Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 30 (1.8.1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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i'' Eeitt % | Au die Chalukah schließen sich dann die ganze ji große Reihe der anderen Jifftitutioneu an, die \ dank Schnorrereien und Spenden existieren. Bei l diesen ist gegen das Schnorrsystem selbst eigentlich? nichts zu sagen. Schließlich existieren ja die meisten i mohWtigeir Anstalten in der Welt auf der Basis von Unterstützungen. Unschön wird aber die Sache! auch hier wieder, wo. sie ein religiöses Gewand anniMmt. Du trittst beispielsweise in eine große Jeschibah ein, und nachdem man Dir alles gezeigt hat, wirst Du zum Buche der Statuten geführt, mid da . kannst Du nun lesen: Wer 5 Frcs. jährlich spendet, für den. wird jeden Samstag gebetet; wer 10 bis 20 spendet, für den wird einmal monatlich!, auch am Dttel hamaarawi gebetet; und wer sich! gar J zu einer Spende von 100 Frcs. jährliche aufschwingt, für den wird auch zweimal im Jahre an Rachels j Grab ein Gebet verrichtet. . . . Da braucht Mail wahrlich nicht erst ein besonders tief räigiös empfindender Mensch zu sein, um. non einem gewissen Ekelgefühl ergriffen zu werden und zugleich von einer Empörung über eine solche Degradierung der Religion zu einem Handelsobjekt mit feststehenden Taxen. Und 'was das Schlimmste an alledem ist: die Leiter der Jeschibah, zum großen Teil wahrhaft religiöse und sittliche Naturen, empfinden gar nicht das Unschöne am Ganzen. So sehr sind sie an die Lust dieser Welt bereits gewöhnt, dieser Welt^ .in der das Heiligste gut genug ist, um mit seiner Hilfe 100 - Frcs. zu erschnorren. j Und mit diesem letzten Endes demoralisieren- I den..Gewerbe geben sich in Jerusalem Tausende j von Menschen ab, ja, es sind gerade die Besten, j hie ihm oMegen. Es hat sich im Laufe der Jahri zehnte eine richtige Industrie entwickelt. Es gibt! ganze große Büros, in denen eine große Zahl von j Schreibern sitzen, einzig und allein damit beschäftigt, Schnorrbriefe abzufassen; in allen möglichen Sprachen: Hebräisch, Jargon, Deutsch, Englisch. Jahr für Jahr, besonders in der Zeit vor Rosch haschonoh, ergießt sich aus Jerusalem ein Strom twn Hunderttaufenden von Bittschriften, Schnorrbriefen und Aufrufen in die Welt. Die österreichische Post, der der Löwenanteil dieser Korrespondenzen zufällt, Macht durch sie glänzende Geschäfte. Und sie kommt daher den Institutionen so sehr entgegen, daß sie chnen die Briefe ohne Marken versendet — da um diese Zeit gewöhnlich! schon kein Geld mehr in den Kassen ist —. und die schuldige Summe dann von den eintrefsendön Spenden obzieht. Es ist auch interessant zu sehen, welche Unmenge an Erfindungsgeist und Scharfsinn aufgebvten wird, uni möglichst viel Spenden einzuheimsen. Da wird kein Mittel gescheut. Gegenseitige Verleumdungen, Pamphlete!, Denunziation, alles wird für erlaubt gehalten, wenn es nur bm Zweck erreicht. Und es ist in dieser Hinsicht bereits so weit gekommen, daß manche Institutionen — wie mir Eingeweihte versichert haben — eine Liste assimilatorischer Wohltäter Westeuropas besitzen, denen sie alljährlich zu — Weihnachten eine Gratulation senden, versehen mit der Bitte um eine gefl Spende. ... Ich könnte noch manches solcher Art erzählen. Es genüge. Es tut weh, seine eigene Schande zu verkünden, denn bei alledem ist es doch unser Jerusalem, wo solches getan wird, und' sind es doch unsere Brüder, die solches tun. . . . Ich ging einmal mit demselben Freunde, von dem ich eingangs dieses Briefes erzählte, eines der bekannten Schnorrinstitute besuchen. Der Weg führte durch enge, schmutzgefüllte Gassen. „Welch ein Schmutz!" rief ich wütend meinem Führer zu. „Hm!" meinte er, „glauben Sie, daß hä drinnen" und er zeigte auf das Büro, wohin wir gingen — „der Schmutz geringer ist? Ich für meinen Teil ziehe den Gestank dieser Gassen jenem moralischen Fäulnisgeruch vor, der mir dort aus allen Schubfächern und Men entgegendringt." Nachdem ich im Büro gewesen war und einen Einblick in die Men getan hatte, war ich ganz der Meinung meines Jerusalemer Freunds. Hundertmal erträglicher war mir der Schmutz in den Gaffen der „Heil. Stadt" als der, den ich in so manchen ihrer religiösen Institutionen imd frommen Anstalten fand. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. tlns Hett Ereignissen des Tages. 3« den Wahlen zum Xl. Zionisten-Ikongreß. Welche Probleme stehen den zu wählenden Delegierten bevor? Welche Probleine? Wie sonderbar! Die Tagesordnung des XI. Kongresses enthält all die Probleme, all die Aufgaben, deren Lösung der Delegierten harrt. Und doch ist uicht jede Frage, die ein Programm enthält, von besonderer Wichtigkeit. Drei Dinge sind es, die von großer Bedeutung für die zionistische Partei im gegenwärtigen Moment sind und sein müssen; als erstes: die friedliche Pazifizierung des palästinensischen Bodens; als zweites: das kulturelle Problem in Palästina und als drittes: die engere Leitung der zionistischen Organisation. Daß £ie Eroberung des Bodens keinen weiteren Aufschub mehr duldet, — wer kann das im Ernst bei der gegenwärtigen Gestaltung der Dinge in der Türkei bezweifeln! Selbst Her^, der alles auf die eine Karte des Charters setzte, würde, wäre er jetzt am Leben, seine Polittk von Grund aus geändert haben; auch Herzl wäre jetzt fraglos für die stückweise Pazifizierung des Landes. Gewiß gM es auch noch jetzt in der zionistischen Organisation Männer von Tatkraft und politischer Einsicht, die so tun, als ob sie gegen die stückweise Eroberung des Bodens wären — und doch eine Agrarbank für Bodenerwerb gründen. Also das Mäkeln an dem gegenwärtigen System rührt aus unsachlichen Gründen, aus Gründen der Tattik und der Opposttion. . . . KurziuM: es herrscht keine Meinungsverschiedenheit über das Anschaffen des Bodens, nur über das Wie. Es Muß daher eingehend erörtert würden, wie das Tempo des Bvdenerwerbs zu beschleunigen sei. , Was die zweite Frage betrifft, so hat sie der X. Kongreß im Prinzip bereits entschieden. Di« kulturelle Pazifizierung des Landes' ist für den Zionismus eben so nötig wie die materiell«. Der Zionismus muß bestrebt sein, auf die palästinensischen Schulen Einfluß in nationalem Sinne zu gewinnen; denn was nützen all die Erwerbungen von Boden, wenn die Schulen im Geiste einer Assimilation beeinflußt werden sollen? Daß der nötige Einfluß aus die Schulen nur durch Subventionen zu erreichen ist, — wer wollte es bezweifeln? Allem auch hier bleibt die Frage nach dem Wie? Können doch die traditionellen Zionisten nicht zugeben, daß antitraditionelle sch ulen mit gemeinschaftlichen zionistischen Geldern subventioniert werden. Bei Neugründungen liegt die Sache viel einfacher, denn hier liegt der Beschluß desselben X. Kongresses, „daß keine Institution, die von der zionistischen Organisation begründet wird, irgendwie einen Verstoß gegen di« Tradition begehen darf", vor. Vielleicht wäre folgender Ausweg zu böschreiten: zwei zionistische Fonds für Kulturzwecke ins Leben zu rufen, der eine aus Geldern, die von Gebern hcrrühren, die mtt ihrem Gelde ausschließlich rein traditionelle Schulen fördern wollen; aus dem anderen Fonds hingegen erhalten die bereits vorhandenen anderen Schulen Subvention, um wenigstens nationale Konzessionen, die naturgemäß auch der Religion zugute kommen, zu erreichen. Nun ist inzwischen ein Kulturfonds nach dem Muster des jüdischen Nationalfonds ins Leben gerufen worden, der sich die Förderung hebräischer Schulanstalten und sonstiger Kulturinstitute in Palästina zur Aufgabe macht. Den Grundstock des neuen Kulturfonds bildet eine Stiftung des Warschauer Bankiers M. Feldstein im Bettage von 40,000 Mk. Der Fonds, der den hebräischen Namen „Ködern," (Morgenlands führt, ist dieser Tage in das Londoner Gesellschaftsregister eingetragen worden. Dem Direktorium gehören u. a. die Herren M. Feldstein-Warschau, Dr. Häntke, Sokolow aus dem E. A. C. und Prof. WeizMann-Mänchester an. Me ist es mit diesem Feinds bestellt? Darf dt auch antitraditionellen Schulen Förderung angedeihen lassen? Dies muß der „Misrachi", dies Nr. :;o iiiüssen. all diejenigen, denen die Tradition rnu Herzen liegt, festgcstcllt wissen, lieber ha upl muß uns der Kongreß in der Frage der Kultur Klarheit verschaffen. Was die Frage der Leitung airbetrifft, so haben wir unsere Ansicht dahin präzisiert, die Leitung aus den tatkräftigsten Männern der am Ruder befindlichen Partei wie aus der der Opposition zu bestellen. Seit H.erzls Ableben sind die Streitigkeiten im zionistischen Lager fast ausschließlich eine Frage der Macht. Alles andere sind gesuchte Scheingründe aus Machtsucht und Animosität. Wir waren die ersten, die dies« Ansicht äußerten. Uns schloßt sich Rabbiner Dr. Thon-Krakau in einem Artikel in der „Hazefirah" an. Es ist Sache der Delegierten, dahin zu wirken, daß Mdlich im zionistischen Lager Friede werde. D«r Zionismus kann sich unnröglich den Luxus einer unsachlichen Opposition aus Gründen der Macht leisten. Und so muß gerade jetzt stark auf die Qualität der Delegierten gesehen werden! Es muß darauf gesehen werden, einsichttgo Männer und bewährte Zionisten zu wählen. Brief aus Oesterreich. Die Trauerwochen sind so recht die Zeit, um über den heutigen Stand der Juden in Oesterreich zu berichten. Wie sehr sich ihre Lag« verschlechtert, beweisen am besten die letzten ga lizischen Landtagswahlen, die mit erschreckender Deutlichkett gezeigt haben, wiö der wirtschaftliche und politische Einfluß der Juden zurückgeht und leider durch das Verschulden der Juden selbst. Man denke: nicht einmal in den Städten mit jüdischer Bevölkerungsmehrheit sind Juden gewählt worden! Von den vier neuzuwählenden Abgeordneten sind drei aus der Kurie der. Handelskammern gewählt, wo die wenigen Reichen und Satten unter den galizischen Juden dominieren, und diese drei werden getreue Diener ihrer Wähler sein, werden wie die Herren von den Handelskammern für jüdische Fragen gar kein Interesse, gar keinen Willen bekunden; gehören doch Wähler und Gewählte zu den oberen Zehntausend, und da ist es nicht bon ton, der Hunderttausend« armer, gedrückter Volksgenossen sich anzunehmen. Die „Reichspost' hat fast einen neuen Ritual- Mord konstruiert. Unter der Ueberschrift: „Der Mord an Herrn Hirsch" hat sie Dr. H. Bartsch spaltenlange Vorwürfe über die Streichung dös „Zettungshirscheln" aus der neuen Auflage seines Romans „Der letzte Student" gemacht, und als ihren Verdächttgungen durch ein offenes Bekenntnis des Dichters, in dem er sein „Peccavi" über seinen jugendlichen Antisemitismus ausspricht, der Boden entzogen wurde, flugs erwischte sie Sienkiwitsch und Machte ihn aus einem ähnlichen Anlässe zum Judensöldling. Weniger Veränderung in seinen Anschlauungen konstatierte sie an ihrem in der Vorwoche endlich gestorbenen Busenfreund, dem Landesausschuß rc. Ernst Schneider, der bei den Nichtanttsemitön unter dem Namen Stampiglienfälscher bekannt war und für die Tötung der Juden einst ein staatliches Schußgeld gefordert hat. Wenn man sieht, wie solche Menschen noch nach dem .Tode gefeiert werden, dann korrtnrt einem der ganze Ekel über den Tiefstand dieser Art Presse so recht zum Bewußtsein. Ernst Schneider ist wohl tot, seine Lehren wirken aber weiter, des sind uns die antisemitischen Sudelblätter aller Richtungen Zeuge. Der Prager „XX. Vök", der ein Jahr lang Tagblatt war und .jetzt sein kümmerliches Dasein nur als Wochenblatt in verlleinerteM Umfange fristet, hat einen offenen Brief, den die tschechischen Juden in ihrem Organe an den Fürsterzbischof gerichtet haben, in dem sie ihn unter Berufung auf so und so viele Päpste und Amtsvorgänger beschwören, endlich gegen die Ritualnrordhetze aufzuttetön, zum Anlaß genommen, den Beilisprozeh als Mtnalmord auszuschroten und aus einem der verlogenen antisemitischen Pamphlete eine ganz!« Liste von Ritualmorden aufznzählen. Das Blatt erdreistet sich auch wieder, das wegen seiner Liebesaffäre mit dem Kolliner Hetzpfaffen Hrachovsky aus deM Leben gegangene Dienstmädchen als Opfer der Kolliner