Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 35 (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Der XI. Wien, den 2. Sept. Das Kon g r e ßl e b e n. Das Kongreßleben ist; bereits in vollen«! Gange, jit Wien selbst ist der Kongreß, nicht besonders hc- »erkbar, auch im eigentlichen Kongrößgebäude, dem jfusikvereinssaal, spielt sich das Kongreßlelben nicht fi. Denn das Gebäude enthält nnr den Sitzungsaal des Kongresses, während alle Landsntannschaf? m und Fraktionen im Beethovensaal tagen. Der lndrang zum! Kongreß, ist sehr stark. Etwa 10,000 feilschen sind eingetroffen. Biele sind ohne Einrittskarten geblieben, und man zahlt heute horrende keife für Karten. Die russische Vorkonferenz. Die russische Vorkonferenz hat bereits Freitag cgonnen. Im Mittelpunkt stand der Kampf Jaotinskys gegen die Leitung der russischen Zivilisten. Er fordert ein neues Programm, vor allem ulturarbeit und nationale Erziehungsarbeit durch ründung rem hebräischer Schulen. Es lvird sehr iel hebräisch auf der russischen Konferenz gebrochen, und es ist zu erwarten, daß auch im ongreß viel hebräisch gesprochen werden wird. Ls herrscht eine radikale hebraistische Stimmung. Die Fragen des Kongresses. Im Mittelpunkte des Kongresses wird die bankfrage stehen. Bekanntlich wurde auf dem letzten Kongreß zwischen den „Praktischen" und ^Politischen" ein Kompromiß geschlossen, dahingehend, daß den Praktischen die Leitung übertragen »rde, Wolffsohn und seine Gruppe dagegen die Majorität.im Aufsichtsrate der Bank behielten. Das iE. A. C. fordert nun, däß dieser Teilung der Gewalten ein Ende gemacht und ihm auch die Bank lanvertraut wird. Wolffsohn ist entschlossen, dagegen bis zum' äußersten Au kämpfen. _ So lassest sich jetzt bereits drei Gruppen ünter- Ischeiden: auf der einen Seite die extremen „Politischen", Kann, Jean Fischer, die gegen die Leitung heraustreten «vollen; sie bilden jedoch eine keine Mirwrität; ihnen gegenüber die extremen Anhänger des E. A. C., die diesem auch die Bank übergeben wollen; in deir Mitte Wolffsohn, der die jBeibehaltung des Status quo fordert! Wer siegen wird, läßt sich schwer sagein. Wie les heißt, soll auch Ussischkin den Frieden imdingt wollen, das heißt in diesem Falle! die Währung des jetzigen Zustandes. Es ist überhaupt in-' Iteressant, daß die deutsche Landsmann- Ifchaft in ihrer Majorität diesmal raidikaler ist als die russische. So sehr hat |fie sich in den letzten drei Jahren gewandelt. . Der Gegensatz der Gruppen trat bereits heute!offen zu Tage bei der Beratung des Zentralkomitees über die.Vorschläge! zum Kongreß- Präsidium. Der Kandidat des E. A. C. ist Tschlenow, ihm gegenüber schlagen Ussischkin und Weizmann — Wolffsohn vor. IM Zentralkomitee, das heute fünf > Stunden.tagte, ergab: eine erste Abstimmung Stimmeiigleichheit'-Wischen beiden Kandidaten. In der zweiten AbstirnMung «Mrde Tschienow> mit 3 2 fgegen 2,9 StiMMen gewähl t. In Delegiertenkveisen .jedoch herrscht nach «me vor eine stgrke Strömung für.Wolffsohn; .die Tatsache, daß seine extremsten Gegner wie Ussischkin und Weizmann ihn Vorschlägen, verstärktdiese Stinrnmng. Durch die Wähl Wolffsohns zum Kongreßpräside.nten, sagen seine Msürworter, werde — abgesehen davon, daß er.der geeignetste Präsident sei — nach außen' hin - die Einheit des Kongresses dokumentiert und nach innen h«n der Friede angebähnt. ... Der Beschluß des Zentralkomitees wurde nachmittags in den einzelnen Landsmannschaften in teils sehr Mimischen Debatten debattiert, — und bei den Russen — Män höre und staune — wurde der Beschluß gefaßt, für Wolffsohn zu stimmen. In der deutschen Landsmannschaft wurde der- Antrag,. dem Vorschlag des Zöntralkomitees zjuzÜMnkmen, mit Stimmengleichheit aögelehnt und ein Antrag Motzkin angenommen, sowohl Wolffsohn «vie Tschlerww zu wählen, ein Vorschlag, der jedoch keine Aussicht auf Realisierung hat, .da Wolffsohn in diesem Falle gewiß nicht akzeptieren wird. Da also die Ansichten der Delegierten geteilt sind, wurde beschlossen, die Wahlen von der heute abend stattfindenden Eröffiningssitzung auf die morgige zu verschieben. Inzwischen «vird das Zentralkomitee nochmals zusaminentretön und über einen Ausweg aus der schwierigen Situation beraten. Allgemein herrscht der Eindruck vor, daß das E. A. C. eine«« Fehler begangen hat, sich gegen Wolffsohn anszusprechen. Hätte es feiner Wähl zugestimmt, so «väre erstens die Einheit des Kongresses nicht gleich am ersten Tage gefährdet worden, und es hätte sich damit auch allgemeine Sympathie erworben, indem es dadurch bewiesen hätte, daß es wahrhaft den Frieden null. Das Resultat läßt sich noch nicht Voraussagen; zu «viinschen «väre es, daß Wolffsohn gewählt «vird. * Wien, 3. Sept. Morgens. Die Eröffnungssitzung. Die Eröffnungssitzung hat gestern abend stattgefunden. Der Andrang ivar enorm «md die 'Organisation mangelhaft. Für die 4—5000 Menschen waren nur zwei Eingänge vorhanden, und man mußte eine halbe Stunde lang in unerträglichem Gedränge draußen warten, bevor man endlich ° in den Saal hineingeffoßen «vurde. Auch in ihrem ganzen Verlauf stand diese Eröffnrmgssitzung hinter denen der früheren Kongresse «veit zurück. Es fehlte Nordan, und die Referate Sokolotvs und Sch. Lewins haben es nicht im entferntesten vermocht, auch nur für einen Moinent das Fehlen Nordaus vergessen zu lassen. Um Vs'9 Uhr abends betrat das E. A. C., gefolgt vom großen A. C., den schönen, gedrängt besetzten Katharinensaal, enthusiastisch begrüßt. Auch Wolf ss o h n, der einige Minuten später mit Herzls Tochter erschien, wurde begeistert akklamiert. Prof. Marburg hielt die Eröffnungsrede, die in der ruhigen, fachlichen Art, in der er zu sprechen pflegt, ein Expose über den Stand tzer Bewegung und die in der letzten Kongreß- Periode erzielten Erfolge gab. Er gedachte eingangs feiner Rede Herzls und Smvlenskins, der hier in Wien als einer , der ersten Vorkämpfer der nationalen Idee gewirkt hat. Uebergehend zur Lage des Zionismus^ gab er zuvörderst der warmen Sympathie des Zionismus für die Türkei lebhaften ^Ausdruck, dem der Kongreß begeistert zustimmte. Er betonte, daß der Zionismus jetzt in die Periode der praktische«! 'Arbeit eingetreten sei. Keineswegs Wrfe die politische Arbeit vernachlässigt werden, aber wir stehen auf dem Standpunkt, daß starke reale Positionen und Leistungen in Palästina die erste Voraussetzung zu erfolgreicher, politischer Arbeit find. Er gab einen Ueberblick über die in den letzten Jahren erzielten Erfolge, skizzierte die Wrsgaben des Kongresses, wobei die Erwähnung des Projektes der Jerusalemer Universität Mimischen Beifall hervorrief, betonte die starke Ausbreitung der Bewegung in den letzten Jahren und schloß mit der Begrüßung der diesmal besonders zahlreichen Delegierten. Seine inhaltsreiche, sachliche Rede «vurde mit großem Beifall ausgenommen. Es folgten sodann einige Begrüßungen, da man diesmal aus Zeitmangel beschlossen hat, nicht den Vertretern aller Verbände das Wort zu geben. 'Dr. Pollak begrüßte den Kongreß namens der west-österreichischen Landsinannschaft, und dann ergriff das Wort Dr. Schreiber, um die Grütze der Wiener Kultusgemeindc zu überbringen. Seine Ansprache zeichnete sich durch ihre aufrichtige Wärme «md Sympathie für den Zionismus aus. Er erklärte, -'daß die Wiener Kultus-- gemeinde die Bestrebungen des Zionismus vollauf würdige und anerkenne, feinen Wünschen ernsteste Beachtung schenken wolle «md bereit sei, von ihm zu lernen. Er lud den Kongreß zur Besichtigung der Institutionen der Gemeinde ein und wünschte seinen Tagungen besten .Erfolg. Seine Rede, die in einem imerwartet warmen «md freundschaftlichen Tone gehalten war, machte lebhaften Eindruck und ist eilt Symptom der immer wachsenden Annäherung der bisherigen Gegner des Zionismus an die Bestrebungen und Ideale desselben. Nach einer Begrüßung namens der Wiener türkischen Sefardimgemeinde ergriff N. S o k o l o.««?, stürmisch begrüßt, das Wort zu feinem Referate über die Lage der Juden in der Diaspora. Er begann Mit der Erwähnung der blutigen Ereignisse auf dem Balkan, schilderte die Verhältnisse in Rußland, gab in starken Worten der Empörung des jüd. Volkes über den Beilisprozeß 'Ausdruck; besprach den Boykott in Polen, ging dann zur Behandlung der jüd. Lage in An«erika über ürnd schloß «nit der Erörterung des entstehenden jüd. Zentrums in Palästina für die Judenheit der Diaspora. Die Rede, die abgelesen wurde, enttäuschte allgemein, und schmerzlich gedachte ein jeder der herrlichen Referate über die jüd. Lage, die Nordan aus jedem Kongreß zu halten pflegte, und die wahrhaft ein Ausdruck aller jüd. Leiden und Qualen waren. Es wäre keine Schande für Sokolow, wenn er Nordan gleichgekommen wäre, aber er hat es auch nicht vernwcht, guch nur eine Weile das Fehlen Nordaus vergessen zu lassen. Nach ihm sprach Dr. Lewin hebräisch über das neue jüd. Leben inPalästina. Er gedachte der sbilus, der großen Tätigkeit des Baron Edmund Rothschild und gab dann eine Schilderung der in Palästina neu entstehenden Typen und Kulturwerte. Man kann den dort vor sich gehenden Prozeß als den des jüd. Sichwiederfindens bezeichnen. Der Jude, der im Galuth sein rvahres Ich verloren hat «md es mit fremden Inhalten gefüllt häi, findet in Palästina sich selbst wieder. Dies zeigte er an den dort sich neu cntwickelndM Typen der jüd. Arbeiten, des Schomer, der Schülers, an der Fähigkeit der Kolonien zur Selbstverwaltung, an die nieinand glauben wollte und an so rnanche«« «aMeren Beispielen. Wir wissen es noch nicht, schloß er, — den letzten Teil dex Rede sprach er deutsch — daß die Geulah in unseren Tagen bereits begonnen hat, jjü&em dort im Lande der Väter eine neue Kultur im Entstehen begriffen ist. Die Rede, getragen von dem' Tenrperament und Schwünge Lervins, rief stürmischen Beifall hervor; aber auch sie konnte nicht das ersetzen, «vas durch die Llbwesenheit Nordaus fehlte, und es gelang auch ihr nicht, jene gehobene Stimmung zu erzeugen, die sonst die Eröffnungssitzungen des Kongresses zu beherrschen pflegte. Und als dann am Schlüsse die „Hatikwah" angestimmt «vurde, fohlte dem Gesang jene Begeisterung und Erhebung, den er sonst zu haben pflegt. Die erste Kongreßörösfnung ohne Nordan «virkte eben wie der erste Kongreß ohne Herzl. Es fehlte die Persönlichkeit, die dem Ganzen ihren Steinpel ansdrücken konnte und es durch feine Größe zu adeln vernwcht hätte. Der Kongreß selbst «vird durch das Fehlen Nordaus wohl wenig leiden, die Eröffnungssitzung hatte durch seine Mwesenheit ihren Glanz eingebüßt. Telegramm. Wien, 3. Sept. abends. David Wolfssohn ist zum Präsidenten des Kongressos gewählt worden. Zu Vizepräsidenten wurden gewählt: Adolf Stand (Lenrberg), -Oberrabbiner Dr. Ga st er (London), Julius Simon (Ma«mheim), Justizrat Bodenheimer (Köln), Ussischkin (Odessa). Naturwiffenschaft und Gottesglaube. (Aus einem Bortrag.) Bon Bezirksrabbiner Dr. Benno Fische«: in P a l L n k a. (Fortsetzung.) Isaak Newton (1642—1727), der Begründer der neuen mathematischen Physik und physischen Astrononrie, der schöpferische Entdecker der Weltmechanik, der das Haupt- und Grundproblem 48