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Neue jüdische Presse · 1913-09-26 · Heft 38 (26.9.1913) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 38 (26.9.1913)
Date
1913-09-26
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4.__“ ■ou eröffnet! TelephomAmt I, 6723. Weis^franen-Bad Herren-Abtellnng. Damen-Abteilung. Kur- und Bade-An»talt L'Banges mit allem Komfort der Neuzeit eingerichtet. Frankfurt a. H., Weissflrsuenstr. 12,1., (Lift) Trambahnhaltestelle Schauspielhaus Weissfranenhof. £ Wannenbäder spache, eieg. eingerieht, inkL Wäsche Hk.4.— 6 FJetncnnftdelbäder inkl. Wäsche Mk. 6.— 6 elektrische Lichtbäder Mk. M.-. Katar-Kohl ensänre und alle medio. Bäder und Massagen. Drei Tage aus Großvaters Lebe«. (Schluß.) Vor Großvaters Laden steht der junge Mensch mit dem Handwagen, und das Geschäft geht flott von statten. Er hat schon fast alles verkauft und zeigt lachend einer Kundin den beinahe leeren Karren. Großvater fängt an zu rechnen: 1, 2, 3 Dollar mindestens must er verdient haben. Wenn er das hätte, dann könnte er dem Kleinen den WÜn kaufen! Pfeifend beginnt der Bursche drüben, seine letzten Sachen einzupacken, dann -nimmt er seinen Wagen und geht stirt. Als er an Großvater vorüberkommt, erkennt er ihn und winkt ihm triuurphierend zu. Der Alte steht ander Straßenecke und kämpft einen' harten Kampf: wenn er jetzt hinübergcht und - sein Lädchen aufschließt, dann kann er heute noch ein ungeahntes Geschäft machen, dann kann er dem Kleinen den Wein besorgen. Aber es ist doch Schabbos heute? Siebzig Jahre lang hat Großvattr den Schabbos geehrt, und nun, — nun — —. „Das gelobte Land", fällt ihm ein, „das gelobte Land". Will ihn dieses Land den göttlichen Gesetzen untreu machen? Und wenn er selbst den Sabbat entheiligt, 'wie kann er verlangen, daß die Kinder fromme Juden bleibest? „Gott," flüstert er, „Gott, hilf mir, ich weiß mir keinen Rat wehr!" Ein kleines Mädchen stcht an seinem Schaufenster und betrachtet die bunten Zuckerstengel; dann üinkt fte an der verschlossenen Ladentür. Da läuft der Alte plötzlich über die Straße: „Wirrte, Kleine," sagt er, „ich komme schon!" Er geht zu seinem Nachbar, dem italienischen Schuhmacher, und gibt ihm zu verstehen» daß er den Reserveschlüssel haben will, und che er cs Frankfurter Israelisches Famigendlatr. selber weiß, Hal er aufgeschlossen und ist mit der Kleine» in den Laden gegangen. Ms das Kind wieder draußen ist, stcht Großvater da und atmet schwer: .Am Schabbos, am Schabbos hat er verkauft! Aber da ist schon wieder jemand an der Tür: ein junger Italiener, der Tabak haben will. Es ist dunkel in dem engen Lädchen, und Großvater mft seinen zitternden Händen kann die Kiste nicht finden. Der junge Mann brummt etwas, was Großvater nicht versteht, dann wiederholt er es grob und sieht den Alten drohend an. Da knickt Großvater zusammen, nimmt die Streichhölzer vom Tisch und zündet die Gasflamme an. Wie sie aufleuchtet, zuckt ein Sttch durch Großvaters Herz: am Schabbos Licht angezündet, am Schabbos! Er stcht im Lädchen und verkauft viel, macht ein gutes Geschäft, — aber jedes Mal, wenn er das Geld nehmen will, ist cs ihm, als müßte er sich die Finger daran verbrennen. Und auf einmal geht wieder die Ladcntür, uitb! wie Großvater aufblickt, steht da vor ihm Berl, — sein Enkel Berl, der in der Talmud Thora sitzen muß, um ein ftommer Jude zu bleiben. „Großvater!" ruft der Junge erschrocken, „Du verkaufst am Schabbos'?" Da wanken dem Men die Füße, er setzt sich nieder und verbirgt weinend das Gesicht in den Händen. Berl ist schon wieder hinausgelaufen, er nmß den Geschwistern die große Neuigkett verkünden. Und der Ate sitzt, die Tränen rinnen ihm die faltigen Wangen entlang, und er weiß: mm ist alles vorbei, nun gehen sie ihm alle verloren! Die Ueberschrist auf dem Zcitungsfetzen steht ihm vor Augen: „Das gelobte Land", und ein neues Schluchzen schüttelt den Alten. III. Es ist Sonntag. Großvater sitzt am Fenster und starrt auf die Gasse hinab, wo es von Kindern wimmelt. So viele Kinder, cs scheint undenkbar, daß die engen Stübchen in den Häusern ringsum sie alle bergen können. Chaim ist auch - unter ihnen, Großvater hat ihn zum Spielen hinuntergeschickt, — Chaim, sein Jüngster, — sein einziger. Großvater fühlt plötzlich die Stflle in dem dumpsen Zimmer, und ihn ftöstell. Früher ist Malke Sonntags öfter gekommen und hat ihn und Chaim zu einem Spaziergang nach dem Park abgeholl, und er hat Nr. 38 | sich nicht genug wundern können, wie fein und schz,I Malke geworden ist. Aber an ihm und dem Brüderchen! hat sie immer zu mäkeln gehabt, — sie waren ihr! nicht proper genug, und Großvater hat nicht so laut I jüdisch reden sollen, daß die Leute es hörten, umß Malke tvollte sie nicht genannt werden, sondern Mary.! Da hat Großvater gemerkt, daß Malke sich seiner ge-I schämt hat, und hat gesagt, er sei zu müde zum Spa-I zierengehen. Nur um des Kleinen willen hat es ihm! leid getan. Nun sicht er Malke nur noch selten. I Dan» wandern Großvaters Gedanken zu Berl, dem! Studenten. Der hat ihm stets von seinen Enkelkindern I am fernsten gestanden: ein solcher Brand ist immer in dem Jungen gewesen, ein so glühender Ehrgeiz und ein trotziger Haß gegen alles, was sich ihm in de» Weg stellen wollte. Es ist wunderbar, wunderbar, wir er sich durch die Schule hindurchgerungen hat, wie ei gehungert hat, um sich Bücher zu' kaufen, und gear-I bettet. Tag und Nacht, um ihnen allen zu zeigen, daß er, der arme Judenjunge, cs durchsetzen würde Und er hat es durchgesetzt, hat seinen Weg auf die Universttät gefunden und wird ihn weiter finden, — bis in die Höhe. Manchmal, ganz selten, stimmt ein kurzer Gruß von ihm, — wie soll Berl bei allem Studieren Zeit haben, an den Großvater und den kleinen Bruder zu denken? Aber alles, alles wäre zu erttagen, wenn nicht —. Nein, nicht daran denken, ausgelöscht muß er sei», vergessen wie ein Begrabmcr. Und doch, — er war ihm der Liebste! Aber da, — wie? — was ist denn das? — Großvater ist aufgesprungen und steht da nttt wett offenen Augen, als sähe er einen Geist. Er hat die Tür nicht gehen hören, und doch, — da, — da steht er: „Benzion!" ruft der Alte. Der junge Mann kommt näher und dreht den Hut an der Hand: „Großvater," sagte er leise, wie bittend, „Malke sagte mir, Du wärest krank gewesen." Großvaters Augen ruhen auf dem Enkelsohn: so hübsch sicht er aus, so adrett, und das dunlle, dichte Haar so schön gescheitelt. Ein sehnsuchtsvolles, weiches ( Teppichhaus Eberhard^] Hbiib Mainzerstr. ZZ, Ecfte Friedensstp. 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