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Neue jüdische Presse · 1913-09-19 · Heft 37 (19.9.1913) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 37 (19.9.1913)
Date
1913-09-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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fkUt 2 überaus reizpoll. Die Sonne stand noch Hoch am Hinünel, als wir nach Haifa mmen. Haifa ist eine Stadt, deren rascher, blühender Aufschwung erst feit kurzer Zeit' datiert. In alter Zeit ohne Bedeutung, spielte es auch während des Mittelalters und der Neuzeit keine besondere Rolle. Gegenüber dem nur zwei Stunden von ihm entfernt liegenden AKo verschwend es fast ganz. In den letzt«: 20, LOJähren Hai es jÜÄch einen blühenden Aufschwung genominen. Einmal ist hier der Ausgangspunkt der Hedfchasbahn, die über Damäskus nach Mekka und Medina führt, sodann bietet seine Bucht einen natürlichen Hafen für die Schiffe; ein richtiger Hafen fehlt noch. Endlich aber hat sich ein großer Teil der var etwa 30 Jahren ins Land gezogen«: deutschen Templer angesiedelt und Wohlstand in die Stadt gebracht. Das zweite Mal, als ich in Haifa weilte, war ich infolge Platzmangels' im. jüdischen Hotel gezwungen, im deutschen Hotel mich einzuquartieren, und hatte so die Gelegenheit, die großen kulturellen Eigenschaften dieser dmtschien Kolonisten zu bewundern. Sie haben sich in Haifa eine sehr schöne Siedlung angelegt, die in ihrer peinlichen Sauberkeit, in chrer schmucken, schönen Anlage! in dieser Hinsicht vorteilhaft vdn so manchen jüdischen Siebt lungen und Kolonien absticht. Der Sinn für düs Kleine, die Liebe zum schlichten natürlichen Zierrat, außerdem Las tief kulturelle Ordnungsgefühl sind Tuenden, die Len 'Juden auch in Palästina noch oft abgehen. Die Kmrst, Mit einigen Pfennigen ein Haus zu verschönen, mit wenig«: Groschen einen prachtvollen Garten anzulegen, könnt der jüdische Kolonist meist noch nicht. Ich denke aber, es ist dies ein Mangel, Len die! Zeit beseitigen wird. Diese Deutschen haben diese Eigenschaften ja schließlich schon von ihrem Schwaben mitgebracht; der jüd. Kolonist hingegen muß sie sich erst hieir aneignen. In Bcrditschew unLKrementschuk haben sie sich nicht entwickeln können. Schon heute! sieht Man sie bei verschiedenen Kolonisten entstehen. Und Manche Gärten in Tel-Awiw oder in Pethach-Tikwah können es mit denen der Haifaer deutschen Kolonie schon aufnehmen. , . Haifa hat eine große Zukunft vor sich. Vielleicht eine größere als Jaffa, weil es bessere Hafenverhällnisse hat. Herzl, als eir Palästina Äsuchte, hat die natürlichen Vorzüge Haifas sofort erkannt unb läßt bekanntlich in feinem „Altneuland" Haifa die Rolle des kommerziellen Mittelpunktes im Lande spielen. Es ist so nur selbstverständlich, daß wir Juden suchen müssen, uns auch in dieser Stadt eine starke Position zn erringen. Bisher spielt das Judentum in Haifa nur eine geringe Rolle. Für die nächste! Zukunft jedoch verspricht es besser zn werden: durch das im Bün befindliche Technikum. Schulen schaffen in Palästina Ansiedlungen. Das Hebräische Gymnasium hat Tel-Awiw geschaffen, das Haifaer Technikum wird „Atid" schaffen. Atid nennt sich Las jüdische Stadtviertel, das rings uM.das Technikum entstehen wird.. Der Boden ist. bereits gekauft, Las Meiste bereits an Private verkauft, und in einigen Jahren wird sich hier ein zweites Tel-Awiw erheben, das aber vor dem Jaffa«: einen großen MoMig voraus haben imrbb den der landschaftlichen Schönheit. Tel-Awiw ist landschaftlich reizlos. „Atid" aber hat eine prachtvolle .Lage:' an dem Abhänge des KarMels streckt es sich Lahm, unten die große, schöne Meeresbucht, über die es sich mit dem Technikum in der Mitte, stolz beherrschend, erheben wird. Der Bau des TechniknMs selbst ist schon ziemlich fortgeschritten.' Die Mittelschule, die als seine Vorschule dienen wird, ist schon außen vollendet, das Technikum selbst erhebt sich bereits höher als das erste Stockwerk. So kann man schon jetzt übler das Gebäude urtellen; nach-Urteil aller nrirö es ein stotzer, imposanter Bau werden. Hoffentlichwird es in seiner kulturellen Bedeutung seinem Gebäude gleichen und ein ebenso stolzer Fakttr in dem System des hebräischen Unterrichtswesens Palästinas werden, wie es sein Bau innerhalb der Materiellen Wuschen Ansiedlung in Palästina LarstM. Des hebrärschen Unterrichtswesens, sage ich. Denn ich möchte noch nicht die Hoffnung anfgeöen. Laß das TechnikmN auch in der Tat ein hebräisches Technikum werden wird, wie es alle Welt bisher «wartet hat. Diese Hoffnung aufgeKen Müssen, heißt sich einen recht bitteren Schme^ anüm. VÄche Frankfurter Israelitisches FamNenölükt. schönen stolzen Hoffnungen haben und hat mit uns die palästinensische Judenheit nicht an dieses Technikum geknüpft! Es'würde sehr weh. tun, nun all dies grausam zerstört zu sehen. Uitfci ich habe in vielfachen Unterhaltungen während meines hiesigen Aufenthaltes GelegÄiheit gehabt, zu erkennen, welcher Schlag es für das ganze hiesige Judentum bedeuten wird, wenn an die Stelle eines Hebräischen Technikums — hebräisch kam: es auch sein, wenn in der erst«: Zeit aus Mangel an geeigneten.Lehrern manches deutsch unterrichtet werden wird, bis die Dozenten des Hebräischen mächtig werden — nun ein Deutsches Technikum treten wird. Las dann vielleicht mehr zur Stärkung der Haifaer deutschen Kolonie und mit ihr des D«ttscht.ums überhaupt in Palästina Veittagen wird, als zur Vergrößerung und Erweiterung der jüdischen Positton. Hoffen wir, daß man in Berlin endlich die Situation Kar erkennen und die allem möglichen Konsequenzen ziehen wird. —- Der letzte Teil des Nachmittags wär dem Aufstieg auf den Karmel gewidmet. Bei der geringen Höhe des Bergplateaus — 300 Meter — waren wir bald oben. Es bot sich uns ein bezaubernder .Anblick: unten das blaue Meier und am Ende der Bucht das Malerische Akko. Auf dem breiten Plateau des KarMeil erhebt sich das alte Kloster des Karmeliterordäns, außerdem einige deMsche Hotels. Die Lust ist vorzüglich und auch im. heißesten Sommer kühl und frisch, Lin Umstand der den Karmel zu «nein: vortrefflichen SomMeraufeitthalte mücht. Schon in alter Zeit hatten viele der Vornehmen auf djem KarmÄ ihre Weinbärge und Gärten, in denen sie Kün SvmMer zuzubringen pflegten. .Als wir das KarMeliterklvstär besichtigten, begegnete uns etwas sehr Interessantes: ein aller Priester, der uns umhersührte, und! der gemerkt hatte, daß wir Juden seien, begann, uns eine lange Rede Au halten, deren Sinn der war, daß für die Juden jetzt die Zeit gekommen sei, nach Palästina znrückzukchren. Zuerst — sagte er —habe Gott die Deutschen hergesandt, die den Juden und der Welt zeigen sollten, welch blühendes Land man durch energische Arbäü aus Palästina machen könne. Nun, da sie dies aller Welt bewiesen, sei ihre Aufgabe erfüllt, und jetzt sei die Reihe an den Juden, ihr altes Land wieder in Besitz zu nehmen. Und währenL er all' dies aus verschiedenen Bibelstellen zu beweisen suchte, glühten seine Augen in seltsamer Begeisterung. Die Worte des Alten machten auf mich einen tiefen Eindruck. Selbst christliche Priester erküimen, daß der Tag dev Rückkehr Israels zu seinem Lande gekommen sei, und Tausende von Juden machen sich währönddäm darüber lustig. Ich müßtt auch an so manche bedeutende Christen denken, die Mn Zionismus stets lebhaft befürworten. Werweiß, ob wir nicht letzten Endes in der Tat den christlichen Nationen unsere Erlösung zu verdanken haben werden, die uns mtt Gewalt in unser Land zurückjagen werden? Wie sprach doch schon der Gott Israels Au seinem Wolke, als es in Egypten schmachtete: „Mit ausgestrecktem Arm und starker Hand werde ich euch hinausführen aus Egypten!" Es gibt Völker, denen man die Freiheit aufzwingen muß. Gott wolle verhüten, daß das hönüge Judenvolk nicht auch zu ihnen zähle! Ms wir das Kloster verließ«: und noch etwas höher hinanffhiegen, kamen wir unerwartet an eine Stelle, wo wir wie entzückt stelhen blieben: Bor uns lag die ganze große Jesrejelebene, die in ihrem grünen Schmucke einem Paradiese glich. Und dahinter erhoben sich die Berge Gilboas und, die Ebene im Hintergründe begrenzend!, die Bergesgruppe imi den Keinen Hermon; in der Ferne zeigte sich auch der runde Tabor. Es war schon spät nachmittags, und es wurde rasch dunkel, wie gewöhnlich hier im Lande. Ms wir wieder pen Rückgang antraten, warf ich ein '„Leb«v0hl!" der Ebene vor uns zü, samt den Bergen, die sie umkreisen. Morgen schon werde, ich in ihr weilen, denn das Programm des komMemiän Tages hieß: Merchawjah! _ Aus Leu Ereignissen des Tages. Der XI. Zioniftenkougretz. Der XI. Zionistenkongreß ist vorüber, dis Schar der Taufende, die aus allein Ländern der Well zu dieser imposant«: Kundgebung des heuti-- Är- 37 gen Judentums herbäigeströint waren, hat sich wieder abgeflutet, die erregte, gespannte Stimmung, die die Kongreßatmosphäre zu füllen pflegt, ist geschwunden, und man hat bereits die Möglichkeit, ruhig und objektiv die Ergebnisse des XI. Kongresses zu überschauen und zu bewerten. Es gibt viele, die mit diesem Kongresse unzufrieden sein werden. Nicht nur die Schaulustigen, die auf Sensationen und Skandale warteten, die ausblieben, auch jene ewig Hungrigen, die von jedem Kongreß eins neue Offenbarung ertvarten, werden umrren und klagen: Der XI. Kongreß hat uns nichts Neues gegeben; er hat kein neues Wort in die jüdische Welt geschleudert. Ganz richtig. Er hat kein neues Wort geschleudert, weil es keins zu schleudern gibt. Was der Zionismus in den letzt«: 15 Jahren dem' Judentum gegeben hat, ist so reich und vielseitig, daß das jMsche Volk noch einige Zeit zn tun haben wird, bis es sich mtt den Werten UM» Postulat«: des Zionismus abgefunden haben wird. Wer von Wem Kongresse ein neues Wort erwartet, versteht eben nicht die Aufgabe des Kongresses. Sein Zweck ist es, die Arbeit der zionistischen Organisation für je zwei Jahre sestzulegen. Und diese Aufgabe hat der Kongreß in vollem' Maße erfüllt. Er hat für fast, alle Zweige der vielumfassenden zionistischen Tätigkeit die Prinzipien ausgestellt, und sowohl der Zenttalleitung wie den einzelnen Landesvrganisationen hat er eine Karo und feste Marschroute vorgeschirieben. Fortsetzung der Agitation in der Diaspora und der praktischen Arbeit in Palästina auf der Grundlage der in der letzten Kongreßperiode befolgten Prinzipien, Beginn einer energischen ' kulturellen Tätigkett in Palästina, Einleitung der Vorarbeiten zur Gründung der Universität in Jerusalem, das sind die LeitpiinktÄ der zionistischen Arbeit der nächsten zwei Jahre, die der Kongreß allen zionistischen Körperschaften mit auf dön Weg gegeben hat. Zwei Fragen ständen im Mittelpunkte des Kongresses: die Bankfrage, und damit zusammenhängend die Palästina«r.beit. Wir können die Resultate, die bezüglich jeder dieser Fragen erzielt wurden, nur als erfreulich bezeichnen. Es ist sehr zu begrüßen, daß in der Bankfrage ein Koutpromis zustjande kam, denn es wäre ein Unglück für die Organisation, wenn Kräfte wie Wolffsohn, Kann, Katzenelnsohn, Jean Fischer von der alliven Betätigung ausgeschttssen wiftden. Die zionistische Organisation, dies hat leider der Kongreß wieder, gezeigt, ist durchaus nicht so reich an Männern und Arbeitskräften, als daß sie auf die Mitarbett solcher Persönlichkeiten, die von Anbeginn an im Dienste der Bewegung gestanden und Großes geleistet haben, verzichten könnte. Außerdem hat auch dieser Kongreß mtt seinen Debätten die Ansicht, die wir wiederholt geäußert habän, nur wieder bestätigt, daß es in Wirklichkeit gar keine so tiefen priiHipiell«: Differenz«: zwischen beiden Richtungen gibt. Wolffsohn hat für sämtliche Berttauensresolutionen gestimmt, und auch! Kann hat sich feierlich dagegen verwahrt, daß er ejn Gegner der Palästinaarbett sei. Es ist letzten Endäs nur eine Frage des Tempos, die die führenden Männer beider Lager trennt, und um solche Differenzen auszugleichen, gibt es nur ein Mittel: gemeinsames Zusammenarbeiten. Wir sind überzeugt, daß in noch zwei Jahren die Bankftage viel von ihrer Schärfe verloren haben wird, und! früher oder später wird sie ganz verschwinden. Es gibt eben noch einen anderen Weg, Gegner zU versöhnen und Differenzen zu beseitigen, als brutale Majoritätsbeschlüsse, und es ist Äußerst, erfreulich, daß der Kongreß diesen anderen positiven, fruchtbringenden Weg gegangen ist Was den Koinplex der Fragen der Pa lastinaarbeit betrifft, so befand sich —' wie gesagt — der Kongreß in seiner überwiegenden Majorität auf dem Standpunkt, daß die bisherige Arbejt auf der Grundlage der alten Prinzipien fortzuführen sei. Die Kritik I. Kanns hat zwar bei den kühlör raisonnierenden Teilnehmern des Kongresses ähre Wirkung nicht verfehlt, aber wegen der gemachten Fehler, die bei einem so großen Werke unvermeidlich sind, die ganzie Arbeit «nzustäillen, dazu würde sich heute niemand verstehen. Doch werden das große wie das engere A. C. gut daran tun, die Kritik

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