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Neue jüdische Presse · 1913-09-19 · Heft 37 (19.9.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 37 (19.9.1913)
Date
1913-09-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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SS Erscheint wöchentlich am Freitag. für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder ML 2.— Einzel-Nummer» koste» 10 Pfg. KedaKtion und Erpedition: Frankfurt «. M » Eangeftr. 7. Fernsprecher Amt I. 10507. Heranr-ever: Karg ch-rs. Fnsertionovre« für die sunfgespaltene Petitzerle 25 PH., far die Rellamrzeile «DIL 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-«ngebote und -«-suche. Wohnungsinserate^ Heirat»-Annoncen 15 Pfg. die sechrgespallme Petitzeüe ohne jeden Rabatt. Platz- und Datmn^orschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahrne bei der Lxped. und in a.Annoncen»Bureau». Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. Munter Nr. 4884. lt Jahrgang. Freitag, de» 19. Lllul 5673 (19. September 1913) «r. 32. Erez-Jsrael. (Reisebriese.) Kon Nachum Goldmann. XV. E h e d e r a h. — S ich ro n - I a kob. — Haifa. Bon Pethach-Tikwah nach Chederah «fuhr ich etwa 10 Stunden; ich habe während dieser ganzen Zeit keinen Berg überschritten, keinen Hügel überfahren. Ringsum nur eine einzige, große Ebene: „Emek Hascharon", die Saro ns ebene. Es war Frühlingszeit, als ich meine Reise machte, und die ganze Ebene war mit grüner Hülle bedeckt. Und ich stellte mir vor, welches Leiben einst in dieser Ebene geherrscht hat; große Viehherden durchzogen sie ständig, fröhliche Hirtenlieder erschollen, und die Edlen des Volkes kamen hoch zu Roß, ihre großen Besitzungen, die sie in dieser Ebene besaßen, zu besichtigen; und demgegenüber wieder ein anderes Bild: Reisige, trotzige Philistergestalten jagen auf flinken Rossen dahin, Scharen ordnen sich, Schreie ertönen: das Philisterheer begibt sich auf einen Kriegszug, der bis in die Ebene Jesreels hindringt. X Die. Bilder nahmen für mich eine außerordentlich plastische, deutliche Gestalt an. Was mir früher beim Lesen unserer Bibel nur abstrakte Erzählung war, ward nun für mich lebendig. Mir hat sich dies seitdem jedesmal, wenn ich an historischen Stellen weilte und die Bilder der Vergangenheit vor mir erstanden, immer wiederholt, daß die biblischen Schilderungen, die ich draußen gelesen hatte, wie man eben einen trockenen Bericht liest, hier im! Lande Blut und Farbe gewannen. Und heute weiß ich es: Die Bibel kann man nur in Palästina verstehen. Ein Aufenthalt in Palästina gibt Mehr zum wirklichen Verständnis als alle gelehrten Kommentare und wissenschaftlichen Einleitungen. Ein erneuter Beweis dafür, wie unzertrennlich die Bibel mit Palästina verwachsen und verwoben ist. NiMmt man der Bibel die Umgebung Erez-Jsraels, den Erdgeruch des palästinensischen Bodens, dann raubt man ihr alle Plastizität, alle Farbe, alles Blut. Die Bibel und Palästina gehören zusammen. Seitdem man Palästina seine Bibel geraubt hat, ist es ein Land ohne Kultur geblieben. Seitdem die Bibel aus Palästina entführt wurde, ist sie zu einem Buche mit sieben Siegeln geworden. Die lange Fahrt bot inir reichliche Möglichkeit zu solchen Betrachtungen und historischen Reminiszensen; in all den 10 Stunden keinerlei Abwechslung, immer dieselbe glatte, weite Ebene; nur ab und zu. begegneten wir einer großen Ziegen¬ oder Schafherde, die in diesem weiten .Horizont ein sehr schönes, stimmungsvolles Bild abgab. Die vielen schwarzen Ziegen, in einein geordneten Truppe dahertrippelnd, und vor ihnen die lange, hohe Gestalt des Hirten Mit seinem Hirtenstabe, hoben sich sehr Malerisch von der schmucllosen weiten Bodenfläche ab. Wir passierten einige arm> selige Dörfer und überschritten auch unterwegs zwei bereits halb zerfallene Brücken über beträchtliche Wadis'-- (Bäche). „Diese Brücken haben Sie Ihrem Kaiser zu verdanken", sagte Mir der Kutscher, ein kräftiger Kolonist aus Pethachl-Tikwah. „Bor 15, 20 Jahren gäb es hier keine Brücken; wer den Wadi überschreiten wollte, mußte eben durch eine Furt waten. Bevor der Kaiser kam, wurde jedoch der ganze Weg von Haifa bis Jaffa, den er nachher ritt, repariert, und damals wurden auch die Brücken gebaut. Heute sind sie wieder halb zerfallen, da kein Mensch sich um sie kümmert. Beten Sie zu Gott, daß Ihr Kaiser bald wieder einmal das Land besucht." Gegen abend kamen wir in C hob er ah an. Die Kolonie liegt mitten in einem großen Eukalyptuswalde. Da in der Nähe der Kolonie Sümpfe waren, die ein gesundheitsschädliches Klima bewirkten und viele Krankheiten hervorriefen, ließ der Baron diese Sümpfe durch Anpflanzung von Eukalyptusbäumen austrocknen. HeMe ist dort das Klima völlig ungefährlich. Chederah ist, was die Ausdehnung betrifft, die größte aller Kolonien; es besitzt an die 40,000 DunaM. Doch ist nur ein Teil der Besitzer hierhergekommen; der Rest ist bis heute im Ausland verblieben und läßt seinen Boden durch die ansässigen Kolonisten bearbeiten; ein beträchtlicher Teil liegt noch völlig unbearbeitet da. So bietet diese schöne Kolonie noch Platz für viele Kolonisten, und ihre Zukunftsperspcktiven sind darum recht günstige. Ich übernachtete in Chederah, verbrachte dort auch den Bormittag des nächsten Tages, und nachmittags ging es weiter: nach Sichren-Jakob. Der Weg dauert nur drei Stunden, ist aber recht beschwerlich. Es war bereits gegen 6 Uhr nachmittags, als ich anlangte. Der Anblick, der sich beim Eintritt in die Kolonie bietet, ist unbeschreiblich schön. Die Lage der Kolonie ist eine der schönsten in ganz Palästina. Bon der einen Seite die Berge, Malerisch gruppiert, und auf der anderen das blaue, weite Meer. Die Sonne war gerade am Untergehen und tauchte wie eine glühend-rote Kugel langsam in die Fluten hinab. Bor mir geradeaus lag die Kolonie: eine prachtvolle breite Hauptstraße mit schönen Häuschen zu beiden Seiten; dies hineingesetzt mitten in diese Natur bot ein unvergeßliches Bild. „Ich war in ganz Europa" — sagte mir nachher der dortige Hauptlehrer —, „einen solch' schönen Anblick, wie ihn Sichron bietet, habe ich nirgends gefunden. Man muß schon die Schweiz mit Italien kombinieren, um ein solches Bild zu erhalten." Es war ein Freitag, als ich nach Sichron kam, und so verblieb ich dort den Sabbat über. Er verging so schön wie eine wahre Idylle. Ich Mußte immer an meinen vorigen Sabbat zurückdenken, den ich in Jerusalem verbracht hatte. Ich hatte da zum letzten Mal den Kötel hamaarawi besucht und noch einmal inmitten all dieser gebeugten, bleichen Judengestalten aus aller Herren Länder still um das Elend unseres Volkes geweint. Und nun befand ich mich in einer paradiesisch schönen Kolonie, über der die innige, gemütsreiche Stimmung eines echt jüdischen Sabbat ruhte. Die Men ruhten und schliefen, die Jungen lasen, spazierten, turnten und genossen die sieio, frische Lust, die vom Meere herüberwehte. Der große Gegensatz zwischen Goluthexistenz und dem neuen Leben in Palästina trat mir wieder einmal plastisch in seiner garten Tiefe vor Augen. Nur eines störte meine Zufriedenheit: Der Anblick zahlreicher Araber, die in der Kolonie als Bedienstete wohnen. Auch hier wieder habe ich diese übergroße Zahl der Araber als den störendsten, unangenehmsten Flecken in dem sonst so .schönen Bilde des neujüdischen Lebens in Palästina empfinden Müssen. Sichron-Jakob ist die Schwester Rischon-le- Zions, war gleich diesem ein Lieblingskind des Barons und ein Haupttummelplatz der Administratoren. Die Nachwehen ihrer Tätigkeit merkt man auch heute mich. Mehrere junge Leute, mit denen ich sprach, klagten mir über das außerordentlich geringe geistige Leben, das in der Kolonie herrsche; auch sei der Wachtdienst noch in den Händen von Arabern; kurzuM: die Pflege des aktiven nationalen Geistes lasse noch viel zu wünschen übrig. Die Wunden, die uns die Pariser Boulevardsprößlinge geschlagen haben, werden wir eben noch einige Zeit zu verspüren haben. Erst die neue, junge Generation, die in den Kolonien heranwächst, wird ganz von den Wirkungen jener Jahrs fiel sein .können. In Sichron traf ich Mit einem interessanten Manne zusammen. Es war ein reicher russischer Jude, der bereits lange Zeit in Südafrika wohnte und dort sich ein beträchtliches Vermögen erworben hatte. Bor 1p» Jahren hatte er eine Weltreise angetreten nnd war, nachdem er alle Erdteile durchquert hatte, auch — mehr zufällig — nach Palästina gekommen. Als er kam, war es seine Absicht, einige Tage zu bleiben und dann wieder nach Egypten zu gehen. Als ich ihn traf, war er bereits ein halbes Jahr da, und auf Meine Frage, wann er verreisen wolle, antwortete er mir: ,;Jn drei Wochen reise ich wieder nach Südafrika, aber nur um meine Geschäfte zu liquidieren und dann hierher zurückzukommen, um hier zu bleiben. Wer einmal Palästina betreten hat, den läßt das Land nicht mehr los. Wo dachte ich vor einem Jahre an Palästina; heute empfinde ich, daß ich nirgends außerhalb Palästinas glücklich leben Knute!" Seltsames Land, das seine Söhne, die es vor zwei Jahrtausenden verlassen haben, mit solch geheimnisvoll starken Kräften zu sich zurüctzuziehen vermag! Ein solches Beispiel — ich habe seitdem viele kennen gelernt — läßt alle noch so tiefgründigen Beweise für das Aufhören der nationalen Existenz des Judentums in nichts zerstieben. Gefühle und Seelenzustände, die mit solch elementarer Kraft zu wirken imstande sind, spotten in ihrer Tiefe aller logischen Vernünftelet und gelehrten Rationalität. Am folgenden Morgen, in aller Frühe Kreits, verließ ich die Kolonie und nahm den Weg nach Haifa. Es hatte in der Nqcht stark geregnet, und der Wagen kam nur mit großer Mühe in deim. einige Fuß hohen Schlamme vorwärts. Ich könnt«! mir einigermaßen einen Begriff machen von den hiesigen Wegeverhaltnisfen im Winter, wo es manchmal vorkommt, daß die Pferde im Schmutze stecken bleiben und nicht mehr vorwärts kommen. Unterwegs besuchte ich Atlit, die landwirtschaftliche Versuchsstation, die der bekannte Botaniker A hron-- sohn leitet. Ter Zweck dieser von amerikanischen Mäcenen unterhaltenen Versuchsstation ist der. sämtliche landwirtschaftliche Fragen der Kolonisation in Palästina praktisch durch Versuche zu lösen. Sie will die besten Arten des Getreides, der Baumforten feststellen, die für den palästinensischen Boden und Klima paffen, sie will die Mligffen Methoden der Beackerung ausfindig machen, kurzum, sie soll die Zentralstation für alle landwirtschaftlichen Fragen bilden. Ein beträchtliches Terrain ist bereits mit allen möglichen Getreide- und Pflanzensorten besät, und die Bedeutung der Station, wenn sie erst ausgebaut sein wird, verspricht eine sehr große zu werden. Der Weg von Atlit nach Haifa ist einer der schönsten, die ich in Palästina gefahren bin. Der Weg führt dicht am Meeresuför entlang; rechts er-- hebt sich das schöne, nicht allzuhohe Karmelplatteau, und links rollt das Meer seine Wellen gegen das Ufer. Zumal, als sich uns kurz vor Haifa bereits der Blick auf diese Stadt Kok, war das Bill»

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