Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 40 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches FmrrillenNM. Nr 40 den D.-J. G.-B.bei der nächsten Etatberatung zur Sprache kommen wird. Eine Stellungnahme des Verbandes zur Ersatzkassenangelegenheit soll erst erfolgen, wenn größere Klarheit in der Angelegenheit (Auslegung bczw. Anwendung des Angestelltenversicherungsgcsetzes) geschaffen sein wird. Posen. In einer Sitzung, an der Dr. Holländer, Syndikus des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüd. Glaubens, und Rechtsanwall Dr. Krombach als Vertreter des Landesverbandes Posen des Ceutralvercins teilnahmen, wurde über die Frage eines N»,irtsch restlichen Zweckverbandes für die Juden der Ostmark beraten. Lehrer Becker-Wollstein referierte. Die Notwendigkeit des Zweckverbandes wurde anerkannt, und weitere Schritte zu seiner Verwirklichung wurden beschlossen. Italien. No«. Unsere Regierung hat beschloffen, ihre Verfügungen re. an die Juden von Tripolis in hebräischer Sprache abzufassen. Zum ersten Male seit 2000 Jahren ist damit die hebräische Sprache wieder offiziell. Rußland. Kiew. Die Verhandlungen des Beilisprozeß haben begonnen. 182 Zeugen sind anwesend. Die Gcschworenenbank bilden sieben .Bauern, zwei Kleinbürger und drei Beamte. Ein Vertreter des Justizministeriums wohnt den Verhandlungen bei. Alles legt Zeugnis ab von der „politischen Mache" des Prozesses. Warschau. Nachdem sich die schweren wirtschaftlichen Schädigungen durch den Boykott der Polen gegen die Juden überall aufs deutlichste bemerkbar machen, ist endlich, ein „allerhöchsten" Besch! herausgekommen, in dem es heißt: „Jede Aktion, die den Zweck hat, den Boykott einzelner Personen, ganzer Nationalitäten oder einzelner Klassen der Bevölkerung zu organisieren, zu unterstützen oder zu solchem Boykott aufzufordern, ist verboten. Die Uebertretung dieses Verbotes wird mit einer Geldstrafe von 500 Rubel oder drei Monaten Arrest bestraft." ■eugarBffaatl Telephon Amt I, 6723 Weis§£ranen-Bad Herren-Ahteilong. Damen-Abtellung. Kurnad, Bade- Anstalt I. Banges mit allem Komfort der .Neuzeit eingerichtet. Frankfurt a.H., Weissfrauenstr. 12, L, (Lift) Trambahnhaltestelle SchanspielhaoB Welssfrauenhof. 6WannenbiiderI.Kl. m-Dpocbe, elag. elngericbt^ inU.VisabeUk.4.— < WBlHwimildMte tafcl. Wische Mk. 6.— 6 elektrische Ucbtbäder Mt 10.-. N.tnr Kohlensinre nnd »Ile meaia. Mdg ond Muugen. Persoualie» «. Kleine Mitteiluugeu. WSucheu. Das hiesige Gemeindestatut gibt orthod. Juden das Recht, ihre jüdischer Angestellten am Sonntag zwei Stunden zu beschäftigen. Das oberste Landesgericht hat diese Ausnahmebestimmung als nicht zulässig erllärt, und bet Magistrat hat daher den Beschluß gefaßt, sic aufzuheben. Otterberg bei Kaiserslautern. Unser fast 3000 (Seelen zählendes Städtchen hatte noch vor wenigen Jahrzehnten eine blühende jüdische Gemeinde. Heute gibt es nicht eine jüdische Seele mehr hier. Würzburg. ZsacWeißbart, der diele Dezennien als Sofer und Buchhändler dahier tätig war, verschied in den jüngsten Tagen im Aller von 79 Jahren. Es wäre nun für einen streng religiösen als tüchtig approbierten Sofer Gelegenheit geboten, sich in hiesiger Stadt eine Existenz zu begründen. . Mainz. Geb. Justizrat Dr. O p p e n h e i m ist erster Vorsitzender der Mainzer Liedertafel geworden. Elberfeld. Unter großer Beteiligung wurde hier das Altersheim der israelit. Gemeinde eingeweiht. Es befindet sich in einem ehemaligen Patrizierhause an der Königstraße und bietet Platz für 25 Personen. Züllichau. Kommerzienrat Ludwig Born-Berlin hat unserer Stadt für ihre Kinderbeschäftigungsanstalt wiederum 1500 JL gespendet. Er hat diesmal das Ersuchen angefügt, daß ein Mllglied der jüdischen Gemeinde Sitz im Kuratorium der Anstalt erhalte. Dem Ersuchen wurde sofort stattgegeben. Jüdische Spender für interkonfessionelle Zwecke mögen sich, hieran eiu Beispiel nehmen. O^vbach. Die Grundsteinlegung zum Shna» go genneu bau wurde in feierlicher Weise vorgenommcn. Rechtsanwalt Dr. Goldschmidt, der erste Vorsteher, gab einen geschichtlichen Rückblick über die' Entwicklung der Gemeinde. Rabb. Dr. Goldschmidt hielt, die Festrede. Die Kosten des Neubaus belaufen sich auf 'eine halbe Million Mark. Erbauer sind Friedrich Schwarz und Wagner-Offenbach. Wien. Bei der Grundsteinlegung des Franz Josef-Huldigungstempels vertrat Statthalter Baron Bienerth den Kaiser. Paris. Der bekannte Philosoph Henri Berg so n Professor am College de France, bewirbt sich um den durch Emilie Olliviers Tod frcigewordencn Sitz in der französischen Akadetnie. Bcrgson würde der erste Jude sein, den die vierzig Unsterblichen in ihrer Mitte aufnichmen; bisher war noch kein Juoe Mitglied der Akademie. DwiuSk (Rußt) Hier ereignete sich ein furchtbares Vifenb ah nun glück. Unter den 14 Toten befinden sich 4 Juden: Wolf Gricsberg, Moses Jsrajilew, Efraim Polonski und Moses Berlin. - New-Aork. .'Benjamin Altma.n n, der bekannte Kunstsammler, ist verschieden. Rew-Vork. Der Philanthrop Julius Rosenwald- Chrcago hat' den dortigen „Vereinigten Jüd. Wohltätigkeitsanstaltcn" 250 000 Dollar geschenkt, damit dieselben sick) dafür ein Verwaltungsgebäude errichten. — Hier verschied in hohem Alter der Jargonlicder-Komponist Elia!um Znnzcr. Schneiderei Crössmann KaS&ormtra tse lOa, Entnosat. Kaiser Wilhelm-Passage. Telefon Amt I, 6930. Englische dackcn-KIcider* Garantie für gute Passform. — Prima Stoffe und Zutaten. Solide Preise. — Auf Wunsch zuverl. koschere Verarbeitung. Ißttiffeton. Im Wäldchen. Novelle von S. H o r o w i tz. (Schluß.) Debora hatte keine spekulativen Nebenabsichten, sie wsollte nicht einen Ehrgeiz. befriedigen, ihr handelte es sich nur um die Person des jungen Mannes, umsomehr, als sie noch nie Gelegenheit hatte, mit einem anderen zu verkehren. Sic kannte die 'Denkweise des alten Altstich, seinen Ahnenstolz, wußte, daß er vom Verkehr der jungen Leute innerhalb des Hauses wenig Kenntnis habe, und deshalb halten diese Beziehungen, obwohl sie dem Wunsche ihrer Eltern entsprachen, für sie etwas Bcllcmmendes. Zur Aussprache war es noch nie gekommen, man fürchtete eine Entscheidung zu provozieren, und man legte fatalistisch die Hände in den Schoß. Als Frau Ncuburg Josefs ansichtig ward und seine Verlegenheft wahrnahm, faßte sie einen energischen Entschluß. Sic wußte, daß eine Begegnung und Unterhaltung auf offener Promenade dem alten Altflich zu Ohren kommen und somft eine Klärung der ungewissen, zweifelhaften Lage, eine Entscheidung herbciführen müsse. Als Joses seinen Namen von den Lippen der Frau Neuburg vernahm und Mutter und Tochter in nächster Nähe erblickte, zauderte er keinen Augenblick länger und begrüßte sie. Seine Befangenheit wich, und er erlangte bald das Gleichgewicht. In den letzten Tagen hatten im Ghetto Begebenheiten stattgefunden, die viel Aehnlichkcit mit ihrer Lage hatten und also einen interessanten Gesprächsstoff abgaben. Ucberdies konnte man an der Hand dieses Themas die eigene Sache wie unpersönlich und unverfänglich, gleichsam inkognito besprechen, und Frau Neuburg machte von dieser Gelegenheit ausgiebigen Gebrauch. „Sie sehen, lieber Josef," meinte. sie, „die alten Vorurteile sind doch im Verschwinden begriffen, denn wenn Josmann, wenn auch erst nach einem Sträuben, öffentlich erklärt hat, daß die AbstaniMung allein nicht den Ausschlag gebe, daß diese Anschauung in dem Maße, wie Bildung und gute Sitten immer weiter in die Massen dringen, jede Existenzberechtigung verliere, -und nur das persönliche Werk des Menschen entscheide, so dürsten auch andere Leute ihre Ansichten modifizieren. Es ist wohl richtig, daß JosMann diese rationelle Weltanschauung erst dann sich aneignete, als bittere Erfahrungen, die er im Kreise seiner Ebenbürtigen gemacht, ihm das Törichte seiner Vorurteile zu Gemüt führten, ich sehe aber nicht ein, warum nicht auch Leute, die von dieser Lektion betroffen worden sind, sie nicht beachten sollten." „Beste Frau Ncuburg," entgcgnetc. Josef, und sein Blick streifte Debora, die an der Sefte ihrer Mutter befangen dahinschritt, „Sie wissen oder ahnen cs wenigstens, daß ich Vorurteile eben als Vorurteile ansche, mit anderen Worten, als in gar keiner Beziehung begründet. Ich kenne nur den Menschen, als 'solchen, und wenn man auch cinräumen muß, daß das Milieu einen gewissen Einfluß übe, so will das nicht besagen, daß auf eine lange Ahnenreihe Rücksicht zu nehmen sei. Anderseits aber, — und das ist das Traurige an der Sache —, sind diejenigen, die Standesvorurteila hegen, wohl zu bedauern, aber nicht zu verdammen. Die Leute sind in dieser Auffassung großgezogen/ sie jSchlesicky > jStröhlein Kaiserplatz 17 Frankfurt a. 91. OptUs.. Photo graplile. Universitäts-Cafe ——■ fralhfassfges Familien-Calö. — ~ ■V* Mässige Preise. , Besitzer: Ennmt Dunkot. ist ihnen zur zweiten Natur geworden, und nur allmählich, langsam' uifter Einwirkung einer Gegenvorstellung, können sic ihre Vorurteile fahren lassen. Es ist auch eine tüchtige Eigenliebe dabei im Spiel, denn die vermeintlich Tieferstehenden geben das Piedestal chrer Größe, ab, wenn also dieses Postament stürzt, verflüchtigt sich auch ihre Größe. Die Nichtcbenbürtigen bilden den Resonanzboden ihres Größenwahns, und wenn diese verschN'änden, vermöchte niemand sonst ihren Ruhm zu verkünden. Ueberdies betrachte ich den Ahnenstolz als unjüdisch; aber darüber ein anderes Mal und vor einem andern Forum." Er hielt inne und warf Frau Neuburg einen vielsagenden Blick zu. Debora hatte sich am Gespräch nicht beteiligt; jetzt schlug sie die Augeir empor und gewahrte sein vor Aufregung erhitztes Gesicht. Eine Weile schritten sie schweigend dahin, und sie bemerkten, wie die Spaziergänger dieser, dreiköpfigen Gruppe verwundert mit den Augen folgten. Frau Neuburg hatte richtig kalkuliert: die Sensation war feriig, man vernahm ein angelegentliches Gemurmel und Raunen, .haß die jungen Leute darauf aufmerksam werden mußten. Debora senkte befangen die Augen, auch Josef war im ersten Moment verlegen, faßte sich aber bald, sein Gesicht nahm einen energischen Ausdruck an, seine Gestalt reckte sich, und sein Blick streifte ruhig und unerschrocken die Passanten. Inzwischen begann die Dämmerung hereinzubrcchcn, im Wäldchen herrschte bereits ein Halbdimkel, und di: . Purpurtinten der nntergehenden Sonne ließen die Eisenbahnschienen goldig glitzern. Auch über die schimmlige Oberfläche der Tümpel huschten Reflexe, während, das Quaken der Frösche immer melancholischer wurde. Jenseits hes Weichselarmes wurden einige Kühe von der Weide nach dem Stall geführt, und der Hirtenjunge blies auf seiner Schalmei, daß die Töne in der Lust vibrierter!. . Das Gehölz leerte sich, alles befand sich bereits auf dem Nachhauseweg, und jetzt flutete die Menge durch den Viadukt. David!, der Trottel, begleitete „st ine Gäste" bis zur Bahndurchfährt, von vielen Seiten wurde ihm übriggebliebener Proviant zugeworfen, den er grinsend auffing. Beim Viadukt angelangt, begann''Josef, sich von Mutter und Tochter zu verabschieden, denn es war bei allen selbstverständlich, daß es die Saite gar zu straff spannen hieße, wenn er sie gar durch die „Gasse" begleitete. „Für heute müssen wft uns trennen," sagte er, „aber, Frau Neuburg," und sein Blick suchte Deboras Augen, „unsere Unterhaltung ist auf keinen steinigen Boden gefallen. Ich werde die Konsequenzen meiner Denkweise ziehen und hoffe, trotzdem mit meinen sonstigen Pflichten nicht in Kollision zu geratest. Tie nächsten Tage werden die Entscheidung bringen, und so sage ich: „Auf baldiges, frohes' Wiedersehen." Da es im Ghetto nicht üblich war, den Hut zum Gruß zu lüften, nickte, er nur mit seinem kalpakbedeckten Haupt nnd entscrnte sich festen Schritles durch den Viadukt, daß seine Tritte von der Wölbung widerhallten. Der Lenz war mit vollen Segeln ins Land gezogen und verjüngte selbst das Ghetto. Die Kvtpfützcu waren verschwunden, und die Gassen waren wie blank gescheuert. Die Natur hatte Pfingstlaune, und im Jndcnvicrtel feierte man das schöne Wochenfcst. Wie balsamische Düfte wehte es in der Luft, die Stuben waren herausgeputzi und mit Laub geschmückt, die Fußböden mft grünen Sendboten der jungen Vegetation bestreut, und allenthalben herrschte gehobene Fcststimnmng. Der Trubel des .mühseligen Alltags ruhte und der Geist hielt Um- und Rückschau. Die Synagoge war der Mittelpunkt, und ein Etwas, wie ein heiliger Schauer, hatte die Gemeinde ergriffen, als stünde sie am Fuße des Sinai, wo der Herr der Heerscharen unter Donner und Blitz sich seinen! Volk offenbarte. Ja, eine neue Aera hatte da begonnen, die Menschheit ihren göttlichen Adclsbrief erhalten, und nun war es an ihr, die Offenbarung.in immer weiteren Kreisen zu verkünden. Dieser 'Adelsbrief, stempelte die Empfänger zu echten- Rittern von Geist, und dieser Ahnenstolz ist auch den Nachkommen zu gönnen. ' -; Rcb Meier Altflich befand sich während der Feiertage in einer fteudig erregten Stimmung, war zugäng-