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Neue jüdische Presse · 1913-08-22 · Heft 33 (22.8.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 33 (22.8.1913)
Date
1913-08-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Rach Jericho. — Der Jordan. — Das Tote Meer. — Arab'ertänze. Ein kühler, frischer Wind wehte von den Bergen herüber, und die Sonne warf ihre ersten Strahlen über die langsam erwachende Erde, als wir einen leichten, flinken Wagen bestiegen, der uns nach Jericho und dem Toten Meer führen sollte. „Wir" bedeutet eine kleine, lustige Gesellschaft, aus fünf Personen bestehend: ein Abiturient des Lehrerseminars des Hilfsvöreins der deutschen Juden, zwei hübsche Mädchen — eine zarte, schmächtige Sephardin und eine vollwangige Aschkenasin —, eine „Anstandsdame" und ich. Wir nahmen noch ein wenig verschlafen im Wagen Platz, der Kutscher — ein sephardifcher Jude —, knallte mit der Peitsche, und die drei Pferde setzten sich rasch in einen lustigen Galopp. Bald hatten wir die Häuser der Stadt verlassen, über den letzten Teil der Bia dolorosa ging es am prachtvollen Gethsemanegarten vorbei; eine Weile ‘ ging es dann steil hinauf auf eine beträchtliche Anhöhe, und — oben angelangt — lag bereits die ganze Gegend, die wir zu durchqueren hatten, vor uns. Eine wild romantische, aber öde Gegend. Berge, Hügel, alle kahl und braun, unter ihnen — weithin auffallend — der runde Herodesbörg, ein ehemaliger Vulkan, und hinter ihnen das Tote Meer in seiner ganzen Ruhe. „Wie lange denken Sie wohl, wird die Fahrt Wm Toten Meer dauern?" fragte mich niein .Gegenüber, der junge Lehrer. Ich schätzte die Entfernung ab und wählte, durch die Erfahrung bereits . belehrt, eine hohe Ziffer. „2—3 Stünden", erwiderte ich. „Es dauert mindestens 7—8", wür die Replik. Der Europäer Macht sich kaum eine Vorstellung, wie sehr hier das Augenmaß für größere Entser- > nungen trügt. Die Luft ist hier so klar und durchsichtig, daß sie über die größten Entfernungen hinwegtäuscht. Vom Oelberg sieht 'das Tote Meer wie eine Stunde entfernt aus; in Wahrheit beträgt die Entfernung an die 50 Kilometer. Als ich'das Tote Meer in der Tiefe vor mir sah, stieg mir der Gedanke auf, daß ich heute in 8 Stunden Wagenfahrt von einer Höhe von 700 Meter über dem Meeresspiegel in eine Gegend geführt werde, die , 3—400 Meter unter derselben liegt. Wo findet man das zweite Land der Welt, wo solche Gegensätze so nahe beieinander wohnen? Während ich diese Betrachtungen anstellte, eilte der Wagen bergab rasch vorwärts. Die Landstraße — ausnahmsweise eine vorzügliche Chaussee — dreht sich in spiraligen Windungen durch die Berge hindurch. Die ganze Gegend wüst und leer. Ich mußte! unwillkürlich an die biblische Erzählung von Sodom und Gomorrha denken; wird doch der Ort dieser Begebenheit in die Gegend um Jericho verlegt. An manchen Stellen boten sich uns herrlich Bilder voller romantischer Schönheit und wildert Pracht. Mittlerweile begann die Sonne, ihre Glutstrahlen herabtzusenden, und wir waren gezwungen, den Wagen halb zu schließen. Mit LiedMn suchten wir uns die Zeit zu vertreiben. Die jungü Spaniolin, von jener schmachtenden, zarten Schönheit, wie sie den sephardischen Frauen oft eigentümlich ist, , begann mit melodischer Stimme, uns spaniolische Weisen dorzusingen. Es waren darunter wundervolle Melodien, aber fast alle bargen sie eine seltsame Traurigkeit, eine gewisse Lebensmüdigkeit, einen Ton des stillen Klagens und der wehmutsvollen Resignation in sich. Mir fiel die starke Aehnlichkett auf, die sie mit arabischen Weisen haben. Auch diese zeichnen sich durch dieselbe klagende, resignierende Stimmung aus. Mir scheint es orientalische Eigentümlichkeit zu sein. Die Stimmung des Energischen, des aktiven Tuns, des Dynamischen ist dem Orientalen fiemd. Zu der Trägheit, zu der Ruhe, die er in allem liebt, paßt die klagende Melancholie seiner Lieder. Es ist nicht seine Art, wie der moderne nordische Europäer den Tag über angestrengt, unternehmungslustig zu arbeiten und am Abend fiöhliche Walzermelodien und kraftvolle Marschweisen anzustimmen. Er liegt lieber auf seinem Teppich, raucht sein Nargile und singt melancholische Lieder, die mit dem sehnsuchtsvollen Rufe: O leila! O leila! (O Nacht!) »st zu enden Pflegen. Nachdem die junge Spaniolin uns ihre Lieder zum besten gegeben hatte, hielten auch wir anderen nicht mit unserer Kunst zurück. Die junge Aschkenasin sang die stöhlichen Lieder des neuen Palästina: Arbeiterweisen, Winzermelodien, Tanzlieder; der Seminarabiturient, der aus einem chassidischen Milieu Galiziens herkam, unterhielt uns mit lustigen, echt chassidischen Trink- und Tanzmelodien, die die Beine wie von selbst in Ekstase kommen lassen; und ich steuerte der Kuriosität halber einige deutsch-jüdischen Studentenlieder bei. Ein seltsames Beisammen von Melodien! Traurige spaniolische Weisen, jubelnde neupalästinensische Märsche, ckstasisch-lustige chassidische „Nigunim" und kraftvolle deutsche Studentenlieder: ein Symbol der jüd. Gegenwart mit ihren tausend Arten und Variationen von Judentypen! Aber als wir dann allgemein ein Lied anstimmen wollten, da fanden wir keine anderen als die Weisein des jungen Palästina! Die'Lieder, die jeder sich aus seinem Goluthlande mitgebracht hatte, kannte nur er allein; aber in den Melodien des neujüdischen Lebens in Palästina, da fanden wir uns alle beisammen. Und wie früher, da jeder für sich seine Weisen sang, sie mir das Symbol der traurigen jüdischen Gegenwart bedeuteten, so erschien mir das frohe „Po baarez", das wir nun alle gemeinsam anstimmten, als. der Ausdruck unserer schönen gemeinsamen Zukunft im Lande der Väter. Unter solchen Unterhaltungen verging uns rasch die Zeit, und wir spürten kaum die glühende Hitze, die sich mittlerweile entwickelt hatte. Aber wir hatten Glück. Es war ein bewölkter Tag, und ein kleiner Regen stand bevor; so war die Hitze nicht jene erstickende Glut, die für gewöhnlich in diesem! Kessel um das Tote Meer herum zu herrschen pflegt. Gegen 2 Uhr mittags kamen wir nach Jericho. Ein kleines, unbedeutendes Städtchen, durchwegs von Arabern bewohnt. Juden gibt es hier keine. Wir verbrachten die heißen Mittagsstunden his 4 Uhr iw Hotel, und dann ging's weiter zum Jordan und zum Toten Meer. Die Gegend, die wir durchfuhren, glich keineswegs der vor Jericho. Rings um Jericho erstreckt sich ein ebener Kessel, der einst in alter Zeit ein blühendes Paradies war; auch heute ist ein Teil der Gegend ziemlich kultiviert. Wir fuhren durch mehrere Haine, und nach etwas mehr als einer Stunde gelangten wir zum Jordan. Der Wagen "hielt eine kleine Strecke vom Fluß entfernt; rasch stieg ich aus und lief zum Wusse. Der erste Blick bedeutete mir eine arge Enttäuschung. Ich hatte erwartet, einen mächtigen, breiten Strom zu finden, — und was sah ich vor mir? Einen kleinen, recht schmalen Wuß, schmäler als die Ems. oder Nidda in Deutschland: Dies Flüßchen also war der weltberühmte Jordan, dieser mit den Sagen unseres Volkes so eng verwobene Fluß, der jedem Juden teuer, jedem Christen heilig ist? Aber gar bald begann ich, die Schönheiten und Reize dieses Flusses wahrzunehmen. Ich bestieg ein Boot und ruderte eine Zeitlang auf dem Flusse entlang; wenig schönere Momente habe ich während meines an schönen Stunden reichen Aufenthaltes in Palästina erlebt als diese Stunde auf dem Jordan. Das Wasser, so klar und rein wie Kristall, und zu beiden Setten Ufer, die mit einer unvergleichlich reichen und schönen, mit einer wahrhaft paradiesischen Vegetation bedeckt sind. Langsam zogen die Wellen des Wusses dahin, und ringsum um uns herrschte eine heilige Ruhe. W und zu vernahm man das Rascheln eines Rehes im grünen Buschwerk am Ufer. Es war eine Idylle von unvergeßlichem Reize;.in dieser kurzen Stunde habe ich den Jordan für mein Leben lang liebgewonnen. Man sagt oft, der Hchiptfluß eines Landes sei typisch für seine Eigenart. Das wette, gewalttge Rußland hat seine mächttge Wolga, das kraftvolle, selbstbewußte Deutschland feinen stolzen Rhein, das liebenswürdige, kulttvierte Frankreich seine gefällige Seine, das prosaische, nüchterne England seiner langweilige, gravitätisch ihre Waper treibendet Themse, unser Erez-Jsrael hat seinen Jordan. Das Charakteristikum des Jordans aber ist die Idylle, die ruhige, verborgene, seelenttefe, stimmungsreiche Idylle. Und ich glaube in der Tat: Für keine Lebensweise ist Erez-Jsrael geeigneter, geschaffener als für die idyllische. Wir Polittsche Macht und kapitalistischen Reichtum ist Palästina nicht der Platz. Zwischen den Hügeln Judäas und den Bergen Galiläas muß ein Volk wohnen, das Ml seiner Arbeit nachgeht, das seine Felder beackert, ttr froher Stimmung seine Früchte einheimst, Gott lobpreisend seine Erntefeste feiert und Zeit und Genie genug hat, um der Welt eine Bibel zu schenken. Die ttefe, innige Religiosität der Psalmen, die schlichte, schmucklose Schönheit Ruths, das ist die normale Poesie Palästinas. Manchmal allerdings kann dieses Land auch die Donnerworte des Jssaiq, die FlaMmenreden Jeremias und die gewaltigere Bisionen Hesekiels der Welt schenken, gleich seinem Jordan, der zuwetten, wie die Araber in stummer Scheu erzählen, in gar wilde Wut geraten uni» schäumen und toben kann, gleich dem sagenhaftere Sembationfluß, an dem die 10 verschollenen Stämme wohnen. Die stille, tiefe Idylle für gswohylich und der große, grandiose Pathos für - die seltenen Stunden außergewöhnlicher Ereignisse, dies ist jüdische Kunst, die im Lande blüht, „wo des Jordans blaue Welle fließt". Seit ich ihn sah, liebe ich ihn, den Jordan, wie ich die schönsten Zukunstshofsirungen meines Volkes liebe; als das Symbol unserer künftigen Kultur ist er mir teuer und heilig. (Schluß .dieses Briefes folgt.) Der XI. Kougretz. (Schluß) Herzl. starb. Mit ihm aber wurde noch etwas anderes zu Grabe getragen: seine polttischen Methoden. Was nachher woch an sogenannter dipbomattscher Arbeit geleistet wurde, war nur ein letztes

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