Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 36 (12.9.1913)
- Date
- 1913-09-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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C. kein solch begeistertes, uneingeschränktes Vertrauensvotum erhalten wie diesmal; seit langem war die Opposition nicht so numerisch klein und maßvoll wie diesmal; man ist zuftieden. Es gibt wohl einige Unzufriedene, aber wenn auch ihre Namen schwer wiegen, ihre Zahl ist verschwindend klein. Das Gros .der Delegierten blickt mit Liebe und Wohlwollen auf das in Basel neugewähltö E. A. E. und erteill ihm seinen vollen Segensspruch auch für die Zukunft; ja selbst Wolfssohn hat für das Vertrauensvotum, für die Resolution bozüggich der Palästinaarbeit gestimmt, und. so blieb die Kritik Jean Fischers und I. Kayns auf die .meisten Delegierten so gut wie ohne Eindruck. Die erregte KampWmniung, die auf ftüheren Kongressen so oft zu turbulenten und stürmischen Debatten führte, fehlt diesnMl ganz. Selbst in der eigentlichen zentralen Frage dieses Kongresses, der Banksrage, wo die Geister sich scheiden, wird es allem Anscheine nach zu einer Einigung kommen. Die Majorität der Delegierten will dem Kampf, der in den letzten Jahren innerhalb der Bewegung geherrscht hatte, ein Ende Machen, und allen voran will es Ussischkin, der unter allen Führern der „Praktischen" diesiNal der maßvollste ist. Wie das Kvmproniis in der Bankftage aussehen wird, läßt sich noch nicht bestimmt sagen, ober daß eins zustande kontmen wird, ist so gut wie sicher. Man will eben arbeiten, etwas leisten und sich nicht in Zänkereien aufreiben. Diese Zuftiedercheits- und FriedensstimMung, die den Kongreß beherrscht, ist wohl auch der. Hauptgrund dafür, daß dieser Kongreß weniger „interessant'" ist als die meistön ftüheren. Die „großen Momente" fehlen, die Mimischen Sitzungen fehlen, er lnetet wenig Sensation. Mit Ausnahme weniger Dkomente herrscht meist eine etwas laue Stimmung im Kongreß. Bon jenem Gespanntsein aller Nerven und Fibern, jener inneren Erregung. die aus den Augen glüht, jener in jedem AugeMick zur Explosion bereften Ladung, die die Gemüter erfiillt, ist diesmal fast nichts zu merken. Als Wolffsohn seine große glänzende Rede in der Generaldebatte über die Tätigkeit des E. A. C. hielt, da war so etwas von dieser intensiven Spannung und Erregung früherer Kongresse zu verspüren, aber da die Sitzung sofort geschlossen wurde, gab es keine Möglichkeit, diese Erregung zum Ausdruck zu bringen. Die Reden dar Führer der Opposition, Fischer und Kann, waren rhetorisch durchaus unwirksam: Fischer ist ein mittelmäßiger Redner und Kann überhaupt, keiner. Zu der ruhigen Stimmung, die den Kongreß auszeichnet, trug noch eines bei: die absolute Einigkeit aller Delegierten bezüglich der Notwendigkeit der praktischen Arbeit in Palästina. Sowohl Kann wie Fischer legten ein Bekenntnis ab, daß sie gleich allen die Palästrnaarbctt jür nötig halten, und ihre Gegnerschaft zu dem E. A. C. und dem Palästinaamt betrifft nur die^Fragcu der Methoden und des Tempos der Arbeit. Da MarMoreck, der „letzte Mohikaner" der konsequeM „Politischen", dem Kongreß fcrngeblieben ist, so kann Man sagen; daß in puncto praftische Palästinaarbeit im Prinzip der gesamte Kongreß ohne Ausnahme auf demselben jStandpunll steht. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. So ist es kein Wunder, daß der Palästinaarbeit diesmal beinahe zwei Kongreßtage" gewidmet wurden. Dr. Ru pp in, der Begründer und Leiter des Palästinaamts, erstattete, — zum ersten Make seit seiner Tätigkeit — ein ausführliches Referat über das System, und die Methode seiner Kolonisationsarbeit. Das Referat, das gleich seinem Referenten ein Muster der Sachlichkeit, Objektivität und Klarheit war, machte großen Eindruck. Die ausgedehnte Debatte brachte wenig Neues, und )äs Resultat war die einstinnnige Annahme einer Resolution, die die volle Billigung der bisherigen Arbeitsweise Ruppins ausspricht. Auch hier dasselbe Resultat wie in der Generaldebatte: 'Man ist zuftieden, oder, wie-Ussischkin das yusdrückto, indem er sich zum E. A. C. -wandte und ihm unter stürmischem Beifall des Kongresses zurief: „Jascher kauchem!" - * Selbst die „Kulturfrage" hat auf diesem Kongresse zu keinen Skandalen geführt. Auch der Misrachi ist zuftieden. Er hat im Laufe der letzten zwei Jahre erkannt, wie unbegründet - die Befürchtungen waren, die man nach dem X. Kongreß an die Annahme der Kulturresolutionen knüpfte; der E. A. C. ist ihm sehr entgegengekommen, das Organ des Misrachi, der „Haib'ri", konnte nur dank einer Subvention des E. A. C. wieder erscheinen, kurzum: der Misrachi ist zufrieden. Naturgenräß hatte er Beanstandungen. Rabbiner Reines beklagte den gemeinsamen Unterricht von Knaben und Mädchen im Jäffaer Gymnasium, H. Struck griff A. Böhm wegen einiger Aeußerungen über das Judentum an, aber es waren keine prinzipiellen Streitfragen Mehr, um die es sich handelte, und M. Berlin, der Generalsekretär des Misrachi, konnte sogar erllären, daß der Misrachi den neu geschaffenen Kulturfond „Kedem" unterstützen werde. Niemand fiel es mehr ein, zu bestreiten, daß der Zionismus in Palästina Kulturarbeit leisten müsse. Gerade religiös linksstehende Elemente sind es meist, die gegen die zu starke Ausdehnung der kulturellen Tätigkeit opponieren. Die „Poalei- Zion" warnten vor einer drohenden Abirrung zum Achad-Haamismus, und aus den Kreiseir der „Hapoel Hazair", der Arbeiterpartei Palästinas, fommt die heftigste Gegnerschaft gegen die Idee der Universität. Bei der Majorität des Kongresses aber findet die Idee begeisterten' Anklang, und die Sitzung, in der Ussischkin in höchst wirkungsvoller Weise über die „Kulturarbeit in Palästina" und Weizmann über die Universitätsfrage sprach; war die erhebendste des ganzen Kongresses. Die AbstiMnmng über die Frage ist noch nicht erfolgt, aber es ist kein Zweifel, daß die Gründung einer Universität beschlossen wird. Wie groß die Begeisttrung ist, geht daraus hervor, daß bereits 365,000 Mark gespendet worden sind. T-er Beschluß der Gründung wird das Neue bilden, was der XI. Kongreß dem 'Zionismus und dem jüdischen Volke gegeben haben wird. IM übrigen ist er nichts anderes als die Fortsetzung und Sanktionierung des X. Baseler Kongresses. Der Zionismus hat sich seine Bahn gewählt und schreitet auf ihr konsequent fort, das ist das Ergebnis des XI. Kongresses. * Es ist interessant, die Wandlung zu beobachten, die die Stellung des Hebräischen auf dem Kongreß erfahren hat. Der X. Kongreß war der erste, auf döm eine hebräische Sitzung äbgehalten wurde. Seitdem hat das Hebräische als Kongreßsprache große Fortschritte gemacht. Eine rein hebräische Sitzung fehlte diesmal, aber das ist nur ein Beweis für die wachsMde Ausbreitung des Hebräischen. Auf den: letzten Kongreß war das Hebräische noch eine Sache der Demonstration, daher gerade die besondere rein hebräische Sitzung. Diesmal ist sie zur natürlichen, dem Deutschen gleichberechtigten Kvngreßsprache geworden. Wem: ein Delogierter hebräisch spricht — und viele tun es bereits — so schaut niemand darauf wie auf irgend etwas Sensationelles, sondern nwn findet es ganz natürlich. Deutsch oder Hebräisch! so ist diesmal .die Lage bezüglich der Kongreßsprache; alle Anträge werden ins Hebräische übertragen und in keine andere Sprache sonst. Und man sieht schvn den Tag kommen, wo das Hebräische die Sprache der Majorität des Kongresses sein Nr. 36. wird. Schon, hat die hebräische Konferenz beschlossen, auf dem Kongreß z!u beantragen, daß.Männer, die noch nicht im großen Aktionskomitee sitzen und neu hineingewählt werden sollen, nur dann gewählt werden können, wenn sie das Hebräische beherrschen. Schon hat die russischü. Landsmannschaft beschlossen, daß in Zukunft die Sprache ihrer Leitung und offiziellen Redner die hebräische ist. Das Hebräische macht von Tag zu Tag Fortschritte innerhalb des Zionismus. Auch hierin bildet der! XI. Kongreß die Fortsetzung und Konsequenz des X. Kongresses. Selten sind zwei Kongresse , so innerlich zusammengehörig gewesen wie der X. und . XI. Der XI. Kongreß wäre unmöglich und unverständlich ohne den X., der X. wäre unvollständig und fragmentarisch ohne den XI. Das zeugt von einem inneren Fortschritt der zionistischen Bewegung. Der Zionismus ist aus der Periode der Uoberraschungen, der Sprünge, der jähen Wechsel herausgekomMen. I Sonst war das Ergebnis jedes Kongresses unvorhersehbar. Jeder Kongreß konnte die größte Aenderung bringen. Der XI. Kongreß macht den Eindruck ..einer innerlich notwendigen Fortsetzung des vorhergegangenen. Er hat der Welt offenbart, daß! der Zionismus in die Periode der Ruhe, des inneren Friedens, der energischen Arbeit, der Konsequenz, — alles zusammengefaßt — der Stetigkeit getreten ist. Für Fremde, die zum Kongreß aus Schaulust und in Erwartung stürmischer Debatten unii sensationeller Skandale kommen, bildet er eine arge Enttäuschung. Er ist arM an großen Momenten, arm an interessanten Szenen. Er ist ganz der Arbeit gewidmet. Die Arbeit aber ist für den Unbeteiligten intfnter uninteressant und langweilig. Darum meineich: Gott sei Lob, daß wir endlich einen „langweiligen" Kongreß erleben konnten! Restaurant und Cafe Zar Festenburg Friedberger I<aiidstr. 430. Tel. 49871. empfiehlt seine prachtvollen Gärten, Terasse, Saal n. diverse Gesellschaftsräume. Ffir Nachmittagsspaziergänge sebrgeeignet. Schöne Allee bis znm Restaurant. Ruhige staubfreie Lage. Um gütige Berücksichtigung bittet Anion Pfeiffer. Brief aus der Türkei. Am 14. August, als die Nachricht vom Frieden eintraf,.jubelte in Saloniki die griechische Bevölkerung den Juden zu, — fünf Tage später bereits veranlaßte das Verschwinden eines Kindes dieselben Griechen zu Haßausbrüchen gegen d i e I n d e n, — und wenn das Kind nicht aufgefunden worden wäre, so hätte die Ritualmordlüge einen Pogrom entzündet. So ging es noch glimpflich ab. „Nur" einige jüdische Wohnungen und Läden wurden von einer Rotte Soldaten unter Führung eines übereifrigen Kommissars beini Fahnden nach dem Kinde verwüstet. Der Vorfall setzte natürlich die Saloniker Judenheit in größte Aufregung. Der Gemeinderat sandte sofort eine Depesche an König Konstantin, ihn bittend, die Schuldigen, besonders den Kommissar, streng zu bestrafen, .damit derartige Vorkommnisse sich nicht wiederholet:. — Die jüdische Gemeinde in Serres hat während dieses Jahres mehr als ' alle übrigen jüd. Gemeinden auf dem Balkan zu leiden gehabt. Zuerst wurde sie von den bulgarischen Konritadjis ausgeplündert, dann trat der Tuchsin Pascha aus den Ufern und überfloß fast alle jüd. Häuser. Der Schaden war sehr bedeutend. Was dann, noch übrig geblieben war, wurde beim Abzug der bulgarischen Armee geplündert vdör vom Feuer zerstört. Es ist.'wahr, daß Man den Juden von Serres Hilfe gewährt. Besonders die jüd. Gemeinde Saloniki tut, was sie kann. Aber das alles genügt noch lange nicht. -4 '