Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 29 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jerusalem. — Das Chalukahjudentum .und seine Weltanschauung. Das Chalukahjudentum bildet den Hauptbestandteil der Jerusalemer Jud'mheit. Sowohl was seine numerische Größe als auch was seine Bedeutung betrifft. Es gibt der hiesigen Jüdencheit ihren Charakter und ihre Farbe. Und bei aller Unorganisiertheit ist es doch so fest organisiert, bei aller Undiszipliniertheit doch so unerschütterlich festgefügt, daß. alle Anstrengung des nationalen Judentums an diesem Bau fast nicht hat rütteln können, und alles Wirken der westeuropäischen Organisation auf diese Massen schier ohne Einfluß geblieben ist. Auf keinem Gebiete hat die Renaissancebewegung in Palästina so wenig Erfolge erzielt wie auf dem der Beeinflussung des Chalukahjudentums. Schulen und Arbeitsstätten, Krankenhäuser und philantropische Wohltätigkeit, der ganze Komplex dcr Hilssvcrc inschulen und der ,.Bczalel", alle Arten der Taktik und' des Vorgehens von übermütigem Spotte und herausfordernden! Angriffe bis zu versöhnlichem Entgegenkommen und freundschaftlichem Händereichen, nichts hat genutzt und gefruchtet; und das Chalukahjudentunr steht heute allen Institutionen und Leistungen des modernen nationalen Judentums ebenso unversöhnlich und feindschaftlich gegenüber wie in den ersten Jahren nach der Herkunft Ben-Jehudäs. Chcröm folgt auf Cherem, eine öffentliche Verwarnung wird auf die andere geklebt, und zwischen den Lagern bleibt vorläufig' noch eine unüberbrückbare Kluft bestehen. So betrübend diese Tatsache auch ist, so sehr sie Heißsporne und Fanatiker von der linken Seite zu Zorn und Antipathie gegen das Chalukahjudentum stimmen mag,—will man wahr und objektiv sein, so muß pran doch zugeben, daß diese Erscheinung sehr für dasselbe spricht. Eine Welt, die allen Angriffen und Versuchungen mit solcher Konsequenz und solcher.Unversöhnlichkeit standhält, muß doch ihre innere Stärke besitzen, mutz doch über irgend welche. Eigenschaften verfügen, die ihr unerschöpfliche Borne der Kraft und der Energie sind. Wäre dieses alte Chalukahjudentunr wirklich so unterfault und morsch, wie es seine Gegner meist behaupten, es hätte doch nicht so unangreifbar allen Sturmläufen widerstehen können. Gewiß, es ist unmodern, lichtscheu, reaktionär, fanatisch, aber es ist doch geschlossen in seinem Bau- und seiner Weltanschauung. Das Gesicht, das es zeigt, ist schmutzig, bedeckt mit einer Jahrhunderte alten Schicht von Staub, die Wangen sind dürr und eingefallen, die Lippen blutleer, die Stirne, durchfurcht von Sorgen und Leiden, aber welche markanten Züge, welcher scharfgeschnittene Mund, welche tiefen, bohrenden Äugen; bei, alledem ein imponierender Kopf. Worin ruht das Geheimnis seiner Stärke?. Worin der Born seiner Kraft? Vor allem in seiner Erziehung, dann aber in der ganzen Struktur seines Lebens. Dieses Chalukahjudentum hat cs vermocht, was das nationale Judentum noch nicht fertiggebracht hat: sich seine eigene, besondere Welt zu schaffen, in der es ganz ungestört leben und alle seine geistigen Bedürfnisse befriedigen kann. Das Leben des Chalukahjuden ist ihm.einsteter Quell neuer, innerer Stärk e. Und so sehr jeder neue Tag eine neue Schwächung seines Körpers bedeutet, so sehr ist er eine neue Stärkung seines Geistes und seiner Seele. Je länger ein solcher Jude in seiner Welt geweilt hat, um so gefestigter wird er. Die Greise in diesem Reiche sind seine fanatischsten Anhänger. Um das Chalukahjudentum zu verstehen, gibt es nur einen Weg: den psychologischen. Man muß zum Verständnis der Seele eines einzelnen Chalukahjuden Vordringen, und man hat dieses ganze Judentum erfaßt. Denn einer ist wie der andere. Gewiß, es gibt unter diesen Menschen gute und schlechte, bescheidene und stolze, edle und brutale, ehrliche und unehrliche, aber als Chalukahjuden, in ihrer Psychologie als Juden, in ihrem Denken und Fühlen als Juden, sind sie in der Hauptsache sich alle gleich. Das Charakteristikum dieses Reiches ist die Monotonie, jedes Mitglied ist ein.Typus, und die Mauern, ..die es umgeben, sind alle mit derselben schmutziggrauen Farbe getüncht. * Verfolgen wir eiümal das Leben eines solchen Chalukahjuden! Das Licht der Welt — Licht kann man es kaum nennen — erblickt er in irgend einem ärmlichen', schmutzigen Zimmer, das man in manchen Stadtteilen ein Hundeloch nennen kann. Der erste Strahl, der in sein Auge fällt, ist das gelbgraue Halbdunkel, das von dem hellen, glänzenden Sonnenlicht noch übrig bleibt, nachdem es sich durch die unzähligen Winkelgassen, Dachvorsprünge und Treppenstufen in das Zimmer hineingezwängt hat; der erste Geruch, den seine Nase aufnimmt, ist der ekelerregende Pestgeruch einer Jerusalemer Gasse mit ihrem Schmutze, der nie fortgeräumt wird, mit, ihren Aborten ohne richtige Kanalisation; und der erste Laut, der in sein Ohr dringt, ist das Zanken blutleerer Frauen, das Lärmen verdienstsuchender Makler oder das Schreien ewig zürnender „Melameds". Die Mutter, vielleicht erst eine Frau von 30 Jahren, die wie eine 50jährige aussieht und sicherlich bereits einem halben Dutzend Kinder das Leben geschenkt hat, blickt mit der ganzen unergründlichen Liebe einer jüdischen Mutter aus dieses Sorgenkind und reicht ihm ihre dürre Brust als kärgliche Nahrung. Der Vater, einer jener unzähligen Juden, die, eigentlich beruflos, allen Berufen obliegen und heute abend nicht wissen, wovon sie morgen sich ernähren sollen, rennt tagsüber auf der Gasse herum, immer beschäftigt, weil er keine Beschäftigung hat und kommt ' nur spät abends, müde, niedergeschlagen, mürrisch nach Hause. In einem ärmlichen Zimmer, in dem Vater, Mutter und 'Kinder wohnen und schlafen, wächst der Junge heran, ohne jemals die Freuden der Kindheit wirklich genossen zu haben. Mit süns Jahren schickt man ihn ins Cheder, wo er mit 20 anderen Kindern zusammen von einem etpig mürrischen und schreienden Melamed den ganzen Tag Äer unterrichtet wird. Hier wird bereits das Fundament seiner ganzen Weltanschauung gelegt, hier wird seinem Geist bereits jene eigenartige Richtung verliehen, die für den Ghettojuden so typisch ist, hier wird diese zarte Seele bereits völlig zurechtgeknetet nach der Schablone der Väter und Vorväter bis in Jahrhunderte zurück. Man kann gar nicht die Macht eines solchen Cheders auf die Seelen seiner 'Zöglinge ermessen. Wenn eine Schule nicht nur Unterrichtsinstitut, sondern vor allem Erziehimgsanstalt sein soll, so übertrifft der Cheder alle anderen Schulen der Welt. Es darf auch nicht wundernehmen. Um wieviel auch die moderne Schule an Reichtum des Wissens, das sie vermittelt, an Mannigfaltigkeit der Bildung den Cheder um ein Ungeheures übertrifft, an der Intensität seines Lernens und 'Erziehens kann sie sich gar nicht mit dem Cheder vergleichen. Man denke: Von 8 bis 5, 6 Uhr fitzt der Junge und lernt immer dasselbe: in den ersten Jahren Tauroh, dann Gemarah. In Wahrheit ist beides nur eins und dasselbe. Tie Art und Weise, wie in diesen Cheders die Thora unterrichtet wird, ist schon ganz die der talmudischen Dialektik und Pilpulistik. Als ich eine dieser Talmud-Thoras besuchte, war es mir außerordentlich intereffant und charakteristisch, daß bei den Prüfungen der Kinder, die der mich führende Gabbai vornahm, die Jungens sehr gut im Drusch, in Raschikvmmentar, in den Bemerkungen der Agadah bewandert waren, den einfachen, klaren Wortlaut aber und seinen natürlichen Sinn meist nicht wußten. So lernen sie trotz mehrjährigen Taurohlernens in Wirklichkeit die Bibel nicht kennen und erhalten nie einen Begriff von ihrer grandiosen Einfachheit und ihrer schlichten, erhabenen Größe. Es liegt das in der ganzen Struktur der logischen Bildung ihres Geistes begründet. Wenn eine Sache einfach ist, — wozu es wissen? Das Selbstverständliche ist ihrem Geiste das Entfernteste und Fremdeste; von einfacher, gesunder Logik verstehen diese an die schwierigsten, scharfsinnigsten Haarspaltereien und logischen Saltomortales gewöhnten Köpfe am wenigsten. So wird der Geist eines solchen Jungen gebildet. Und seine Seele wird gleich mit seinem Eintritt ins Cheder nicht minder straff geformt und in die seit Jahrhunderten festgelegte Form gegossen. Vom ersten Tage an wird er gleich kopfüber in die Welt des Ghettojudentums hineingestürzt, und diese Welt mit ihrem Gotte und ihren Engeln, ihrem Gan-Eden und Gehinnom, ihren Gesetzen und Geboten, ihren Hoffnungen und Wünschen, ihren Freuden und Leiden, ist ja so wirkungsvoll, so festgebaut, daß die Seele des Kindes ihr ganz verfällt. Es gab und gibt wohl wenige Weltanschauungen, die geschlossener und einheitlicher sind als die des Goluthjudentums; was können alle Prinzipien moderner Pädagogik ausrichten, gemessen an der Wirkung dieser Weltanschauung auf zarte Kinderseelen? Hinter diesem Melamed, der da mit strenger Miene auf dem Katheder sitzt und unter heftigem Schütteln seinen Schülern vorlernt, steht das Ghettojudentum mit seiner jahrhundertelangen Tradition, stehen die Generationen aller Väter und Vorväter; nicht der Melamed erzieht, sondern das ganze Goluthjudentum durch ihn. Und wenn dann der Knabe 16jährig die Talmud-Thora verläßt und dann — wenn er begabt ist . in die Jeschibah übergeht oder gleich ins Leben hinaustritt, dann ist er ein Fertiger. Im Alter, da bei uns erst die innere Erziehung beginnt, da der Jüngling anfängt, sich die Grundlagen seiner Weltanschauung zu legen, hat dieser Jerusalemer Knabe all dies bereits hinter sich. Meist dokumentiert er diese seine Reife durch die Heirat, die hier mit 17, 18 Jahren schon erfolgt. Aber auch wenn er noch ledig bleibt, in seinem langen Rock mit Gürtel,' mit seinem langen gekräuselten Peehs gleicht er bereits ganz den erwachsenen Männern, er hat keine Zweifel mehr.