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Neue jüdische Presse · 1913-09-12 · Heft 36 (12.9.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 36 (12.9.1913)
Date
1913-09-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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(Schluß des Briefes XIV.) Pethach-Tikwah ist hierin die typische Kolonie. Die größte aller Kolonien ist sie und die reichste. Ihre Seelenzahl beträgt an die 3000 und das Vermögen, das sie repräsentiert, etwa 15 Millionen Francs. Und vom Standpunkt des Erfolges, des Gewinnes gesehen, ist es ein Vergnügen, diese Kolonie zu durchwandern. Man merkt, daß hier stramm gearbeitet wird, daß ihre Wohlhabenheit vor allein ein Erfolg der eigenen Tüchtigkeit ist. Nirgends gibt es mehr Jünglinge wie hier, von keiner Kolonie sind weniger Söhne ausgewandert als von dieser. Auf der anderen Seite aber, wem: man mit der Hoffnung herkommt, den erträumten Typus des jüd. Bauern zu finden, ist nirgends die Enttäuschung bitterer als hier. Ms ich von Wilhelm« nach Pethach-Tikwah kam, war es gegen 6 Uhr nachmittags; me Diligencen aus Jaffa — 6 gehen täglich hin und zurück — kamen gerade an; sie brachten die Post mit, und so war der Platz vor der Haltestelle der Wagen dicht gedrängt von Kolonisten. Ich mischte mich unter sie und fing die Worte auf, die in der Luft herumflogen: Bank, Prozente usw. Der 'Platz glich einer kleinen Börse; ja, gibt es doch — ein sehr interessantes Faktum — in Pethach-Tikwah einige Makler, die nur von der Maklerei in Geldangelegenheiten leben. Man ist zuerst, wenn man all dies wahrninnnt, ziemlich enttäuscht und niedergeschlagen. Ten alten, schönen Traum vom jüdischen Bauer, der niit eigenen Händen sein Feld beackert, sieht man nun, da Man gehofft hat, ihn als konkrete Wirtlichkeit vorzüfinden, in nichts zerrinnen. Wenn man sich dann aber die Sache ruhig überlegt, findet man, wie gesagt, daß die Hoffnung eben unberechtigt ist, daß es entgegen aller historischen Erfahrung wäre, wenn in den 15 Jahren selbständiger Kolonisation bereits jüdische Bauerntypen vorhanden wären. El. I. it. Um den Typus des jüdischen Bauers heranzuziehen, müssen wir überhaupt mit ganz anderen Methoden der Kolonisation beginnen/ Nicht Pflanzuugskolonien, sondern Ackerbaukolonien muß die Parole heißen. Nicht Kolonisten, von denen jeder 100 oder 200 Dunam besitzt und diese kapitalistisch ausnützt, sondern Bauern mit 15, 20 Dunam, auf denen er Getreide sät, Gemüse pflanzt und eine eigene bäuerliche Wirtschaft unterhält. Dies ist das Wichtigste: eine eigene Wirtschaft. Wenn ein Bauer Getreide hat und kein Mehl zu kaufen braucht, wenn er einen Gemüsegarten besitzt, der ihm Gemüse fiir das ganze Jahr gibt, wenn er Kühe im Stalle hat, die ihn mit Milch versorgen, Hühner züchtet, die Eier und Fleisch geben, wenn er dazu Obstbäume pflanzt, deren Früchte er verkauft, — dann ist seine Existenz gesichert. Nur durch solche Bauernkolonien mit eigener Wirtschaft wird der Typus des jüdischen Bauern hcranerzvgen werden, und nur das ist auch der Weg, um größere Massen in Palästina anzusiedeln. In den Heutigen Kolonien ist für unsere Leute kein Platz; Pflanzungen anlegen können sie nicht, und Arbeit finden sic auch nicht, inüner. Neue Kolonisten aber anzusiedeln und ihnen den für Pflanzungen nötigen Boden und das nötige Geld zu geben, erfordert Millionen. Man vergesse nicht, daß Baron EdMund Rothschild in seine Palästinaarbeit an die 70 Millionen hineingesteckt hat. Bon welchem Gesichtspunkte aus man auch die Frage betrachtet, Man kommt stets zu demselben Resultat: die Methoden der Kolonisation in Palästina müssen für die Zukunft radikal geändert werden. Nicht Pflanzerkolonien, sondern Bauernansiedelungen mit eigener Wirtschaft. Gerade neben Pethach-Tikivah ist zum ersten Male eine solche Ansiedlung gegründet worden: Ein-Ganim. Im Laufe weniger Jahre hates sich gezeigt, daß sie trefflich prosperiert. Und während der Pethach-Tikwaher Pflanzer in Jaffa herumläuft, um sich eine neue Anleihe zu verschaffen, bearbeitet der Bauer in Ein-Ganim seinen Gemüsegarten und lebt einfacher, aber auch ruhiger und weitaus idealer als jener. Pethach-Tikwah hat neben den Eigenschaften, die größte und reichste aller Kolonien zu sein, auch noch eine andere Eigenart: sie ist die frömmste aller Kolonien. Eine Gründung Jerusalemer Juden, trägt sie den Stempel Jerusalems bis auf den heutigen Tag. So erlebte ich eines Tages, da ich wieder einmal von Jaffa nach Pethach-Tikwah fuhr, daß inmitten des Weges plötzlich die Diligence.hielt, sämtliche Passagiere ausstiegen und im freien Felde Minchah beteten. Kommt man in Pethach-Tikwah in die Synagoge, so wird man fast stets einige Juden finden, die in einer Ecke sitzen und lernen, und jedesmal zu Schachris und Maariw strömt eine stattliche Schar Beter hin. In Pethach-Tikwah ist auch der Ort, wo das Schulwerk der „Freien Bereinigung" so vortrefflich reüssiert. Während die in den übrigen Kolonien von ihr gegründeten Talmüd-Thoras ziemlich leer sind, Haben die Talmud-Thora und die Mädchenschule in Pethach-Tikwah in ihrem raschen Wachstum alle Erwartungen übertroffen. Während in der alten Jcaschule nur noch 140 Schüler und Schülerinnen sind, lernen in TalMud- Thora und Mädchenschule zusammen über 500 Kinder. Und da ich schon beim Kapitel „Freie Vereinigung" halte, möchte ich die Gelegenheit nicht unbenutzt lassen, um ihrer Tättgkeit einige Worte der Krittk zu widmen. Ich will hier nicht Wer die innere Einrichtung ihrer Talmüd-Thoras sprechen; dies ist schließlich eitie mehr pädagogische Frage. Hier will ich nur Allgemeineres erwähnen. Daß die Talmud-Thora und Mädchenschule in Pethach- Tikwah nötig ist, beweist der Erfolg. Eine.Schule, in der über 500 Kinder lernen, ist ein Bedürfnis. Wozu aber — ftage ich — sind die Talmud-Thoras in den anderen Kolonien notwendig? Wozu z. B. in Gederah, wo ganze 9 Schüler lernen? Wäre es nicht statt dessen viel ratsamer und nutzbringender, in Jerusalem Mit der Gründung moderner Talmud-Thoras zu beginnen, wo solche dringend notwendig sind? Schließlich ist hoch der Zweck der Talmud-Thoras nicht der, neben den bereits bestehenden Schulen Konkurrenzanstalten zu schaffen, sondern der, in Plätzen, wo das Bedürfnis nach solchen Schulen besteht, aber keine da sind, diese Lücke auszufüllen. Wenn aber in Gederah nur '9 Schüler lernen, so zeigt dies doch, daß keinerlei Bedürfnis nach einer Talmüd-Thora besteht. Wozu also die besondere TalMud-Thora, die doch als selbständige Schule ihr besonders hohes Budget hat? Ter ganze Zweck, den sie erfüllt, ist der, daß sie — hier allgeniein öffentliches Aergernis erregt. Eine zwette Frage ist die: Warum spricht man in den Talmud-Thoras der „Freien Vereinigung" das Hebräische in aschkenasischer Aussprache aus, während alle Juden, die in Palästina hebräisch sprechen, sich der sephardischen bedienen? Daß Me sephardische Aussprache vom religiöser Standpunkt nicht minderwerttger ist als die aschkenasische, hat die Taschkemonischule in Jaffa bewiesen, die diese sephardische Aussprache unter Zustimmung Rabbiner Kuck's eingeführt hat. Daß äs Moto nichts durch diese Eigentümlichkeit erreicht wird, ist ebenfalls llar. Würde hier noch ein Kampf der Llussprachen herrschen, so würde ich eine solche Bestimmung verstehen; sie würde den Versuch bedeuten, dem Aschkenasischen zum Siege zu verhelfen. Aber ein Kampf besteht nicht mtb hat nie bestanden. Das Sephardische herrscht unbeschränkt, und die Kinder der Talmud-Thora, wenn sie in das gewöhnliche hebräische Milieu kommen, werden sich rasch wieder die sephardische Aussprache angewöhnen. Welcher Erfolg wird also durch diese unbegreifliche Eigenart der Schulen der „Freien Vereinigung" erreich, wenn nicht der, daß sie dadurch wiederum öffentliches Aergernis erregen? Ich möchte nicht mißverstanden sein. Diese kritischen Bemerkungen wollen nicht Wer die gesamte Tättgkeit der „Freien Bereinigung" den Stab brechen. Im Gegenteil. Es fällt mir nicht ein, an ihrer Berechügung und ihrem Nutzen zu zweifeln. Ich glaube nur, es lüge auch viel mehr in ihrem Vorteil, nttt diesen geringfügigen. Wer ärgerlichen Mißständen aufzuräumen und so den Forderungen der hiesigen öffentticheu Meinung entgegenzukommen. Es ist ja gerade kein Vorteil für sie und auch kein Ruhm, sich in unbedingtem Gegensatz zum hiesigen Publikum zu befinden. Daß man sehr wohl eine orthodoxe Schule gründen kann, ohne dennoch — wie man es in orthodoxen Kreisen im Ausland glaubt — von der hiesigen öffentlichen Meinung in Acht und Bann getan zu werden, zeigt der „Tachkemoni" in Jaffa, zeigt vor allem der „Cheder- Thora" in Jerusalem. Durch Beseitigung dieser von mir erwähnten Mißstände — denn es sind zweifelsohne Mißstände — würde die „Freie Bereinigung" sich gewiß die SympWhien weiter hiesiger Kreise erwerben. Und beim Publikum beliebt zu sein, bedeutet für jede Organisation, welcher Richtung sie auch angehöre, einen Vorzug. q- Mit meinem Aufenthalte in Pethach-Tikwah nahm ich Abschied von Judäa, lieber Chederah, Sichron-Jakob und Haifa ging mein Weg nunmehr nach Galiläa. Galiläa, das ist das Land der Seen und der Berge, der Sagen und Legenden, wo stets die Sonne glänzt und der Himmel lacht, das grüne, paradiesisch schöne Bergland Palästinas. Es ist auch das eigentliche Gebiet des Ackerbaus, das Land der einfachen harten Arbeit und des ftohen Lachens, das Land des naiven, unschuldigen, bäuerlichen Lebens. Und als ich in früher Morgenstunde, da die Sonne erst eben aufgegangen war, den Wagen bestieg, um in zehnstündiger Fahrt die Saronsebene zu durchqueren und nach Chedcrah und Sichron-Jakob zu gelangen, da stimmte ich in froher Laune die ftöhliche Tanzweise der hiesigen Arbeiter an: „El ibneh haggalil, el ibnetz Haggalil!" (Gott möge Galiläa wieder aufbäuen). 5 v.;;

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