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Neue jüdische Presse · 1913-08-01 · Heft 30 (1.8.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 30 (1.8.1913)
Date
1913-08-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Iernsalem. — Das Chaluknhjudentnm. — Die C h a l u k a h. Ich ging einmal in einer spaten Nachmittagsstunde mit einem Jerusalemer Bekannten an die Klagemauer. Wie gewöhnlich standen eine! Anzahl Juden herum und beteten. Wir schauten eine Weile schweigend dem Schütteln und Wehklagen dieser Beter zu, dann sagte ich, aus die Gruppe weisend, wie unwillkürlich zu meinem Freunde: „Das also ist Jerusalem'!" „Nur die eine Kehrseite von Jerusalem", erwiderte derselbe, „die andere werden Sie auch gleich zu sehen bekommen." Inzwischen hatten einige der Betenden uns bemerkt, und sofort eilten Mehrere an uns heran, die Hand ausgeftreckt, um ein .Almosen bettelnd. „Hier haben Sie die andere Kehrseite", entfuhr es bitter meinem Freunde. „Ora et labora" übersetzt der Jerusalemer: Bete und bettle!" Es war scharf gesprochen, aber wahr. Jerusalem ohne seine Schnorrer ist nicht Jerusalem. Kein Handwerk hat es in dieser Stadt zu solcher Vollkommenheit gebracht wie das Schnorren. Und so desorganisiert, so bar aller Ordnung alle anderen Beschäftigungen in Jerusalem sind, so vortrefflich organisiert, so wohl ausgebaut ist das System der Schnorrerei. Aus diesem Gebiete ist Jerusalem auch heute noch die Königin aller Städte. Es gehört ein richtiges Studium! dazu, um sich in diesem komplizierten und vielverzweigten Systeme zurechtzufinden. Und doch muß man sich schon den Mühen dieses Studiums unterziehen, will man die Physiognomie Jerusalems wirklich erkennen. Die Züge des Botens und Jantnterns, des Elends und der Not sind nicht spezifisch jerusalemisch. Sie sind mehr typisch als individuell und sind der ganzen Gattung der Ghettojuden in aller Welt gemeinsam. In Berditschew schüttelt man sich ebenso wie in Meoh Scheorim *), und in Ljubawitsch wird man Peehs von ebensolcher Länge finden wie in irgend einer jüdischen Gasse in Jerusalem. Was aber der Physiognomie dieser Gasse spezifisch und eigentümlich ist, das sind die Züge des Flehens, des Bettelns, das ewige Handausgestreckthalten, das ewige Katzbuckeln vor einem „Kozen", der stets auf der Lippe befindliche! Segensspruch für jeden, der einen lumpigen Frank spendet, kurzum, die Züge, die das Gewerbe! des Schnorrens in der Physiognomie dessen, der es zeitlebens betreibt, mit der Zeit entwickelt. An der Spitze aller Zweige des Schnorrersystems in Jerusalem steht die Chalukah. Man kann das Urteil über sie dahin zusammenfassen, daß sie ökonomisch ebenso notwendig ist, wie sie Moralisch gefährlich und schädlich ist. Daß sie ökonomisch notwendig sein Muß, ist klar. Die Chalukah bringt jährlich.etwa 11/2 Millionen nach Jerusalem. Es ist selbstverständlich, daß eine solche SumMe für die. Judenheit Jerusalems ein unentbehrlicher Faktor ist. Es ist nicht übertrieben, wenn man die Chalukah als den ökonomischen Rückgrat der Jerusal ent er Judenheit bezeichnet. Sie bildet für tausende Familien die Grundlage ihrer Existenz. Nicht minder klar aber ist auch, daß sie Mora- . *) Ein großes jüdisches Stadtviertel in Jerusalem. lisch schädlich sein muß. Wemr Geld und Religion eine Verbindung eiugehen — dies ist eine Erfahrung, die schier die Gewißheit eines Axioms besitzt —, dann ist der Sproß fast stets ein moralisch degenerierter Bastard. Wer für die! Erfüllung religiöser Pflichten nrateriellen Entgelt erhält, der innh schon ein außergewöhnlicher Charakter sein, um rein und ehrlich, zu bleiben. Außergewöhnliche Charaktere sind aber auch in Jerusalem große Seltenheiten. Auf das Gros wirkt aber die Chalukah in moralischer Hinsicht verderblich. Wenn ein Chalukahinann weiß, daß ihm die Chalukah entzogen wird, wenn er seinen Sohn in eine Hilfsvereinsschule schickt, so Mag er tausendmal von dem Vorzug dieser Schulen gegenüber den Chedorim überzeugt sein, seinen Sohn wird er dennoch zum Melamed bringen. Wenn ein Jüngling, der Chalukah erhält, weiß, daß er keinen Pfennig mehr erhält, falls er iir den „Makkabi" eintritt, so mag er noch so sehr von der Vorzüglichkeit des Makkabi überzeugt sein, mag das Turnen noch so sehr für seine Gesundheit 'für notwendig halten, öffentlich wird. er doch über die Makkabi fluchen und sie Apikorsim und Niederträchtige schimpfen. Oder ein anderes Beispiel: Ein Mitglied des ungarischen Kollels, das bereits einige eigene Häuser besitzt, außerdem Geld zu 20, 30 Prozent verleiht und bereits einige hunderttausend Frank sein Eigen nennt, hat Anrecht auf eine beträchtliche Chalukah. Sie werden nieinen, als frommer Judo müßte er auf dieselbe verzichten. Er denkt anders. „Der Anteil an der Chalukah" — wird ec Ihnen antworten — „den ich von meinem Vater ererbt habe, ist ein Teil Meines Eigentums. Welche Gründe sollten nrich dazu veranlassen, darauf »u verzichten?" Die Chalukah erscheint ihm eben gar nicht mehr als eine wohltätige Unterstützung seitens der armen Massen der Judenheit in dor Diaspora. Er sieht sie als fein ganz selbstverständliches Einkommen an, das zu verschaffen die Brüder im Golus eben verpflichtet sind. Wofür? Warum? Dafür sitzt er doch in Jerusalem, erfüllt er doch die Mizwoh, in Erez-Jsrael zu wohnen. Man denke ja nicht, daß .all das Gesagte übertrieben ist. Eher sind die Farben noch zu schwach aufgetragen. Folgendes Vorkommnis des letzten Jahres soll es bestätigen: Die Verwalter der ungarischen Chalukah in Ungarn sind allmählich auch zu der Einsicht gelangt, daß es nicht angeht, reichen Leuten eine ansehnliche Chalukah zu geben, während tausende Arme hungern. Diesen Reichen jedoch die Chalukah ohne weiteres zu entziehen, wagten sie nicht. Was taten sie also? Sie erklärten es in den neueir Statuten, die sie verfaßten, für eine „Todsünde", Chalukah zu nehmen, wenn man anderweitig seinen Unterhalt verdiene. Das Resultat? Kein einziger vom ungarischen Kollel hat auf seine Chalukah verzichtet. All die vielen wohlhabenden Mitglieder zogen es vor, die Todsünde zu. begehen und bezogen fröhlich ihre Chalukah weiter. Das hindert sie aber nicht, am nächsten Tag die jungen Mitglieder des Makkabi als unsittlich und antireligiös zn denunzieren, weil sie gemeinsam mit Mädchen einen Tagesausflug unternommen haben. . . . Dies sind eben die Moralischen Folgen der Chalukah: Unehrlichkeit, Verstellung, Heuchelei auf der einen Seite, erkünstelter Fanatismus, Hand in Hand 'mit gewissenloser Bereicherung auf de!r anderen. Die ArMut Jerusalems hat diese Stadt mit einem abstoßenden physischen Schmutz angefüllt. Die bisher angewandten Mittel zur Linderung der Armut, vor allem die Chalukah, haben in die Stadt einen noch abstoßenderen, widerlichen Moralischen Schmutz hineingctragen. Und ich glaube: Viel leichter und viel früher wird man die auf den Gassen liegenden Schmutzhaufen aus Jerusalem schaffen können, als es gelingen wird, es von seinem moralischen Schniutze zu säubern. Denn es ist notwendig, es zn betonen: So dringend die Chalukah einer Reform bedarf, so schwer ist es, diese Reform vorzunehm e n! Es gehört ein Herkules dazu, diese Augiasställe reiuzukehren. Die Männer, die bisher an diese Aufgabe herangetreten sind, waren keine Herkulesse. Die bisherigen Versuche, die Chalukah zu reformieren, sind total nrißlungen. Dies gilt auch für den sehr löblichen Versuch der Deutsch- Holländischen Chalukah. Man erinnert sich noch des Aufsehens, das vor einigen Jahren der Entschluß der Deutsch- Holländischen Palästinaverwaltung, die Chalukah zu reforniieren, gemacht hat. Und was ist dabei herausgekommen? Nichts. Ich habe meinen mehrwöchentlichen Aufenthalt in Jerusalem dazu benutzt, nrich nach den Erfolgen dieser Reform zn erkundigen. Bon allen Serien, sowohl von Männern des alten Jischub wie von solchen des neuen, wurde mir durchweg die Antwort gegeben: „Das Resultat ist ein totaler Mißerfolg." Und ein genauer Kenner Jerusalemer Verhältnisse, den ich auch nach dem Erfolge der Reform fragte, nahm mich zur Antwort unter den Arnr, führte mich ans den Zionsberg, wo der Jerusalemer Vertreter der Deutsch-Holländischen Palästinaverwaltung für das Büro derselben ein großes Haus hat erbauen lassen, zeigte nlir dies Haus und sagte: „Dies ist der einzige bleibende Erfolg. Dafür ist jedoch auf der anderen Seite so und soviel Familien ihre jährliche Unterstützung völlig entzogen worden." Und als ich nrich dann weiter nach den Ursachen dieses Mißerfolges erkundigte, da sagte mir der eine: „Schuld hat vor allem der Vertreter der Palästinaverwaltung, der die Sache ungeschickt angefaßt hat"; der andere dagegen klagte: „Die Schuld trifft die Verwaltung selbst, die alles über den Kopf der Führer der Chalukah hat Machen wollen, statt dieselben zu Rate zn ziehen"; gar manche aber erwiderten: „Die Ursachen für Mn Mißerfolg liegen in der Chalukah selbst. Was Jahrhunderte verdorben haben, läßt sich! nicht wieder gut machen." Nun, ich halte diese letzte Ansicht für übertrieben, für pessimistisch. Richtig aber ist es jedenfalls, daß eine Reform der Chalukah eine äußerst schwere und komlizierte Aufgabe bedeutet. Gelingen wird sie nur, wemr sie von den maßgebenden Führern der Chalukah selbst ausgeht. Nicht von den Jerusalemern, von den ausländischen. UM die Augiasställe zu reinigen, müßte Herkules erst in sie hineingehen. Draußen stehen und schimpfen, nützt nichts. Nur von innen heraus ist eine Reform der Chalukah möglich. Bon dem Gelingen einer solchen Reform aber wird es abhängen, ob Jerusalenr ein wenig moralisch gesäubert werden wird oder nicht. Bis dahin aber bleibt der tragische Zirkel bestehen: Ohne die Chalukah kann die Jerusalemer Judenheit nicht existieren. Mit der Chalukah aber degradiert und befleckt es sich täglich selbst.

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