Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 37 (19.9.1913)
- Date
- 1913-09-19
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37. Seite 10. Erholungsheim der Zionsloge von Hannover ans Norderney. Don Lehrer Adolf Rothschild-Achim-Bremen. '^Jn unseren Blättern findet man setzt häufig den so sehr beliebten Badebries. Dort wird uns erzählt, wie die Juden aus allen Gegenden der Welt mit den mannigfaltigsten Zwecken und Zielen zu sammenkommen, ihre Erfahrungen austauschen, über Welt- und Religionsanschauung -säubern, wie man ihre Fehler bekritelt und auch ihre Vorzüge preist. Soviel Menschen soviel Meinungen: darum zählen oft hitzige Wortgefechte nicht zu den Seltenheiten. Nur von Norderney wagt niemand etwas zu berichten, und von dort, wo sozusagen der größte Teil der Kurgäste Juden sind, wäre doch so viel zu erzählen. Da sieht und hört man so manches — Erfreuliches und auch Betrübendes; doch ich will der Briefschreiber nicht sein, nur eins möchte ich feststellen: Viele Juden, die gerne nack, Norderney gingen, wählen einen andern Aadeort. Nach der Ursache befragt, antworten sie: Es sind uns Lu viel Juden dort. Diesen Grund Leben auch die Antisemiten für ihr Fernbleiben an. Wohin soll das führen? Noch eine Reminiszenz darf ich hier wohl kurz anführen: Ein preußischer Offizier fand eines Tages in seiner Burg am Strand einen Schüler, der in seine Lektüre vertieft war. Der Junge entschuldigte sich sofort in recht höflicher Weise; der Offizier verwies ihn in ziemlich barscher Art aus seiner Burg und schimpfte fortwährend von jüdischer Zudringlichkeit, bis ich schließlich den Herrn bat, sich endlich zu beruhigen. Man sollte doch annehmen, daß die Sache erledigt sei, nachdem der Junge in solch höflicher Weise um Entschullngung gebeten hat. Unterstützt noch durch einen hinzukvmmenden Bekannten, brummte er immer zu: jüdische Zudringlichkeit.. . . Nein, Herr Leutnant, sagte ich schließlich, das ist christliche Nächstenlliebe . . . Und kein Wort hörten wir jemals wieder von ihm ... Und nun zum eigentlichen Zweck meines Berichtes: Ich möchte nämlich die Aufmerksamkeit der geschätzten Leser auf eine schon in weiten Kreisen bekannte, seit 3 Jahren auf Norderney bestehende Institution hinlenken, deren weittragende Bedeutung auch in diesem Jahre besondere Würdigung verdient.' Es ist dieses das am Nordstrande gelegene Kindererholungsheim der Zionsloge von Hannover. Nur wer den herrlichen Bau mit seinen komfortablen Einrichtungen: die großen luftigen Schlafräume, den freundlichen Speisesaal, den geräumigen» mit den erforderlichen Turngeräten ausgestatteten Spielhof, die Liegehallen usw. mit eigenen Augen gesehen hat, weis zu ermessen, welch eminent großes Werk die Loge hier geschaffen hat. Es ist eine Freude zu sehen, wie heimisch sich die Kinder in dem Heime fühlen, mit welcher Verehrung und Dankbarkeit sie ihren Leiterinnen begegnen, wie sie des Morgens in den nervenstärkenden blaugrünen Fluten des Meeres herumplätschern und des Nachmittags geschäftig au ihren Bürgen bauen oder beim fröhlichen Kriegsspiel die Minen durchwandern, oder auch bei regnerisch kaltem Wetter durch ernste und heitere Spiele mit kindlichem Frohsinn ihre Zeit angenehm zu verbringen wissen. Nicht nur für Speise und Trank, für Spiel und.sonstigen Zeitvertreib wird Sorge getragen, sondern auch unsere religiösen Gebräuche finden gebührende Berücksichtigung. In Etmangelung eines Kantors hat ein Junge mit prachtvoller Stimme recht verständnisvoll vorgebetet, und das herrliche L'cho daudi hat in allen Kindern und Zuhörern wahre Sabbatstimmung hervorgerufen. Ein etwas größerer Junge machte in recht würdiger Weise den Kiddusch und fühlte sich sehr geehrt in seiner Rolle als stellvertretender Hausherr, und seine große Kinderschar machte ihn durchaus nicht wirr. Den Morgengottesdienst am Sabbat leiteten abwechselnd die gerade aus Norderney anwesenden Rabbiner und Lehrer. Besondere Erwähnung verdient noch das von der derzeitigen Leiterin, Frl. Meyer, in recht sinniger Weise inszenierte Kinderfest. Es verdient diese Veranstaltung umsomehr ganz besonders hervorgehoben zu werden, als es wirklich ein Fest für die Kinder war. Die sonst abgehaltenen Kinderfeste sind doch — genau besehen — eigentlich Feste für die Erwachsenen. Die armen Kleinen verbringen zitternd und zagend den für sie bestimmten Tag (und nicht minder die vorhergehende Vorbereitungszeit); chr zartes Herzchen ist mit Furcht und Schrecken.erfüllt. Sie leben immer in der Befürchtung, in ihren Darbietungen stecken zu bleiben, von andern übertrojsen zu werden, kurz sich zu blamieren. Ein solches Fest stellt wahrlich große Anforderungen an die Nerven unserer Kinder und ist darum von rein menschlichem und ganz besonders vom pädagogischen Standpunkte aus für alle Zeiten, ganz besonders aber für die Erholungszeit, zu verwerfen. Aus diesen Erwägungen heraus hat man deshalb in diesem Jahre von der Einladung Erwachsener abgesehen, um das Fest, wie schon gesagt, zu einem Kinderfest im engsten Sinne des Wortes zu gestalten. Und das war es auch. Da gab es kein Hangen und kein Bangen, kein Zittern und kein Zagen, sondern nur Jubel ohne Maßen. Die Kinder, auch diejenigen ohne besondere Stimmitteln, sangen ungeniert, deklamierten, tanzten und spielten nach Herzenslust und zollten sich gegenseitig für die.gelungenen Darbie- -tungen die höchste Anerkennung. Da'gab es keine Bevorzugung und keine Zurücksetzung, keine Tränen, sondern .nur lachende Gesichter . . . Alles war Harmonie. . Die beiden vorjährigen Leiterinnen, Frl. Frensdorfs und Frl. Frankenberg, die sich inzwischen verlobt bezwverheiratet haben, haben in Frl. Meyer aus Berlin und Frl. Schloß aus Dresden vortreffliche und würdige Nachfolgerinnen erhalten. Zum Schlüsse möchten wir noch lobend hervorheben, daß auch die jetzigen.geschäftlichen Leiter, die Herren Rosen der g und -Heineberg aus Hannovers echte UrarrHrrtzr UraeMWe» gamMaMK. und rechte Kindcrfreniide (gleich ihrem Vorgänger Herrn A. Herzberg), ihre Kräfte i» selbstloser Weise'in den Dienst der guten Sache gestellt habe». Leider hat sich trotz meiner vorjährigen Anregung noch kein Klavierspender gefunden. Ich nehme an, daß sie übersehen worden ist und gestatte mir, sie zu wiederholen. Die Loge hat ganz ohne Frage mit der Einrichtung des Erholungsheimes Segensreiches geschaffen; mehrere hundert Kinder aus allen Gegenden des deutschen Vaterlandes kehren alljährlich gestärkt und gekräftigt in ihre Heimat zurück. Leider kommt die Einrichtung nicht denjenigen zu gute, die in erster Linie infolge ungünstiger Verhältnisse Erholung und Kräftigung bedürften. Möchten doch die Logen mehr als bisher ihr Augenmerk auch auf diese Kinder richten — ihre Zahl ist wahrlich nicht klein. Es gibt für uns kein schöneres Bewußtsein, als unsere Schuldigkeit an der Jugend getan zu haden. König u«d Rabbiner. Es dürfte wenig bekannt sein, daß der verstorbene König Eduard VH. von England seinen Thron gewissermaßen dem jüdischen Rabbiner Nathan Adler in London zu verdanken hat. Dr. Adolph Kvhut berichtet darüber in dem in einigen Tagen erscheinenden hochinteressanten Buche, „Gekrönte und ungekrönte Judenfreunde", (Verlag Dr. Basch u. Co., Berlin. Preis: Brosch. 3.— JL, in Leinenband 4.— JQ folgendes: Das erstgeborene Kind der Königin Viktoria war bekanntlich eine Tochter, die nachmalige Kaiserin Friedriche Der englische Kronprinz wurde erst später geboren. Nun warteten sowohl das britische Volk, als auch die königliche Familie mit Ungeduld auf die Geburt eines Prinzen. Die Königin Viktoria, die Mutterfreuden entgegensah, war schwer erkrankt und weilte zur Erholung in Italien, und auf Anraten der Aerzte sollte die Monarchin während der Zeit ihrer Entbindung in Italien bleiben, womit such die königlliche Familie einverstanden war. Die Zeitungsnachricht hierüber drang auch zu den Ohren des Rabbiners Nathan Adler. Er erbat sich eine Audienz beim Minister des Auswärttgen, um ihn darauf aufmerksam zu machen, daß nach der englischen Verfassung nur derjenige englische Prinz den Thron erben könnte, der auf englischem Boden das Licht der Welt erblickt habe. Sollte nun die Königin von England in Italien einem Prinzen das Leben schenken, so wäre er nach der englischen Verfassung von der Thronfolge ausgeschlossen. Der Minister verständigte hiervon den Hof, wo diese Mitteilung große; Ueberraschung und Bestürzung hervorrief, denn man hatte diese Eventualität nicht berücksichtigt. So wurde denn Königin Viktoria trotz ihres leidenden Zustandes nach England überführt, wo sie bald darauf eines Prinzen, des Thronerben, genatz. Die königliche Familie hatte diesen Dienst dem Rabbi nie vergessen. Bekanntlich wurde Nathan Adler in dankbarer Anerkennung seines Ratschlages zum Chies-Rabbi von ganz England ernannt und gründete gewissermaßen selbst eine Rabbiner-Dynastie. Nach seinem Tode wurde sein Sohn Dr. Hermann Adler zum Chies-Rabbi ernannt, und wie der Vater, so erfreute sich auch der Sohn der wärmsten Sympathien des Königs. Kohut weis auch sonst recht Interessantes über die Sympathien zu berichten, die König Eduard den Juden entgegenbrachte: Während der Regierung Eduard "VH. bekleideten hervorragende Politiker und Staatsmänner jüdischen Glaubens hohe Staatsämter. Es waren dies unter änderen Samuel Speier, Samuel Marcus, Georg Philipps und Arthur Cohen. Der genannte Sir Samuel Marcus wurde wiederholt zum Lord-Mayor von London gewählt, und diese Wahl wurde mit Freuden vom Könige bestättgt. Bezeichnend für das stolze Bewußtsein des jüdischen Lord-Mayors war der umstand, daß er zu dem feierlichen Bankett, das er als städtisches Oberhaupt Londons alljährlich zu geben pflegte, alle fremden Gesandten, mit Ausnahme des rumänischen wegen der judenfeindlichen Haltung dieses Staates, einlud. Aus demselben Grunde folgte er auch nicht der an ihn ergangenen Einladung zu den Jubiläumsfeierlichkeiten nach St. Petersburg. Wie sehr der König an den Grundsätzen der Gleichberechtigung festhielt, wurde auch durch die 'Tatsache bewiesen, daß ein gläubiger Israelit, Sir Matthew Nathan, den wichttgen Posten eines Gouverneurs der Stadt Hongkong durch ihn erhielt. Dieser selbe Sir Matthew Nathan soll früher zum Militär-Attache der englischen Botschaft in Berlin bestimmt gewesen sein, doch soll diese Ernennung an dem Widerstand von Berlin gescheitert sein. Später wurde ihm der Posten des Gouverneurs der großen südafrikanischen Kolonie Natal zugewiesen. Als ein ferneres Zeichen der philosemitischen Gesinnung des Monarchen sei hier noch angeführt, daß das Amt eines Generaldirektors der Posten in Indien, der einen viel weiteren und einflußreicheren Wirkungskreis besitzt, als der deutsche Staatssekretär des Reichspostämts, von dem Monarchen einem Juden namens Kisch überwiesen wurde. Demselben Bekenntnis gehörte auch der Bürgermeister des Hauptortes des als anttsemittsch verrufenen Brittsch-Nördafrika, von Kapstadt, an, namens H. Liebermann. Er war zugleich erster Vorsteher der dorttgen jüdischen Gemeinde, als welcher er am 13. September 1905 die Eröffnung der großen Synagoge in feierlicher Weise vollzog. Auch im britischen Kolonialstaat in Westaustralien ist von Eduard VII. die Verwaltung des Reichsdepartements einem Juden Matthew L. Moß übertragen worden. Dieser Moß war vorher schon zweinial Minister ohne Portefeuille. Der Philanthrop und Führer der orthodoxen Partei unter den englischen Inden, Sir Samuel Möntagu, wurde trotz seiner polittsch-radikalen Richtung von dem König! zum Lord Swaithling ernannt. Später wurde er Unter-! staatssekretär von Indien. Der Monarch nahm absolut! keinen Anstoß daran, ihn sowohl wie den bereits genannten! Herbert Samuel zu Ministern zu ernennen, ohne daß siel es nötig gehabt hätten, ihre Religion zu „changierend! Im Jahre 1907 erschienen in Kanada die Minister! Patterson und Avleswolth in einer jüdischen Versau»».» lung, um im Namen des Königs die Erklärung abzu>! geben, daß beide die Einwanderung der unglücklichen Ju-I den Rußlands nach England und Kanada mit voller Sym-1 pathie begrüßen und diesbezügliche Pläne gern unter-! stützten. In Kanada sei einem jeden Freiheit und bürger-I liche Gleichheit gewährt. I Wirklich wanderten dort schon während eines Jahre-1 nicht weniger als 7127 Juden ein, worunter sich 60551 Russen befanden. Ihrer Beschäftigung nach zählten 183 zu Geschäftsleuten, während 267 die Landwirtschaft und 1870 ein Handwerk bettieben, 389 gehörten dem Arbeiterstand und 5 dem Bergbau an, welche statistisch Daten in 'beredter Weise den oft erhobenen, Vorwurf gegen die russischen Juden entkräften, als seien dich samt und sonders Schacherer und Hausierer. 1 Hohe Achtung und lebhaftes persönliches Wohlwollen bekundete der König auch für einen Engländer deutscher Abstammung, der früher dem Judentum angehörte, den hochgefeierten und hochverdienten Philanthropen Sir Ernest Cassel, den er zum Mitgliede des Geheimen Rates ernannte. Bekanntlich hat dieser edle Wohltäter ein überauhochherziges Werk zu Gunsten des Ausgleichs von England und Deutschland aus dem Gebiete der Humanität vollbracht, indem er eine Stiftung von vier Miltionen ins Leben rief, aus deren Zinsen notleidende. Deutsche in England und notleidende Engländer in Deutschland unterstützt werden solle». Mit dem.englischen König hat auch das deutsche Kaiserpaar das Protektorat über diese ebenso originelle wie .großmüttge Stiftung übernominen. Solch seltene Männer, wie Sir Ernest Cassel, tragen dazu bei, den Ruhin des deutschen Namens in England zu erhöhen. Sir Ernest Cassel ist auch wiederholt vom deutschen Kaiser ausgezeichnet worden. So enthält das Buch eine Reihe hochinteressanter Aufschlüsse über die Stellungnahme von Herrschern, Künstlern und Gelehrten zum Judentum«, so daß das Buch wärmstens empfohlen werden kann. Lnkerügimg eleganter Briefpapiere, Buchstaben-Monogramme und Wappen- — =— Prägungen. ——- — Visitenkarten 100 Stück von 75 Pfg. an W“ Neujahrskarten. Papeterie H. Oppenheim Börsenplatz 1, Ecks Scbillerstrasse, vis-ä-vis der Börse. Frankfurter Berichte. Wandergruppe des .,Mo«tefiore"»Berei«S. Die Wandergruppe schreibt uns: Wir möchten Sie bitten, einige Bestimmungen des Herrn Polizeipräsidenten bckanntzugeben, die ein großer Fortschritt sind. U. a. erhalten die 'Mitglieder des Vereins Montefiore Ermäßigung auf der Straßenbahn und auf der Waldbahn, indem je 2 Personen für jede beliebige Streck 15 H zahlen. . Außerdem ist es uns gestattet, in irgend einer Kaserne zu übernachten, wenn wir dieses dem dorttgen Kommando einen Tag vorher anmelden. Ferner erhalten wir von der Militärbehörde Zelte, Kochgeschirre, Töpfe und Flaschen zum selben Preise wie der Pfadfinder- Verein. Wie Ihnen wohl schon bekannt sein dürfte, habe» wir auch große Ermäßigung auf der Eisenbahn, die sich jetzt dadurch erleichtert hat, daß wir am Ausflugstagc selbst (also ohne vorherige Anmeldung) die Vergünstigung genießen. «leine Notizen. Die Aerzte Dr. S i g m. F a t h, Dr. L u d w. Gold- .berg, Dr. Rafael Hirsch, Dr. Adolf Jour da» erhielten den Titel S a ni tä tsra t.. Perfottalie» «. Kleine Wttteilnnge». Lemberg, Hier erscheint seit Anlang dieses Jahres die Jargonmonatsschrift „Der Emigranten-Freund". Ans der Lehrerwett. Gernsheim. Leo Aach aus Wickrath hat die hiesige Lehrerstelle, die seit einem halben Jahre durch den Tod des Lehrers Salomo» Weil verwaist war, übernommen und ist kreisamtlich bestättgt worden. Knnst «nd Literatur. Samuel Oppenheimer und sein Kreis (Ein Kapitel aus der Finanzgefchichte Oesterreichs)' von Dr. Max Grünwald. Von der Rappaport-Stiftung ge- " krönte Preisschrift. 358 Seiten. 6 JL Wien und Leipzig, Wilhelm Braumüller. Inhalt: Einleitung — Samuel Oppenheimer — Oppenheimers Kreis — Emanuel Oppenheimer und feine Familie — Simson Wertheimer — Lazarus Hirschel und