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Neue jüdische Presse · 1913-08-29 · Heft 34 (29.8.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 34 (29.8.1913)
Date
1913-08-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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' "" """■— "irm Erscheint wöchentlich am Freitag. fHUnmit pr» Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1 — fr« m» Haus. Lei der Post abonniert SO Pfg., frei in» Hau» 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungar« Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel-Nummer» kosten 10 Pfg. Redaktion und Expedition: Frankfurt «. M. :: Catigeftr. 7. Fernsprecher Amt I. 10507. Herausgever: Kalg chsio. JnsertümsPrri» für die fünfgespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche. Wohnungsinserate, Heirat»-Annoncen 15 Pfg. die sechSgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Daium-Borfchrist ohne Verbindlichkeit. Lnnoncen-Annahme bei der Exped. und inaFlnnoncen-Bureau». lkonto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. U. Jahrgang. Freitag, den 26. Aw 5673 (29. August 1913) Ar. 34. Erez-Jsrael. (Reisebriefe.) Von Nachum Goldmann. Das Tote Meer. — Ar a bert ä n z e. Wir schieden vom Jordan, bestiegen unseren Wagen und fuhren zum Toten Meer. Einige Mnruten lang ging es durch eine blühende, prachtvolle Vegetation; alles blühte und grünte und kündete frohes, markiges Leben. Tann aber, als ob ein Zauberwerk plötzlich vor sich gegangen wäre, hörte die Vegetation auf, und es begann die Wiiste. Meilenweit kein Strauch, kein Gras, nur der braune, glühende Sand der Wüste. Soeben noch alles blühendes Leben um uns, und nun, soweit das Auge späht, ewiger Tod. Wer niemals diese Gegend zwischen Jordan und Totem Meer gesehen hat, kann sich von diesem unfaßbaren Gegensatz und Kontraste keine Vorstellung machen. Nirgends in der Welt gibt es wohl eine zweite Stelle, wo herrlichste Vegetation und tote Wüstenöde so nahe, so dicht nebeneinander sind wie hier. Es ist das treueste Symbol des Lebens, von dem der große Dichter singen durfte: Heute noch auf stolzen Rossen ... Eine kleine Weile schleppte sich der Wagen durch den Wüstensand, und dann waren wir beim Toten Meer. In der Tat: das tote. Ter Inbegriff des Todes ist es, wie es daliegt in seiner bleiernen Schwere, in seiner absoluten Bewegungslosigkeit. Ringsunr alles Wüste, in ihm gedeiht kein Lebewesen, kein noch so ärmliches Getier; tot alles um ihn, tot alles in ihm; .bleischwer legt sich sein Anblick auf den Betrachter, alle Glieder lähmend. Und dennoch ein wunderbares Bild, dieses Tote Meer! Weit und breit zieht es sich dahin und verschwindet in der Ferne in einenr leisen, grauen Dunsthauch. lieber dem Ganzen, lagert derselbe graue Dunst, der selbst der Luft über dem Meere etwas unsagbar Schweres, Lähmendes verleiht. Nichts hier von der sonstigen Klarheit und Reinheit der palästinensischen Atmosphäre. Alles schwer und grau. Und drüben, auf der anderen jSeite die Berge Moabs. Hohe, steile, trotzige Felsen, kahl und öde, auch sie ein Bild des Todes. Als ob sie das Ende dieser Welt bedeuteten, ragen sie empor; als gäbe es kein Jenseits von ihnen, als ob der Machtbereich der kraftspendende-lr Erde, des Lebens hier sein Ende hätte. Eine wunderbare Einheitlichkeit, eine seltene Harmonie lagert über dieser ganzen Szenerie. Diese Wüste diesseits des Meeres und diese Felsen jenseits, die Luft über dem Wasser und das Wasser selbst, alles trägt denselben, den gleichen Charakter. Aber schwör, grau, lähmend, schweigend, das Symbol des Todes. . . Ein Schauer ging mir durch den Körper, nachdem ich eine Weile stumm betrachtend vor diesem Bilde gestanden war. Und selbst als ich wieder nach.Jericho zurückgekehrt war und im blühenden Hptelgarten meinen Tee einnahm, glaubte ich noch den .salzigen Geschmack des Wassers des Toten Meeres auf der Zunge zu haben, und so etwas wie eine schwere, eisige Hand, die den Atem beraubt, .dünkte mich meine Kehle zu umschnüren. Und noch lmrge Zeit nachher konnte ich die Wirkung dieses eigenartigen Bildes, das ich gesehen, verspüren; keinen anderen Flecken dieser Erde durfte es geben, der ihm an Wirkungskraft und die Seele gefangen nehmender Mächtigkeit gleicht, ihmdein ewigen Symbole alles Schweigenden und Toten, ihmdem unvergleichlichen Toten Meere. . . Wir hatten wirklich Glück mit unserer Jerichofahrt. Nicht rmr war das Wetter uns hold, so hold, daß in später Nachmittagsstunde sogar ein Keiner Regen niederging und alle Schwüle der Atmosphäre vertrieb, auch Jericho selbst bot in jenen Tagen etwas ganz außergewöhnlich Interessantes: es wurde gerade eine große Araber- Hochzeit gefeiert. Solche Araberhochzeiten, wenn sie von einer vornehmen Familie gefeiert Wörden, dauern meist einen ganzen Monat. Jeden Abend versammeln sich alle Anverwandte und Bekannte, und dann wird die ganze Nacht hindurch getanzt. Vom arabischen Schwertertanz und anderen berühmten Tanzarten hatte ich schon längst gehört; sie zu sehen, war mir noch nie die Gelegenheit geboten worden. So beschlossen wir denn, als ungeladene Gäste Yen Hochzeitstänzen beizuwohnen. Dies war jedoch leichter gesagt als getan. Fremde Frauen können noch zu diesen Tänzen Zutritt erhalten, aber fremde Männer, das ist, da auch die arabischen Frauen sich am Tanze beteiligen, fast unmöglich. Doch einer der Hotelangestellten kanr uns zu Hilfe. Er begab sich zum Vater der Braut als dem Leiter der Feierlichkeiten, und gegen Bezahlung einer kleinen Summe pro Person gestattete uns dieser den Zutritt. Unter Führung des Vermittlers begaben wir uns zuni Platze der Feierlichkeiten, einem Felde außerhalb der Stadt. Die Tänze hatten bereits begonnen. Ein günstiger Zufall wollte es, däß gerade der Schwertertanz an der Reihe war. Wer beim Worte Tanz an unsere europäischen Tanzarten denkt, wird sich von diesen arabischen Tänzen ein falsches Bild machen. Mit unseren Tänzen haben diese auch nicht das geringste gemein. In einer langen Reihe standen etwa.40, 50 Männer. Vor ihnen, in einem weiten Kreise, befanden sich drei Frauen, eine davon war die Braut. Jede von ihnen hielt ein krummes Schwert in der "Hand. Mit diesem begannen sie langsame Bewegungen nach, allen Richtungen hin auszuführen, während die Männer in langgestreckter Reihe immer einige Schritte auf diese Frauen zutanzten und dann wieder zurückgingen. Dabei sangen sie eine ziemlich nwnotone Melodie, die alle Umstehenden mit Händeklatschen begleiteten. Gar bald aber wurde das Tempo des Ganzen schneller, wilder. Die Frauen schwangen die Schwerter rascher, Oie Männer sprangen wilder, der Gesang ward erregter. Und nun stieg die Erregung von Minute zu Minute. Zuletzt fuchtelten die Weiber wie rasend, mit den Schwertern herum, bald schlugen sie sie gegen einander, bald zückten sie sie gegen die .Männerreihe, dabei aber sie mit einer unglaublichen Geschicklichkeit hantierend. Währenddem tanzten und sprangen die Männer wie ekstatisch, fcnichten vor Erregung wie die Raubtiere, der Atem ging schwer und rasch, der Gesang wurde lauter und wilder, das Händeklatschen ging in ein ekstatisches Mitbewegen des ganzen Körpers über. Das Ganze glich einer Bande losgelassener Bestien. Ein Schauder,, vermischt mit einem Ekel, ergriff uns alle angesichts dieses abstoßenden Bildes entfesselter, schrankenloser Wildheit. Trotzdem beschlossen wir, bis zu Ende zu bleiben. Doch da trat plötzlich der Vater der Braut, ein durchaus nicht vertrauenerregender Araber, an unseren Führer heran und forderte auf einmal einen erhöhten Preis pro Person: Wir gewährten ihn, worauf er sofort die Summe wiederum erhöhte. Als wir ihm Einwendungen Kr Machen versuchten, ward er. schon ohnedies aufgeregt, noch erregter, und, durch die Störung aufmerksam gemacht, wandten sich Mehrere Araber unwillig und mit drohender Miene uns zu. Wir merkten, daß die Situation ein wenig unsicher wurde; mit diesen entfeffelten, schnaubenden Arabern war nicht gut spaßen; man mußte auf alles gefaßt sein, und so verließen wir auf Anraten urrseres Führers den Schauplatz. Wir hatten leider der Fortsetzung und dem Ende der Tänze nicht beiwohnen Wnnen, aber was wir gesehen hatten, war uns genug. Es gab uns einen genügend klaren Begriff von 8er barbarischen Wildheit und unbeherrschten Leidenschaftlichkeit. dieses Volkes, die jeden Augenblick in ihrer ganzen Schrankenlosigkeit hervo^ubrechen vermag. Es lag gewiß viel Kraft und unverbrauchte Energie in diesen Tänzen; aber wer weiß, wie lange es noch dauern mag, bis diese barbarischen Nachkommen eines ehemaligen hochentwickelten Kulturvolkes es wieder gelernt haben werden, die in ihnen schlummernden starken Energien zu kulturfördernder, schöpferischer Tätigkeit zu verwenden. So wie sie jetzt ist, ungefesselt und schrankenlos, ist sie eine kulturelle Gefahr. „Die Kräfte der Natur sind ein völlig indifferentes Wesen", sagt einmal Kant; „Sache des Menschen ist es, sie sich zum Vorteil oder zum Schaden zu verwenden." Dia Energie, kraft deren andere Völker unvergängliche Werke der Kultur schaffen, verbrauchen diese Araber auf Schwertertanz und .Stammesfehden. . . Es war noch dunkel, als wir am nächsten Morgen die Rückfahrt antraten. Als ich wieder vom Berge den schönen AMick Jerusalems vor mir ( hatte und die Luft dieser ewigen Stadt wieder ' atmete, da empfand ich wie einer, der aus einer Wildnis voller Geheimnisse und Gefahren in den sicheren Hort der Kulturwelt zurückkehrt. Seltsam verschieden waren die Eindrücke des vergangenen Tages gewesen; der idyllische, bezaubernde Jordan, das lähmende, atembeKennnendö Tote Meer und die wilde, das Blut in Wallung bringende Äraberhochzeit. Wie in einem bösen Traum verjage ich das Bild der Barbarentänze, wie ein schweres Alpdrücken suchte ich den beklemmenden Eindruck des Toten Meeres abzuschütteln und pflegte das holde Bild des Jordans dafür in mir mit umso, mehr Liebe und Sorgfalt. Die Barbarei der Araber wird schwinden, das Tote Meer wird ewig in seiner toten Unbeweglichkeit verharren, aber an den Ufern des Jordans wird neues, blühendes Leben sprießen. Und von allen Erscheinungen, die die Erde bietet, welche ist schöner als die des neu erwachten, neu sprießenden Lebens? Aus verr Ereignisse« des Tages. Der XI. Zioniftenbmgretz. Am 2. September beginnt in Wien der XI. Zionistenkongreß. In diesen Tagen der kritischsten Lage unserer äußeren — siehe besonders die sechs Millionen Juden Rußlands — und unserer inneren Situation — ein beschämender Bruderkrieg, wie er sich z. B. in dem Wahlrechtsraub deutscher Juden gegenüber im Auslande geborenen Juden kundgibt — muß jeden ehrlichen Juden die Tatsache erheben, daß Hunderte stolzer Juden von den entferntesten Ländern in Scharen herbeigeeilt sind, um an dem Befreiungsrverk des jüdischen Volkes mitzuberaten.

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