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Neue jüdische Presse · 1913-08-08 · Heft 31 (8.8.1913) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 31 (8.8.1913)
Date
1913-08-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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91t. 31. blieb, wurde jetzt in der Gegend von Mtnäska ein Jude in nöch gräüsämerer Weise umgebracht. Dem jüngeüSchalom-Jlkasar wurde nämlich' auf dem Wege aufgelauert, und er wurde, als er ahnungslos vorbeikam, ergriffen und lebendig begraben. Diese beiden Mordtaten, die an Angehörigen, der' angesehensten jüdischen Familien verübt wurden, haben ulle Juden des Jemen in tiefste Trauer und Bestürzung verseht. Die unerträglichen Bedrückungen, die die Juden seitens des Imam Jachja zu erleide» haben, halten an, ohne daß der türkische Mali es wagt, gegen den übermächtigen Imam einzuschreiten. Bor kurzem verklagte ein Jude einige Araber, die ihn ohne Grund mißhandelt hatten, beim Gerichtshof. in Sanaa. Aber weder die jüdischen noch die türkischen Zeugen, die. er stellte, wurden zur Zeugenschaft zugelassen, und so blieben die Uebeltäter wieder unbestraft. Egypten. Alexandrieu. In der letzten Zeit kommen viele Juden aus der Türkei nach hier. Die jüdische Gemeinde sorgt nach Möglichkeit für die Unterbringung der meist mittellosen Einwanderer. Bei der augenblicklich recht gedrückten wirtschaftlichen Lage ist jedoch nur geringe Aussicht vorhanden, daß alle diese Flüchtlinge hier eine neue Existenz werden finden können. Mehrere von ihnen sind daher entschlossen, 'weiter nach Palästina oder nach Smyrna zu reisen. Personalien «. Kleine Mitteilungen. _ (L.) verN«. Dr. med. Leopold Hirschberg. Sohn des Geheimen Sanitätsrats Dr. Hirschberg-Posen, ein in den weitesten Kreisen Deutschlands bekannter musikalischer Bortragskünstlcr, ist gleichzeitig, einer der findigsten und glücklichsten Sammler auf dein Gebiete der neueren deutschen Literatur. Es war ihm das erstaunliche Kunststück gelungen, mit unverhältnismäßig geringen Mitteln eins geradezu beispiellose kostbare Büchersammlung zustandezubringcn. Sie beschränkt sich auf deutsche Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts, und 'sie dürfte hinsichtlich der Vollständigkeit von Erstdrucken der klassischen und romantischen Zeit kaum ihres gleichen unter den deutschen Privatbibliothcken finden. Nunmehr ist dieser kostbare literarische Schätz in den Besitz der königli.chen Universitätsbibliothek Berlin übergegangcn. Berlin. Geheimrat Professor Dr. August von Wassermann ist zum Direktor des Kaiser Wilhelms-Instituts fiir experimentale Therapie ernannt worden. Köln a. Rh. Am 1. August ist die Jüd. Lesehalle nach R u b e n s st r a ß e 33, in geschmackvoll ausgestattete Räume, umgezogen. (Li) Posen. Landgerichtsrat Springer erhielt den Titel Geheimer Justiz rat und Stadtverordneter Simon Asch den Roten Adlerorden 4. Klasse. In Nakel verschied Bankier M. I. Michel, Vorsitzender der Repräsentanten der jüd. Gemeinde. Würzburg. Im nahen Marktbreit wurden sämtliche jüdische Angehörigen der dortigen Wa n d e r - V o g e l- Ortsgruppe, weil diese angeblich eigene Töpfe und rituelle Speisen bei ihren Exkursione>l mitführten, aus der Mitgliedschaft gestrichen. Diese Ausschließung ging von der hiesigen Leitung aus. Mehrere aktive und passive jüdische und christliche Mitglieder sind deshalb aus dem Wunder-Vögel ausgetreten. Wien. Zum erstenmal seit dem Bestände des Reichsgerichtes wird ein Jude Mitglied desselben. Es ist dies Dr. Julius Ofner, der Abgeordnete .der Leopoldstadt. Das Amt ist ein Ehrenamt und wird vom Kaiser auf Vorschlag des Parlaments für Lebensdauer verliehen. Wien. Moritz Stukart. Cbef des Sicherheitsbüros der Polizeidirektion und Regierungsrat, erhielt den Titel H o f r a t. Budapest. In dem hiesigen israel. Spital sprang die 62 jährige Witwe des Kultusbeamten Meier Schön aus dem Fenster und verschied an den erhaltenen Verletzungen. Pretzburg. Frau Elise-Fischer in Arad, die schon große wohltätige Stiftungen gemacht hat, hat infolge ihrer schweren Erkrankung 'ihr Testament "dem Vorstand der dortigen jüd. Gemeinde übergeben. Wie verlautet, wird die jüdische Gemeinde sie beerben. Ihr Vermögen wird auf über 10 Millionen Kronen geschätzt. Frau Fischer bewohnt zwei bescheidene Zimmer und hält nicht einmal ein Dienstmädchen. Warschau. Russisches. In Libau lebt ein alter, kranker Jude, dessen einziges Einkommen eine Pfründe von 7 Rubel monatlich ist, die er von einer jüdischen Wohltätigkeitsanstalt erhält. Dieses Einkommen ist ihm nun von der .Behörde gepfändet worden. Warum? Ein entfernter Verwandter, den er nicht kennt, hat. sich dem Militärdienst entzögen und deshalb mutz er als nächster Verwandter 300 Rbl. Strafe — die bekannte, in der Weltgeschichte einzigartige Judenstrafe — zahlen. Odessa. Pelikan, der berüchtigte Pogromstifter, ist zum Bürgermeister gewählt worden. KurSk «Rußland >. Als im Jahre 1912 eine große Anzahl jüdischer Fainilien von hier nach dein Ansiedelungsrayon ausgewiese» wurde, ließen ,sich einige der Betroffenen als Lutheraner in Helsingfors taufen. Jetzt sind diese nun trotzdem ausgewiesen worden, da ihr Taufakt nicht von der Regierung bestätigt worden sei. Der Senat wird in dieser Angelegenheit die letzte Entscheidung zu treffen haben. Rew-Nork Victor Lichtenttein wurde zum Präsidenten der American Guild of Biolinists gewählt. — : In Springfield (Mass.) verschied — 62 Jahre alt -7V Harris Ro binsohn, ein jüdischer Gelehrter Frankfurter Israelitisches Familsenklaü. und Verfasser zahlreicher Bücher, die sich mit religiösen Gegenständen, beschäftigen. Die zionistische Bewegung hat in ihm einen glühenden Anhänger verloren. . Bankier Alfred Seligmann, der vor einein Jahre durch einen Automobil-Unfall getütet wurde, hat der N o u n g M e n' s S y m p h o n y O r ch e st r a, deren Gründer er gewesen ist, eine Sammlung kostbarer Musikinstrumente Und 2000» Dollar und den P eople's Sy»«- phony Concer'ts 2äl>0 Dollar hinterlassen. Enrtnnhnrn ställr- HBSTaurant und Irllrnilliril Anton Pfeiffer IIIII1UIIIIIII y f Friedbsrgsr Ldstf. 420. Tel. 400' I empfiehlt seine prachtvollen, schattigen Gärten, Terrasse, Saal, sowie diverse separate Gesellschaftszimmer. Für Sommerfeste vorzüglich geeignet. Aus der zionistischen Bewegung. Köln. Herzl-Klub. Eine überaus würdig verlaufene Gedenkfeier, den Manen unseres großen Herzls gewidmet, führte am Dienstagabend der vorletzten Woche die Mitglieder und zahlreiche Gäste des Herzl-Klubs zusammen. ..Nachdem der Vorsitzende, Berthold Halle ustet >l, einige begrüßende Worte gesprochen, brachte Frau Bertha Mamlok ein Adagio , von Mozart für Violine stimmungsvoll zu Gehör, von' der Pianistin Fräulein Lina Linz am Klavier begleitet. Dann folgte das „El nivleh rachmim" des Seminaristen R n d a. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die geistvolle Rede Dr. Jakob K l ä h k i n' s. Dr. K. warf die Frage aus, wie es zu verstehen sei, daß Herzl, dem das Judentum ganz fremd war, eine so getvaltige Wirkung auf uns auszuüben vermochte. Scheine«« doch diejenigen Recht zu haben, die in «vohlineineiidcr Absicht behaupten, daß Herzl u««s keine neuen Gedanke,« gegeben hatte: die Palästina-Idee ist uralt, die Kolonisationsbcstrebuugeu und ihre theoretischen Grundlagen waren lange vor Herzl dagewefen; selbst der Name „Ziouisinus" stainmt nicht von ihn«, llinsomehr erwächst uns die Frage, «vorin die Wirkung Herzls zu suchen sei, «venu sie nicht in einen« neuen Ideengehalt gefunden werden könne. Zur Brantivortung dieser Frage mutz zunächst ein Charakteristikum der Persönlichkeit Herzls versucht iverdcn. Vielleicht darf man ihren Grundzug darin erblicken, das; sie eine Ausgeglichenheit erreichte, die bei allen in ihr wirkenden tragischen Motiven eine höhere Form einer Synthese darstcllt. Die Moderne hat mit Recht, in« Gegensatz zu den hoben tragischen Motiven der Antike, den Menschen in der Tragik des Alltagslebens, der kleinen Konflikte innerer und äußerer Natur, zu ergründen gesucht. Man braucht garnicht an dramatische Begebenheiten zu denken, schon 'das «verktägliche Leben des Mensche«« ist voll von Konflikten, die er durch Kompromisse zu vereiteln gezlvungen ist. Es genügt der Hinweis auf die gesellschaftlichen Formen, die von Rücksichtnahme und Koiiveiitioiken diktiert sind. ES «st eine psychologische Tatsache, daß der gesellschaftliche Takt die ineisten Menschen ermüdet. In Herzl aber wirkt-eine höhere Form, "in der die Selbständigkeit einer ausgesprochenen Persönlichkeit und das Wahren der gesellschaftlichen Konventioncn sich gegenseitig keinen Abbruch taten. Es sei hier noch an eine Art von Synthese erinnert. Wir 'wissen,, daß die meisten Religionen sich das Ideal der Seelenreinheit, das Bild des Heiligen in .einem mehr oder «veniger hohem Grade des Askese vorstellen. Die Religion und mit ihr die antike Moral glauben also die Lösung des Problems: Lebensgenuß und Seelcnreinheit — richtiger die Erlösung aus dieser inenjchlicheu Tragik, durch die Eliminierung des Allzumenschlichcn erreichen zu sollen. Das Ideal der Moderne besteht aber in einer Synthese von Lebensgenuß und Reinheit?) Zu dieser hohen Stufe einer inoderneu Gesittung gelangte Herzl, der, ein lebensstrotzender Genußmensch, geradezu de«« Aspekt eines Heiligen erreichen d««rfte. Herzl als Bolksheros wird in Zukunft, indem cr immer mehr Gegenstand der Perehrung wird, den« Bilde des „Zadik" in der jüdischen Volkspsyche neue Züge verleihen. Dieser Mann der glücklichen Synthesen war ein Fcuilletonist. Das Feuilleton darf nicht in die Tiefe graben, muß sich immer schön an der Oberfläche halten können und im leichte«« Flug den Schein der Dinge auffangen. Nun kam für Herzl ein Erlebnis, das das Gegenteil alles Feuilletons ist:' Das Judenelend. Die synthetische Natur eines Herzls «ind die Tragik der jüdischen Anomalie — ihre Berührung war eine geivaltige Kollision, ein erschüttercndes Erlebnis. Die Kraft des Erlebnisses ist es, die die Wirkung Herzls erklärt. Gedanken über Juden und Judentun« gibt es in Hülle und Fülle und sind recht billig. Das durchwirkende Erleben . aber der jüdischen Tragik und der jüdische«« Renaissance vermissen wir selbst in den Reihen unserer Besten. Wir vermissen die Erschütterung und die Wandlung, in der sich die Wiedergeburt eines Volkes vollziehen «nützte. Wir suihen unsere nationale Idee durch verschiedene Theorien zu begründen und klamniern uns selbst an zweifelhafte Hypothesen der Rassentheoretiker und Nationalökonomen» scheuen uns nicht, selbst von antisemitischen Argumenten für unsere Propaganda Gebrauch zu machen, .alles im Namen einer Theorie des Zionismus. Wir scheinen dabei zu vergessen, daß es für unsere nationale Renaissance nicht auf die Theorie, sondern auf Las Erleben ankommt. Wir hätten aber von der Ersiheinung, die Herzl heißt, lernen sollen, daß die Kraft unserer nationalen Idee nicht in theoretischer Erkenntnis und Fundierung, sondern in einem Erlebiris beruht. Es gab gar viele Theoretiker vor Herzl, die uirs manchen neuen Gedanken sagten, sie blieben fast ohne Wirkung. Herzl hingegen gab uns keine neue Theorie, aber das *) Welches. Ideal auch der jüdischen Religion eigen U, D' Redakt, Seite 3 Reue des Erlebens wirkte auf uns verjüngend. Wenn Herzl ii« seiner Schlichtheit sagt: „Wir sind ein Volk. Ein Volk", so hat er uns eigentlich nichts neues gesagt» — und doch macht dieser einfache Satz auf uns einen größeren Eindruck als manche gar schön zusammengezimmerte zionistische. Theorie. Es ist die Wirkung des Erlebnisses. Es isr nicht von ungefähr, daß Herzl i>« West-Europa «ms entstanden ist. Herzl kain zum Ziouisinus nicht als 'Jude, sondern als Mensch. Es «var eine sittliche und ästhetische Kraft, die ihn zun« jüdischen Volke hinführte. Es war das Motiv der Würde, das in allen seinen Reden' und Handlungen zum Ausdruck kommt. Er bed««rfte daher nicht der heute üblichen theoretischen Begründungen eines natioiialei« Egoisnius. Und wahrlich, die Assimilation' ist ein unsittlicher Akt, unsere Zerrissenheit ein ästhetisches Manko. Das Golus-Dasein ist nicht nur ein Leiden» es ist auch ein Verbrechen, oder wie der Dichter Jakob Cahan es ausdrückt: „Der Golus ist nicht nur eine Strafe, sondern auch eine Sünde". Der Zionismus bedeutet somit auch die Wiedergeburt des Menschen im Juden. Nach einer kurzen Pause las noch Frau Justizrat Dr. Äpfel aus Herzls philosophischen Erzählungen „Das «Lustschiss", ein im Jahre! 1896 geschriebenes, heute rqcht aktuell anmutendes Feuilleton vor, «vobei die Vortragende diesem tiefsinnigen und in stilistischer Hinsicht ausgezeichnete Stück in jeder Beziehung gerecht wurde. Reicher Beifall Ivurde der Vorleserin auch für zwei Gedichte auf Herzl, von Zangivill und Huldschiner, zuteil. Den Abschluß des Abends bildete der gemeinsame Gesang der Hatikmah. Schneiderei Crössmann Kalsonmtnamma lOa, Entrwsat. Kaiser Wilhelm-Passage. Telefon Amt I, 6930. Englische Jacken-Klelder. Garantie für gute Passform. — Prima Stoffe and Zutaten. Solide Preise.— Auf Wunsch zaveri. koschere Verarbeitung. Ü lenidefon. Ü D-s „Sch-ker-BUb»l". Von C. Berg. (25. Fortsetzung). Man hörte aus dem Speisezimmer allerhand verdächtige Bewegungen, — Christine schritt eben auf den Eingang zu, als Franja hereinstürzte, mit zerzaustem Haar, Kleid und Schürze befleckt, und unmittelbar vor ihrer Herrin schreiend niederstürzte: „Gnädige Frau, — ich — ich will nach Haus!" „Bist Du toll geworden?" zürnte Christine, „was unterstehst Di« Dich, in diesem Aufzuge vor den Herrschaften z«« erscheinen und sic durch Dein Geschrei zu belästigen!" „O, gnädige Frau, es spukt schon wieder im Keller, es sputt! Ein Gespenst! Ein Gespenst!" 'Franja zitterte wie Espenlaub. „Heute habe ich es mit eigenen Augen gesehen!" Ein paar alte Damen schrieen auf, der Hausherr kam heran, musterte mit verächtlichem Seitenblick die mißliebige Zofe und sprach kalt: „Verrückt!" „Ein Gespenst! Ein Gespenst!" wiederholte Franja «vimmernd, „so hat es mich gepackt!" Sie streifte den Aermcl in die Höhe und zeigte aus ihren hageren, bloßen Armen blutunterlaufene Flecken. Doktor Thorner ttat neben Franja, besichtigte die Verletzungen und brummte: „Für ein Gespenst recht solide Griffe." „Du bist eine Närrin," schalt Christine, „sicher: Du hast wieder im Keller genascht, gestohlen, und irgend jemand hat Dir einen Schabernack gespielt." „Bei der Gnadenmutter, Panni, heute habe ich nichts genom«nen, beim Heiland nicht!" jammerte Franja, in das ihr geläufigere Polnisch verfallend. „Schweige, nichtsnutzige Dirne!" herrschte sie Chri-- stine gleichfalls polnisch an, „Du bist mir zu schlecht, mit Dir polnisch zu reden. Wo bleibt der Champagner, hast Du ihn nicht herausgeholt?" fragte sie deutsche „Ich ging danach in den Vorkeller," — Franja wischte den Angstschweiß von der Stirn —, „wie ich nach der dritten Flasche lange, steht es hinter mir >md schreit." „Es!" fragte der Amtsrichter, „welches?"" „Etwas Weißes, Großes," stöhnte Franja, „so hoch wie die Kirche!"" „Ter Keller hat kaum die Höhe eines Mannes wie ich,"" lachte Müfler höhnisch. „Und war erzählte Ihnen das Weiße, Große?" Franja verstummte plötzlich. Der Amtsrichter stampfte den Boden vor Umzeduld. „Hält sie uns noch auf mit ihrer Albernheit! Was schrie es?"" Erschrocken stotterte das Mädchen: „Es schrie: Franja - lügt, — aber — ich ich sage doch immer

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