Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 29 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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seae 2. feine inneren Kämpfe, er weiß alles, was er wissen will, auf alle neugierigen Fragen hat er seine genaue Antwort, er weiß, wozu er lebt, was seine Aufgabe ist in dieser Welt, was ihn nach dem Tode erwartet, er hat seine besondere 'Geschichtsphilosophie über den Werdegang.seines Volkes, kurz: ' er ist .fertig, abgeschlossen. Und es ist llar: diese Wellanschauung kann nur so geschlossen sein, weil sie so eng ist, sie gewinnt ihre innere Festigkeit ans Kosten ihres Reichtums; well ihr Horizont so Nein ist, sind seine Grenzen so fest gezogen. Die innere Welt dieses Jerusalemer Jünglings ist so lückenlos ummauert wie die Stadt, in der er wohnt, und - er weiß: was außerhalb dieser Welt lebt, ist nur von Schaden und Gefahr; die Juden, die jenseits der Mauern leben, sind Sünder und Apikorsim; es ist eine Mizwoh, sie zu verachten und zu hassen, sie zu meiden und mit ihnen in keinerlei Berührung zu kommen. - Und nun tritt er auf den Kampfplatz des Lübens. Und sein ganzes Leben ist so, daß es die Wellanschauung, die ihm im Cheder mitgegeben worden ist, nur stärken und ausbäuen muß. Ohne seinen felsenfesten Gottesglauben, ohne den inneren Hall, den ihm seine Religion gibt, könnte er gar nicht existieren. Ein Mensch, der niemals heute weiß, woher er morgen sein Brot nimmt, dem das Leben nie seine hellere Seite zuwendet, dessen Lüben identtsch ist mit Leiden und Sichplagen, dessen Atmosphäre so stpckig und dumpf ist wie die Not, Faun entweder.ein hohnlachender, zynischer Leugner alles Göttlichen and Sittlichen werden — wie ein so großer Tell des modernen Proletariats — oder stber ein abergläubischer, fanattscher Mensch wie die weiften dieser Chalukahjuden. Entweder auf alles in der Well pfeifen oder alle Leiden des Lübens als göttliche Fügungen geduldig hinnehmen, ein Drittes gibt es für diese Hungorkünstler nicht. Völlige Verzweiflung und damit Preisgabe aller Prinzipien oder unermeßliche Glaubensstärke und unerschütterliches Festhalten an jedem .Kita, das man von dm Vätern ererbt hat, eine andere Möglichkell existiert nicht. Freies Denken und selbst- Dändlges Philosophieren sind für die Majorität der Menschen erst möglich, ° wenn der Magen satt ist. Und da der Magen eines Chalnkahjuden stets leer ist, da die Weltanschannng moderner Proletarier für ihn nicht in Frage kommt, bleibt ihm nur das dritte übrig: Er bleibt in der Well, in die sein Melamed ihn eingeführt hat, hüllt sich immer dichter und dichter in seinen Tallis ein und wird durch jedes Leid nur umso gläubiger, durch jede Not nur noch fanattscher. Das Leben ist. es, das den Chalukahjuden zu dem macht, was er ist. * Und darum: Um zu beeinflussen, ist. es vor allem nötig, seinen stauänrä oi'life zu ändern. In .diese schmutzerfüllten Gassen, in denen er jetzt wohnt, wlld die moderne Bildung nicht hineinzudringen vermögm, ja, wird auch nicht hineindringen dürfen. Ich könnte mir für dm heuttgen Chalukahjüden bei seinem Leben kein furchtbareres Unglück vorstellm als der Zusammensturz seiner ererbtet Weltanschauung. Es würde seinen moralischen, inneren Untergang bedeuten. Nehmt ihm ein Stück Brot im Tag ab, und er wird ein Gübet mehr beim und sich trösten; raubt ihm die Hälfte seines Verdienstes, und er wlld Tehlllim sagen unb; noch inniger auf Gott vertrauen; werft ihn ans seinem elmden Zimmer auf die .Gasse, er wlld. noch! herzzerreißender zu Gott schluchzen und sich an seinem Glauben wieder aufrichten. 'Aber nehmt ihm diesm Glauben oder erschüttert ihn nur ein wenig, — denn ihn erschüttern, heißt ihn zerstören —, und ihr habt ihm alles genommen: seinen Halt und seine'.Stütze, dm Born seiner Kraft, die Quelle seiner Energie. Aus einem Betller, der doch innerlich stets sein Gleichgewicht behält, habt ihr einen Verzweifelnden gemacht; einen ewig vom Schicksal Verfolgten, der Loch fest und sicher dasteht, habt ihr zu einem Paria ohne Hall und Kraft verkrüppelt. In die Welt des ChalukahjudentnMs, wie sie heute dasteht, die moderne Bildung hintragcn, heißt sie wie durch einen Vulkan in einen Haufen von Glut und Trümmer zerstören. , Frankfurter Jsraelllisches Fmmlimblatt. Nicht moderne Blldnng, sondern materielle Stütze tut dem Chalnkahjudentum not. Nicht Kultur, sondern Brot, nicht Bücher und Zellungen, sondern Arbeit und Beschäftigung, nicht Schulen, sondern Fabriken, nicht Vorträge, sondern Werkstätten, nicht Blldnng, sondern Verdienst gebt ihm! Dann wird das ändere von selbst kommen. Schwindet ihre furchtbare materielle Not, dann wird auch ihr Fanatismus, ihre Engherzigkeit, ihre Beschränllhell sich verlieren. Dmn — kein wichtigeres Prinzip für die Erfassung des Chalnkahjudentums gibt es — in der materiellen Lage dieser Juden hat ihr geistiger Zustand seine festeste Stütze. In ihrer Armut ruhen die stärksten Wurzeln ihres Fanatismus. Das Jüdische Technikum \n Haifa. Unter allen Leistungen und Schöpfungen der jüdischen Renaissancebewegung in Palästina, von all den neuen Grundlagen, die dort gelegt, all den Keimen, die dort gestreut worden sind, hat das neue Palästina nichts Größeres und Bedeutenderes für das Judentum geschaffen als den stolzen Ban des m o d e r n e n Hebraismns. Die Wiedererweckung der hebräischen Sprache zu einer lebenden Umgangssprache im vollsten Sinne des Wortes ist die größte Tat der letzten dreißig Jahre in der Geschichte des jüd. Volkes. Und diese Leistung ist so unerwartet rasch und glänzend vollbracht worden, ihre Bedeutung ist so groß und epochal, daß es keine bloße Phrase ist, wenn ein bekannter GÜehrter sie einmal als das achte Wunder per Weltgeschichte bezeichnet hat. Es ist heute nicht mehr notwendig, die unermeßliche Bedeutung, die die Wiedererweckung des Hebräischen besitzt, in all ihren verschiedenen Seiten noch nachzuweisen. Die Erkenntnis von ihrem historischen Werte ist bereits überall durch gedrungen. Nicht nur die Führer und Anhänger der nationalen Bewegung, auch die Leiter düs Hilfsvereins, auch die Administratoren der Jea, ja in letzter Zeit auch die Männer der Alliance und auf der anderen Seite auch welle Kreise der Orthodoxie sind pvn der Erkenntnis der Bedeutung des Hebräischen als Umgangssprache in Palästina durchdrungen, und keine Selle des jüdischen Lebens in Erez-Jsrael macht auf den Reisenden einen tieferen Eindruck als die wiedererweckte hebräische Sprache. Fragt man sich, wer das Hauptverdienst an dieser großen historischen Tat trägt, so wird man dieses zweifelsohne den Schulen Palästinas zuerkennen müssen. Das Schulsystem, das wir heute üereits in Palästina haben, ist sicherlich die vollkommenste Leistung, die dort vollbracht worden iss, und nichts Größeres hat dieses Schulwerk geschaffen als gerade die Wiederbelebung des Hebräischen. Das imposante Schulwerk Palästinas entwickelt sich von Tag zu Tag in aufsteigender Linie, und der Tag ist nicht mehr fern, wo das Gebäude der hebräischen Mittelschulen durch die erste jüdische Hochschule gekrönt werden soll: das Jüdische Technikum in Haifa soll bereits im nächsten Jahre eröffnet werden. Wie wichtig und bedeutsam dieses Jüdische Technikum zu werden verspricht, braucht ja nicht erst bewiesen zu werden. Und die Tatsache, daß der Gedanke des Jüdischen Technikums, zuerst ausgesprochen von dem hochherzigen Leller des „Hllfsvereins der deutschen Juden", Dr. Paul Nathan, so rasch sich die Sympathien aller Kreise des jüd. Volkes erworben hat, daß die zu seiner Erbauung nötigen Summen so rasch beisammengebracht werden konnten, beweist, wie ausnahmslos und durchgehends die große Bedeutung des Technikums erkannt worden ist. Und vom ersten Tage an, da der Plan bekannt wurde, waren es nur Worte der Sympathie und der Freude, die vor allem die gesamte jüdische Presse und mit ihr das große jüdische Publikum dem Projekte entgegenbrachten. Es geschah dies, well alle Welt annahm, daß das Jüdische Technikum in Haifa mehr als das erste jüdische Technikum sein wird, daß es vielmehr auch die erste hebräische Hochschule werden wird. Es schien auch so natürlich und aller gesunden Logik nur gu entsprechend, daß dieses Technikum die bisherige Entwicklung des hebräischen Schul- «r. 29 Wesens in Palästina fortsetzen und krönen werde. So selbstverständlich, so naturnottvendig erschien allen diese Erwartung, daß llr weiten Kreisen das Technikum gar nicht anders als das Hebräische Technikum bezeichnet wurde. Und diese Erwartung wurde noch bestärkt durch die Tatsache, daß die leitenden Männer des Hllfsvereins auch die mastgebenden Persönlichkeiten im Kuratorium des Technikums waren. Ging doch däs ganze Projekt vom Hilfsverein aus, und war es doch nur natürlich daß er, der die meiste Erfahrung auf dem Gebiete des Schulwesens in Palästina besitzt, auch der Lpirjtus reotor des Technikums sein wird. Und der Hilfsverein, hat er nicht stets seine Schulen auf der Basis des Hebräischen errichtet, waren es nicht seine Leiter gewesen, die immer wieder die Notwendigkeit des Hebräischen als Unterrichtssprache öffentlich betont haben? Doch wie es scheint, war diese feste Erwartung der jüdischen Oeffentlichkeit verfrüht. Wie es scheint, besteht bei den Mitgliedern des Kuratoriums die Absicht, mit der Errichtung des Technikums plötzlich die ganze Entwicklung der letzten Jahre abbrechen zu wollen/ Die Unterrichtssprache des Technikums in Haifa soll durchgängig die deutsche Sprache sein. Diese Nachricht klingt so seltsam, so überraschend, so sehr aller Logik widersprechenddaß man ihr kaum Glauben schenken möchte. Tatsächlich liegt auch mich keinerlei offizielle Mitteilung seitens des Kuratoriums vor. Aber bereits seit einiger Zeit haben wir von den verschiedensten Seiten Nachrichten in diesem Sinne erhalten, und nunmehr ist uns, ein Memorandum zugegangen, das die Schüler der oberen Klassen der Mittelschulen Palästinas der am 2. Juli stattgefundenen Sitzung des Kuratoriums des Technikums übersandt haben, in dem sie. die Gefahren der Einführung des Deutschen als, Unterrichtssprache im Technikum darlegen. Das Memorandum hat folgenden Wortlaut: „Wir, die Schüler der oberen Klassen der höheren Schulen Palästinas, gestatten uns. Ihnen den Mitgliedern des Kuratoriums des Jüdischen Instituts für technische Erziehung in Palästina, folgendes Memorandum zur gesl. Kenntnisnahme zu unterbreiten: Die Eröffnung des Technikums in Haifa steht in naher Aussicht, und die gesamte jüdische Schuljugend Palästinas blickt mit freudiger Spannung diesem Tage entgegen, dö>. für uns wie für das gesamte palästinensische Judentum von historischer Bedeutung bleiben wird. Denn erst das Technikum wird das große Werk des jüdischen Schulwesens in Palästina, das so viele hochherzige Männer in jahrelanger Aiühe nnd unter Aufwendung großer Geldmittel errichtet haben, in würdiger Weise abschließen. Seit etwa 10 Jahren, da der „Hilfsverein der Deutschen Inden" mit der Errichtung seiner Schulen begonnen hat, ist immer mehr und mehr die Erkenntnis durchgedrungen, daß die jüdischen Schulen Palästinas nur dann gedeihlich werden wirken können, wenn sie aus der Basis des Hebräischen als Unterrichtssprache beruhen werden. Auf dieser Grundlage ist bereits ein großes, weitverzweigtes Erziehungssystem errichtet worden, das den jüdischen Eltern die Möglichkeit bietet, ihren Kindern von ihrer frühesten Jugend — in den Kindergärten — bis zu Matura eine hebräische Erziehung zu geben. Wir, die wir durch diese Erziehung bereits hindurchgegangen sind, verspüren an uns die großen, unvergleichlichen Wirkungen, die sie auf uns ausgeübt hat; und es war stets unsere einzige Sorge ewesen, daß wir gezwungen sein werden, in diese unsere ebräische Erziehung einen Riß eintreten zu lassen, falls wir unsere Ausbildung durch Besuch einer ausländischen Hochschule werden vollenden wollen. Diese unsere Sorge ist uns seit dem Tage genommen, da wir wissen, daß bald in Haifa sich der stolze Bau eines Jüdischen Technikums erheben wird, in dem der jüdische Abiturient Palästinas seine letzte Ausbildung wird erhalten können. In letzter Zeit jedoch ist diese unsere freudige Hoffnung durch Sorge getrübt worden. Im Lande ist nämlich die Nachricht verbreitet, daß innerhalb des verehrlichen Kuratoriums Meinungsverschiedenheiten darüber bestehen, welche die Unterrichtssprache des Technikums sein solle: Deutsch oder Hebräisch. Es ist begreiflich, daß die Aussicht, die Unterrichtssprache des Technikums könnte deutsch sein, uns große Sorge einflößt. Würde doch dadurch unsere ganze Hoffnung zunichte gemacht, daß es uns vergönnt sein wird, unsere Ausbildung auf der Basis des Hebräischen zu vollenden. Wieder würden wir dann gezwungen sein, in den Gang unserer Erziehung vor der letzten Stufe einen Riß eintreten zu lassen, und dieser Riß würde uns umso schmerzlicher sein, als er uns durch eine Hochschule in Erez-Jsrael selbst aufgezwungen sein würde. Ferner aber: Sollte die Unterrichtssprache des Technikums in sämtlichen Unterrichtsfächern Deutsch sein, so würde dies eine tiefgehende Rückwirkung auf sämtliche Mittelschulen Palästinas haben müssen, die doch ihre Schüler für das Technikum werden vorbereiten müssen. Auf diese Weise würde das ganze große hebräische Erziehungssystem wieder in seinem Bestände gefährdet und jenes gesunde Prinzip des Hebräischen als Unterrichts-