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Neue jüdische Presse · 1913-08-01 · Heft 30 (1.8.1913) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 30 (1.8.1913)
Date
1913-08-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 30. Seite 3 Juden hiitzustellen, indem es die verlogene Behauptung aufstellt, der Kolliner Kaufmann W. habe unmittelbar nach dem Verschwinden des Mädchens über eine große Summe Geldes verfügt, deren Erwerb ganz unerklärlich sei. Der Ritualmord spukt jetzt auch in der Heimat der Rastelbinder in Ungarn, in Trencsin, wo man die Juden beschuldigte, siehätten ein verschwundenes Dienstmädchen ermvrdet, unr ihr Blut beim Bau der neuen Synagoge zu verwenden. Man sieht, cs ist dieser Sorte Leute nichts zu dumM, wenn's nur gegen die Juden geht. Bonr wirtschaftlichen Kriegsschauplatz wäre zu berichten, daß eine vorläufig noch anonyme, aber durch ihre Schutzpatrone K. H. Wolf und den Edlen von Stransky genügend gekennzeichnete Person sich bemüht, eine Organisation der deutscharischen Rechtsanwälte in Deutsch- Oesterreich zu schaffen, uni zu verhüten, daß nicht nrit arischenr Gelbe jüdische und andere deutschfeindlichen Rechtsanwälte herangezjogön werden. Die Studeutenfrage a.n der Wiener Universität ist noch ungelöst. Das namhafte Eintreten des Hofrates Philippowits für die Juden hat höchstens zur Folge gehabt, daß die deutschnationalen Blätter über Philippowits und die Juden hcrfallen und die Juden als Fremdkörper an den deutschen Universitäten bezeichnen, anstatt, wie ein tschechisches Blatt meint, den Juden dafür zu danken, daß sie den Deutschen, die es nicht aus eigener Kraft können, die Universitäten füllen. Das einzige Erfreuliche sind die regen Vorarbeiten für den Zionistenkongreß. Mit welcher Energie die berufenen Kreise an der Arbeit sind, mag Man daraus erkennen, daß sogar die Neue Freie Presse, die noch nie ein Wörtchen über Zionismus gebracht hat, in der letzten Zeit einige Notizen veröffentlichte. Spectator. Brief ans Rußland. Die Regung des russischen Lebens, von der ich geschrieben habe, schreitet fort; freilich mit der Schnelligkeit einer Schildkröte. Bei diesen Umständen ist es selbstverständlich, daß die Juden nicht die ersten sein werden, denen ein Gewinn bevorsteht. Im Gegenteil! Die jüdische Rechtlosigkeit wurde sogar kurz vor dem Schluß der Dumasession zweimal von der Mehrheit der russischen Volksvertretung sanktioniert. Einmal bei der Annahme des Projekts der polnischen Selbstverwaltung, in der die Juden außerordentlich beschränkte Rechte haben werden, trotzdem ihrer in Russisch- Polen über 2 Millionen leben. Das andere Mal, als sie die Formel annahm, nach der die Juden in das Moskauer Institut für Eisenbahningenieure keinen Zutritt haben sollen. Diese Resolutionen stehen in deutlichem Widerspruch zu der Formel, die die nationalistische Politik des Ministeriums des Innern scharf verurteilte, und' in diesem Widerspruch besteht die Tragikomödie des Moments: zu wenig Mut zu großen Reformen — und doch zu viel Beanstandung ani Alten, um mit der reaktionären Politik der Regierung zufrieden zu sein. Nichts Positives, Bestimmtes konnte die 4. Duma leisten. Sie hatte keine bestimmte Majorität, keine ausgedrückte politische Physiognomie. Sie versanünelte sich, pendelte fortwährend von links nach rechts und von rechts nach links, — und nun, da sie ihre Ferien .hat und ausrüht, wird sie von den Zeitungen jeglicher Richtung verurteilt. Und natürlich mit Recht! Eine Dekoration von 500 Menschen, die nichts tun kann. . . . Und doch ist diese wankende 4. DuMa ein Symptom, ein Symptom eben dieser Regung, dieses Protests gegen das alte Leben. ... Ein noch deutlicheres Symptom dieser Regung konnte man auf demMoskauer Kongreß der Handels- und industriellen Kommis sehen, der vor kurzem geschlossen wurde. Die Empörung, die auf diesem Kongreß herrschte, ist schwer zu beschreiben. Wo man es nur tun konnte, wurde der Regierung ein Stich versetzt. Die Judenhetzen wurden offen verurteilt. Da die Regierung zuerst keine Juden zum Kongreß zulassen wollte, so wurde demonstrativ ein Jude zum Vizepräsidenten der Versammlung gewählt. Der MinistÄr des Innern handelte gewiß logisch, als er dön Frankfurter Israelitisches Familsenblatt. Kongreß schon aut vierten Tag, als die Arbeiten noch lange nicht fertig waren, schloß. Eine andere Erscheinung des jüd. Lebens in Rußland unserer Tage ist der Boykott in Polen, der durch den furchtbaren Aufschwung des polnischen .Antisemitismus verursacht wurde. Während die Presse das Volk gegen die Juden aufhetzt und der Boykott des jüdischen Handels fortdauert, hört Man aus einzelnen Orten von Forderungen von jJudenausweisungen und' von Verbrennungen jüdischer Häuser mit ihren Bewohnern. Mit einem Aufschwung des Antisemitismus müssen wir Juden von Zeit zu Zeit in jedem Lande rechnen. Hörte man doch vor kurzem sogar aus Italien von Stimmen gegen die Juden! In Rußland aber ist das alles gefährlicher, erstens, weil diö allgemeine Kultur niedriger ist, zweitens aber, weil diö offene oder geheime Unterstützung seitens der Regierung immer fühlbar ist. Erzieht doch schließlich die Regierung durch ihre Judenpolitik die Massen zu solch rohen Formen des Antisemitismus, von denen ich oben sprach. Es konimt hinzu, daß pie Basis des Boykotts auch eine ökonomische ist. Und wer ist daran schuld, daß 2 Millionen Juden in dem engen Polen hocken Müssen und sich selber und ihren nichtjüdischen Mitbewohnern durch Konkurrenz das Brot versauern? Wer läßt sie nicht in das weite, unbearbeitete Rußland? Diö Regierung! Und wenn ich eine Depesche lese: „Irr Mechow (Gouv. Kelezk) wurde ein jüdisches Haus in Brand gesetzt. 3 Juden verbrannten", so kann ich nicht nur die fanatischen Banditen und Brandstifter anklagen, ebenso wie auch im Jahre 1905 nicht die Hooligane die wahren Judenmörder und Pogromstifter zu nennen waren. . . . Hoffentlich werden die Polen einsöhen, wie gefährlich ihre Jüdenhetzen für sie selber sind. Demi wenn eine Nationalität Rußlands die andere bekämpfen wird, wie kann Man dann überhaupt für eine Prinzipielle Gleichberechtigung aller Nationen Rußlands ins Feld ziehen? Die Regierung ist daher mit der Taktik der Polen sehr zusriedön. Sic hat auch schon den nötigen Schluß daraus gezogen und nimmt bei den Polen das Gouvernement Cholm weg, worüber die Polen nun jamMern. . . . Die russischePresse interessiert sich augenblicklich überhaupt wenig für die innere Politik, ihr Interesse ist auf die Balkanhalbinsel gerichtet, rvo Rußland eine diplomatische Niederlage nach der anderen erleidet und wo „die Brüder Slaven" — wie sie früher feierlich und ernst genannt wurden, jetzt aber nur zum Witz —, die Vergänglichkeit alles Irdischen, so die Vergänglichkeit der bulgarischen Macht, der Freundschaft usw. beweisen. Und auch die russische Presse grübelt gedankenvoll über die Vergänglichkeit, über die Vergänglichkeit — des heiligen Panslavismus. . . Leo Kadinsky. Brief aas -er Türkei. Die Türken haben stets die Treue und Rechtschaffenheit der Juden anerkannt; aber in dör letzten Zeit, da sie alle Welt verließ, haben sie die Juden noch mehr schätzen gelernt. Dies beweisen auch die dem Großrabbiner seitens des Kriögsminiflers und des Marineministers jüngst gemachten Erklärungen: „In allen Hinsichten waren wir mit unseren jüdischen Soldaten außerordentlich' zufrieden." „Die jüdischen'Soldaten haben ihre patriotischen Pflichten vortrefflich erfüllt." Der Pariser Korrespondent der hiesigen Zeitung „Union" (früherer „Jeune Turc") fragte den Präsidenten des jüngsten Syrischen Kongresses, Z a - horavi Effendi, warum Man auf dem .Kongresse nichts über die Juden Syriens und ihrö Interessen gesprochen habe. Diöser erwiderte: „Wir alle, Muselmänner und Christen, hegen zu den Juden die besten Gefühle. In unseren Beschlüssen über die Rechte und Pflichte der Syrier sind' auch die Juden eingeschlossen, da sie unsere Abstämmungsbrüder sind. Uebrigens betrachten wir alle Juden als Syrier, die seinerzeit gezwungen waren, das Land zu - verlassen, aber deren Herz im Einklang mit dem unserigen klopft. Wir sind sogar sicher, daß unsere israelitischen Brüder dör ganzen Welt uns Mithilfe leisten werden, die materielle wie morale Wiederaufrichtüng unseres göMeinschastlichen Landes zu ermöglichen." Trotz aller Versprechungen seitens des hiesigen Patriarchats in Bezug auf die Angelegenheit i von Tscheschene ist die Lage der dortigen Juden unverändert geblieben. Diesö Woche brachte ein Delegierter der dortigen jüdischen Gemeinde deM Großrabbiner einen Brief des Inhalts, daß der föitens der Griechen gegen die Juden erklärte Boykott immer noch anhält und traurige Folgen hat. Der griechische Metropolit von Tscheschene hat für diö Herstellung des Friedens nichts unternommen, da er unter dem Einfluß der Notabeln steht. Dör Großrabbiner hat einen energischen Brief an den Patriarchen geschickt. Kantorowitz. Ei« Lehrstuhl für rabbiuische Literatur au der Universität — Madrid! Der „Frkf. Ztg." wird aus Madrid geschrieben: „Die spanische Regierung hat kürzlich den Plan gefaßt, an der hiesigen Universität einün Lehrstuhl für rabbinische Literatur zu errichten. Die von dem Ministerium eingesetzte Kommission, der die namhaftesten Orientalisten angehörten, hat der Regierung vorgeschlagen, ein etatsmäßiges Ordinariat stir jüdische und hebräische Literatur in größerem Umfange zu errichten und auf diesen Lehrstuhl den Berliner Orientalisten Dr. A: S. E. Pahuda zu berufen. Bemerkenswert ist dis Tatsache, daß dieser Plan der Initiative der spanischen Regierung bezw. der Madrider Universität entsprungen ist." Die „Frkf. Ztg." fügt hinzu: 9 „Außer der Universität Cambridge in Eng- J land dürfte vorläufig die Madrider Universität die einzige sein, die ein Ordinariat für jüd. Literatur in Aussicht genommen hat. 'Seit einigen Jahren ist auch auf der Leipziger Universität das Fach der rabbinischen Literatur in Form eines Lektorats vertreten." städt. RBSiaurant und Catf Inh.: Anton Pfeiffer » Friedbergar Ldstr. 42S. TbF. 498*1 - empfiehlt seine prachtvollen, schattigen Gärten, Terrasse, j Saal, sowie diverse separate Gesellschaftszimmer. - Für Sommerfeste vorzüglich geeignet. —-= Oesterreich-llagar». Wien. Vom 25. bis 27. August findet hier im Bee- - thovensaal eine i Konferenz der Organisation für hebräische! Sprache nnd Kultur (Histadruth Jbrith) statt. ■' Krakau. Die polnischen Antisemiten geben sich die ° größte Mühe einen . j wirtschaftlichen Boykott der Juden zu organisieren. Der niedere katholische Klerus leistet Hilfe. Dieser Tage erschien eine Broschüre, in der die ' Boykottpropaganda unverhüllt betrieben wird. Es wirb! darin u. a. ausgesührt, die Teilung Polens sei von vier | Mächten vollzogen worden: von Rußland, Preußen, Oester- ' | reich und — dem Judentum. Die Juden werden als die historischen Erbfeinde des polnischen Volkstums beis zeichnet, und das polnische Volk wird aufgefordert» sich s dieser inneren Feinde in der Weise zu entledigen, daß! es alle geschäftlichen und wirtschaftlichen Beziehungen zu s den Juden abbricht und diese dadurch zur Massenans- Wanderung zwingt. Dieses „Schutzmittel" sei durchaus gerechtfertigt und legal. — Die Broschüre wurde in einer Massenauflage hergestellt und durch antisemitische Agitatoren im ganzen Lande verbreitet. Rumänien. Bukarest. ImSenat iMerpellierte Senator Lahovary j die Regierung wegen des - Staatsbürgerrechtsderjüdis che n Soldaten. j Die Regierung erklärte auf die Interpellation, daß die j gegenwärtig im Felde stehenden jüdischen Soldaten nach < dem Kriege aller jener Rechte teilhaftig werden sollen, i welche die übrigen rumänischen Staatsbürger besitzen. \ Der Vorstand der „Jsr. Union in Rumänien" sprach - auf Grund dieser Erklärung beim Kriegsminister vor und erhielt die Mitteilung, daß nach der Demobilisierung die ■ jüdischen Soldaten nicht einzeln bei der Kammer und \ dem Senat um Gewährung der Staatsbürgerrechte einkommSii müssen, sondern daß die Regierung der Kammer' einen Gesetzentwurf vorlegen werdej demzufolge alle jüdischen Soldaten, die jetzt unter die Fahnen berufen wurden, korporativ die rumänischen Staatsbürgerrechte erhalten werden. Palästina. Jerusalem. Joseph Abraham Schalom aus Kalkutta läßt hier .] 24 Wohnhäuser errichten und zwar für arme shaniolisch-jüdische Familien zu je dreijähriger unentgeltlicher Benutzung, lleberdies erhält jede Familie 10(10 Jfe jährlich unter der Bedingung, daß die Männer in der zur Erinnerung an deu Stifter zu gründenden Jeschibah „Porath Joseph" täglich dem Thorastudium obliegen. Das Bauterrain kostet

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