Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 32 (15.8.1913)
- Date
- 1913-08-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Vergleicht man den Jerusalemer „Maskll" mit dem Jaffaer, mit dem Tel-Awimer, so ist er der viel gemäßigtere. Bon Radikalismus in religiöser Hinsicht habe ich hier nicht das Geringste wahrnehmen können. Im Gegenteil! Es gchört hier ebenso zu den normalen Tugenden des „Maskil", religiös zu sein, wie es in Tel-Awiw zum bon ton gehört, Freigeist zu sein. Was die Ursache dieses Unterschiedes ist, kann ich nicht genau angeben; sei es, daß der Einslaß der Tradition dieser Stadt sich auch hier bemerkbar ..macht, während Tel-Awiw wie in allem so auch hiet traditionslos ist, sei es, daß ein großer Teil der hiesigen führender Mäimer Jerusalemer Kinder sind, während sämtliche Tel-Awiwer aus Rußland stammen, sei es, well hier im Mittelpunkt des 'Schulwesens — um die Schulen dreht sich in Palästina das geisüge Leben — die Anstalten des „Hilfsvereins der deutschen Juden" stehen, der seinen Lehrern die religiöse Lebensführung zur Pflicht macht, während im Zentrum Tel-Awiws sich das Gymnasium erhebt, — die Tatsache steht fest: der Jerusalemer Maskil ist religiös, geht Freitag abend und Samstag früh in die Synagoge und denkt nicht daran, die Rabbinen des alten Jischub irgendwie herauszufordern oder gegen sie einen systematischen Kampf zu eröffnen. Kampf ist überhaupt nicht die Passion des Jerusalemer Maskils. Auch darin unterscheidet er sich -von seinem Tel-Awiwer Gesinnungsgenossen. Dieser liebt das Laute, jener das Stllle. Dieser Mt von Versammlungen und Sitzungen, jener sitzt in seiner freien Zell gern zu Hause. Geh' auf die Straße hinaus in Tel-Awiw; iptmer triffst Du Gruppen, die debattieren, Politiker, die sich streiten, Doktoren in lebhafter Unterhaltung. In Jerusalem findest Du es nicht. Es fehll in Jerusalem eine solche Siedlung wie Tel-Awiw, eine Ansammlung aller lokalen Intelligenz und Bildung. In Tel-Awiw kann man in 7 Wochentagen 5 Versammlungen beiwohnen; in Jerusalem einen Monat leben, ohne daß eine Versammlung stattfindet. (In allerletzter Zell wlld durch das neu organisierte Beth-haam allwöchentlich eine Versammlung veranstaltet.) Kurzum: So laut es für gewöhnlich in Tel-Awiw ist, so still ist es in Jerusalem. Dort tobt und rauscht es immer wie die heftige Brandung des Meeres, die man allabendlich in Tel- Awiw vernimmt. In Jerusalem fließt das geistige Leben ruhig und sttll dahin, gleich den Wellen dos „Haschiloach", „dessen Wasser langsam, langsam dahinzufließen Jjffegen". Es ist verständlich, daß infolge der Verschiedenhell der Typen zwischen Jerusalem und Jaffa fast stets ein gewisser Gegensatz herrscht,. erhöht noch durch eine gegenseitige Rivalität. Man spürt dies aus Schritt und Tritt. Bei jeder neuen Institution, jeder neu gegründeten Gesellschaft erhebt sich gleich die Frage: Wo wlld der Sitz sein? Jaffa oder Jerusalem? Und» oft geht der Entscheidung ein stiller, aber intensiver Kamps voraus. Während meines Aufenthaltes in Palästina wurde überall das Projekt einer neuen Tageszeitung besprochen. Daß eine solche notwendig fft, darüber herrscht kein Zweifel. Wiederum die alle Frage: Wo? Tel-Awiw wollte die Zeitung bei sich haben, Jerusalem beansprucht sie für sich. Die Tel-Awiwer, rührig wie gewöhnlich, arbeiteten ein Projekt aus, das aber ein Defizit von 15,000 Frcs. enthielt. Sie wandten sich an das Odessaer Komitee um Unterstützung. Usischkin erwidette, daß er für eine Zeitung in Jerusalem zu haben' sei, eine solche in Tel-Awiw aber nicht unterstützen werde. Nunmehr ist das Ganze in Frage. Jerusalem allein kann keine Zeitung erhalten. Die Unterstützung Tel-Awiws mit seinen vielen Schriftstellern ist unentbehrlich. Was das Resultat sein wird, ist noch ungewiß. Jedenfalls hat die Angelegenheit wieder einmal die Rivalität zwischen Jaffa und Jerusalem aller Welt offenbart. Diese Rivalität ist auch verständlich; sollte ich aber eine Entscheidung lleffen, so würde ich Jerusalem unbedingt den Vorzug geben. Nichtseiner schriftstellerischen Kräfte wegen; Tel-Awiw hat mehr; nicht well es für das Erscheinen einer Tageszeitung geeigneter wäre; Tel-Awiw mit seinem literarischen Milieu. ist es in viel stärkerem Maße. Mso warum? Weil Jerusalem eben Jerusalem ist Wir haben uns bisher an Jerusalem versündigt. All unsere Arbell galt für Jaffa und Frankfurter Israelitisches Famlliendlart. seine umliegenden Kolonien. Während dessen vergaßen wir, daß es neben Jaffa noch Jerusalem gibt. Und ginge es nach der historischen Bedeutung, so müßten wir doch Jerusalem wellaus den Vorzug geben. Was ist Jaffa neben Jerusalem? Eine unbedeutende Hafenstadt der Phllister. Weil Jonas sich in ihr .eingeschifft hat, verdient es noch nicht, das Zentrum des neuen Palästina zu werden. Und das ist es doch heute tatsächlich. Während neben Jaffa Tel-Awiw entstanden ist, fehlen in Jerusalem für einen großen Tell der Bevölkerung die gewöhnlichsten Existeirzbedingungen und nimmt die Auswanderung von Tag zu Tag zu. Während rings um Jaffa, in der alten Philistergegend, eine blühende Kolonie neben der anderen entstanden ist, befindet sich in der ganzen weiten Umgebung Jerusalems, von Jerusalem bis Hebron auf der einen und bis Nablus (dem alten Sichernd auf der anderen Seite keine einzige jüdische Ansiedlung. Eine.einzige, Moza, ist neben Jerusalem gegründet worden und zählt heute ganze 6 Häuser. Ekron, wo einst ein Philisterheiligtum stand, blüht, rings um Geser, die alte Phllisterstadt, entsteht neues Leben, und währenddes bleiben große historische Stätten wie Rama, Nizpa, Gibbon verödet und verwüstet, wie sie waren. Neben den jüdischen Kolonien zahlt man 30, 40 Frcs. pro Dunam und kauft immer neuen Boden; und in.den judäischen Bergen, .wo. der Boden so billig ist, denll kein Mensch daran, eine Elle zu erwerben. Und der Grund? Ich fragte einmal einen der führenden Männeir Palästinas nach dem.Grunde. „Ja", gab er mir zur Antwort, „wissen Sie mir einen vernünftigen Grund dafür zu sagen, warum alle jüdischen Auswanderer nach New-Iork gehen, trotzdem dort bereits über eine Mlllion Juden sind, während große Städte in der Mitte und im Westen der Vereinigten Staaten kaum einen einzigen Juden haben? Wo ein Jude sitzt, da kommt der zweite hin. Bringen Sie 100 Juden nach der Sahara und inorgen sind 1000 da." Mag sein, daß das der tatsächliche Grund ist. Ein vernünftiger, die Tatsache rechtfertigender Grund ist es jedenfalls nicht. Mögen die Massen diese Neigung haben, Pflicht der Führer ist es, ihr entgegenzuarbeüen. Ich halte es für eine der dringendsten Aufgaben der Leiter der jüd. Kolonisation in Palästina, vo n nun an ihre Aufmerksamkeit Jerusalem und seiner Umgegend zuzuwenden. Der Anfang ist glücklicherweise bereits gemacht worden. Usischkin hat bei seiner letzten Reise nach Palästina das Uebel erkannt und beschlossen, seine Kräfte von nun an in erster Linie der Wiederbelebung Jerusalems zu widmen. Hoffentlich werden andere seinem Beispiel folgen. Es ist ein großes historisches Unrecht, dessen wir uns bisher Jerusalem gegenüber schuldig gemacht haben. Es gilt jetzt, es wieder gut zu machen. Es erscheint sehr wohl verständlich, daß manchem, wenn er Jerusalem mit seinem Schmutz und seinen Gassen, mll seinen RabboniM und seinen Chalukahjuden sieht, die Lust vergeht, hier sich die Stätte seiner Arbell zu wählen. Aber das ist keine Rechtfertigung. Wollten wir uns von Annehmlichkeitsmomenten leiten lassen, so brauchten wir nicht nach dem verödeten, heißen Palästina zu gehen, brauchten wir überhaupt nicht unsere Kräfte der Arbeit zur Wiederbelebung unseres Volkes und unseres Landes zu widmen. Es gibt unter allen Lösungen der Judenfrage keine bequemere als die der Assimilation. Wenn uns die Liebe zum Volke und'zu Palästina auf diese Lösung verzichten und uns den weitaus schwierigeren Weg des Zionismus wählen läßt, dann muß uns dies auch ein Grund sein, unsere Arbeit in erster Reihe Jerusalem zuzuwenden. Eine Mutter mag noch so häßlich sein, sic bleibt doch Mutter und die Pflicht .der Kindesliebe wird darum nicht geringer. Jerusalem mag noch so schmutzig in seinem Aeußeren und noch so abstoßend in seinem Innern sein, es bleibt trotz alledem Jerusalem. Und die Mühe um die Neubelebung dieser heiligsten aller Städte bleibt für jeden Juden eine der heiligsten aller Pflichten. Der XI. Kougretz, Der XL Zionistische Kongreß ist im Anzug, und das gewöhnliche Präludium, das ihn seit einigen Jahren bereits anzukündigen pflegt, hast Nr. 32 bereits begonnen. Die Polemik zwischen Praktischen und . Politischen hat bereits eingesetzt,' und sie wird diesmal, wenn vielleicht auch nicht so.laut wie in früheren Jahreen, so dafür umso Bittrer und schärfer geführt. Sind doch der Groll und "die Unzufriedenheit der Opposition so tieffgehend, daß ihre bedeutendsten Führer gar nicht zum Kongreß kommen wollen. So tief bedauerlich auch diese Obstruktion ist, so kommt dem . Kampfe selbst eigentlich nur geringe Bedeutung zu. Es ist schließlich keine Angelegen? heit von weittragender Bedeutung, ob das E. A. C. der Gründung eines besonderen politischen Komitees zugestimmt hat oder die politische Arbeit selbst besorgen wollte. Und wenn gerade dieser Punkt von den Führern der Opposition immer wieder hervorgehoben wird, so scheinen uns da mehr persönliche Momente der Verstimmung und Zurücksetzung mitzusprechen als solche rein sachlicher Natur. Und auch die andere Frage, ob das E. A. C. sich überhaupt genügend mit Politik beschäftigt hat, ist ziemlich Müßig. Wenn die Leitung in der politischen Arbeit nicht Mehr geleistet hat, als sie geleistet, so liegt das gewiß nicht an ihrem bösen Willen oder an ihrer prinzipiellen Gegnerschaft gegen jedwede Polittk. 'Der Grund ist vielmehr einfach der, daß sie nicht Mehr Politik treiben konnte, als sie es getan hat;!ob der Grund dieses Nichtkommens in den Verhältnissen oder in den Fähigkeiten der Mitglieder des E. A. C. ruht, ist eine andere Frage, die den Kongreß gewiß interessieren wird; eine prinzipielle Frage verschiedener Arbeitsmethoden können wir aber darin auch nicht im geringsten finden. Ter einzige wirklich prinzipielle Gegensatz zwischen Leitung und Opposition, den wir in allen Arttkeln und Erklärungen namhafter Führer derselben haben entdecken können, ist "der, auf den David Wolfs sohn in seinem Briefe an die Konvention der amerikanischen Zionisten hinweist. Während die gegenwärtige Leitung auf dem Standpunkt steht, daß die Organisation als solche samt ihren Instituten verpflichtet ist, praktische Arbeit in Palästina zu leisten, erblickt W'olsfsohn in einem solchen Engagement der Organisation in praktische Unternehmungen eine Gefahr und will ihr deswegen nur das Recht der Initiative, der Förderung, der Führung zuerkennen, wogegen die praktische Arbeit selbst von den Föderationen, den Privatleuten oder Privatgesellschaften geleistet werden soll. Das ist in der Tat eine Frage, über die sich streiten läßt, obwohl auch da die Gegensätze nicht so scharf sind, wie man denken möchte. Eigentlich ' engagiert sich ja die Organisation als solche in gar keine Unternehmungen; dies sind nur die vom Zionnismus gegründeten Gesellschaften und Institute, also der Nationalfonds, oder die P. L. D. C. oder andere Institute dieser Art. Wenn aber auch diese ixicht selbst akttv, direkt arbeiten sollen, was sollen sie dann tun? Und schließlich laufen ja alle zionistischen Unternehmungen in Palästina nur auf Initiative hinaus; ihr Zweck ist mehr der des Vorbildgebens als der der eigentlichen Arbeit, selbst, für die ja die verfügbaren Kapitalien nicht hinreijchen. Auch hier ist der Gegensatz mehr ein solcher des Tempos, der Vorsicht, des Temperamentes — wenn Man will — als ein wirklich prinzipieller der Arbeitsmethoden. Und zumal dies der einzige, wirklich vorhandene Punkt ist, über den die zwei Lager streiten — alle anderen Punkte sind in Wirklichkeit nur konstruiert und aufgebauscht —, so glauben wir, daß bei gutem Wlllen auf beiden Seiten eine Einigung sehr wohl möglich wäre. Und wenn diese dennoch so gut wie aussichtslos erscheint und die Gegnerschaft zwischen den Lagern von Tag zu Tag nur größer wird, so zeigt dies, daß auch die zionistische Organisation es nicht vermocht hat, sich von der Gefahr fernzuhalten, die schon Manche andere Bewegungen,an den Rand des Abgrunds gebracht hat: von Personenkampf und persönlichen Zänkereien ihrer Führer. All diese Zänkereien aber bergen in sich noch eine andere Gefahr als die der Schwächung und Desorganisierung der Bewegung: die Gefahr nämlich, daß durch sie der Blick von änderen Fragen, abgelenkt wird, die weitaus wichtiger und bedeutsamer sind für die Entwicklung der zionistischen Bewegung. Durch den ewigen Zank zwischen „Politischen" und „Praktischen" wird nur allzuleicht