Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 40 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40 frankfurter ZsraeWsches FauMercklatt. Ente 5 O Leo Schweinlesi i I Damenschneiderei? empfehle tadellosen Sitz, gute. Verarbeitung. P Kr. Eschenhelmerstr. 19, I. Telef. 12206. W licher, herablassender als sonst, und seine stachelige Seite verschwand ganz hinter dem feiertäglichen Atlaskaftan. Selbst seine Gesichtszüge verloren ihre Strenge und manchmal spielte gar ein wohlwollendes Lächeln um seine Lippen. Jetzt nach dem Mittagessen hielt er seine Siesta, in seinem breiten Lehnstuhl sitzend und aus einer Meerschaumpfeife schmauchend. Er liest die Ringe des Tabakqualmes wohlgefällig gegen die. Stubendecke steigen und .seine Finger spielten mit den Quasten des seidenen Schlafrockes. Ihm gegenüber säst Josef vor einem aufgeschlagenen 'Buch, seine Gedanken schienen aber nicht bei der Lektüre zu weilen,. denn sein Blick war unstät und fixierte verstohlen den Vater. Josef hatte schon mehrmals einen Anlauf genommen, sein Herz vor dem' Vater auszuschütten, hatte ein Thema berührt, das er als ein Präludium zu seiner iSache betrachtete, aber vor Verlegenheit den Faden verloren/ und jetzt suchte er nach einem Anknüpfungspunkt. Er wußte, daß der gegenwärtige Moment hierfür der geeignete sei. Er rang nach Worten und begann stockend: „Vater, ich sehe, daß Du heute so freudig bcivegt, in so weicher Stimmung bist, daß ich den Mut finde, Dir ein Anliegen vorzutragcn; Du weißt, daß ich in allen Stücken ein gehorsamer Sohn bin, was mir übrigens nur eine angenehme Pflicht war, da ich Grund habe, auf meinen Vater stolz zu sein. Nur in einem Punkte nehme ich mir die Freiheit, eine abweichende Meinung zu haben und zwar, wie es Dir im großen und ganzen bekannt, betreff der Auffassung über „Jichus".' Ich habe oft schon angedeuiet, daß meiner Ueberzeugung nach der' Seelenadel sich nicht vererbe, / der Sohn kein Recht habe, auf die Verdienste seines Vaters zu pochen, denn selbst ist der Mann . ." Reb Meier machte eine Handbewegung, und Josef hielt inne. - „Es ist richtig," sagte Altstich senior, „ich benicrkle seit einiger Zeit, daß Du absichtlich und beharrlich auf diesen Gesprächsstoff zurückkommst/ daß ich beinahe versucht bin, bei Dir einen Hintergedanken zu vermuten." „Dein Scharfsinn hat, wie immer, lieber Vater, das Richtige herausgefunden. Ja, diese Sache liegt mir sehr am Herzen, ich will mich einmal nicht in Andeutungen, sondern klar und rückhaltlos aussprechen, und ich glaube heute, am Wochenfest, an eine gute Tradition anzuknüpsen. Ich bin nämlich der Meinung, daß vom jüdischen Standpunkt jeder prinzipielle Stantzcsunterschied unhaltbar sei. Wir Juden sind alle einer Abstammung, haben alle die gleiche Weihe empfangen, und deshalb ist eine sogenannte Geburtsaristokratie nicht am Platze. Traurig genug, daß die sozialen, wirtschaftlichen Verhältnisse Stufenleitern in der gesellschaftlichen Hierarchie errichten, die übrigens nicht unverrückbar sind, denn in dem Maße, wie die materielle Lage eines gegebenen Individuums sich ändert, erfährt auch seine gesellschaftliche Stellung eine Wandlung. Aber, warum zu dieser Kluft, die von selbst zu erstehen scheint, noch eine künstliche hinzufügen?" Wiederum hielt Joses inne, denn Reb Meier machte eine etwas ungeduldige Geberde. „Mein Sohn, von einer unüberbrückbaren Kluft kann keine Rede sein. Wir, die wir die jüdische Intelligenz repräsentieren, beanspruchen doch keine Vorrechte. Wir sagen nicht wie andere Leute, der Unterschied liege im Blut, sondern wollen uns in der Menge nicht auftösen. Wir vermöchten nicht das Volk zu uns cmporzurichten, und wir würden eo ipso wie ein Tropfen im Meer verschwinden. Unsere Auffassung ist keine starre, abweisende, sondern eine schätzende, erhaltende. Wir ziehen keine festen Kreise, errichten kein unübersteigbares Bollwerk, solchem sind froh, wenn wir uns durch neue Elemente verjüngen können. Es ist also keine verknöcherte Form sondern eine fluktuierende Wechselwirkung. Die ursprüngliche Abstammung, die Ueberlieferung ist wohl eine gleiche, da aber die Verhältnisse dem Menschen, ihr Gepräge aufdrücken, müssen wir ihnen Rechnung tragen. In dem, Maße, wie eine Familie sich unserer Lebensauffassung nähert, verschwin- J« W« Albert, Optik Fils - u. Pincenez Doublt Mk. 7.50, Nickel Mk. 4.00. Weissfrauenstrasse II, Ecke Nene Mainzerstrasse. det allmählich der nicht angeborene, aber anerzogene Unterschied, die Pforten unseres Kreises stehen ihr offen, und das um so eher, wenn einer der Unsrigen ihr den Uebergang erleichtert . . ." Jetzt machte Josef eine fteudig ungeduldige Bewegung, und er konnte sich nicht enthalten, dem Vater ins Wort zu fallen. An den Sinn der soeben vernommenen Worte anknüpfend, ging er auf die Verhältnisse der Familie Ncuburg über, wies nach, dnst speziell deren. jüngere Mitglieder ihrem Wesen und ihrer Erziehung nach Anspruch darauf haben, als gleich- und vollwertig betrachtet und behandelt zu werden,' und wenn sich ^jemand, — und das ist er —, findet, der der Tochter, Fräulein Debora, den Uebergang in den exklusiven Kreis durch eine Heirat erleichtern will, so handle er im Geist des vom Vater aufgestellten Prinzips,, und so bitte er um hie Erlaubnis, um die Hand Der genannten Debora anhalten zu dürfen. Altstichs Gesichtszüge drückten Uebcrraschung aus, doch wäre ein Physiognomiker zum Schlüsse gelangt, daß dem Vater der Roman des Sohnes kein Buch mit sieben Siegeln war. Immerhin aber wußte er nicht, daß die Sache schon spruchreif sei, und da Josef stehenden Fußes aus seinen Worten Kapital schlug, war er im ersten Moment verblüfft. „Josef," sagte er, „auf Deinen Redeergust will ich jetzt nicht antworten. Ueberrumpeln lasse, ich mich nicht, und Sophismen verfangen nicht bei Mir. Ucberdics läßt sich nicht jede Theorie einem konkreten Falle anpassen. Ich habe das Mädchen hier und da" unwillkürlich beobachtet und mich selbst gewundert, wie die Leute zu solch einem Kind kommen. Im übrigen will ich nichts gesagt haben, ich werde die Sache in Erwägung ziehen und dir dann meinen Entschluß be- ' kanntgeben." Er erhob sich von seinem Sitze, stellte die inzwischen kalt gewordene Pfeife auf den Pfeifenständer .und begab sich gravitätischen Schrittes ins anstoßende Gemach. Josef verliest ebenfalls das ZimMer, indem er schier einen Luftsprung machte. * Am Sabbat nach Pfingsten herrschte im Wäldchen Aufregung. Frauen und Mädchen standen in dichten Gruppen, eifrig disputierend und gestikulierend. Vor Ueberraschung vergaß man beinahe, sich an den traditionellen gesottenen Erbsen zu delektieren, und Davidl, der wie gewöhnlich zwischen den Bäumen herumlungerte, hatte einen guten Tag, denn um ihn nur los zu werden, wurde er mit den Hülsenfrüchten .förmlich gefiittcrt. Instinktiv erriet er, daß etwas Außergewöhnlich geschehen sein müsse, und er schnitt noch stärkere Grimassen als sonst. " In der Tat war das Ghetto außer. Rand und Band geraten, alle Gesellschaftsschichteit waren wie aufgewühlt. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht verbreitet, daß . . ., aber man wollte es einfach nicht glauben, und die Augenzeugen mußten es förmlich beeiden. 'Als an der Tatsache selbst nicht mehr zu zweifeln war, trat allgemeines Schweigen ein, um einem wahren Sturm Platz zu machen. Und das Er- ' eignis war für die Gasse wirklich' von unberechenbarer Tragweite, revoltierend und umwälzend. Es war eine Bresche in. ein altes Bollwerk gelegt worden, und die Volksmenge machte schon Miene, die entstandene Lücke auszunützen und durch das offene Pförtchen hineinzuschlüpfen. Heute ward es nämlich in der Synagoge publik, daß Josef, der einzige Sohn des ahnenstolzen Reb Meier Altstich, sich mit Debora, der Tochter des Emporkönnnlings Ncuburg, verlobt habe, und er.wurde bereits in der Eigenschaft eines chosen — Bräutigam — zur Thora aufgerufen. Dieses Geschehnis war danach angetan, die herrschende Rangordnung, die stillschweigend anerkannten Standesunterschiede über den Haufen zu werfen, weshalb diese Kunde je nach dem Parteistandpunkt mit Entrüstung oder freudiger Genugtuung ausgenommen wurde. Das weibliche Geschlecht insbesondere ließ seiner Zungenfertigkeit die Zügel schießen, und das „Wäldchen" bot heute keine idyllische Ruhe, sondern den Anblick eines heftig tobenden. Redeturniers. Als nun gar Frau Neuburg, fteudcstrahlend und von Geschmeide glitzernd, im Gehölz auftauchte, wurde sie von Freund und Feind Mimisch begrüßt, und es regnete förmlich' Glückwünsche. Frau Neuburg liest sich von einem Dienstmädchen einen H'andkorb mit Backwerk und sonstigen Leckerbissen nachtragen und traktierte damit die Gesellschaft. Davidl schnalzte mit der Zunge, sein grinsendes Gesicht nahm einen schier verklärten Ausdruck an, und sich den Mund mit den Süßigkeiten vollstopftnd, gluckste er: masel tow! masel tow! I Rotoert Grerlaob Frankfurt am Hain, Mainzerlandatraase 166 Telephon-Amt I, 5375. — —=— Kunstu. Bauschloäserei, Eisen-Konstruktionen, Schanfenster-Anlagen.Werkatattfürknnstgewef bliche Metallarbeiten in Eisen, Bronce. Messing. R*paraturarbeiten. Kunst und Literatur. Das religiöse Leben in .Amerika von Wilhelm Müller. 266 Seiten. Jk 4,50, geb. Jk 5,30. Jena, Eugen Diederichs. Amerika ist für uns das Land des Dollar, und auch sein geistiges Leben vermögen wir nur in Verbindung mit dem Dollar zu betrachten. Milliardäre spenden ihre Dollars für Universitäten, Bibliotheken, Kunstfchätze. Aber reiner Idealismus, geistiges Eigenleben, — uns dämmert nicht einmal der Gedanke, daß solches drüben möglich sei, auf. lind nun vom Allgemeinen zum Speziellen, d. h. hier zur Betrachtung von unserem jüdischen Anschauungskreise heraus; wir bemerken mit Entsetzen, daß das Schwergewicht der Judenheit immer mehr nach Amerika hin tangiert, wo im Hochschmelzofen des Dollar ein amerikanisch unheimlich schneller Assimilierungsprozeß sich vollzieht. Doch all' dem ist nicht so. Man lese nur Müllers „Das religiöse Leben in Amerika", — und man wird sehen, daß man ungerecht geurteilt hat. Im Gegenteil: Dem krassesten Gelderwcrbsstreben steht als Extrem ein heftiges Sehnen nach dem Idealen gegenüber. So findet sich denn nirgends ein solch' buntscheckiges, lebhaftes Bild des religiösen Lebens als grade in Amerika! ■ Müller hat es verstanden, in knappen Strichen und klarer, leichter Stilistik dieses Lebens Mannigfaltigkeit zn zeichnen. Natürlich hat er auch ein Kapitel dem Judentum gewidmet. Leider hat er anscheinend hier .Vertreter der Reform als Informatoren gehabt; man höre nur folgende Aussprüche: „Wie der liberale Protestantismus eine Verinnerlichung des Christentums anstrebt, so kehren die führenden Geister des Judentums von dem talmudischrabbinischen Standpunkt eines starren Gesetzkultus zurück in die , Tiefe des prophetischen Gottesbegrifses und bringen mit ihm die Humanitätsideale der Gegenwart in Verbindung". „Ihre Religion" — die der reformierten Juden — „ist ein Deismus und chr Ritus ein Ausdruck des Gefühllebens, der die Gegenwart mit der Vergangenheit verbindet." Müller bemüht sich, stets objektiv zn urteilen, und bas bemerkt man auch in seinem Kapitel über gas Judentum. Als Beweis dafür sei diese Besprechung mit nachstehendem Ausspruch seinerseits geschlossen: „Auf die Mehrheit der Juden, welche der Synagoge den Rücken kehren, üben christliche Kirchen keine Anziehungskrast aus, wenigstens nicht in ihrer jetzigen Form. Machen sich doch in diesen Kirchen dieselben bedenklichen Erscheinungen bemerkbar, wie in den Synagogen. Ein Mann aber, der ein leckes Schiff verläßt, sucht nicht auf einem Fahrzeug Zuflucht, in welches gleichfalls die Fluten eindringen." Offenbaeher Druckluft - Aulagje Qffsnhach ». I. Telefon 123.. (Anwchim« mit Frankfurt). Bewährteste Tspplchrslnlgnng, 100,000 gm jährlich sowie unübertroffene Betten- und Bettfedernreinigung mittelst Druckluft und Wasserdampf. Kaiser Friedrich Quelle ——> Offenbach a. M. — Segen dicht and Rheumatismus bewährt. Alleiniger General -Vertreter: Frtadrlols Stahl, Frankfurt a.X., Günthersburg-Allee 37. TeL259 u. 714. Wochem-Kalender. Jomkippur. Festcs-Anfang: Freitag-Abend 6UHr. Festes-Ende: Samstag-Abend 6 Uhr 28 Min. (Frankfurter Zeit). S u k k a u s. Festcs-Anfang: Mittwoch-Abend 5 Uhr 20 Min. (Frankfurter Zeit). E r u w T a w s ch i l i n. Bedeutung: Sukkaus erinnert an den göttlichen Schutz in der Wüste und lehrt so Gottvertrauen. — Es heißte „Regel" (Wallfahrtsfest; wie zu Pejach und Schowuaus hatten alle Männlichen nach Jerusalem zu wallfahren) und „Chaghovsiw (Fest der Einlese, da die Feldfrüchte eingeheimst wurden). Die Sukko. Bedachung aus Pflanzenwuchs» der vom Boden abgcschnitten sein muß. So.gedeckt» daß man noch Sterne durchsicht. Wahrend des Festes sei die Sukko unsere Wohnung, in der wir unsere Mahlzeiten einnehmen und uns möglichst viel aufhalten. Rach Kiddusch bezw. nach Moze die Brocho „Leischef basukko". Frauen „entzünden" in der Sukko. Das L u l o f. Beim Schütteln in der Rechten, mit dem Rückgrat vorm Gesicht. Essrog links. Am Jomtauw zmn Lulos Wasser nachschütten; am Halbseiertag neues nehmen. Wer morgens nicht geschüttelt, kann's bis zum Abend nachholen. Schabbos unterbleibt das Schütteln. Samstag: Sabbat-Ende: 6 Uhr 15 Min. (Frankfurter Zeit). Mittwoch: Haschaanoh - Rabbo. Ernstheiligen Charakters, in Beziehung gedacht zum Jaumkippur. In der Dornacht das sogen. „Lernen", Mittwoch Morgen vermehrte Hoschaanohgebete, Bitten um Fruchtbarkeit durch Wasser. ^Sieben Umzüge mit Thorarollen. Synagoge wie