Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 34 (29.8.1913)
- Date
- 1913-08-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 34 . „Demi Befreümgswerk des jüdischen Volkes". W: der Wille Hur Befreiung Leint jüdischen Volke lebendig? Will denn das jüdische Volk die Freiheit? Gibt es denn nicht so unb so viele, die die Existenz eines jüdischen Volkes überhaupt in Frage stälen? Und siehe: diejenigen, die das Vorhandensein eines jüdischen Volkstums bezweifeln oder gar leugnen, sind Männer von Einfluß „und! führen den klingenden Namen: „Jüdische F ü hrer"! Wein die Zweifler oder Leugner sprechen trotz ihrer „Führerschaft" nur für ihreeigenc Person; würde man ein Referendum vornehmen und den jüdischen Massen die unzweideutige Frage stellen: „Wollt Ihr den Fortbestand des jüd. Volkes für die Dauer gesichert wissen?", so würde sicherlich die Antwort bejahend ausfällen! Es folgt also daraus, daß das Gros der breiten jüdischen Massen von der Existenz eines jüdischen Volkes weiß und dieselbe gesichert wissen will. Und da von jedem denkenden und sehenden Juden zugegeben Werden ntuß, daß diese Existenz nur durch die Erlangung des eigenen einstigen jüdischen Heims zu ermöglichen sei, so ergibt sich von selbst die Richtigkeit des zionistischen Gedankens. . Daraus folgt, daß der Zionismus im besten Sinne des Wortes eine Volksbewegung ist. Woher kommt es aber dann, daß die zionistische Organisation nicht mindestens die zehnfache SchekelMhlerzahl hat? Sehr einfach: weil die .Bedeutung des Zionismus in der Zukunft liegt, weil er in der Gegenwart keine Vorteile — wenigstens den breiten Massen nicht— zu bieten vermag. Des weiteren hindern — wenn auch vorübergehend — seine schnelle Ausbreitung die politischen Schachzüge seiner jüdischen Feinde, die Dank der Lethargie der jüd. Massen die Macht haben. So kommt es, daß die Ausbreitung des Zionismus nur langsam vor sich geht. Langsam, aber sicher! Trotz allem und allem gewinnt er ständig an Boden: seine Institutionen vergrößern sich zusehends; der Bodenerwerb in Palästina nimmt schnell zu, die Bodenbebauung durch jüd. Hände Ebenfalls, die kulturelle Hebung der jüd. Bewohner des Landes und deren Organisation machen zusehends Fortschritte. Und siehe: das allgenreine Interesse für Palästina ist durch die zionistischen Erfolge im Lande wachgerufen worden, und ..die noch gestern die glühendsten Hasser Palästinas waren, sind heute KuM Teil seine eifrigen Mrderer und zum Teil wenigstens Freunde der palästinensischen Arbeit geworden! Was auch jetzt noch die Geister scheidet und einen Gegenstand des Streites zwischen den Zionisten und deren Gegner aus der Assimilation bildet, ist das Nationale des zionistischen Gedankens. Auch hierin werden die Widersacher, des «Zionismus versöhnlicher; sie lassen bereits das Nationale für die „östlichen Müder" gelten. — Man sieht: der Zionismus ist im Fortfchreiten begriffen, und wenn sich die Führer der zionistischen Sache .nunmehr anschicken, im Namen 150,000 organisierter Zionisten den XL Kongreß zu eröffnen, so Müß ein jeder Jude, der unt die jüdische Zukunft besorgt ist, die Arbeit dieser einzigen wirklich demokratischen Organisation im Judentumauf ihrem XI. Kongreß mit Interesse verfolgen. Was unsere F:eude jedoch noch trübt, ist die sehr langsame Annäherung der Zionisten an die Tradition und die sonstigen wahren jüdischen Werte einerserts und der Streit um die Lätung andererseits. Es ist sehr betrübend, daß die Zionisten angesichts der enormen Schwierigkeiten von innen und außen sich den Luxus einer unsachlichen Opposition erlauben. Es ist Zeit, - diesen unschönen Streit endlich zu begraben! Der Zionismus birgt in sich so viel Schönes, so viel Ideales! Gar viele bedeutende Zionisten, die von Anfang an der zionistischen Bewegung tatkräftig und mit Erfolg -mitgewirkt haben, hallen sich im Hintergründe, und statt .ihrer steht. an der Spitze manch' einer, der weniger aktiv, weniger befähigt ist. Da sollten sich die Machtsüchtigen mit den bisherigen Führern die Führerschaft teilen, ohne die Well mit ihren persönlichen Ambitionen — zum Gaudium der Gegner zum»' znM Schaden der Bewegung — zu behelligen. Es ist Zeit, daß es Frieden wird! Wir haben bereits den Vorschlag gemacht: Das E- .A. K. zu vergrößern und je 5 oder je 4 Männer von beiden Parteien ins E. A. K. zu berufen. An Wolfsohn in erster Linie geht unser Zlppell, endlich Frieden zu schließen. Einen: solch' ausgezeichneten Zionisten, wie es Wolfsohn ist, darf es doch nicht schwer fallen, Konzessionen zu machen, dies hat er uns auf dem X. Kongreß bewiesen. Konferenz der Organisation für hebräische Sprache «nd Knltnr. Wien, 26. Aug. 1913. Die Konferenz, der „Organisation für hebr. Sprache und Kultur" ist bereits zjusammengetreten. Es haben sich die besten und bedeutendsten Persönlichkeiten der ncuhebräischen Literatur zusammenfunden. Montag abend gegen 8 Uhr wurde die Konferenz von Dr. L. Motzki n-Berlin' eröffnet. (Die Eröfftmngsrede sowie alle Debatten sind natürlich hebräisch.'! Nach einer Anzahl von Begrüßungen, von denen die der Wiener Kultusgömeindc (Vertreter Dr. Vogel) sowie die der Zionistischen Organisation (Dr. Sch. Lewin) erwähnt seien, schritt man zu den Wahlen der Leitung der Konferenz. Es wurden gewählt: zum Ehrenpräsidenten: Prof. Sch echter; zu Präsidenten: Dav. Jellin-Jerusalem, Hillel Slatopolski-Kiew, Leo M o tz k i n-Berlin; zu Vizepräsidenten: Dr. Ch. Kazenelnson-Petersbürg, CH. N. Bialik-Odessa, Naiditsch-Moskau, Rüben Brainin-Montrcal, S. Epstein-Odessa; zu Sekretären: David Frischmann-Warschau, Dr. Jak. K a h e n-Berlin, Dr. N a ch t sowie Dr. P e r l - mann. Das erste Referat erstattete! der bekannte hebr. Pädagoge, einer der Begründer der hebräischen Schule in Palästina, Jzchak Epstein-Saloniki. Das Thema war: „Die hebräische Sprache im Unterricht." In einem in meisterhaftem Hebräisch vorgetragenen zweistündigen Referat legte er dar, daß die moderne Schule sich von der Bildungsschule zur Arbettsschule entwickle. Nicht die durch Worte mitgeteille Menge des Wissens sei heute die Hauptsache, sondern die' Erziehung zur praktischen Arbeit, zum Kantpf fürs Leben. Dadurch trete aber die Bedeutung der Sprache in der Schule zurück, die Sprache werde nur eine Begleiterin der Arbeit in der Schule, auf der das Schwergewicht ruhe, und ß werde so ganz. gleichgültig.— vom pädagogischen Standpunkt —, in welcher Sprache das Kind erzogen wird. Aus diesem Griuwe sei in einer Arbettsschule auch in der Diaspora das Hebräische als Unterrichtssprache wohl möglich, ohne daß dies den Forderungen des praktischen .Lebens rviderspreche. Der Redner forderte, daß wir Juden überall an die Gründung dieses Modernsten, allein vernünftigen Typus der Arbettsschule gehen sollen. Damit werden wir sowohl die Forderungen der nwdernsten Pädagogik, als die der nationalen Idee erfüllen können. Die Diskussion, die sich an das fesselnde Referat knüpfte, beschäftigte sich fast gar nicht mit deM Gedanken des Referates, sondern gar bald wurde die alte, für jüdische Konferenzen so beliebte Frage angeschnitten: die religiöse. Meir Berlin, der Sekretär des Misrachi, brachte die Frage aufs Tapet und forderte religiöse Schulen, ein Herr Schweiger vom anderen Lager erwiderte; es eittspann sich eine heftige Debatte, die zu keinem Resultat führte. Für heute früh ist ein Referat des großen Ch. N. Bialik über „Das hebräische Buch" sowie eines vom bekannten Feullletonisten David Frischmann über: „Die hebräische schöne Literatur" angesetzt. Eine Frucht der russischer! Politik. Das negative Resultat der russischen Politik auf dem Balkan ist heute unbestreitbar. Als der Konflikt zwischen Bulgarien, Serbien und Griechenland auszubrechen drohte, wandte sich der russische Kaiser an die Fürsten dieser Länder mit dem Vorschlag, ihr Schiedsrichter zu sein. Das Anerbieten wurde höflich abgelehnt, der Bruderkrieg brach, aus. — Der russische Einslnß auf der Balkanhalbinsel war damit geschwunden. und der Panslavismus, den Rußland so heilig behütete, zu einer Mythe geworden. Das ivar die erste Niederlage. Es kam der Krieg. Rußland schien die ganze Zeit auf der Seite Bulgariens zu sein, und die Bulgaren wurden geschlagen. Es kam der Frieden. Rußland vertrat die bulgarischen Interessen, hauptsächlich in der Kawalla-Frage, die Bulgaren bekamen nach dem Bnkarester Vertrag von ihren jüngsten Eroberungen fast nichts, und Kawalla wurde griechisch. In dieser Frage waren Deutschland und England gegen Rußland, und der Verbündete Rußlands, Frankreich, kam ebenfalls zu dem Schluß, daß in unserem Zeitalter des Realismus die direkten materiellen Interessen wichtiger sind als die Freundschast. Das war die zweite Niederlage. Weiter: Rußland verlangte eine Revision des Bukarcster Vertrags durch die Mächte. Wiederum von allen Mächten, auch von Frankreich, verlassen, mußte es seine dritte Niederlage sehen und um dieselbe zu verschleiern, erkläre», es habe den Beschluß über die Revision geändert, um seinen Gegner, Oesterreich, allein zu lassen. Der Schleier war freilich allzu durchsichtig. Und das letzte: die Türken hatten, durch die Niederlagen Bulgariens ermuntert, Thracien und Adriaiwpel zurückcrobert. Die Eroberung Adrianopels durch die Bulgaren wurde seiner Zeit von den russischen „Patrioten" (auch in der Duma) hoch gefeiert, und Rußland konnte bei seiner Wiedcrcroberung durch die Türken nicht schweigen. Es forderte die Räumung Adrianopels durch die Türken. Die Türken ließen die Forderungen Forderungen sein. Rußland suchte die Großmächte zu becinslussen, die aber sehr ruhig blieben. Rußland wollte, um die türken zu bedrohen, Armenien besetzen, und Deutschland erklärte, es werde dies nicht dulden. Die russische Presse war darüber empört, mußte aber gleichzeitig die Schwäche Rußlands konstatieren. Und Adrianopel ist bis heute türkisch. Ich habe nicht umsonst diese Zeilen über Rußlands .diplomatische Mederlage für ein jüdisches Blatt geschrieben. Jahrzehnte lang führt Rußland eine 'Politik, in deren Zentrum die Bedrückung der Fremdvölkcr, hauptsächlich natürlich der Juden, steht. Diese Politik, die eine Verkörperung des „Nationalismus" sein sollte, hatte die Aufgabe, der reaktionären Macht Popularität zu schaffen. Zum gleichen Zwecke begann Plcwe den japanischen Krieg. Womit der Krieg endete, ist bekannt. Die reaktionäre Politik hatte ihre Früchte gezeitigt. Nachdem die Revolution unterdrückt war, hat die Regierung ihre Richtung nicht geändert. Nach. dem Verlust eines Krieges und nachdem dem Volke außer der Pseudo-Konstitution nichts gegeben wurde, mußte der „Nationalismus" mehr als zuvor betont lverden, um der Reaktion ein langes Leben zu sichern. Die Angst vor einer Niederlage und einer neuen Revolution hatte die vorsichtig- und nachgebende Politik Rußlands auf dem Balkan zur Folge. Aber die diplomatische »Niederlage war nicht zu umgehen, die wahre Stellung Rußlands ist wiederum klar geworden, die Reaktion hat ihre Frucht gezeitigt. Die diplomatische Niederlage Rußlands (iöird freilich kauin direkte Folgen haben, denn die breiten Volksmasscn verstehen nur eine Niederlage init Bluts- und Ländcrverlust. Nach dem deutsch-französischen Kriege sagte Bismarck: „Die Volksschnllehrer haben den Sieg errungen." 'Nach der letzten diplomatischen Niederlage Rußlands nahm ein Kongreß der russischen Religionslehrer eine Formel an,, in der der Elementarunterricht als schädlich erklärt und die Unbildung als Retterin her Religion und Moral verherrlicht wird. Es gibt eben verschiedene Weltanschauungen) aber was die altehrwürdige russische Weltanschauung für Früchte gebracht hat, das sahen und sehen wir fortwährend. Bald werden die „Ferien" zu Ende sein» und die Regierung wird sich von neuenr eifrig an die Judenhetzen heranmachcn, um den „Nationalismus" zum Siege zu geleiten, der die Balkan-Medcrlage verdecken soll. Die Unsinnigkeit und Schädlichkeit der reaktionären Politik der Regierung wird aber immer weiteren Kreisen/der russischen Bevölkerung vor Augen -geführt werden; denn ein Nationalismus, selbst ein solcher, der seinen Hauptwerk ans die Judenhetzen legt, kann eine Niederlage nach außen nicht zulasscn und muß früher oder später über die wahren Ursachen Nachdenken, die die Niederlage herbeigeführt haben. 1. -K. Neu eröffnet! ■ Cafe Cor so I Ecke Kaiserstrasse und Moselstrasse. ■ _Franz Kr ist. W Aus aller Well. Deutsches Reich. Hannover. Der „Volkswille" bringt folgendes über eine städ tisch e An t isemi ten un t er stützun g: „Die Hannoversche Stadtverwaltung glaubt es verantworten 'zu können, aus den Mitteln der gesamten Steiierzahlerschaft den hiesigen — — Antisemiten eine laufende Bargcldbeihilse zu gewähren. Nach dem jetzt gedruckt vorliegenden Haushaltungsplane haben die städtischen Kollegien beschlössen, nicht nur den „Fahrenden Gesellen", sondern auch der sogenannten „Lehrlingsabteilung Hannover des Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes", also den beiden unschönsten Blüten des Antisemitismus, laufend Geldmittel zu überweisen.... Hatte man denn in der Stadtverwaltung gar keinen Gedankens an Toleranz und Rücksichtnahme gegenüber den religiösen und-