Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 32 (15.8.1913)
- Date
- 1913-08-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32. der Glaube erweckt, der Gegensatz zwischen politischer und praktischer Arbeit — der in der Hauptsache nur erfunden ist; — bilde das Grundproblem des heutigen Zionismus. In Wahrheit steht der Zionismus vor viel bedeutsameren Fragen, die für seine fernere Entwicklung entscheidend werden müssen. * Ter XI. Kongreh wird allem Anschein nach eine bedeutsame Stelle in der Geschichte des Zionismus einnchmen. Er wird so etwas wie die Rolle eines Totengräbers spielen, die Rolle eines Totengräbers des Herzl'schen Zionismus. Man wird diese Behauptung, die wir da aufstellen, für einfach aus der Lust gegriffen erklären wollen; gibt es doch fast keinen namhaften Zionisten, der nicht für seine Ansichten über den Zionismus sich auf Herzl wird berufen wollen. Und dennoch ist unsere Behauptung wahr. Man gestatte uns, diese unsere Ansicht zu rechtfertigen. Als Theodor Herzl in Paris in initiativer Genialität die Judenfrage entdeckte und mit unerhörter Energie und ebenso unerhörtem Erfolge die zionistische Bewegung ins Leben rief, da glaubte er, damit eine völlig neue Erscheinung in der modernen jüdischen Geschichte geschaffen zu haben. Er durfte es glauben, .weil er diese jüdische Geschichte nicht kannte. Als er sodann gleich zu Beginn seiner Arbeit mit den Verhältnissen innerhalb des Judentums, besonders des östlichen, bekannt wurde, erfuhr er, daß denr Zionismus bereits eine starke Bewegung vorangegangen war, die scheinbar ganz dasselbe erstrebte: der Chowüwe-Zionismns. Trotzdem blieb Herzl Zeit seines Lebens bei seiner Ueberzeugung, daß mit dem Zionismus eine neue Phase in der Geschichte des Judentums beginne, daß der Zionismus mit keiner anderen der ihm vorangegangenen Bewegungen verglichen werden könnte: und er hatte recht. Worin bestand das Nene? .Das Neue bestand sowohl in einent neuen 'Ausgangspunkt der Beurteilung der Judenfragc als auch in einem neuen Ziele. Die Bewegung des Chowcwe-Zionismus war eigentlich viel mehr auf Gefühlen basiert als auf verstandesmäßigen Erkenntnissen. Ihr Hauptmotiv war viel eher das Jahrhunderte alte Gefühl der Zionsliebd als irgendein konsequenter Standpunkt in der Beurteilung der Judenfrage. Sie war viel eher reine romantische, Poetische Bewegung als eine moderne, auf theoretischen Grundlagen basierende Organisation. Ihr Ziel war viel Mehr die Realisierung des.alten romantischen Traumes vom Inden unter seinem Feigenbäume als die Losung der Judenfrage. Und feit dom Tage, da Achad-Haam seine literarische Laufbahn antrat, da war das Ziel des Chowewe-Zionismus die Lösung der geistigen Judenfragc, die Schaffung eines geistigen Zentrums in Palästina. Da kam Herzl. Kam und brachte einen neuen Ztandpunkt in der ganzen Beurteilung der jüdischen Geschichte und der jüdischen Gegenwart. Und dieser Ztandpunkt hieß: radikalste Negation des Goluth. Solange wir.im Goluth sind, ist unsere Existenz als Volk nicht zu garantieren, ja sind wir als Volk dem Untergange preisgegeben. Es gibt nur ein Mittel zur Erhaltung des jüdischen Volkes: die Erwerbung eines eigenen Landes. Und auf dieser theoretischen Grundlage schuf er den Zionismus. Naturgemäß war auch sein Ziel ein ganz neues: Nicht Realisierung eines schönen Traumes, und auch nicht Schaffung eines geistigen Zentrums, sondern klar und einfach: Schaffung einer Heimstätte für das jüdische Volk. Nicht die geistige Jichenfrage gilt es zu lösen, sondern die materielle. Die Grundtatsache der jüdischen Gegenwart, die einer radikalen Aenderung bedarf, ist nicht die, daß der jüdische Geist daniederliegt, daß unsere Kultur im Verfall ist: die Grundtatsache ist vielmehr die, daß das jüdische Volk im Sterben liegt, daß uns jeden Tag soundsoviele Juden verloren gehen. Bringen wir hierin einen Wandel, so wird alles andere von selbst kommen. Und gemäß diesem ganz neuen Ziels wurden auch die Wege, die zu seiner Erreichung führen sollten, ganz neue. War das Ziel der Arbeit in Palästina die Verwirklichung romantischer Ideale,, so konnte sie nur das Werk weniger von der Zionsliebe durchglühten Männer sein; war das Ziel die Lösung der geistigen Judenfrage, so war sie vor allem die Aufgabe der geistigen Führer des Volkes. Frankfurter Israelisches FanMenblait. Die Massen selbst konnten sich daftir nicht interessieren. Nun aber, da das Ziel die Schaffung eines Landes für das jüdische Volk war, mußte auch das ganze Volk an der Erreichung des Zieles Mitarbeiten; die Quintessenz des Zionismus war die Idee: die Erwerbung eines Landes für das jüdische Volk durch das jüdische Volk. Mchts hat Herzl stets stärker betont als den Standpunkt, daß der Zionismus keine Partei im Judentum sein wolle, sondern das ganze Judentum selbst einigen ltnb zusammenfassen wolle.*) (Schluß folgt.) Aus de« Ereignisse» des Tages. Von den Trauer- und den Trosttagen. Nun ist unser tausendjähriger Nationaltrauertag, unser „Tischoh-beaw", vorüber, und die Trost tage setzen ein. „Tröstet, tröstet mein Volk!" Also . spricht Euer Gott: „Sprechet zum Herzen der Stadt Jerusalem, rufet, verkündet ihr, daß die Zeit ihres Leidens herum ist, denn, siehe: ihre Sünde ist gesühnt, denn doppelt so viel als all' ihre Sünden zusammen ist sie aus der Hand Gottes gestraft worden." Und „die Stimme kündet: Rufe! Doch was soll ich rufen, was soll ich künden? Alles Fleisch ist eitel Gras, den Blumen des Feldes gleich; — kaum wehte ein Hauch Gottes, schon ist das Gras verdorrt und die Blume welk. Wahrlich, das ganze Volk ist dem Grase gleich." — Also spricht der Prophet, der zum Trösten ausgesandt ist und dem angesichts der trostlosen Lage seines unglücklichen Volkes das Trösten gar sonderbar zumutet. Und die Antwort des Himmels? „Wohl ist das Gras" — das Volk — „dürr, die Blume welk; — allein das Wort Gottes bleibt ewiglich!" „Steige also auf einen hohen Berg, Du Verkünderin Zions! Erhebe Deine Stimme mit Kraft, Du Verkünderin Jerusalems! Erhebe sie, fürchte Dich nicht! Sage den Städten Judas: Da ist Euer Gott! Siehe, Gott komMt mit Gewalt; Sein Arm hilft ihm schon! Gleich einem Hirten weidet Er Seine Herde, mit seinem Arm sammelt Er die Schafe, und die kleinen Schäfchen trägt Er sogar in Seinem Schoße, trägt und führt sie allesamt." „Weshalb sagest Du Jakob, weshalb sprichst also mich Du Israel: Mein Weg ist von Gott unbeachtet, und mein Weg geht an Ihm vorbei! Weißt Du etwa nicht, hast Du es denn nicht gehört, daß Gott der Ewige nicht ermüdet, nicht erlahmt; ltnbj wenn auch Jünglinge erlahmen und.straucheln, so ermüden doch Re Gottvertrauenden nicht, sie erneuern ihre Kräfte immerdar!" So Jesaja. — Treffen nicht diese heiligen Worte, trifft nicht dieses wunderbare, zugleich tragische und doch tröstende Bild für die Lage unseres Volkes heute noch mehr als vor zweitausend Jahren zu? Unser Volk befindet sich heute in einer verzweifelteren Lage als zur Zeit Jesajas. Ringsum bedrängt von grimmigen Feinden — und es selber zerklüftet, zerspalten. Selbst seine Erhebung, seine Befieiung ist vielen Juden ein Dorn int Auge, sodaß sie sich nicht scheuen, die Träger der Regenerationsidee zu verfolgen. ... Doch die göttliche Stimme ruft: „Tröstet, tröstet mein Volk!" „Erhebe Deine Stimme mit Kraft, Du Berkünderin Jerusalem! Erhebe, fürchte Dich nicht! Sage den Städten Judas: Da ist Euer Gott! Er kommt mit Gewalt, Sein Arnr hilft ihm schon!" Und das Volk? Ist es nicht denr Grase gleich? Doch zu unseren Ohren dringt noch eine zweite .Stimme: „Wohl ist es dem Grase gleich, das verdorrt und zugleich blüht, ewiglich blüht, — und während die einen verdorren, blühen die anderen u n d gedeihen!" Ein Volk, das Jahrtausende unter gräßlichen Martern und Verfolgungen seine Treue zu seinem Gotte und seinem Lande hält, das, um Zion trällernd, zu Boden sitzt und bittere Tränen vergießt, ein Volk, ob dessen Treue sich ein Judenfeind, wie Chamberlain es ist, ehrfurchtsvoll verbeugt, ein solches Volk verdorrt nicht ganz: Wir publizieren diesen Artikel, der uns von beachtenswerter Seite zugesandt ist. obwohl sein Hauptgedanke von dem unsrigen abweicht. Die Situation im zionistischen Lager erheischt es,, daß auch die sogenannte „Herzel'sche" Richtung zum Worte kommt. Wir werden unsern abweichenden Standpunkt in der nächsten Nummer klartegen. Die Redaktion. Seite 3 es verdorrt und blüht, verdorrt und blüht! Ein solches Volk ist der Erhebung, der Befreiung wert! 'Also Ihr Städte Judas, sehet: Da ist Euer Gott; das Maß der Leiden ist voll, übervoll, und Euer Gott kommt mit Gewalt, stärkt auch die Kleinen, Schwachen, — die Kleinmütigen, Zaghaften. ... Dies ist der Sinn der Paarling von Lchabbos „Nachmll" und Schabbos „Chason"; dies ist der Sinn der Trostwochen gleich nach „Tischohb c a w". Brief ans der Türkei. 'Als erster Baustein für die so dringend nötige Renaissance der hiesigen Judenheit dürste wohl der neugegründete hebräische Kindergarten betrachtet werden. 180 Zöglingen wird hier durch die Absolventinnen der Jerusalemer Kindergärtnerinnenschule des Hilfsvereins der deutschen Juden hebräisch als Muttersprache angeeignet, um dann später ihre Bildung in den Hilfsvereinsschulen fortzusetzen. Somit wird hier eine ganze Schulkette gebildet — Kindergarten, Elementarschule und Mittelschule! —, die uns endlich wieder ein jüdisch gesinntes Geschlecht erziehen wird. Freilich: dieses ganze Schulwerk ist nur für Knaben, für Mädchen muß es erst noch geschaffen werden. Die Gründung eines hebräischen Kindergartens hatten Dr. Markus, der Oberrabbiner der aschkenasischen Gemeinde und Vertreter des Hilfsvereins, und einige andere Herren schon seit zwei Jahren erstrebt; — doch fand sich kein geeignetes Gebäude. Endlich fand man ein geeignetes Gebäude in einer der großen Synagogen. Diese wurde mit Erlaubnis des Chacham-Baschi und durch einen Pesak-Din des Beth-Din in ein Schulhaus uMgewandelt. Die Umbäukosten von 20,000 Frcs. trug der Hilfsverein. Das Budget der Anstalt beträgt 10,000 Frcs, wozu die Bnei-Brit-Zentrale in Chicago 5000 Frcs, der Hilfsverein 3000 Frcs. beisteuert und 2000 Frcs. aus Schulgeld bestehen. — Dem Berichte der Delegation der Saloniker jüdischen Gemeinde über die Lage, der jüdischen Gemeinde in >S e r r e s entnehmen wir folgend^: Von den 200 jüdischen Familien, die diese Stadt beiwohnen, haben 131 große Verluste erlitten. 112 Familien haben ihre Möbel beim Brand völlig eingebüßt. 61 Häuser, deren Besitzer Juden sind, wurden durch den Brand beschädigt. Der Gesamtschaden der jüdischen Bewohner beläuft sich ans ungefähr 100,000 Mark. Die Gemeinde selbst hat ihre Synagoge, ihr Schulhaus und noch zwei Hauser verloren. Oberrabbiner Jakob Mar r-Saloniki will sich nach Berlin begeben, um mit dem Zentralkomitee des Hilfsvereins über diei Mittel für die Wiederaufrichümg der jüdischen Gemeinde von Serres zu unterhandeln. Er will vom Hilfsverein eine. Anleihe erbitten, die zur Wiedererrichtung der zerstörten Wohnungen und Läden dienen und mehrere Jahre ausgezahlt werden soll. Die Saloniker Zeitungen veröffentlichen eine Liste griechischer Notablen von Serres, die in den jüdischen Häusern Zuflucht vor den wilden Bulgaren fanden. Werden die Griechen dankbar sein? Interessant ist es, daß vor ungefähr vier Jahren dieselben Griechen von Serres, die heute durch die Inden gerettet wurden, gegen die Juden den schärfsten Boykott erklärten, und wären damals die Türken und ihre Saloniker Brüder den Inden von Serres nicht zu Hilfe gekommen, so wären sie allmählich gezwungen worden, nach Saloniki ausznwandern. Der „Auror" erfährt, daß gewisse jüdische Fragen (roter Zettel und Landankauf in Palästina), die wegen der verwickelten Lage der Türkei noch unerledigt sind, in Kürze nach Wunsch der Judenheit gelöst werden. I. Kantorowitz. Aus aller Wett. Deutsches «eich. Berlin. In der Zeit vom 1. April 1909 bis 3k. März 1912 hatte die A r in e n k o m m i s s i o n der j ü d. Gemeinde, der 85 Herren und 12 Damen angehören, 37 268 Gesuche zu erledigen. 7002 Gesuche wurden abgelehnt, und sür die übrigen wurde i. Sa. 693124 jK* verausgabt.