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Neue jüdische Presse · 1913-09-05 · Heft 35 (5.9.1913) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 35 (5.9.1913)
Date
1913-09-05
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite lö Frankfurter Israelitisches FamEenklaR.!»-r. 35. des Weltzusammenhanges gelöst hat, 'indem er auf Grund der Galilcischcn Fallgesctzc eine der größten wissenschaftlichen Entdeckungen, nämlich die Ent-- dcckung von dem Gravitationsgesetz *), gemacht hat, der Erfinder der Methode der Fluxionen oder der Differenzial- und JntegralrÄhnung und Vater der enranationistischen Theorie der Lichtzcrsfteuung oder Farbcnbildung — ein Rieseugeist, wie er in vielen Jahrhunderten nur einmal erscheint: er war durch und durch vont Geiste theistischer Rcligiösität erfüllt. Tiesrcligiöse Gesinnung und unerschütterliche Gottesgewißheit spricht aus seinem unsterblichen Hauptwerk, „den Mathematischen Prinzipien der Naturphilosophie" (1687), wo er für seine große Entdeckung voM Gravitationsgesetz die eingehende mathematische Beweisführung gibt. Dieses Werk — so sagt er selber — habe er „geschrieben mit Rücksicht auf solche Grundsätze, die bei denkenden Menschen für den Glauben an eine Gottheit wirken könnten." Sein Glaube! an Gott, als den Weltschöpfer und Weltregierör, ist wissenschaftlich begründet und erleuchtet und besitzt darum einen Ernst, der die Leichtfertigkeit unserer modernen Gottesleugner, die sich, so gen: in den Mantel der Wissenschaftlichkeit hüllen, beschämt. Der geniale Entdecker der Grundgesetzes des geschöpflichcn Sems und Sichbewegens hat auch die Notwendigkeit der Annahme eines überwcltlichen und persönlichen Gottes durch die Wcrtzeug« seiner eigenen Wissenschaft begründet und die Ueberzeugung vom Dasein Gottes mit seiner ganzen wissenschaftlichen Weltansicht derart verkettet und verwoben, daß, wer die Richtigkeit seines Weltsystems erkennt, sich gezwungen fühlt, auch an seinem Gottesglauben festzuhalten. Die Gründe für das göttliche Dasein entwickelt er in Laren und überzeugenden Worten in dem seinen „Prinzipien" angehängten „Schoüum gerate" und wendet hierbei kosmologische und theologische Gottesbeweise an. Er sagt.hier u. a.: „Die bewunderungswürdige Einrichtung der Sonne, der Planeten' und Kometen kocknte nur aus dem Ratschlüsse eines allwcisen und! allmächtigen Wesens hervorgehen. Und wenn jeder Fixstern Mittelpunkt eines dem unsrigen ähnlichen Systems ist, so muß das Ganze, da es nach einheitlicher Msicht instruiert erscheint, das Reich eines und desselben Herrschers bilden. Es folgt daraus, daß der Gott ein lebendiger, einsichtiger und allmächtiger Gott ist, daß er über das Weltganze erhaben und durchaus vollkommen ist. Es ist klar, daß der höchste Gott notwendig existiert; und kraft derselben Notwendigkeit existiert er überall und' zu jeher Zeit." Weiterhin sagt er: „Daß ein allerhöchster Gott sein müsse, bekennen alle; aber durch eben die dlotwcndigkeit, womit er ist) ist er auch ewig und an allen Orten. Daher ist er auch ganz sich selber gleich, ganz Ohr) ganz Arm) ganz Erkenntniskraft und Denktraft und Wirksamkeit; jedoch dies alles nicht auf menschliche Weise. . . Wir schön nur die Gestalten und Farben der Körper, wir hören nur ihren Schall —, die Substanzen selber jedoch erkennen wir durch keinen Sinn, durch. keine von ihnen ausgehende Wirkung; und um so jveniger haben wir eine Idee von der Substanz oder dem Wesen Gottes. Ihn erkennen wir einzig nur durch seine Eigenschaften und Attribute, durch die höchst weise, unübertreffliche Bildung seiner Welt, durch die Zweckmäßigkeit seiner Naturordnung. Wir bö--. wundern ihn wegen seiner Vollkommenheiten, wir verehren ihn und beten ihn an als den WÄtregicrer, — wir Diener des großen Weltenherrschers. . Ein Gott ohne Weltregierung, ohne Vorsehung und weise Zwecke, wäre nichts anderes als das Fatum oder die Natur. Aus der blinden Methophysischen .Notwendigkeit, welche überall dieselbe ist) geht kein Wechsel der Dinge hervor. Die gesamte, den Zeiten und Orten angemessene Verschiedenheit der Geschöpfe konnte allein aus den Ideen und dem Willen eines notwendig existierenden Wesens hervorgehen/" (Fortsetzung folgt.) J- *) Durch dieses Gesetz wird. die ganze Mechanik des Sonnensystems aufgcdcckt, werden die Bewegungsverhältnissc aller.Haupt- und Nebenplaneten sowie die wichtigsten Erscheinungen unseres kosmischen Systems erklärt. Reuenahrer Bavebrief. Jude» und Bäder. — Neuenahr als jüdisches Bad. — ■ Jüdische, Acrzte. und jüdische Patienten. — Nabbiner. — Der „Judcnstaat" in den Bädern. — Type,» der Orthodoxie. — Jüdisches Theater und jüdisches grankcnhcim. Die Juden sind für die Bäder ebenso unentbehrlich geworden wie die Bäder für die Juden. Bf" wäre das Bad, in dem keine rtissischen Juden sich aufhalten? All die traurigen Folgen der abnormen Gegenwartslagc des jüdischen Volkes in ihrer vollen Tragik offenbaren sich dem, der um die „große Saison" in eines der führenden europäischen Heilbäder geht, zu denen das jüdische Volk alljährlich pilgert wie die katholischen Wallfahrer nach dem ivundertätigen Lourdes. Du beobachtest die 100 Gebrechen am jüdischen Volkskörper, die 1000 an der jüdischen Psyche. Neuenahr ist eines der veritablen Heilbäder. Weder Dorf noch Stadt, besitzt es neben den unumgänglichen Begleiterscheinungen eines modernen Bades» wie Kurhaus, Badchaus, minderwertigem Kürtheater und dito Orchester, einem schönen Kurpark, einige stattliche Kirchen, auch eine baufällige Synagoge, die aus der Zeit der Judcnvcrtteibung stammen muß, denn sie fleht an einem Orte, den man nur aüffuchen möchte, wenn man hingctriebcn wird, ferner mehrere jüdische Rcstanrationcn mit Zubehör, wie Schochet und mehr oder minder guter Bedienung, und überall gleich reichlichen Preisen. Außer der nichtjüdischen Bevölkerung und drciviertcl Minjan einheimischer Juden beherbergt cs in., der „Saison" einige Tausend jüdischer und zwei Handvoll nichtjüdischer Kurgäste,, 1 jüdischen Arzt, 4 Aerzte jüdischer Nationalität mit ganz oder halbchristlicher Religion, und 21 nichtjüdische Acrzte, die sich mit der Behandlung der oben erwähnten Kurgäste nicht gerade kümmerlich ernähren. So besitzt Neuenahr um die Sommerzeit einen fast ganz jüdischen Charakter, und nach der neuen Staatsrechtslehre vom letzten Balkankrieg, wonach die Stadt der Nationalität zugesprochen werden muß, die den größten Prozentsatz stellt, ist Bad Neuenahr äs facto ein „jüdisches B a d", denn die Juden stellen nicht nur rein etnographisch den größten Prozentsatz zur Bevölkerung, sondern, was noch bedauerlicher, auch den größten Prozentsatz an Zucker. Neuenahr ist nämlich ein Heilbad für oder besser gesagt gegen den Zucker. Hier liegt die ganze Tragödie unseres Volkes. Selbst jene Wirtschaftszweige, die uns Juden pen Haß und Ngid der ganzen „Kultur"-Welt eintragen, sind für uns ein zweischneidiges Schwert, und die Nachteile, welche die Berufe, die hauptsächlich von Juden kulttviert werden, mit sich bringen, machen sich, erschrecklich fühlbar in jenen Krankheiten, zu denen, wie z. B. Zucker, wir Juden das Hauptkontingcnt stellen. In Neuenahr steht Zucker im Mittelpunkt des Interesses. Alles lebt davon. Dieses wunderbare Nahrungsmittel, das in der Jugend so schmeckt, kann im Alter so verderblich werden. So sind sie denn zusammengekommen aus allen Gegenden, um sich hier zu kurieren. Aber eins muß auffallen. Daß sich so viele jüdische Patienten besonders gerne von getauften Aerzten und solchen behandeln lassen, die entweder durch Austritt aus dem Judentum oder durch Heirat mit einer Nichtjüdin mehr oder minder deutlich zum Ausdruck brachten, daß sie eigentlich mit uns nichts mehr zu tun haben wollen. Ein Körnchen Berechtigung hat ja diese Methode. Muß man nicht Zutrauen haben zu einem Arzte, der am eigenen Leibe eine so energische „Heilcs"wirkung erfahren hat und sich selbst einer solch wirksamen Wasserkur unterzog, die das Gebrechen, das schon 4000 Jahre alt, mit heilender Kraft jäh abwusch. Oder ist es nicht richtig, zu einem Arzt jüdischer Abkunft zu gehen, der eine Nichtjüdin aus . . . Rußland geheiratet hat, und demnächst wohl seine jüdischen Patienten mit den Radikalmitteln eines Purischkcwitsch und Samislowsky behandeln wird. O! jüdisches Volk! Rachmonim bne Rachmonim! Wie groß ist 'Deine Mildtätigkeit, wenn Tu sie offenbarst, indem Du einem „jüdischen" Arzt zum Reichtum verhilfft, der aus dem Judentum pustrat, weil er keine jüdische Steuer mehr zahlen will. Aber merkwürdig! Es sind viele, sehr viele unserer Glaubensbrüder, die gar keinen Anstoß daran nehmen, daß der eine oder andere über Nacht ein ander Blut geworden, und die zu unseren Verrätern mehr Vertrauen haben als zu unseren Treugebliebenen. Nun gibt es natürlich eine große Zahl solcher, die einen jüdischen Arzt beevorzugen. Und so trifft sich bei einem zionistischen Arzte mul Auslese aus allen möglichen Lagern unseres Volkes.! Man trifft dort Orthodoxe, Liberale, Zionistc,,,! kurz und gut, alle „Parteien" vertreten, und wenn! n,an nichts besseres zu tun hat und Zeit genüg zunil Plaudern, kann man die besten Studien machen. I „Noch gut, daß Sie nicht dort geblieben sind,"! meinte ein Richtlinien - R a b b i n c r ■ zu' einem Palö-I stinafrcundc, der eine Reise nach Erez Jisrael unter-! nommen hatte. „Noch gut, daß Sie hier bleiben wer-I den," gab jener" dieser' Zierde des Rabbiner-Stande-! zurück. 1 Ja, der „Judenstaat" hat's vielen noch, angetan!! Und wenn ich nun auch beginne, gegen d^n „Juden-1 staat" 'zu polemisieren, so bitte ich um gütige Nachsicht! Ich meine nämlich nicht den „Judenstaat" in Palä-I stina, den wir nach den Verheißungen unserer heiligen! Schrift einmal besitzen werden, sondern den „Juden-! staat", den unsere Glaubensbrüder oder vielmehr un-! sere Glaubensschwestern im Golus schon besitzen und! besonders in den Bädern zur Schau tragen. Ein offc-I nes Wort! Es kommt einem Hohn auf die - gegenwärtige unglückliche Lage unseres Volkes nahe, mit solchem Aufputze und Luxusaufwand zu stolzieren, und diese zufriedenen, satten Mienen mit noch zufriedeneren Brillanten und Brillantincn sind eine traurige Jllustratton zum bitteren Elend der jüdischen Massen. Wahrlich, ein moderner Jesaja sollte auftreten , und unserem Geschlechte eine solche Strafpredigt halten, wie unseren Vorfahren der große Prophet. Welch ein Unterschied zwischen diesen Mitjudcn und jenem alten Schlage! unserer Glaubcnsbrüder und Schwestern, die ihre Brillanten veräußern können, um arme jüdische Mädchen unter die Haube zu bringen. Wir hatten das Glück, auch eine Vertreterin dieses Judenadels, der noch nicht ganz ausgestorben ist, kennen zu lernen. Auch im engen Kreis der noch ungebeugt Trcugebliebenen findet man all jene interessanten Typen wieder und vereinigt, die man sonst nur in den verschiedenen Ländern einzeln in ihrer Eigenart beobachte» kann. Da ist der deutsche Orthodoxe, der mit aller Gewalt vorbeten will, und den Kiddusch durch den Saal schmettert, daß Dir Hören und Sehen vergeht, der ungarische Weltmann und Lamdon, der sich viel reservierter verhält; Du wirst beim Sabbatgebete ungewollter Zuschauer oder besser Zuhörer des Austrags der großen Differenz zwischen Misnagdim und Chassidim, „Litwakes" und „Peilißer", der eine triumphiert im Schachris, der andere triumphiert im Mussaf, und Dü erhälst bei Thoraausruf den obligaten Mischeberach, der den Schochet des Hotels imstande hält, seinen heiligen Beruf auszüüben. - Kurzum, man fühlt sich heimisch und weiß über alles weniger Angenehme mit dem Gefühl hinwegzusehen, daß es doch alles Aeußerungen unseres Volks- , lebens sind, die sich eigenartig und immer originell bemerkbar machen. Füge ich noch hinzu, daß man in Neuenahr fast jede Woche eine andere „jüdische" fliegende Thcatcrgesellschaft mit Beifallsfreude bewundern kann und ein jüdisches Krankenheim mit sehr angemessenen Einrichtungen modernster Natur von der Größe jüdischer Wohlfahrtspflege erzählt, so ist das Bild des jüdischen Bades Neuenahr fast vollständig gezeichnet. L. Perlmutter. Zum Eiukochen empfehlen -wir unsere Rex-Eintoeh-Fruchtapparate and Gläser. Messing-Einmach-Kessel, Saftpressen, Saft- :: bentel. Waagen und Gewichte. :: Breitwieser & Franke Kaiserstrasse 8. Telephon-Amt I. 901 Aus aller Wert USoIäfrtn«. Jerusalem- An einem in jeder Hinsicht günstig gelegenen Platz der Jaffavorstädt soll eine Speiseanstalt für jüdische Schulkinder errichtet werden. Die Betriebskosten in gewissen Grenzen sind gesichert. :9iüt für den Bau entsprechender Räume, die Ausgestaltung zu einer Mensa auch für die jüdischen Gymnasiasten und sonstigen Studierenden Jerusalems fehlen' die Mittel. Charles Landeis in Wien'hat als Grundkapital hierfür auf den Namen seiner verewigten Mutter Frau Negine Landeis, die es sich zur Lebensaufgabe machte.

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