mn in ihnen vorhanden. Aber dort wieder leben, nein, das will.keiner. In gehobener StimMung verließ ich die schöne Besitzung. Ich hatte wieder einmal dem großen Schauspiel kultureller Schöpfung bewohnen dürfen. So erwirbt Man hier neue jWische Posittonen, so fügt man Stein zu Stein in dem großen Zuknnstsgebäude der neujüdischen Kultur in Palästina, und in Stätten, die Jahrhunderte! lang wüst und verlassen waren, blüht neues, jugendftisches Leben. Steil hinab ging es nun den Berg, auf dem Poriah liegt, hinunter, ab und zu Halt Machend und einen bewundernden Blick über die prachtvolle Umgebung des Tiberiassees werfend, und nach einer halben Stunde waren wir schon in Kinercth. In Kinereth, am Ufer des Tiberiassees liegend, befindet sich eine Leine Kolonie der Jca und außerdem eine Farm des P. 8. D. C. Diese Farut, vor einigen Jahren gegründet, hat in den ersten Jahren große Defizite gebracht, außerdem gab' es auch öfters Streittgkeiten zwischen den Leitern und den Arbeitern. Schließlich entschloß sich Dr. Ruppin auf Antrag einer Arbeitergruppe, ihr die Farm zu selbstäirdigcr Bearbeitung zu übergeben. Die genauen Dctallbest'immnngen sind mir nicht bekanntlich glaube, daß jeder Arbeiter Essen und Wohnung frei hat, außerdem 10 Frs. monatlich erhält, und daß der Gewinn dann zwischen P. L. D. C. und der Ärbeitcrgruppci gctellt wird. Diese einzelnen Bestimmungen sind aber nicht so wichtig; .weitaus wichtiger ist die Frage des Resultates. Ueberschüsse gibt die Farm auch hellte iroch nicht, jedenfalls aber haben sich die Defizite außerordentlich vermindert, und Man hofft, daß sie in allernächster Zukunft beginnen wird, erhebliche Uebdrschüsse zu geben. Das Leben dieser Farnt-Arbeiter ist ein recht schweres. Die Arbeit * ist hart, und die Nr- 41 Wohnung und sonstigen Lebensbedingnngen siiijjl recht, recht einfach. Die Arbeiter selbst machen de» I bestell Eindruck; alle der Arbeit außerordentlich» ergeben, pflichttreu und ausdauernd. Einen wcili-I ger guten Eindruck macht die innere Einordnungl ihrer Lebensweise, die hauptsächlich Sache der toeifcl lichen Mitglieder der Gruppe ist. Ich habe dies auch» nachher in Dagania wahrnehMen nlüssen, daß dix» innere Einrichttlng, die Sauberkeit vor allem, noch! manches zu wünschen übrig läßt. Tüchtige Häus-I frauen sind unter den Arbeiterinnen eben sehr sel-I jene Erscheinungen. Der Grund scheint Mir in ihrer» ganzen, von der russischen hypörkulturellen llnJ kultur angekränkelten Wesensart zu liegen. Man! kann Marxist sein und dabei doch ein tüchtig« I Arbeiter bleiben. Aber es ist ziemlich schwdr, russj-l sche Sozialdemokratin, emanzipierte Frau nach russi-I scher Auffassung zu sein, und noch viel Sinn swi Schmackhaftigkeit der Speisen und peinliche Saubcr-i keit des Bettzeuges übrig zu haben. Es ist viel-! leicht nur gut, daß auch die Arbeller meist auf I diese Dinge, die ihnen mehr „bourgeoise" Tugen-1 den zu sein scheineir, kein allzugroßes Gewicht! legen. Sie würden sich sonst doch recht unwohl! fühlen in ihren ziemlich kahlen, ungemütlichen I Räumen, denen man ös anmerÄ; daß .keine liebe-1 volle Frauenhand um ihre Ausschmückung und Bc-I haglichkell sorgt. Behaglichkeit der Lebensführung! Mit anstrengender Arbeit' zu verbinden, haben die meisten dieser Arbeiter noch nicht gelernt. In Kinereth befindet sich auch die Mrd-! chenfarm des Jüdischen Nationalsonds. Meine eben gemachten Bemerkungen beweisen wohl zur Genüge die Existenzberechtigung dieser Mädchen-1 farm> wo die jungen Mädchen zu tüchttgen Kolonistinnen herangezogen werden sollen. So nötig tüchtige Kolonistenfrauen in Palästina sind, so selten sind zu treffen. Und wenn das Leben in vielen Kolonien so ungeinein teuer ist, wenn gerade die meisten landwirtschaftlichen Produkte und! Nahrungsmittel so knapp und teuer sind, so liegt die Schuld an diesen anormalen Verhältnissen meist an den Frauen. Eine Kolonie ohne tüchtige Kolonistinnen ist eben eine halbe Sache. Und wenn der Mann auch auf dein Felde noch so viel arbeitet, z das Haus mit seiner städtischen Lebensführung verz schlingt wieder alles. Eine gut geleitete, erfolg-; reiche Mädchenfarm ist für Palästina eine seiner j notwendigsten .Lehranstalten. «Die Schülerinnen der! Farm in Kinereth machen meist einen recht guten Eindruck, und ihr sauberes, gefälliges Aeußerc sticht wohltuend von demab, was man so oft Pi dieser Hinsicht hier währnehmen muß. Hoffentlich wird der Erfolg auch die Ergebenheit und Liebe zuM Institute, die seine Gründerin und Leiterin erfüllt, so belohnen, wie sie es erhofft und aus Grund ihrer aufopferungsvollen Arbeit verdient. «Bon Kinereth 20 Minuten entfernt liegt Dagania, gleichfalls eine zionistische! Farm. Aus dem Wege muß man üBet den Jordan übersetzen, der hier recht .schmal ist. .Dagania stellt die erste jüdische Posllion jenseits d!es Jordans dar. Allerdings .besitzt die Jca in Transjordanien eine große Bodenfläche von ca. 70,000 Dünam, aber kein jüd. Ansiedler hat sich in jene wilde Gegend'noch hingetraut, und bis heute wird ,das ganze Land. .Arabern zur Pacht übergeben. So darf denn Dagania es für sich in Anspruch nehmen, die erste jüdische Ansicdlung Transjordäniens zu sein. Die Farm macht durch ihre Größe und ihre stattlichen Gebäude einen guten Eindruck. Auch das Innere der RäuMe ist freundlicher und behaglicher als in Kinereth, aber vor allem auch ans dem Grunde, weil die Häuser noch nüu sind. Der Eindruck, den der Fremde von den Arbeitern und Arbeiterinnen gewinnt, ist derselbe wie der, den ich von Kinereth geschildert habe. Es ist in letzter. Zeit int Lande die Frage aufgeworfen worden, ob diese Farmen überhaupt eine empfehlenswerte. Methode der Kolonisation darstellcn. Die Defizite, die sie alljährlich bringen, haben in Manchen Kreisen Zweifel an ihrem Werte anfkommcn lassen. Und von verschichencn Sellen habe ich die Ansicht vertreten hören, daß cs besser und richtiger wäre, an Stelle des Farmensystems das Erbpachtsystem treten zu lassen, das heißt der Nationalfonds solle das von ihm erworbene Land Leinen Erbpächtern in Pacht geben. Das Bewußtsein, ganz auf sich selbst angewiesen zu jein, das Streben Kur Wahrung der eigenen Interessen werde