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Neue jüdische Presse · 1913-08-22 · Heft 33 (22.8.1913) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 33 (22.8.1913)
Date
1913-08-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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teilt a. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. 9fc- 33 Machflackern; in Wahrheit ist mit Recht seine Methode der politischen Arbeit zu Grabe gettagen worden. Ob diese politische Methode, wie Herz! sie befolgte, ihrem ganzen Wesen nach zu keinem Ziele führen konnte, oder ob die wenigen Jahre bis M Herzl's Tode eine zu geringe Frist für die Erzielung positiver Erfolge bildeten; — wer will das heute entscheiden? Genug, seit Herzls Tode brach sich die Erkenntnis immer mehr Bahn, daß wir iiut den politischen Methoden des Meisters nichts mehr anfangen könnten und seit dem X. Kongreß denkt niemand mehr daran, sich ihrer wieder bedienen zu wollen. Gegen diese Entwicklung des Zionismus läßt sich vom Standpunkt seiner Grundidee nichts einwenden. Die Politische Arbeit im Sinne Herzls war nur eine Methode, ein Mittel, aber es lag niemals im Wesen des Zionismus begründet, daß sie ihm essentiell, mit ihm unzertrennlich verknüpft wäre. Es ist eine Behauptung ohne irgendeine Spur von Berechtigung, wenn manchmal gesagt wird, mit .der Aufgabe der politischen Arbeit im Herzl'schen Sinne sei auch der Herzl'sche Zionismus aufgcgÄen worden. Eine Aenderung der Methode bedeutet weder eine Aenderung der Grundidee, noch eine Verschiebung des Zieles. Aber diese Aenderung der Alethode blieb nicht die einzige. Es ist eine Tatsache, die jeder objektive Beobachter der Entwicklung der zionistischen Bewegung in den letzten Jahren nicht wird leugnen können, daß der Zionismus begonnen hat, sich auch in seiner Grundidee von dem Herzlichen Zionismus zu entfernen und auf jene schiefe Ebene geraten ist, die mit unerbittlicher Konsequenz zum vorherzl'schen Choweweizionismus führen muß. 'Tie Grundidee des Zionismus — sagten wir — war die: Erwerbung eines jüdischen Landes für das jüdische Volk durch das jüdische Volk. Sehen wir zu, inwiefern sich der Zionismus seit Herzls Tode duffem Ziele genähert hat. Zunächst und vor allen Dingen: DerZionIsmus hat begonnen, sich von einer Volksbewegung zu einer Partei zu entwickeln! Ties ist eine Tatsache, auf die von verschiedensten Seiten bereits hingewiesen worden ist. Er hat es einmal nicht verstanden, sich die Sympathien der jüdischen Masse im Osten zu erwerben, die dem Zionismus heute zum großen Teil indifferent gegenübersteht. Und auf der anderen Seite ist es ihmnicht gelungen, sich die Unterstützung des reichen jüdischen Bürgertums des Westens zu gewinnen, das ihm heute meist sogar mit unverhohlener Feindschaft begegnet. Es ist heute Eigentlich nur ein beschränkter Kreis innerhalb des jüdischen Volkes, der sich aktiv Monistisch betätigt, denn wir wissen ja, wieviele auch von den Schälimzahlern recht indiffereut allen Ereignissen innerhalb der zionistischen Bewegung gegenüberstehen. Ueber 100,000 Schkolimzahler etwa verfügt der Zionismus: ein großer Erfolg für eine Organisation, die eine neben vielen im Judentum sein will; aber nur ein sehr geringer Erfolg für eine Bewegung, die den Anspruch erhebt, das Judentum zu repräsentieren. Es ist dies eine Tatsache, die zeigt, daß die zionistische Arbeit auch heute wieder eine Angelegenheit relativ weniger ist, wie zur Zeit des Choweweizionismus. Zu einer Sache des ganzen Volkes ist. sie bis heute nicht geworden. Und dann auf der anderen Seite: Was hat der Zionismus bis heute in Palästina -geschaffen? Für den Zionismus von heute ist doch die praktische Arbeit in Palästina der Hauptpunkt seiner Betätigung. Was hat er hierin erzielt? Der Reifende, der heute nach Palästina kommt, pflegt das Land meist sehr zufrieden zu verlassen. Er findet mefft darin, was er sucht. Tenn was das Gros der heutigen Palästinareisenden in Palästina sucht, ist vor allem die Verwirllichung des alten Traumes: der Jude unter seinem Feigenbauume. Und das findet er dort, vielleicht nicht ganz in der . erhofften Form, aber imnierhin, er findet zahlreiche jüdische Mlonien, er findet Tal-Awiw, kurzum': ier . findet schon ein. gewisses jüdisches Milieu, die Anfänge einer jüdischen Welt. ' Von dem Standpunkt, vom Standpunkt choweweizionistischer Romantik aus kann das heute in Palästina bereits Erreichte vollauf beftiedigrn. Aber wenn man das Ganze vom Standpunkt der wahrhaft zionistischen Beurteilungsweise ansieht, wenn man es auf die Frage hin prüft: Was ist hier bereits zur Lösung der materiellen Judenfrage geschehen, so wird man bitteren Herzens gestehen müssen, daß dies nur sehr wenig ist gemessen an der Größe der Aufgabe verschwindend wenig. Gewiß! In Palästina ist bereits ein jüdisches Mllieu geschaffen. Mer für welchen Juden! Für den wohlhabenden. Wenn ein Jude heute über 100,000 Frcs. verfügt und sich den geistigen Luxus leisten will, in einem rein jüdischen Milieu zu leben, und seinen Kindern die Tragik der zwiespältigen Goluthexistenz zu ersparen, dann findet er in Tel-Awiw oder in einer Kolonie bereits ein recht behaglichees Milieu. Aber wenn der jüdische Auswandrer, den der Fluch des Schicksals aus seinem Heimatlande treibt, an einen zionistischen Führer die Frage richten wird, wohin er seine Schritte lenken solle, dann wird ihm dieser Führer, sofern er über die Verhältnisse in Palästina Bescheid weiß, sagen müssen: Fahre nach Ncwyork! In Palästina ist für dich kein Platz! Es arbeiten heute in ganz Palästina vielleicht kaum 1000 jüdische Arbeiter, und auch diese finden Arbeit nur mit Mühe und Mt. Man kann überall in Rußland und Amerika die Auswandrer finden, die in Palästina waren, und aus Arbeitsmangel das Land wieder verlassen mußten. Ein Baron, der jedem Einwanderer 3000 Francs mit Haus und Inventar gäbe, gibt es heute nicht mehr. Was könnte also ein jüdischer Auswandrer in Palästina heute anfangen? Der Zionismus will eine materielle Heimstätte für das jüdische Volk schaffen. Was er bis heute in Palästina geschaffen hat, ist eine geistige H e i m st ä t t e für wohlhabende Juden. Für den Choweweizionismus wäre dies sehr viel; für den Zionismus bedeutet dies blutwenig. Allerdings: Noch ein zweites haben wir bereits in Palästina geschaffen. Nicht nur ein Zufluchtsort für reiche Juden, auch die ^Fundamente eines geistigen Zentrums sind gelegt worden. Kein größeres Werk ist in Palästina bis heute errichtet worden als seine Schulen. Schon schickt man aus aller Welt jüdische Kinder in die .hebt. Gymnasien Jafffas und Jerusalems. Noch kurze Zeit, und ein Zustrom jüdischer Jünglinge wird einsetzen, die mir Technikum in Haifa iverden studieren wollen. Und schon spricht man von einer Universität in Jerusalem. Wir sind auch nicht im geringsten Gegner dieser Entwicklung. Schließlich waren die Schulen nötig, ist auch, das Technikum, hat auch die Universität volle Existenzberechtigung. Aber für den Zionismus mit seinen: Ziele der Lösung der Judenfrage wäre dies ein Erfolg, wenn die Arbeit zur Erwerbung einer Heimstätte für die jüdische Massen mit dieser Entwicklung Hand in Hand ginge. So wie die Entwicklung bis heute gegangen ist, in rein geistig-kultureller Richtung, mag sie für den Achad-Haamismus sehr viel bedeuten; für den Zionismus bedeutet auch dies blutwenig. Es tut weh, dieses nicderschreiben zu müssen. Aber wir halten es für notwendig angesichts des XL Kongresses, für viel irotwcnditzer als sich in unnütze Polemiken mit dem Politischen einzulassen. Denn weitaus schlimmer noch als die Tatsache, daß die bisherigen Leistungen des Zionismus, bewertet vom Standpunkt seiner Grundidee, wie sie Herzl geschaffen hat, unbefriedigend find, weitaus schlimmer als dies ist die Gefahr, daß er sich auf die bisherige Entwicklung festzulegen 5roht. Wir haben die wohlbegründete Befürchtung, daß der XL Kongreß die bisherige. Entwicklung des Zionismus zu einer Partei im Judentum, sowie die bisherigen Methoden der Arbeit in Palästina nicht nur sticht wird ändern wollen, sondern sie sogar noch sanktionieren wird. In all den De-, batten und Polemiken innerhalb des Zionismus, die den XI. Kongreß ankündigen, haben wir nur sehr wenig davon bemerken können, daß man diesen Fragen eingehende Beachtung geschenkt hätte. Das Gros der Organisation scheint mit voller Befriedigung auf die bisherige >Entwicklung der Bewegung sowie auch auf ihre Erfolge in Palästina ' zu blicken. Eine solche Befriedigung kann von ernster Gefahr werden. Die wenigsten scheinen zu bemerken. daß der Zionismus von heute immer weniger Herzl'scher Zionismus bleibt und immer mehr Choweweizionismus und Achad-Haamismus wird. Wenn äuch der XL Kongreß dieser Entwicklung der Bewegung keine Beachtung schenken wird, ihr vielmehr den bisherigen Gang auch für die Zukunft vorschreiben wird, dann wird unsere Behauptung zu recht bestehen: Der XL Kongreß habe den Herzl'schen Zionismus zu Grabe getragen. Wir wissen, daß diese Behauptung in dieser scharfen Form heute Widerspruch Hervorrufen wird, Wir hoffm, daß der XL Kongreß sie nicht nur durch leere Worte und inhaltslose Bestreitungen, sondern durch seine Taten und Handlungen Lügen strafen wird. *) *) „Seit Herzls Tode brach sich die Erkenntnis immer mehr Bahn, daß wir mit den politischen Methoden des Meisters nicht mehr anfangen könnten und seit dem X. Kongreß denkt niemand mehr daran, sich ihrer wieder bedienen zu wollen." „Jetzt nicht mehr" — und früher? Ist nicht Herzl an der bitteren Erfahrung, baß seine Methoden nichts nützen, erlegen? Herzl's Plan setzte eine von zwei Bedingungen voraus : entweder große Kapitalien, die nur durch ein kräftiges Unterstützen unserer Reichen zu erreichen gewesen wären, oder das entschiedene beharrliche Vollen der breiten jüdischen Massen, — und da alles beide fehlte, mußte Herzl's Plan scheitern! Wohl nützten Herzl's Methoden am Anfang seines Auftretens insofern, als sie vorübergehend gewisse Teile der Massen aus ihrer Lethargie aufrüttelten; kaum erfuhren diese aber, daß Herzl nur reich an Herz und Phantasie, nicht aber an Geld war, kaum erfuhren sie, daß unsere Millionäre nicht hinter ihm stehen und der Sultan sich für schöne Worte den Charter nicht abhandeln läßt, da rückten sie vom „Judenstaat" und dessen Verfasser ab. Gar bald sah Herzl die bittere Wirklichkeit, daß. er säst allein stand — ohne Massen und ohne Geld —, und so dauerte es nicht lange und der ablehnende Bescheid des Sultans: j» dem „Charter" - Vorschlag kam, wie unter diesen Umständen nicht anders zu erwarten mar. Der Chartergedanke zerschellte an der Macht der Wirklichkeit und Herzl mir ihm. Herzl wurde zu Grabe getragen und mit ihm der Charterismus. Man sieht also, 'Herzl's Methoden haben sich noch zu seinen Lebzeiten überlebt und was Herzl selbst wegen Mangel an den nötigen Machtfaktoren nicht vermocht hat, wer sollte cs unter den lebenden Zionisten angesichts der unveränderten Lage vermögen? Alle Erfolge Bismarcks wären ohne die mächtige deutsche. Armee nicht denkbar gewesen. Der gesch. Schreiber und mit ihm viele bedeutende Zionisten irre», wenn sie behaupten, daß der Chauwewci- Zionismus ein Stück Romantik bedeutet, dem ist es nicht so; man lese die Aufrufe und Broschüren Lilienb l n m s, des Sekretärs der Chauwcwe - Zion, so wird man ohne weiteres gewahr, daß der Chanwewe - Zionismus keine Romantik, sondern die heutige bewußte, nationale Bewegung in ihren Anfängen darstellt. Auch Pinsler zählte zu den sogenannten „Romantikern". Aber auch U s s i s ch k i n und mit ihm die beste n und klügsten jetzigen Zionisten sind keine Romantiker, gleich Herzl kannten sie die verzweifelte jüdische Lage zu genau, und gleich ihm erstrebten sie eine radikale Aenderung der jüdischen Lage durch Schaffung einer Heimstätte in Palästina. Doch noch mehr: Gleich Herzl dachten sie an die zwei Hauptfaktoren, die eine Realisierung ihres ■ Gedankens ermöglichen, an di« jüdischen Massen — wenn auch zunächst an die osteuropäischen — und an die jüdischen Millionäre. Der große Gaon und große Chauwew-Zio» Mohilewer war es, der sich an Baron Edmund Rothschild um Förderung der Kolonisation in Palästina wandte, gleich Herzl, der sich an Baron Hirsch wandte, mit dem Unterschied: erfolgreich gewesen zu sein .... Was dem Staatsmann Herzl mißlang, gelang dem Rabbiner und Chauwew-Zion Mohilewcr. Auch an den Sultan wandten sich die „Rom a n t i k e r" durch Montesiore und Gedalje und andere. Gewiß wurden die Chauwewe-Zion nicht nur von einer tiefen Einsicht, sondern auch von einem starken G c - fühl getragen, aber desto besser. Der Chauwew-Zion verfügt dank seines starkes Gefühls über eine große und nie erlahnrende Ausdauer und Beharrlichkeit» — was einem modernen Zionisten vom Schlage Herzl's abgeht. Ein Chauwew-Zion würde auch bei unzähligen Mißerfolgen Zionist bleiben und an der Ablehnung eines Charters sicherlich nicht zusammenbrcchen! .... Was den Achad-Haamismus betrifft, so war und ist seine Richtung nicht die der Chauwewe-Zion. Kurzum: bei den knappen Mittel», über die der Zionismus verfügt, gibt es keinen anderen Weg als den die Zionisten gegenwärtig getzen! Wir sind die letzten, die die Bedeutung des große» Führers.für den Zionismus herabsetzen, allein Herzl darf nicht zum Unfehlbaren-gestempelt werden und seine Methoden, die sich als unhaltbar erwiesen haben, anempsohlen werden! Was den Vorwurf anbelangt, daß der Zionismus zur Partei herabgesunken ist, so ist er nur zum. Teil berechtigt.- Gewiß haften gar manche Fehler an der gegenwärtigen Leitung, allein in der Hauptsache muß ihre Arbeit gebilligt werden!' D. Redakt.

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