Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 39 (30.9.1913)
- Date
- 1913-09-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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t -♦ Erscheint WSchenikich am Freitag. Bezugspreis pro Mertetjahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei inS Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg-, frei ins Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. Redaktion und G-epedition: Frankfurt a. M. :: Eangeftr. 7. Fernsprecher Amt I. 10507. —i-g-i' Jnsrrtionsprris für die fünfgespaltene Petirzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk. I.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserate, Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sechegespattene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und ina.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M unter Nr. 4884. 11. Jahrgang. Dienstag, de» 30. Ellul 5673 (30. September 1913) Rr. 30 Das Jahr 5673 i. Es ist wahrlich keine angenehme! Aufgabe, allährlich die Chronik des jüdischen Lebens giu chreiben. Denn das Leid und Weh des jüdischen Volkes, , die stete Tragik unseres Daseins, die man ,i der Enge und Flüchtigkeit der alltäglichen Erignisse. oft zu vergessen vermag, gesehen in ihrer ganzen interterritorialen Ausdehnung, in ihrer ausnahmslosen Geltung für alle Teile des Volkes, wirkt sie niederdrückend und grauenerregend. Und was die Lage des jüdischen Chronisten noch unt so schlimmer macht, ist das Bewußtsein seiner Machtlosigkeit dieser Tragik gegenüber. Einer Kassandra gleicht er, nur daß sein Blick die Vergangenheit umfaßt und er so glücklich ist, das zukünftige Weh nicht auch noch schauen zu müssen. Und dennoch, so traurig es ist, so nutzbringend ist es, Revue zu halten über die Schicksale des jüd. Volkes. Wie es dem einzelnen geboten ist, alljährlich zu Roschhaschonoh all die Taten des vergangenen Jahres vor sich vorüberziöhen zu lassen, so ist es auch eine nationale Pflicht dös Volkes, bei Jahresbeginn einen Rückblick zu werfen auf das, was ihm das Jahr gebracht hat. Denn der einzelne, der stets in die Enge des Gegenwärtigen, Heutigen gebannt bleibt, verliert nur allzuleicht den Sinn fürs Ganze, den Blick für die Zukunft, die Fähigkeit einer höheren Perspektive. So soll ihn der Rückblick auf das beendete Jahr wieder an feine Pflichten unserem Volke gegenüber mahnen, soll seine Erkenntnis von der traurigen Lage des Judentums schärfen und seine Arbeit um die Herbeiführung einer besseren 'Zukunft anspornen. * Es war dies von jeher eine der eigentümlichsten Anomalien des jüdischen Lebens, daß die Signatur seiner inneren Lage in ungekehrtem Verhältnis zu der seiner äußeren Lage stand. . Je schlimmer es dem jüdischen Volke seitens der anderen Völker und Regierungen erging, umso kräftiger wurde sein Innenleben, umso hartnäckiger seine Widerstandskraft, umso trotziger sein Solidaritätsbewnßtsein. Und umgekehrt, war seine äußere Lage gut, so sank das Barometer seines inneren Lebens; Gleichgültigkeit und Indifferenz allen jüd. Dingen gegenüber griffen überhand, und gar bald folgten offener Abfall und nationaler Verrat. Es ist dieses Verhältnis im großen Lanzen bis zum heutigen Tage geblieben, und erst in letzter Zeit macht sich eine leise Wandlung darin bemerkbar, eine Tatsache, die gefahrdrohend für uns zu werden verspricht. Die Entwicklung der äußeren Lage der russischen Judenheit hat im letzten Jahre jene Tendenz weiterverfolgt, die sie seit den Revolutionsjahren befaß, und dies bedeutet, daß die Lage unserer Brüder in Rußland noch schlimmer und trostloser geworden ist, als sie es schon war. Es ist für den nicht in Rußland lebenden Juden sehn schwer, fast unmöglich, sich ein richtiges Bild von den Schikanen und Unterdrückungen, die seitens der Behörden den russischen Juden gegenüber angewandt werden, zu machen. Was barbarische Kunst in der Marterung der Opfer, gepaart mit dem Raffinement moderner Kultur auszudenken vermag, wird in der Judengesetzgebung Rußlands verwirklicht. Das Unmöglichste wird hier möglich, das Unausdenkbarste selbstverständlich, und der brutale Wahnsinn nürd intmer mehr Methode. Solche Maßregeln, wie sie der Antisemitismus der russischen Machthaber ausklügelt, sind in der ganzen jüdischen Geschichte njcht wieder zu finden, und diese ist doch wahrlich nicht arm an Schikanen und Verfolgungen. Was diesen Judenhaß der russischen Regierung von dem aller anderen, der gewesenen oder gegenwärtigen, unterscheidet, ist seine absolute Sinnlosigkeit. Alle anderen Judenhasser, von Titus über einen Dorquemada bis zu einem Drumont, und Lueger, verfolgten doch ein bestimmtes Ziel. In Rußland aber kann man bei aller Mühe und bei Aufwendung allen erdenklichen Scharfsinnes keinerlei Programm, keinerlei feste Absicht, in den gegen die Juden gerichteten Maßnahmen erkennen. Während Man zum Beispiel auf der einen Seite die Juden aus allen öffentlichen Schulen und Universitäten ausschließt und sie so scheinbar der russischen Kultur entfiemden will, wird auf der anderen Seite der hebräische Unterricht in den jüd. Privatschulen verboten, obwohl es doch nur in den Intentionen der Regierung liegen sollte, diesen hebräischen Unterricht und damit .die Nationalisierung der Juden zu fördern. Je genauer man eben die Unmenge der alljährlich zögen die Juden erlassenen Gesetze und Dekrete verfolgt, umso klarer und sicherer wird der Eindruck, daß es in dieser ganzen Tätigkeit nur ein Ziel geben kann: die Juden zu peinigen und zu martern. Nicht ein im eigenen Interesse liegendes egoistisches Ziel, sondern die bri^äle, gemeine Lust am Martern ist es, was die" russischen Satrapen in ihrem Handeln leitet. Und ob es ihnen selbst und ihrem Volke auch schadet — und alle objektiven Beurteiler erklären einmütig, daß die Verfolgungen der Juden Rußland ungeheuren Schaden bringt —, das teuflische Bewußtsein, den Juden einen neuen Schlag versetzt zu haben, ist so stark und allmächtig, daß es alle vernünftigen Erwägungen unterdrückt. Und dieselben Beamten, die sonst an Faulheit und Nachlässigkeit nirgends ihres gleichen haben, >vie es zur Judenverfolgung kommt, beginnen sie, eine erstaunliche Energie zu entwickeln. Und so mehren sich die Schikanen von Tag zu Tag, jede Woche bringt neue Ausweisungsdekrete, neue Prozentnormen, neue Erlasse des Senates, durch die ein bestehendes Gesetz noch verschärft wird, und wohin das führen soll, ist nicht abzusehen. Auch das innerjüdische Leben wird geknebelt; Versammlungen Werden untersagt, Vereine suspendiert^ Schulen geschlossen, und die Lage der russischen Judenheit wird immer trostloser und trauriger. Aber nicht genug mit der Anwendung dieser administrativen Martermethoden, beginnen die russischen Henker in der Befiiedigung ihres alle Grenzen übersteigenden Hasses gegen die Juden zu Mitteln zu greifen, die selbst die kühnste Phantasie nicht für möglich gehalten hatte. Der Westeuropäer, der die Geschichte des Böilisprozesses liest, muß sich in der Tat oft fragen: Ist dies alles Wahrheit oder nicht vielmehr ein Spuk böser Geister? Die Summe aller Verbrechen und Vergehen, die im Laufe eines Jahres innerhalb eines der westeuropäischen Kulturvölker begangen werden, enthält nicht ein größeres Maß von Lüge und Gemeinheit, Bosheit und Niedertracht, als es sich in diesem bereits zwei Jahre währenden Beilisprozeß a^gehäuft hat. Zwei Jahre bereits währt der Prozeß, und Europa schweigt. Zwei Jahre lang wird Tag für Tag die Ehre Europas in den Kot gezerrt, werden die elementarsten Grundlagen unserer Kultur zynisch mit Füßen getreten, und Europa schweigt. Einige Gelehrte protestieren wohl, einige Zeitungen bringen Artikel, aber von jenem öffentlichen Schrei der Entrüstung, der notwendig gewesen wäre, um dieser' Orgie allerbrutalsten antisemitischen Instinkte ein Ende zu machen, ist nichts zu merken. Europa hat für moralische Empörung heute nichts mehr übrig, zudem wo es sich um Juden handelt, und so wrrd der Prozeß wohl zu Ende geführt werden und die europäische Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts für immer mit dem Schandfleck eines Ritualmordprozesses behaftet bleiben, der an Medertracht und Scheußlichkeit alle gewesenen weit übertrifft. ' Und wie könnte auch Europa protestieren? Dieses Europa, das noch Lenug zu tun hätte, bis es mit allem antisemitischen Schmutze bei sich selbst aufgeräumt hätte. Ja, nicht nur, daß Europa Rußland zu beeinflussen vermöchte, scheint es fast so, als ob russischer Geist sich über Westeuropa auszubreiten begönne. Die antisemitische Bewegung innerhalb der deutschen Studentenschaft, die in letzter Zeit auch auf Frankreich übergegriffen hat, beginnt mit Ideen und Maßnahmen zu operieren, die die ruffische Abstammung nur allzudeutlich erkennen lassen. Die geforderte Einführung einer Prozentnorm für jüdische Studenten Rußlands zeugt Yon einem Wachstum der antisemitischen Bewegung in solchem Maße, daß sie die elementarsten Forderungen der Menschlichkeit vergessen läßt. Und zur selben Zeit, .wo solches in Deutschland geschieht, rüsten sich französische Akademiker zu gleichen Heldentaten, erklärt der österreichische Thronfolger den Einfluß des jüdischen Elementes innerhalb der Armee für gefährlich, organisieren angesehene Zeitungen und Politiker in England eine wüste antisemitische Hetze anläßlich der Märconiaffäre; kein Zweifel, der Antisemitismus in Westeuropa bleibt konstant, wenn er nicht gar wächst. Einzig und allein im freien Amerika scheint man noch etwas Sinn für Gerechtigkeft übrig zu haben. Von allen Regierungen der Welt war die amerikanische die einzige gewesen, .die es gewagt hat, für die Gleichberechtigung ihrer jüd. Bürger in Rußland energisch aufzutreten, und sich nicht gescheut hat, an dieser Frage den Abschluß eines Handelsvertrages nrit Rußland scheitern zu lassen. Es ist fraglich, ob Amerika einen Erfolg erzielen wird; jedenfalls hat sein Vorgehen Eindruck auf die russischen Machthaber gemacht, und wenn seine Aktion dennoch resultatlos bleiben sollte, so liegt die Schuld daran an den europäischen Regierungen, die sich Amerika nicht angeschlossen haben. Man scheut sich eben nicht, sich über die selbstverständlichsten staatsbürgerlichen Rechte hinwegzusetzen, wo diese Rechte nur Juden betreffen. Dieses brutale Verhältnis den Juden gegenüber hat sich nirgends deutlicher gezeigt, als in dem Balkankrieg. Alle möglich«! Momente haben bei den Entschließungen der europäisier! Regierungen mitgewirkt, die Frage der Bälkanjuden, die doch mit am schwersten von diesem Kriege betroffen wurden, hat niemand interessiert. Und selbst das energische Auftreten eines Staatsmannes von der Bedeutung Luigi Luzzattis für die Rechte der seit Jahrzehnten siech betrogenen rumänisc^n Juden hat bisher nichts Positives zu erreichen vermocht. Für Mbänien war Europa bereit, sich in einen Krieg zu stürzen, für die Juden wird kein Staatsmann auch nur einen Federstrich riskieren. Und so Bedeutete 8er Balkankrieg > für uns Juden eine Reihe von unausgesetzten Schädigungen und Schlägen. Tausende und Abertausende unserer Brüder haben ihr Leben oder ihre ganze Habe und