Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 39 (30.9.1913)
- Date
- 1913-09-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Heik 2 Kdische Gemeinden sind! vernichtet, und auch für die Zukunft .wird das Schichal der BaKanjuden viel schlimmer sein,- als es güvesen. Ein großer Teil von. Juden, die bisher unter dem! Schutze der Türkei ruhig und unangejochten in ihren nationalen Rechten gelebt haben, ist nunmehr unter die Herrschaft Griechenlands gebimmen, dessen antisemitische Gesinnungen imr allzubald, wenn erst die neuen Untertanen sich in die neuen Verhältnisse eingelebt haben werden, sich offenbaren werden. Eine beträchtliche Zahl von bulgarischen Juden, die in Bulgarien volle Gleichberechtigung genossen haben, ist rumänisch, geworden, und wenn es auch vorläufig heißt, daß diesen neuen jüdischen Untertanen volle Rechte zugebilligt würden, früher oder später wird diesem unmoKichen Zustande, daß ein Tell derJudenheit rechtlos, der andere aber gleichberechtigt sei, ein Ende gewacht werden. Und wie dieses Ende sein wird, ist Lei der Gesinnung sämtlicher rumänischer Politiker, wie sie sich erst soeben wieder in der Acage der jüdischen Soldaten gezeigt hat, nur all- Augewiß. Die Türkei, unter ältest Staaten der Welt der judenfreundlichste, zudem der Staat, dem das Land unserer heiligsten Zukunftshoffnungen gehört, ist geschwächt worden, was naturgemäß auch für uns eine Schädigung bedeutet. Die einzige Hoffnung, die man anfangs noch hegen konnte, daß Saloniki Selbstverwaltung erhalten würde, hat sich gleichfalls nur als leere Chimäre erwiesen. So -hat' uns j»er Ballankrieg in allen Punkten' nur Schaden und Verluste Fracht. Das Jahr 5673 war für uns Juden hinsichtlich unserer äußeren Lage kein gutes Jahr. Die Lage der russischen Zudem hat sich! verschlechtert, der Antisemitismus in Westeuropa hat neue Erftilge errungen, und der Balkankrieg hat uns starke Wunden geschlagen. Die Bllanz des Jahres schließt mit einem Manko. Vermag die Entwicklung der inneren Lage des Judentums in diesem Jahre dieses Manko wieder auszugleichen? Hat das umgekehrte proportionale Verhältnis der Signatur Unseres inneren Lebens zu der unserer äußeren Lage lylch in diesem Jahre sich, bewährt? Ist unsere innere Lage umso erfreulicher geworden, je mehr sich die äußere verschlechtert hat? .Ein Überblick über die Entwicklung des inneren jüdischen Lebens im letzten Fahre soll uns Antwort auf diese Frage geben. Erez-Jsrael. (Reisebriefe.)' Bon Nachmn Goldmann. XVI. Merchawjah. — Mescha. — JeMma. „Hagalila, Hagalila!" mit diesem frohen Gedanken wachte ich schon gegen 5 Uhr morgens auf: das Bewußtsein, ine nächsten zwei Wochen in Galiläa zu verleben, erfüllte mich mit einer heiteren Zufriedenheit. Nach dem lachenden, prangenden Galll kann man nicht anders als in glücklicher Stimmung fahren; für Brummbären und Pessimisten ist in den galiläischen Hügeln kein Platz vorhanden; für „Aestheten" intb Dandys allerdings auch nicht. Einfach und heiter ist die Signatur Galiläas. Am Tage schaffe und am Abend tanze, heißt das Kommando des galiläischen Lebens. So zog ich denn meinen einfachsten Touristenanzug an, sandte einen frohen Gruß der heiter Wählenden Sonne entgegen, und weg ging's in rascher Fahrt zum Bahnhof. Die Züge Palästinas gehen außerordentlich pünktlich, unverschämt pünktlich. Denn in einem Lande, wo alles unpünktlich! ist, gibt es nichts Unangenehmeres, als pünktliche Eisenbahnen. Sie stören einfach die Harmonie des Lebens. Der sechste Glockenschlag ertönte, als die Bahn sich in Bewegung setzte. Bald hatten wir die Stadt verlaßen, und nach einer halben Stunde befanden wir uns bereits mitten in der Ehene Jsreel; der fruchtbarste Tell Palästinas, zugleich der am' meisten mit Menschenblut gedüngte. Diese welle Ebene war von .jeher die natürliche Schlachtenstätte Palästinas. Hier käMpften die jüd. Stämme gegen die Philister,! hier rangen die Brudcrstaaten Israel und Juda miteinander, hier verteidigte das Jüdenvolk seine SelbWndigkeit gegen Assyrien, hier trafen sich die Heere der Ptolemäer Frankfurter Israelitische Famillenbläü. und Seleuziden; hier fochten die Ritter der Kreuzzüge, hier metzelten sich die Banden der arabischen Rauöfürsten, die Palästina während' 'der Zeit nach den KreuUügen verwüsteten, hier lagerte das Heer des großen Korsen auf seineint abenteuerlichen Palästinazug, hier siegte Ibrahim Pascha, der große Khedive von Aegypten, und hier — kämpfen heute begeisterte jüdische 'Arbeiter für die Durchsetzung der OppenheiMerschön Siedlnngsgenossvnschaftsidee. Bis vor drei Jahren hatten wir Juden in dieser ganzen blühenden Ebene keinen Flecken Bodens. Alles gehörte den zwei, drei Großgrundbesitzern in Haifa und Beirut, die durch Raub und Wucher im Laufe der Zett sich d!ör gesamten Ebene bemächttgt hatten. Mü der SiedlungsgeNossenschast Merchawjah faßte die jüdische Kolonisation hier zum' ersten Mille Fuß. Nach Inständiger Fahrt an arabischen Dörfern vorbei — unter ihnen hier und da auch eine Modern aussehende Siedlung —, kamen wir nach' A p h u l e, der Eisenbahnstation Merchawjahs. Wir stiegen aus und erblickten Merchawjah vor uns. Auf einem Hügel gelegen, der aus jahrhundertelang angehäuftem Dünger besteht, beherrscht es die ganze Umgegend. Nach 10 Minuten waren wir oben. Man merkt, daß die Siedlung erst am Beginne ihrer Entwicklung steht. Die Arbeiter wohnen noch in den elenden Araöerhäusern, und von den neuen Bauten sind neben zwei Wohnhäusern erst die Stallungen fertig. Prachtvollere Ställe als diese habe ich in ganz Palästina nicht gefunden, und wenn man dann hört, daß in diese Bauten bereits das ganze verfügbare Kapllal hineingesteckt worden ist, und nun für die Errichtung von Wohnhäusern für die Arbeller die Geldmittel fehlen, fingt man sich unwillkürlich, ob .solche prachtvollen teuren Stallungen wirklich notwendig warem ' Mährend das Vieh in modernen, lustigen, sauberen Räumen steht, müssen die Arbeller in den elenden Hundelöchern der Araber wähnen. Die Ställe sind gewiß sehr schön; aber Schönheit ist schließlich eine Sache, mit der man warten kann, bis überflüssiges Geld vorhanden ist. Bei den dürftigen Kassaverhältnissen aller zionistischen Institutionen sollte man den .ästhetischen Gesichtspunkt, sofern ihm nicht ohne Aufwendung erheblicher Summen Genüge getan werden kann, vorderhand ganz ausschälten. Um über den Erfolg der Siedlungsgenossenschast ein Urtell aözugeben, ist jetzt der Zeitpunkt noch zu verfrüht. Sie existiert erst zwei Jahre, und iy dieser Zell hat sie neben den selbstverständlichen Schwierigkeiten, die beim Beginne jeder Siedlung vorhanden sind, noch verschiedene andere Unglücksfälle zu überwinden gehabt: vor allem den äußerst peinlichen Fall der Blutrache!, der sehr teuer zu stehen gekommen ist: ein jüd. Wächter wurde von 10 Arabern überfallen; er tötete einen, verwundete einen Mellen und kam Heil davon, ein Heldcnstückchen, über das unter den Arabern bereits Sagen umgehen. Er wurde verhaftet, war fast ein Jahr in Hast zu Mo, ein langwieriger Prozeß mußte geführt werden, die Famllie des Erschlagenen, die Bluttache geschworen hatte, mußte durch, Geldentschädigung befriedigt werden, kuizuM: die Sache verschlang schwere Summen. Ein zweller unangenehmer Zwischenfall war der Sturz des Berwal-; ters der Genossenschaft, der daraufhin für längere Zeit nach Europa gehen Mußte. Aus all diesen Gründen läßt sich heute! noch kein Urtell Mer den Erfolg fällen. Die Arbeiter arbeiten angeWengt, und das Budget schließt mit einem Defizit. Da also noch keine Gewinne da sind/ ist ja die eigentliche Idee der Siedlungsgenossenschast noch gar nicht realisiert; erst wenn die ersten Gewinne vorhanden sein werden, wird die Genossenschaft Realität werden, und so kann nur die Zukunft Mär den praktischen Wert der Idee entscheiden. Vom nationalen Standpunkt der Ausdehnung der jüdischen Kolonisation im Lande aus gesehen, kommt Merchawjah eine große Bedeutung zu. Sie stellt die erste jüdische Position in der ganzen Jsrcelebcuei dar, und wenn inan die well ausgedehnten blühenden Felder rings uM den Hügel sieht, auf denen das Getteide viel höher steht als ans den anliegenden arabischen, wenn MaN die gebräunten, kräftigen ArLellergestaltÄr mll dem Pflug draußen auf dem Acker erblickt, wenn man sich! die! Entbehrungen und Leiden dieser stillen Helden/ ihre Aus- ____Kr. 39 /bauet und Begeisterung vor Augen hält, dann ergreift einen ein' tiefes, / erhebendes. GeWt des, Stolzes.; Und Man weiß: ' Mag die Oppenheimer'schx Idee ber Siedlungsgenossenschaft Erfolg/'Wben oder nicht, aus jeden Fall aber wird'die wirkliche Erwerbung Palästinas pur durch solche Arbeiterhände vor sichgehen, bü in harter Arbeit das Feld, das sie büpfluAen, auch wirklich ersitzen. Nicht in den Pflanzetkolonien Judäas Mit ihren Tausenden von Arabern, sondw,, in den Ackerbäusiedlungen Galiläas ruht die! Zukunft der jüdischen Kolonisation Palästinas. Wir wollen nicht nur Palästina wiederbeleben, wir wollen uns auch selbst erneuön; diese Verjüngung unseres Volkes aber wird nur dlort vor sich gdjen, wo wir im Schweiße des Angesichts uns Dunau, für Dunam des Bodens erarbeiten. In stärkere», Maße als ein Rischon-le-Zion mit seinen Weinbergen und Pethach-Tikwäh mit seinen Bojaren, j» mehr als ein Tel-Awiw mll seinem Gymnasium ist dieses schlichte, Keine! Merchawjah das wahrhafte Zeichen der'Verjüngung des jüdischen Polles in seinem Palästina. In unmittelbärer Nähe der Siedlungsgenosseiischaft hat die P. L. D. C. auch Boden für eine Kolonie reserviert. Ein Teil ist bereits verkauft, und als ich hinkaM, fand ich zwei jmrge deutsche Zwnisten gerade mit der Beaufsichtigung des Baues ihres Hauses beschäftigt. In Berlin herangewachsen, haben sie Europa Valet gesagt und hier in Merchawjah die Fundamente eines neuen Lebens gelegt. „Sagen Sie selbst, sagte mir der eine von.ihnen, den ich rroch aus .Deutschland kannte, als er mir mit stolzer Befriedigung seine Besitzungen zeigte, „sagen Sie selbst, wä ist cs schöner, in Ihrem Frankfurt' oder in unserem Merchawjah?" Ich blickte um mich!: Ringsum die weite, in grüner Frühlingspracht daliegende Ebene, vor uns der hoch emporragende Kleine Hermon mü seinen Trabanten, etwas weiter links die Berge Nazareths, in der Ferne die Bergeskette um den Tabor, und über uns der lachende tiefblaue Himmel Erez-Jsraels, an denr die Sonne in wunderbarem Glanze strahlte; ich sog in tiefen Züge,: die herrliche Luft ein, die wie ein neuer LebensstroM nieiuen Körper durchdrang. Gerührt reichte ich> dem jungen Pionier die Hand: „Sie haben recht, mein Freund. Frankfurt ist schön, ober hundertmal schöner ist Merchawjah." Ich rüstete mich zur Fortsetzung der Reise. Als ich zu den Häusern der SiedlungsgÄwssenschaft zurückgekehrt war, erblickte ich' unten in der Ebene einen Zug von etwa 2000 Menschen. Es wären die russischen Pilger, die! alljährlich Zur Osterzeit das Land mit einem beträchtlichen Import echt russischer Flöhe und anderem Ungeziefer bescheren. Nunmehr zogen sie! von Jerusalem nach Nazareth. Es waren mehr Frauen im Äug als Männer; viele Popen und einige berittene Kawassen des russischen Konsulats in Jerusalem. Ein jeder trug einen Tops oder eine Kanne mll sich, und als ich herunterkam, machten sie gerade Mittagsrast. Die einen holten aus eine Pfütze Wasser und kochten Tee, die anderen Machten sich Wer die mllgebrachte Nahrung hör, andere knieten nieder und steten. Der Berwockter von Merchalvjah kam auf den glücklichen Gedanken, den schlecht geratenen Zwiebel, der auf einem Felde wuchs, ihnen anzubieten; rM Nu war die ganze' vorhandene Menge verkauft. Ein Arbeller hatte zwei Kerl aus dem Zug beim Diebstahl in einem der Zwiebc selber gepackt. Mil der Peitsche trieb er die beiden, ~ echt russische, grobe Bauerntypen, vor sich! her; ‘ demütig winselten sie nur Gnade. Ich konnte ein Gefühl der Befriedigung nicht unterdrücken: Dieselben Bauern, die 'in ihren russischen Dörfern unsere Brüder in' Pogromen hinschlachtön, hier empfinden sie uns als die Herren; wie devot un> unterwürfig sie sich gegen jcken jüdischen Arbeiter, der sie ins Gespräch zog, betrugen. Und als einer meiner Reisegenossen, ein Warschauer Jude, ihnen höhnisch zurief: „Na. Brüderchen, beliebt's vielleicht ein Pogröntchen zu machen?" da Mußte ich allerdings über diese ein wenig naive Schadcnfteude, die ihn erfüllte, lächeln; aber ich konnte sie sehr wohl nachempfinden. . . . Won Merchawjah nahmen wir den Weg nach Mescha, der ersten der untergaliläischen Kolonien. Diese Kolonien — 5 an Zahl — wurden vor . etwa