Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 33 (22.8.1913)
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Gar manche Konferenzen sind von dieser Organisation veranstsaltet und gar viele Beschlüsse jedesmal gefaßt worden, — und doch hat sie bis heute noch wenig, leider nur zu wenig Positives zu Tage gefördert. Zu wenig, trotz der ausgezeichneten Aufgabe, die sie sich gestellt hat! Und der Grund? Er liegt auf der Hand: Die Leitung der Organisation liegt in Händen von Männern, die über keine Ad achtmittel verfüge n. Eine wirkliche Förderung der hebräischen Sprache kann in den Ländern, wo es Schulzwang gibt, nur durch Schulen geschehen. Da aber die jüdischen Schulen fast durchweg in Händen von Gegnern des Hebräischen als lebende Sprache sind, — die einen sonderbarerweise aus religiösen Gründen, die anderen aus antijüdisch-nationalen —, so kann von einer wirklichen Verbreitung des Hebräischen einstweilen leine Rede sein. Denn all die künstlichen Versuche an Erwachsene n sind so gut wie fehlgeschlagen. Ailch in den Ländern, wo kein Schulzwang ist, - wie z. B. in Rußland — ist nicht allzuviel zu machen. Die Chedorim befinden sich in Händen der Orthodoxie, und die Zionisten haben es leider noch bis heute nicht verstanden, das Vertrauen der Orthodoxie sich zu erwerben. . . . Und noch eins: Es muß endlich den Zionisten der berechtigte Vorwurf, selbst der hebräischen Sprache keine ernste Beachtung zu schenken, gemacht werden! Die Mehrheit d e r w ö st e u r opäischcn Zionisten und sogar ein gut Teil der osteuropäischen Zionisten geben ihren Kindern keinen ernst z,u nehmenden Unterricht. Soll man also das von Nicht zionisten fordern, was selbst die sich als die „Bessern" der Judenheit wähnenden Nationaljuden nicht befolgen?! Das einzige, was die Organisation bewirken kann, ist die Förderung der hebräischen Literatur (Zeitungen und Bücher). Um aber auf diesem Gebiet mit Erfolg arbeiten zu können, muß die zionistische Organisation es jedem organisierten Zionisten zur Pflicht machen, der „Histadruth" anzugehören. Dahin sollte die „Histadruth" auf die zionistische Organisation wirken. Der 11. Zionistenkongreß soll endlich beweisen, daß es der Zionismus mit der Förderung des Hebräischen auch in der Diaspora ernst nimmt! 2. Die Liebesumwerbungen Spaniens. Bon Schabbos-Nachüm sprachen wir in den „Ereignissen" der vorigen Woche, und da sagten' wir, daß die Treue unseres Volkes zu Zion ein Grund zum Trost und zur Zuversicht ans bessere Tage, auf unsere endliche Erlösung bietet. Dies ist unsere Zuversicht, unser Trost nach innen, von dem jüdischen Volke herrührend. Allein bisweilen dringt zu uns auch ein Trost von außen her, — von diesem Trost soll diesmal die Rede sein. Wir meinen die Liebesumwerbungen seitens des einstigen Großinquisitors Spanien. Gar oft schon hat sich Spanien die redlichste. Mühe gegeben, uns Juden zur Rückkehr nach seinen Gauen zu bewegen. Unsere Väter haben — wie bekannt — bei ihrer Vertreibung aus den Gefilden Spaniens vor 421 Jahren vor Gott und vor aller Welt geschworen, diesem Lands für immer den Rücken zu kehren. Dieser Schwur ist treulich von unserem Volke mit verschwindend winzigen Ausnahmen ganz oder halb Abgefallener gehalten ivorden. .Gehalten trotz aller spanischen Lockungerl! Dies ist erhebend und für unser nationales Bewußtsein von großer Genugtuung! Doch Spanien kann sich damit nicht zufrieden geben. Was uns Genugtuung verschafft, bereitet ihm mir Pein! Denn was Spanien einst, zur Zeit, als unser Volk sich frei in ihm bewegen durfte, war, und was cs jetzt ohne uns ist, weiß alle Welt, besonders aber Spanien selbst, und deshalb ist es so stark auf der Suche nach uns Juden. Zunächst versuchte es,' uns mit wiHschaftlichen und rechtlichen Vorteilen zu ködern, und als es Frankfurter Israelitisches Famikkenblatt. sah, daß unsere Ehre uns mehr ist als alle wirtschaftlichen und politischen Güter, da verfiel es auf den Gedanken, uns geistige Vorteile zu bieten. Einen Katheder für rein j ü d. Wissonschaften gilt's, und der bekannte jüdische Orientalist Ja hu da, ein Spaniole, ist für diesen Posten ausersehen. Es mliß zugegeben werden, daß dies ein glücklicher Gedanke ist, den schon Karl der Große, als er Kätonimus von Luka nach Deutschland verpflanzte, mit.Erfolg erprobte. Dieser Gedanke hat viel Verfängliches für uns Juden. Das Geistige hat — trotz Chamberlain und Genossen — noch immer bei "uns mehr Wert als das Materielle! Zudem muß noch in Betracht gezogen werden, daß einstweilen nirgends, auf keiner Universität, ein Katheder speziell für jüdische Wissenschaft vorhanden ist, und dies, was kein Staat — auch nicht Amerika — für das Judentum geleistet hat, schickt sich Spanien an zu tun! Ist es nicht die größte Genugtuung für uns Juden, daß unser einstiger größter Feind, der den bittersten Kampf gegen das Judentum geführt hat, jetzt als erster auf den Plan tritt, das Judentum kräftig zu fördern und zu entfalten?! Gewiß, eine große Genugtuung, die als Mahnung für unseren gegenwärtig größten Feind, Rußland, dienen kann. . . Und doch sind wir weit davon entfernt, für den Bruch des Schwures unserer Väter zu plädieren. Unsere nationale Ehre gilt uns doch noch mehr! Brief ans der Türkei. Konstantinopel, 17. August. David E l n e k a w e, Direktor der spaniolischen Zeitung „El Judio", der eben aus Syrien zurückgekehrt ist, enthüllt in seiner Zeitung die Wahrheit über die jüngsten Unruhen in der jüdischen Gemeinde von Tiberias. Wir entnehmen seinem. Berichte folgende Einzelheiten: Seitdem der Großrabbiner Ab ul a sie r denlissioniert hat und durch allerlei Jntriguen Rabb. Alchadef Lum Oberrabbiner ernannt wurde, ist die dortige jüdische Gemeinde nicht zur Ruhe gekommen. Rabb. Alchadef besitzt keine einzige von den Eigenschaften, die von einenl Großrabbiner zu verlangen sind. Er ist charakterschwach, nicht taktvoll und für die Leitung der Gemeinde auch sonst ungeeignet. Die Rabbiner wollten ihn wegen seiner geringen TalMudkenntnisfe nicht als ihr Oberhaupt anerkennen. Der frühere Oberrabbiner hatte sich nie in Geldangelegenheiten gemengt, und alle aus dem Auslande angelangten Gelder ließ er einer Rabbiner- und Laien-Kvmmission -zur Verteilung übergeben. Der neue Rabbiner hat aber sofort dieses lobenswerte System aufgehoben, sodaß die Rabbiner ihn als parteiisch erklärten und Streitigkeiten entstanden. So entstand während einer Zeremonie des Rabbi Meir Baal-Haneß ein solcher Spektakel, daß die Polizei sich einmengte und mehrere Juden in Anwesenheit des Großrabbiners ins Gefängnis abführte. Der Intimus des Großrabbiners ist ein gewisser Aba di. Dieser verleumdete die Juden dem Generalprokurator von Akko, daß dieselben einen Staat im Staate bildeten, daß sie ihre Gerichtshöfe (Beth-Din) haben usw. Da begab sich der Generälprokurator in Begleitung von einigen Regierungsbeamten und dem bekannten Abadi ins Beth-Din, konfiszierte alle Schriftstücke, schloß das Beth-Din (das noch jetzt geschlossen ist!) und eröffnete einen Prozeß gegen die Rabbiner, der noch im Gange ist. Der famose Abadi verlangte Chaluka, sich als Rabbiner ausgebend, aber die Rabbiner weigerten sich, seinen Wunsch zu erfüllen. Doch beim Oberrabbiner erwirkte er die gewünschte Chaluka und versprach diesem dafür seine Mithilfe. Als also eines Abends ein Brand im Hause eines Rabbiners, der Partei des Oberrabbiners angehörend, ausbrach, sandte der Abadi einen Takrir an die Regierung, in dent er fast alle Rabbiner der Opposition als Anstifter dieses Brandes beschuldigte. Daraufhin wurden alte, hochverehrte Rabbiner ins Gefängnis gebracht. Und der Oberrabbiner tat nichts zur Befreiung der Verhafteten! Dem Direktor des „Jüdio" sagte er: „Was wollen Sie, daß ich mache? Ich fürchte mich vor diesem Abadi!" Zwei jüdisch: Töchter sind.Dank den Bemühungen des Großrabbiners Nahum der Schande.ent- Ceite 3 rissen worden. Einem Juden gelang es, zwei junge jüdische Mädchen aus dem Stadtviertel Chaskeu zu. betrügen und mit ihnen nach Marseille abzureisen. Als die Eltern der Mädchen das Großrabbinat davon in Kenntnis gesetzt hatren, unternahm dieses sofort telegraphisch die notigen Schritte. Die Mädchen befinden sich bereits auf Rechnung der hiesigen Gemeinde auf der Heimfahrt. In dem Wettbewerb für die hebräische Sprache, der hier zweimal jährlich stattfindet, gewann ein Schüler der Allianzschule in Kuskundjuk den ersten Preis. Es ist schon das vierte Mal, daß die Schüler der genannten Schule den Preis für die hebräische Sprache erhalten. Kantorowitz. Jahresversammlung der orthod. Rabbiner Amerikas. New Jork, im Aug. 1913. Unter Anwesenheit von 40 Mitgliedern und Vorsitz Rabbiners B. L. Levinthal-Philadelphia tagte in Arverne die 11. Jahresversammlung der orth. Rabbiner Amerikas. Das wesentlichste Ergebnis der dreitägigen Verhandlungen stellt sich in der folgenden Resolution dar: „Es ist ein Komitee zu bestimmen, das sich dem „American Jewish Comittee" in seinenr Bestreben, die öffentliche Meinung aufzurütteln und zu einem Protest gegen den Beilis-Prozeß zu veranlassen, anschließt. Es ist ein ständiges Rechtskomitee zu bestimmen, um die Schechitah gegen die Angriffe der sogenannten Grausamkeitsgesellschasten (cruelty societies) zu verteidigen. Es ist ein Komitee zu bestimmen, dessen Aufgabe darin besteht, zu untersuchen, ob alle Gemeinden, die sich orthodox nennen, auch wirklich diese Bezeichnung verdienen. Es ist ein Schiedsgericht für UM - stimmigkeiten zwischen Rabbinern einzusetzen." Von den weiteren Resolutionen sei die erwähnt, daß den Palästina-Esrogim der Vorzug zu geben sei undnur.Sifrei-Tauraus, Mesusaus und Tefillin aus Palästina.zu. kaufen seien, und die, daß Man überall „Schomrei-Schabbos"-Berei»c gründen 'möge. Zum Schluß der Tagung wurden die Wahlen vvrgenonrmen. Die Leitung setzt sich nunmehr wie folgt zusammen: B. L. Levinthal (Präs.), I. R o s e n b e r g-Paterson, A. M. Schwär tz-Baltimore (Bizepräs.), I. S e gal-Bayonne, L. Priel- Trenton und I. W. Bcndrowsk Y-New Pork. * Ein Schiedsgericht fiir Unstimmigkeiten zwischen Rabbinern", — dies ist das Wichtigste? Denn, bevor nicht die Streitigkeiten der Rabbiner unter einander aufhören, können sie nicht dazu kommen, fruchtbringend fiir die Interessen der Orthodoxie zu arbeiten. Auf jeder Jahresversammlung werden Komitees eingesetzt und Beschlüsse gefaßt, — doch alles bleibt stets nur auf dem Papiere, weil es an «Einigkeit und — sagen wir es offen — an Selbstlosigkeit und an Idealismus mangelt. Die Einigkeit sollte aber wenigstens zu erzielen sein. Man will für die „Agudas Jisroel" arbeiten. .Hoffentlich kommt von dieser Arbeit der Impuls, der über alle Kleinlichkeit und Kleinlichkeiten hinweghilft. Max Nordaus Rede. Wir hatten den Wortlaut der No römischen Rede nicht gebracht, da er uns in manchen Einzelheiten nicht authentisch schien. Daß dies der Fall war, zeigt nachstehende Antwort Nordails auf ein Schreiben unseres langjährigen Mitarbeiters Dr. Klatzkin, in dem dieser ihn auf Entstellungen seiner Rede aufmerksam gemacht hatte. Geehrter Herr Doktor! Sie versichern von der „Entstellung", daß sie „sicherlich nicht in schlechter Absicht geschah". Ich bewundere Ihr Vertrauen. Ich bin im Gegenteil überzeugt, daß es sich um eine niederträchtige Erfindung handelt, die in der denkbar schlechtesten Absicht und in voll bewußter Nichtswürdigkeit geschah.