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Neue jüdische Presse · 1913-08-15 · Heft 32 (15.8.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 32 (15.8.1913)
Date
1913-08-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Bon Nachum Goldmann, xu. Jerusalem. — Die Sephardim. — Der neue Jischub. — Die Wiederbelebung Jerusalems. Neben den Aschkenasim d'es alten Fischub, die Jerusalem seine Kardinalfarbe verleihen, neben denen des neuen Jischub, die ihm! grau die Grundfarbe aufdrücken, gibt es in Jerusalem noch eine dritte Art von Juden; ihren Grundstock bilden die eingeborenen Sephardim, außerdem kommen hinzu Juden aus allen östlichen Ländern: bucharische, marokkanische, tatarische, syrische, babylonische, kaukasische, yemenitische, persische und noch eine güte Anzahl anderer. Sie bilden meist eigene kleine Gemeinden, gehören aber alle zur großen Hauptgemeinde der Sephardim, an deren Spitze der Chacham-Baschi steht. Diese Sephardim aller Variierungen verleihen dem. jüdischen Jerusalem seine farbigen Nuancen; sie spielen keine hervorragende Rolle im inneren Leben der- Jerusalemer Judenheit, aber sie fallen dem Fremden doch auf. Sie sind mehr interessant als bedeutsam, mehr Kuriosität, verdienen es aber dennoch, daß. Man auch ihnen einige Worte widmet. Meine. Reise nach Palästina hat mich um viele Hoffnungen reicher, aber um eine Illusion ärmer gemacht. Als ich herkam, lebte in meinem Geiste jenes traditionelle Bild, das wir Aschkenasim uns von den Sephardim zu machen pflegen: das Bild eines stolzen, würdevollen, von den Wirkungen des entwürdigenden Ghettolebens imbeeinflußten Juden. Jedesmal, wenn wir einen jüdischen Schnorrer aus dem Osten erblicken, mit seinem krummen Rücken, seiner devoten Miene und.seiner unmännlichen, feigen Haltung, — dann rufen wir uns) wie um uns selbst'über diese unschöne Erscheinung unseres Volkes Ul hrpsten, das BW des sephardischen Juden vor die Augen. Jener — pflegen wir.zu sagen — ist der wahre Jude, der echte, auf den das Ghetto nicht seine traurigen Wirkungen geübt hat. Nachdem ich einige Zeit im Lande verweilt habe, war mir dieses schöne Bild in nichts zerronnen, total zerronnen. Und an seiner Stelle lebt jetzt in mir die Vorstellung eines innerlich leeren, durch und durch kulturlosen, geistig und Moralisch ziemlich niedrig stehenden Juden, den als Meinen höherstehenden Bruder zu bezeichnen, ich mich in Zukunft wohl hüten werde. Gewiß, man findet unter den Sephardim oft imponierende Gestalten, groß, schlank, aufiecht, mit einer gewissen Würde in der Haltung, die uns aschkenasischen Juden, die wir alles mehr besitzen als die Kunst der Haltung, imponiert. Wer ich fand nicht weniger diese schönen Gestalten auch unter den Arabern, und werde sie deswegen doch nicht als mir überlegen an innerer Würde bezeich-' nen. Mag sein, daß der Sephardi mehr Haltung besitzt als der Aschkenasi; was nützt es Mir, wenn er innerlich aber so leer ist wie ein hohles Rohr. Wer kennt nicht die alte Fabel von den leeren und den vollen Aehren auf dem Felde? Selten ist sie zutreffender als gerade in unserem Falle. Jener alte Rabbi, der mit krummem Rücken eiligen Schrittes daherkommt, ist gewiß, keine schöne Ge- . statt; aber ich weih, daß sein gekrümmter Körper auch eine große Last auf sich trägt: ganz „Schaß." samt so und so vielen Kommentaren. Sein eiliger Gang entbehrt gewiß aller Würde; ich weiß ,pber, daß er so eilt, weil er in die Jeschibah rennt. Jener sephardische Chacham hingegen, der in langem, schwarzem Gewände, mit dem schönen turbanartigen Hute auf dem Kopfe gravitätisch, langsam daherwandelt, hat gut langsam und würdevoll gehen; nachdem er seine erste Mahlzeit beendet hat, hat er den ganzen Vormittag frei vor sich, bis die Zeit des Mittagsmahles kommt. Man wird mir sagen: jener Rabbi sei ein Fanatiker, der über jeden,' der moderne Sprachen lernt, den Cherem verhängt; dieser Chacham hingegen sei ein toleranter Mann. Man braucht kein Freund der Jerusalemer Rabbonim und ihrer „Chromim" zu sein — und doch wird einem ihr Fanatismus viel lieber sein, als die Toleranz ihrer sephardischen Kollegen. Es ist leicht, tolerant zu sein, wenn man keine Ueberzeugungen und Ideale besitzt, für die man fanatisch sein könnte. Nein! Wir leben diesbezüglich in einem großen Irrtum; vielleicht, daß uns diese Selbsttäuschung angenehm ist als Trost, über so manche unschöne Erscheinungen des Ghettos; aber die Gerechtigkeit und unsere eigene Würde fordern, daß wir uns von dieser Illusion fieimachen. Von den zwei Gattungen innerhalb unseres Volkes ist die aschkenasifche die bei weitem höherstehende, sowohl was Wissen, was Intelligenz als auch was moralische Erziehung und wahrhaft innere Würde betrifft. Und es mögen noch Jahrzehnte vergehen, bis unsere sephardischen Müder die Stufe des Aschkenasimtum erreicht haben werden. So wie sie heute sind, ist ihr geistiger Zustand trostlos. In jüdischer Hinsicht völlig ungebildet, haben sie auch von der modernen Bildung sich noch nichts anzueignen vermocht. Was ihnen Europa bisher gegeben hat, ist die Schminke — dazu noch die von der schlechtesten Sorte. Was der gewöhnliche Sephardi von der jüdischen .Kultur weiß, sind meist die abergläubigen Ammenmärchen der Populären Kabbalah und ihre Beschwörungen und Amulette. Beides haben sie dann in eigentümlicher Weise vereinigt. Man kann schöne Sephardinnen finden, die sich mit dem Raffinement Pariser Mondänen zu schminken wissen und dabei ihre Amulette unter der dekolletierten Bluse tragen. Ihre ganze Kultur ist seichteste Oberflächlichkeit. Das ganze SephardentuM gleicht in gewisser Hinsicht dem Typus vieler jungen Sephardinnen, denen ich begegnet bin: Aeußerlich von einer verführerischen Schönheit und innerlich leer wie eine hohle Nuß. Es ist ein Genuß, sie eine Viertelstunde lang Ui betrachten; aber es ist eine Qual, mit ihnen fünf Minuten lang sich zu unterhalten. Es ist mir heute unbegreiflich, wie wir »uns von ihnen haben narren lassen können. Ich verstehe es einfach nicht, wie die Vorstellung von dem höherstehenden sephardischen Juden überhaupt hat entstehen und bis heute fortleben können. Es ist heute schon wirklich an der Zeit, ein für allemal mit ihr aufzuräumen. Neben diesen gewöhnlichen eingeborenen Sephardim gibt es noch — wie gesagt — die Menge der vielen übrigen Juden, die auch zu den sephardischen gezählt werden. Geistig alle auf ziemlich niederer Stufe stehend, materiell meist in schlechten Verhältnissen — eine Ausnahme bilden die bucharischen Juden, die fast alle sehr wohlhabend, teils auch sehr reich sind —, bilden sie für die Fremden ein Objekt der Kuriosität. Jede- Gruppe von ihnen spricht ihr besonderes Jargon, das heißt eine degenerierte Abart ihrer Landessprache. Es ist dies ein außerordentlich interessantes Faktum, daß in allen Ländern, wo Juden auf den Irrwegen des Exils hingelangt sind, sie ihr eigenes Jargon ausgebildet haben.' Nirgends haben sie ihre angestammte Sprache bewahrt, nirgends aber auch die Landessprache rein übernommen. Jargon ist das Charakteristikum des Goluth. Alles, was wir im Goluth geschaffen haben, ist ja eine Art Jargon. Nichts ursprünglich Originelles, aber auch nichts rein von Fremden llebernommenes. Immer nur Mischprodukt, Bastardschöpfungen. Wann werden wir schon dazu gelangen, wieder originelle, eigene, reine Kultur zu. schaffen! Diese Frage ist jedesmal in mir aufgestiügen, wenn ich eine neue Art von Juden vor mir sah. (Eine jede wohnt gewöhnlich in einem eigenen Straßenviertel.) Und manchmal wollte mich schier eine tiefe Skepsis ergreifen. Wird es gelingen, diese' vielen, verschiedenen Judentypen im Laufe der Zeit zu einem einheitlichen Ganzen zu verschmelzen? Wenn man diese Unterschiede in ihren Sprachen, ihren Sitten, ihrer Lebensweise, ja in ihren Physiognomien vor sich sieht, möchte man schier daran zweifeln, daß es je gelingen wird, sie alle zu einem einheitlichen Ganzen zu vereinen. Wenn ich ihnen aber dann beim Weggehen ein „Schalom" zurief und sie mir, innig die Hände schüttelnd, ihr „Schalom übrachah" erwiderten, dann wußte ich wieder: Trotz aller Unterschiede sind wir doch Brüder, Kinder desselben Volkes. Unsere Schicksale in der Vergangenheit waren verschieden, aber unsere Zukunft wird dieselbe, die gleiche sein. Und im Geiste sah ich den Tag bereits, wo all diese verschiedenen Viertel zu einer einzigen, einheitlichen großen Stadt vereint fein werden, wo es nicht mehr Bucharen und Jemeniten, nicht Perser und Kaukasier, nicht Sephardim und Aschkenafim geben wird sondern nur Juden. Und ich glaube, jener zukünftige Tvpus Jude wird viel reicher und vielgestaltiger sein als der des heutigen westeuropäischen Juden. Hervorgegangen aus der Verschmelzung so verschiedenartiger Typen, wird er in sich die besten Erbschaften aller vereinigen. Und Jerusalem, die Stadt, wo alle diese Judentypen sich zuerst begegnet sind, wird auch der Mittelpunkt jener Kultur sein, die die Schöpfung der Juden sein wird, der aus der Vereinigung all dieser Judenarten seine besten Kräfte wird schöpfen können. * Es Heibt mir noch ein Wort zu sagen über die uns westeuropäischen Juden am nächsten stehende Kategorie der Jerusalemer Judenheit: über die Juden des neuen Jischub, die „Maskilim". Man hat im Ausland gewöhnlich die Vorstellung, daß die „Maskilim" Jerusalems ebenso extrem in ihrer Unfrönrmigkeit sind als die Orthodoxen in ihrer Orthodoxie. Veranlassung zu dieser Meinung hat eigentlich nur eine einige Persönlichkeit des neuen Jischub in Jerusalem gegeben, allerdings ein Mann, über den bereits viel geredet worden ist: Ben-Jehudah. Sein Radikalismus im Kampf gegen die Orthodoxie und die vielen Episoden dieses Kampfes haben diese Meinung überall entstehen lassen. In Wirklichkeit ist sie völlig unberechtigt. Ben-Jehudah kann nicht als der Typus des modernen gebildeten Jerusalemer Juden gelten, und außerdem ist Ben-Jehudah selbst in den letzten Jahren so sanft und zahm geworden, daß man ihn kaum wiedererkennt. Das Gegenteil der gewöhnlichen Meinung ist wahr.

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