Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 37 (19.9.1913)
- Date
- 1913-09-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37. Seite 3 SattriS ernsthaft zu 'beachten und aus den gemachictt Fehlern zu lernen. Auch die Frage der kulturellen Arbeit in Palästina, die noch auf dem letzten Kongreß Zu. so heftigen Wuchsen Anlaß gab, rief diesmal keine wesentlichen Meinungsverschiedenheiten hervor. Der Uisrachi hat, nachdem er seine extremen Elcjiicnte losgeworden ist, mittlürwelle erkannt, daß die kulturelle Arbeit des Zionismus durchaus keine Gefahr für das religiöse Judentum bedeutet, und hat leinen ernsten Widerspruch mehr gegen dieselbe erhoben. Zu prinzipiellen Differenzen Anlaß gegeben hat nur die Universitätsfrage. Wenn auch auf dem Kongreß die Gründung der Universität einstimmig beschlossen wurde, so hat doch das Projekt manche gewichtige Gegner innerhalb der Organisation, zUinal in den Reihen der „Poalöi- Zion" und der palästinensischen Arbeiterorganisation „Hapoel hazair"; auch der „Misrachi" ist gegen eine/philosophische Fakultät. Die Gegnerschaft zum Projekte ist ja auch durchaus begreiflich, und auch wir verhehlen uns keineswegs die schwerwiegenden Argumente, die gegen die Universitätsgründung sprechen. Und wenn wir dennoch dctm Beschluß freudig zustim men, so geschieht dies in dc!r Erkennkris, daß der größte Teil der Gelder, die Ulan zur Gründung der Universität aufsaMmeln wird, für landwirtschaftliche Unternehmungen nicht zu haben sein würde. Außerdem kann ja kein 'Zweifel darüber herrschen, daß die Universität auch der Kolonisation in Palästina Nutzen bringen wird, indem sie Wünschen und Geld .ins Zand brrngcn wird. Nimmt man zu diesen Ätomenten noch die mannigfachen anderen Gründe hinzu, die für die Universität sprechen sdtot der jüdischen Studenten in Rußland; .Stärkung des politischen Einflusses im Orient; Wiederbelebung Jerusalems u. a.), so wird man, glauben wir, auch bei der kühlsten und objektivsten Erwägung der Sachlage zur Zustimmung zunr Kongreßbeschluß gelangen. So kann man denn alle Resultate des XI. Kongresses, zu denen auch die Wahl Tschlenoiv s ins E. A. C. als durchaus nicht unwesentliches zu rechnen ist, nur begrüßen und sagen: Der Kongreß hat wertvolle positive Arbeit geleistet und wird für die Weiterentwicklung des Zionismus von erheblicher Bedeutung bleiben. Nur gegen eine eiiMge Erscheinung, die inan auf dem Kongresse wahrnehmen konnte, muß opponiert und vor ihrer Ausbreitung gewarnt werden. Wir meinen damit jene Stimmung voller Zufriedenheit, die die Majorität der Kongreßdelegierten beherrscht hat, und die. aus allen Reden laut uud deutlich heraustönte. Wir halten diese Erscheinung für recht gefährlich. Gewiß, der Zionismus schreitet stetig und sicher fort, und seine Fortschritte sind überall int jüdischen Leben deutlich wahrnehmbar. Aber trotzdem liegt noch kein Grund zur absoluten Zufriedenheit vor. Wenn man bedenkt, daß von 13 MUlionen Juden nur 130,000 den Schekel Kahlen, also gerade 1 Proz., wenn man auf dem Kongresse dm Mangel an großen, beherrschenden Persönlichkeiten wahrnimmt, wenn man die wachsende Opposition dür führenden Kreise der westeuropäischen Jud'enheit zuM Zionismus konstatiert, wenn man die Indifferenz und Indolenz, der jüdischen Massen Rußlands erkennt, dann empfindet inan, wie ungerechtfertigt die Zufriedenheit ist und wie gefährlich sie werden kann. Der Zionismus muß noch ganz anders, viel intensiver und großzügiger zu arbeiten beginnen, ehe er sein Ideal in der Diaspora, die Nationalisierung des Volkes, erreichen, und sein Ideal in Palästina, die Schaffung einer jüdischen Heimstätte, verwirklichen wird. Und nur jene unentwegte Aufbietung aller Kräfte, die stets eine Folge tiefer Unzufriedenheit ist, wird den Zionismus zu jener großzügigen, methodischen Arbeit in allen Kreisen des Volkes führen können, die ihm not tut. Der XI. Wngreß war kein „historischer Wendepunkt" in der Geschichte des Zionismus, wie es nun beinahe für jeden Kongreß schon zur Regel geworden ist. Er war ein ArWeitskongreß, und die Arbeit, die er geleistet hat. war gut und fruchtbringend. Man kann alles in allem mit seinem Verlaufe und seinen Ergebnissen nur zufrieden sein. Krmckfurter JsraeWfches Familfenblait. Schneiderei Crössmann Halaonatnaaao tOa, Enineso/. Kaiser Wilhelm-Passage. Telefon Amt I, 6930. Englische Jackon-Kleidor. Garantie für gnte Passform. — Prima Stoffe und Zutaten. Solide Preise. — Auf Wunsch zuverl. koschere Verarbeitung. Brief aus Italien. Italien ist bekanntlich eines der wenigen Länder, in denen der Antisemitismus keinen Boden fassen konnte. Nicht als ob es nicht hier und da an antisemitischen Anrempelungon, besonders in der klerikalen Presse, fehlte. Zlber von einem italienischen Antisemitismus kmm doch nicht die Rede sein. Es dürste kaum ein zweites Land geben, wo die Juden Tür und Tor offen haben, wie in Italien. Sie können zu den höchsten politischen, administrativen, diplomatischen und sozialen Stellungen gelangen, ohne daß jemand,daran Anstoß nimmt. Fällt es manchmal einem klerikalen Judenfresser ein, über irgend einen hochgestellten Juden zu schimpfen, so findet er nur ein mitleidiges Achselzucken. Ucberhaupt ist der Antisemitismus hier eine exotische Pflanze, die auf italienischem Boden rasch verwelken muß. Um so mehr überraschte uns eine Narchicht, die der Turiner „Vessillo Jsraülitico" aus der italienischen Kolonie Eritrea brachte. In der Hauptstadt Asimara verbreitete sich die Nachricht, daß die dortigen Juden ein chriWchüs Mädchen „gestohlen" hätten, um es zu schlachten und sein Blut für rituelle Zwecke zu gebrauchen! Die Hetzer wollten wissen, daß das betreffende Mädchen in einem Sack in die Synagoge geschleppt wurde, wo man es in einer Lade verborgen hielt. Die Polizei, anstatt das Märchen zu dementieren und die Hetzer zu bestrafen, bezeugte Mit ihrer unerhörten Haltung, daß sie dem Märchen Glauben schenkte. Denn sie sandte einen Gendarmen in die Synagoge, der alles durchstöberte, uM das „Opfer" zu finden. Indessen wartete draußen eine große Menge, die sich über die Juden lustig machte und das Resultat erwartete. Das Resultat der Haussuchung konnte natürlich nur negativ sein. Aber daß ein Vertreter dos Gesetzes sich in einen jüd. Tempel begeben kann, um da den Leichnam eines zn Ritualzwecken geschlachteten Mädchens zu suchen, — ist doch unerhört. Der jüd. Gemeind üb und, denr die Akten über diesen Vorfall übergeben wurden, hat energische Schritte beim Kolonialministeriutit unternommen. Wie verlautet, hat der Gemein debund die Versicherung bekommen, daß ähnliche Fälle sich nicht wiederholen werden. In einem meiner letzten Briefe berichtete ich Ihnen, daß der GemeindEund nächstens in Rom einen allgemeinen öffentlichen Kongreß der jüdischen Gemeinden Italiens einberufen 'wird. Wie der „Bund" mitteilt, wird daran gearbeitet, den Gemeindebund in eine öffentliche Repräsentanz der italienischen Judönheit umzuwandeln. Sobald die Vorarbeiten zu Ende geführt sind — wahrscheinlich im Dezember —, wird der Kongreß einberufen werden. Außer den inneren Angelegenheiten der Gemeinden, den Rabbiner- und Kultusfragen wird sich der Kongreß voraussichtlich auch mit der Falaschafrage beschäftigen. Die Leitung des Gemeindebundes hat sich deswegen schon vor einigen Mmaten mit dem Präsidenten des „Internationalen Pro-Falaschas-Komitee" in Verbindung gesetzt. Luigi Luzzatti, der frühere Ministerpräsident, über dessen leidenschaftliche Aktion zu Gunsten der rumänischen Juden wir schon einige Mal Gelegenheit hatten, in diesen Spalten zu berichten, hat einen neuen Llppüll im Corriere della Sera veröffentlicht, in dem er besonders mit dem rumänischen Minister des Innern Polemisiert, der vorgegeben hatte, daß die rumänische Judenfrage eine .„interne Angülrgenheit" Rumäniens sei und die europäischen Staaten nicht interessieren dürfe. Luzzatti hebt in diesem Artikel scharf hervor, daß die rumänische Judenfräge ihm am Herzen liege und er seine Aktion nicht eher aufgeben werde, bis die Gerechtigkeit gesiegt habe. Er sei im Meinungsaustausch mit einigen großen und edlen Staatsmännern Europas und Amerikas und hoffe, bald ein internationales Komitee bilden zu können. Die .rumänischen Juden seien „Fremde ohne fremde Protektion". Sie haben keine Regierung, die ihnen ihren Schutz gewährt. Das internationale Komitee müsse die Regierung dieser Fremden vertreten und ihnen den Schutz verschaffen, den die stiesinütterliche Heimat nicht gewähren will. O8 sich die heuchlerische Regierung der authentischen „Abkömmlinge der alten Lateiner" ergeben wird? Ben-DaviÜ. Brief aus der Türkei. Die ChachaM-Baschi-Frage von Liberias ist zur Zufriedenheit der Majorität der dortigen Gemeinde gelöst worden. Als der Proteste gegen den jetzigen ChachaM-Baschi Alchadef zu viele wurden, begab sich dieser nach Konstantinopel. Die Gegenpartei aber sandte sogleich zwei Delegierte nach dort, um die Demission trotzdem durchzusetzen. Zuerst versuchte es Rabbi Nachum, einen Ausgleich in der Richtung zu Machen, daß Alchadef seine Stelle noch einige Monate behalte, um dann erst zu demissionieren. Die Gegner jedoch beharrten auf ihrer Forderung, — und man mußte sich ihrem Willen fügen. Wie ich jetzt im Großrabbinat erfahre, fragte man heute den Ex-Großrabbiner von Tiberias, Rabbi Abulafia, telegraphisch an, ob er den Posten wieder annehme. Ich habe im Großrabbinat Gelegenheit gehabt, mit Rabbi Alchadef zu sprechen; er bestätigte fast alles, was ich über die Vorfälle von Tiberias schrieb. Interessant ist, daß weder Alchadef noch Abulafia Gehalt oder sonstige Einnahmen bezogen. Als ich Alchadef siagte, warum der bekannte Aba di Anteil an der Chaluka verlangte, antwortete er naiv: „Muß Man denn arm sein, uM Chaluka zu bekommen? Die Chaluka ist doch für uns „Chachamim" bestimmt. Ich selbst _ und Rabbi Abulafia sind auch reich, und doch entsagen wir uns von der Chaluka nich. Ist es doch so seit jeher eingerichtet. V Unsere reichen „Chachams" denken also garnicht daran, dieses Bettelörvk, die Chaluka, ihrer armen Brüder wegen aufzugeben, und in der Diaspora glauben unsere Philantropech daß durch ihre Mmosen der Armut der Palästinenser Juden entgegengesteuert wird. Die hiesige französische Zeitung „La Turquie" schreibt u. a. über den XI. Zionistenkongreß: „Worauf wir besonders Hinweisen, sind die nationale Solidarität und die Freigiebigkeit der reichen Klassen der jüdischen Nation, die sie jetzt bei Gelegenheit der Schaffung einer jüdischen Universität in Jerusalem wieder einmal zeigten. Während kurzer Zeit wurde für die Verwirklichung dieses Projektes ein Forste von 600,000 Mark gesammelt. Dies ist ein Beispiel, dem die übrigen Nationalitäten in der Türkei, die noch keine Universitäten in der Türkei besitzen, folgen sollten. 'Nach dem Technikum, das in Haifa errichtet wird, kommt jetzt die Jerusalemer Universität. Das verschafft der jüd. Nation nur Ehre. Wir finden im Orient nur die Freigiebigkeit der Griechen, welche der der jüdischen Reichen gleichet: kann. Die Hirschs und Rothschilds köimen nur mit den Jaffas und Singros verglichen werden." I, Kantorowitz. sr Kristallpalast Tel. I. 3825. Gr. Galluatr. 12. Tel. I. 3844. Gastspiel des weiblichen Caruso! sowie das erstklassige September-Programm. Sonntag Nachmittag ungekürzte Vorstellung. Anfang Nachm. 3'/* Uhr, Abends 6% Uhr. Eintritt 60 Pfg. __Cabaret die ganze Nacht geöffnet._ Lehrerverbaud und Gerrreiudebimd. Der Borstand des „Berbandes der Jüdischen Lehrer- Vereine im Deutschen Reiche" hat in einer außerordentlichen Sitzung folgende Beschlüsse gefaßte -1. Nachdem Herr Professor Blaschte in der Allgemeinen Zeitung des Judentums die Erklärung abgegeben hat, daß er sowohl in seinem Referat, als auch in seinen Leitsätzen nur seine persönliche Meinung zum Ausdruck gebracht hat, ist für den Borstand die Polemik gegen den D.-J. G.-B. erledigt. 2. Der Berbandsvorstand ersucht den D.-J. G.-B-, erneut, die Bolksschulfrage auf dem nächsten Gemeindetage zur Beratung zu stellen. 3. Der Berbandsvorstand beschließt, eine energische Agitation für Errichtung jüdischer Bolksschulen bei allen hierfür in Betracht kommenden Instanzen in die Wege zu leiten. 4. Der Berbandsvorstand unterbreitet dem im Dezember d. Js. stattfindenden VI. Lehrerverbandstag folgenden Antrag zur Beschlußfassung: