Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 39 (30.9.1913)
- Date
- 1913-09-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39 zehn Jahren von der Jca gegründet. "Sie sind! reine Ackerbaukolonien und entwickeln sich recht zufriedenstellend!. DM Weg von Merchawjah nach Mescha fuhrt rings um den Tabor herum und bietet ab und zu herrliche Aussichten. Nach drei Stunden kamen wir in Mescha an. Die Kolonie bietet das typische Bild der untörgaliläischen Kolonien, die alle mach ein ein Schema angelegt sind. Eine lange Hauptstraße, zu beiden Seiten in mäßi-. gent. Abstand von einander die einfachen Häuser ßnnt Wirtschaftsgebäude, mit ihren roten Dächern weithin in die Gegend leuchtend, und dazu eine oder tzjwei Querstraßen. Die Kolonisten stäMmen meist aus Rumänien und Galizien. Das Leben in diesen Siedlungen ist ein sehr einfaches, viel natürlicher und bäuerlicher, als das. der judäischen Kolonien. Zum ersten Male fand ich mich einem wirklichen Dorfleben gegenüber. Butter, Milch, Eier findet man hier in Menge, umso weniger Fleisch. Jede Familie hat ihre Kühe und Hühner, deren Pflege die Sorge der Hausfrau bildet. Die Bauern pflanzen alle Getreidearten, arbeiten schwer und verdienen reichlich ihr Brot. Man sicht nur sehr wenig Araber in diesen Kolonien, weil zur Bestellung der Aecker einfach nicht so viele Kräfte nötig sind als zUr Pflege der Weinberge und Bojaren. Oft xeicht die Arbeitskraft des Vaters und seiner Söhne ans. Man merkt ich überall in diesen Kolonien, daß hier für Pflanzungen und kapitalistische Grundbesitzer kein Platz da ist. Es ist eben noch heute so, wie es in alter Zeit stets war. Während Judäa mehr das Land der Reicheren, Adeligen des Reiches war, war Galiliäa von schlichten Bauern bewohnt. Durch die Saronsebene zogen die Herden der Großgrundbesitzer, auf dem Karmel verwalteten treue Diener die Weinberge der Reichen Jerusalems und Samarias, währenddes bearbeitete der galiläische Landmann seine Aecker und sang seine naiven, heiteren, poesievollen Erntelieder. Judäa war die Stätte der entlvickelten geistigen Kultur, und Galiläa der Platz der harten physischen Arbeit. In Judäa schuf Jesaia seine ewigem Gedanken, schleuderte Jeremias seine unvergänglichen Donnerivorte der Welt entgegen, und unterdes wartete in den lieblichen Bergen Galiläas die Sulamith auf den Geliebten ihrer Seele und sang die schönsten, sehnsuchtsvollsten Liebeslieder der Weltliteratur. Als das Judentum zur Zeit der Tanaim die Höhe seiner geistigen Kultur erreicht hatte, da hatten die gelehrten Rabbis einiges Recht, auf den galilaischen „Aurhaarez" mit einer gewissen Verachtung herabzusehen. Uns Juden von heute aber, die wir keine wichtigere Aufgabe haben, als unsere krankhaft-extreme Jntelloktualität durch ein gesundes Gleichgewicht zwischen Körper und Geist zu ersehen, ' soll dieser einfache, ungelehrte, aber Muskelstarke, lebensfreudige galiläische Bauer der Vergangenheit das nächste Ideal sein. Werden wir erst wieder einmal dis großen Scharen unserer gesunden Galiläer haben, Hann dürfen wir wieder hoffen, Propheten zu gebären. . . . -Bon Mescha führte mich meine Reiseroute nach J.e mm a, der größten und blühendsten aller untergaliläischen Kolonien. Es bildet Aas Zentrum' Nnke!rgaliläas. Eine schöne, fteundliche Kolonie, der man den guten materiellen Zustand auf den ersten Blick anMerkt. Ich war zu Gastgeladen bei einem tüchtigen Kolonisten. Als wir uns z!uM Abendmahl niedersetzten, und mein Blick die das Zimmer füllende stattliche Kinderschar meines Gästherrn umfaßte, gesunde Jünglinge, rotwangige! Mädchen, die alle einen Tag anstrengender Arbeit hinter sich hatten, da ergriff inich ein solches Gefühl der Zu-' friedenheit, der Heimlichkeit) wie selten wieder. Und ich verzehrte däs einfache Mahl mit größerer Lust, als in den elegantesten Hotels europäischer Metwpolen. „Als ich vor sechs Jahren aus Rußland herkam" — erzählte mir der Kolonist — „da waren mir meine Kinder, zumal die älteren, eine ewige Quelle des Aergers und Verdrusses. Die jüngsten quälten sich in einem ungesunden, schmutzigen Cheder bei einem mürrischen, unfähigen Mclamed, der sie ständig prügelte, und die älteren lasen Kautskys Broschüren und faselten vom Zukunftsstaat, und in langen Nächten verzehrte mich die Sorge, ob sie auch treue Söhne ihres Vaters bleiben werden. Heute, wo sie 10 Stunden auf dem Felde schwitzen, haben sie dazu keine Zeit mehr. Frankfurter Israelitisches FamigenblaÜ. Eine gute Ernte ist ihnen jetzt wichtiger als alle Zukunstsstaaten." „Sehen Sie", sagte nrir der Vater, als wir uns vom Tische erhoben, und er zeigte stolz auf die Schar seiner Söhne und Töchter, „ich einfacher Jemmaer Bauer gebe dem jüdischen Volke mehr als jeder Ihrer reichen Frankfurter Philantropen. Sie geben uns Geld und wieder Geld. Ich aber gebe Meinem Volke acht Kinder, und jedem Kinde hoffe ich seinen Acker mitzugeben." Er hatte tatsächlich recht, mein schlichter Gastherr. Was besagen tote Taler gegenüber blühenden Menschensöhnen; einige Zehntaufende solcher Spendän, wie sie der Jemmaer Kolonist seinem Volke darbringt, und dem jüd. Volke ist für alle Zeit geholfen. Restaurant und Cafe Zur Festenbarg Friedberger Laadstr. 430« Tel. 49871. empfiehlt seine prachtvollen Gärten, Terasse, Saal u. diverse Gesellschaftsräume. Für Nachmitt agsspaziergänge sehr geeignet. Schöne Allee bis znm Restaurant. Ruhige staubfreie Lage. Um gütige Berücksichtigung bittet Anton Pfeifform Brief aus Oesterreich. Golus ohne Ende! Golus in der schlimmsten Form, in der Form der Selbsterniedrigung und Selbstentmannung, das ist das ständige Thema für jüdische Briefe aus Oesterreich. ' Ein paar Beispiele. Ein Rabbiner einer kleinen Gemeinde in Mähren, der auch viel in jüdischer Literatur arbeitet, hat anläßlich der Preßburger Brandkatastrophe in seiner Gemeinde eine Sammlung eingeleitet. Gewiß sehr lobenswert. Das Ergebnis dieser Sammlung sendet er aber an die Neue Freie Presse, obwohl er doch wissen Muß, daß von den nicht direkt an jüdische Korporationen abgelieferten Geldern ein großer Teil Nichtjuden zugute komMt, also dem eigentlichen Zwecke entftemdet wird. Doch das schadet dem Herrn wenig. Ist doch däfür sein Name in der vielgelesenen Presse zu lesen, wo sonst nur der Name eines Rabbiners, freilich mit Weglassung des Charakters, eines Herrn Prof. B. unter nichtssagenden Buchanzeigen zu lesen ist, eines Mannes, der, wie er einst stolz bekannte, Rabbiner der siebentgrößten Gemeinde Böhmens (mit Ausnahme Prags und der Vororte) ist und die Literatur um ein Lehrbuch der Geschichte bereichert hat. Für so etwas darf man schon ein paar Abbrändler verkürzen. (Uebrigens wäre eine Rechnungsablegung über die Preßburger Hilfsaktion schon höchst angezeigt.) Die Vorsteher stehön ihrem Rabbiner in nichts nach; so traten zwei Herren in Brünn, die dem Vorstände nicht ferne stehen — darunter ein Herr Lötv-Beer —, einem Kirchenbauverein als Mitglieder bei! Auch Wien und Prag haben ihre Golusblüten: In Wien die Aufregung der offiziellen Zionisten über die verdiente Abkanzelung des führenden Apikores Adolf Böhm durch Hermann Struck und Dr. Gaster; in Prag die skandalösen, in Deutschland gewiß unverständlichen Begleiterscheinungen bei dem Gründungsfeste und der Einweihung des neuen Heimes der Prager Bne Brith Logen. Die Restauration im neuen Logenheim wurde einem Nichtjuden übertragen; bei den Einweihungsfeierlichkeiten waren neben einer Reihe von Büfetts, an denen Schinken, Hummern rc. zu haben waren, zwei Büfetts als nominell koscher bezeichnet; das Bankett rvurde natürlich in einem christlichen Restaurant abgehalten, trotzdem die« ehrw. Herren Rabbiner von Karlsbad und Budtveis diesem.Bankette der „Bundessöhne!" beiwohnten. Aus den« inneren Lager der Juden ist somit nichts Erfteuliches zu Melden. Um so angenehmer berührt die Tatsache, daß die Beilisafsäre die führenden Geister der tschechischen Natton zu einem flammenden Protest gegen den Ritualmordwahn beseelt hat. Mas im politischen und geistigen Leben «eite 3 einigermaßen Namen hat, hctt diesen flammenden Protest im Namen der flavischen Humanität ge» fertigt, sehr zum Aerger des tschechischklerikalen „Tschech", der jetzt — seitdem der „XX. SM" jämmerlich eingegangen ist — allein die Geschäfte der Tschechischklerikalen in .rüdester Form..besorgt. Doch darüber nächstens. Spectator. Aus de« Ereignissen des Tages. Zur Frage der jüdische» BoüSschule. Der Konflikt zwischen deM jüdischen Lehrerverband und dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund nimmt an Schärfe zu. Es ist bereits soweit gekommen, daß der Lehrer- Verband die Annahme der alljährlichen Subvention des D.-J. G.-B. diesmal abgelehnt hat. Dieser Schritt bedeutet eine Art von Abbruch der Beziehungen zwischen beiden Verbänden und kommt in seiner Bedeutung einer offenen Kriegserklärung gleich. Dieses energische Vorgehen des Lehrerverban» des ist sehr zu begrüßen. Denn einzig und allein ein unbedingtes Beharren auf deM eingenommenen Standpunkt und das konsequeMe Ziehen aller daraus sich ergebenden Konsequenzen werden den Verband zju einem Erfolge führen können. Denn dar-, über werden sich seine führenden Männer Wohl klar sein, daß die Herren vom D.-J. G.-B. nicht allzuleicht den Forderungen der Lehrer nachgeben werden. Handelt es sich doch bei den Führern des D.-J, G.-B. um eine Sache, die für sie vom Partei- Polittsch-fteisinnigen Standpunkt äus bedeutsam ist. Verbietet es ihnen doch ihre Zugehörigkeit zn Aen liberalen Parteien, für die Änfeffronelle Schule einzntreten, und es ist ja nur zu bekannt, wie überzeugungstreu und energisch diese.Herren sind, wenn es sich uM Interessen der freisinnigen! Parteien handelt. Darum müssen die Lehrer zur Einsicht gelangen, daß, wenn sie einen Erfolg erreichen wollen, sie ihn nur durch Zwang erzielen werden. Die Letter des D.-J. G.-B. Müssen gezwungen Werden, die Interessen der gesamten deutschen Judenheit höher zu stellen als die Doktrinen Mer politischen Partei, sie müssen dazu gezwungen werden durch die einmütigen Kundgebmrgen der deutschen Judenheit. Und diese Kundgebungen zu bewirken, darauf muß nun dre Arbeit des Lehrerverbandes ausgehen. Er muß vor aller Welt den Standpunkt bewnen: daß die Sache der jüd. Volksschule keine Sache der Lehrer ist, sondern eine solche der gesamten Judenheit Deutschlands. Es wird seine Pflicht sein, in der bald entsetzenden Wintersaison in den großen Zentren des jüdischen Lebens Deutschlands große öffentliche Versammlungen zu yeranstalten, die den Herren voM D.-J. G.-B. beweisen soften, daß die große Majorität der deutschen Juden auf Seiten der Lehrer steht. Er Muß innerhalb der kleinen Gemeinden eine rege Agitation entfalten, uni diese Kreise, auf die die Lehrer meist Wnfluß besitzen, für sich zu gewinnen. Kurzum, er muß den Kantpf, den er nunmehr durch Ablehnung der Subvention eröffnet hat» auch energisch und konsequent zu Ende führen. Tut er dies nrtt Energie, so zweifeln wir nicht an dem Erfolg. Noch gibt es eine öffentliche Meinung innerhalb der Judenheit Deutschlands, und noch ist diese öffentliche Meinung stark genug, um Wer den Willen einiger Machthaber zn siegen. Diesmal werden die Herren vom D.-J. G.-B. eben nicht alles nrtt der üblichen Phrase abtun können, daß däs Ganze eine Mache von Zionisten und Orthodoxen sei. Sie werden vielmehr früher .oder später gezwungen sein, nachzngeöen und den Standpunkt der Lehrer, der 8er Standpunkt aller es gut um die deutsche Jndenheit Meinenden fern muß, auch zu dem ihren zu Machen. Es liegt an der Energie und bete Ausdauer, an dem Mut und der Entschlossenheit des Lehrerverbandes, ob er in diesem für ihn selbst und für die gesamte deutsche Judenhett so wichtigen Konflikte den Sieg erringen wird. Bleibt er entschlossen, auch trotz aller bösen Mienen der justiz- und konnnerzienrätlichen GemerndepärnosiM, vertritt er seinen Standpunkt auch wettörhin mit Konsequenz und sorgt er dafür, die öffentliche jüdische