Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 28 (18.7.1913)
- Date
- 1913-07-18
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28___ sic langsam, jedes Wort wägend und scharf betonend, fort: „Ich .habe über diese Sache lange nachgcdacht, nach reiflicher Ueberlegung bin ich jedoch zu der Ucberzeugung gelangt, daß ein preußischer Richter niemals einen unbescholtenen Mann wird verhaften und unter Anklage stellen lassen, wenn er nicht vollgültige Beweise für die Schuld des Betreffenden in Händen hat." Müller bekam einen roten Kopf. Er wich den Augen seines Weibes aus, aber seine Stimme klang scharf wie nie: „Es wäre mir lieber gewesen. Du hättest Dich gar nicht mit dieser Angelegenheit beschäftigt. Aber ich will Dir antworten: Das' Recht verlangt eine Sühne für die Untat. Wir haben nicht den leisesten Anhalt dafür, daß ein anderer den Mord begangen haben könnte; ein vollständig genügender Beweis für die Unschuld des Perez ist nirgends erbracht . . . überdies bezeichnet ihn des .Volkes Stimme als den Täter, Er war Insulten ausgesetzt, darum, zu seiner eigenen Sicherheit, habe ich ihn verhaften lassen." Sie lachte laut auf: „Das — das ist ja sehr schön! Es ist auch sonnenklar: kein Zweifel, daß Perez den Mord verübte; denn wenn man einen anderen Täter wüßte, würde man Perez nicht anklagen. O, weiser Daniel! O, gerechter Richter! Weil Unkenntnis und. Kurzsichtigkeit auf keine andere Spür hinleiten, wird der Nächste, Beste, am Kragen gepackt und angeklagt; statt einen schwachen, bis heute makellosen Mann vor der Pöbelwut durch Gesetz und Recht zu schützen, wird er einfach verhaftet!" Die junge Frau hielt sich. nicht länger, ihre schwarzen Feueraugen unverrückt auf das Antlitz ihres Gatten heftend, rief sie glühend: „Sagtest Du nicht, ich besitze kein Rechtsgcfiihl? Wenn Du das getan hast, dann hast Du Dich und das Recht blamiert!" „Christine!" schrie Müller in'Heller Wut, „ich will nie wieder von Dir in dieser Sache etwas hören!" „Mir auch recht," sagte sie kalt, „reden wir von etwas anderem!" „Jawohl!" Er ging mit starken Schritten im Zimmer auf und nieder; cs dauerte lange, ehe er seiner Erregung Herr tvurde. Plötzlich Ivandte er sich jäh um und fragte kurz: „Warum besuchst Du Thorncirs nicht mehr?" Christine errötete: „Wer hat sich darüber aufgchalten?" „Weder der Dollar noch seine Frau," entgegnete Müller finster, „beide sind vornehm genug, Aufmerksamkeiten vermissen zu können, welche wir ihnen dank alter Verpflichtungen immer schulden werden. Aber andere Leute wundern sich, daß Du die bewährten Freunde vernachlässigst." „Andere Leute!" wiederholte sie ironisch; „ich verfüge über meine Zeit, toie ich Lust habe, damit gebe sich Zladno zufrieden." Sie wollte das Zimmer verlassen, er hielt sic zurück, und in einen bittenden Ton übergehend, fragte er leise: „Wäre es nicht besser, Christine, Du schicktest die faule Dirne fort?" „Andere Leute würden sagen: Was ist die Frau Amtsrichter Müller doch für ein Hallsteufel! Erst ist ihr Pelagia davongclaufen, daun Hanne, — nicht einmal die kleine Franja hielt bei ihr aus! Nein, mein Schatz, Franja bleibt. Wir müssen uns auch einmal nach „anderen Leuten" richten." Sic rauschte lachend hinaus, er blieb in der allerverdrossensten Stimmung zurück. Das Unglück wollte es, daß durch eine Zwischentür die verhaßte Zofe eben ins Zimmer trat, einen Brief in der Hand. „Was suchen Sie hier?!" herrschte sie der Amtsrichter an. „Haben Sie wieder spioniert? Machen Sie, daß Sie hinausllimmen!" „Ich habe gewiß nicht spioniert," beteuerte die Kleine fast weinend, „eben hat jemand diesen Brief in Herrn Amtsrichters Zimmer geworfen." „Schließen Sic die Fenster," rief Müller zornig, „dann wird solcher Unfug nicht geschehen!" „Der Herr Amtsrichter hat es selbst aufgemacht." „Genug! Briefe, die auf ungehörige Art ins Haus kommen, nehme ich nicht an. Werfen Sie den Wisch ins Feuer." „Das Feuer ist mir ausgegangeu," stammelte 'Franja, fassungslos über die drohende Miene des Gebieters. "Normal School Bovano I Weserstr. 7. SpratilBII-DBbBFSBtZUnp. Tel. 12428.1 Privat-Zirkel- und Klaasenunterricht. H Besondere Zirkel fflr Damen kesserer Kreise. I Oeffentl. Probestunden Mittwochs um 11,5,7 u. 9 Uhr. W Frankfurter Israelitisches Familfenblatt. „Sie sind eine dumme Gans!" schrie Müller aufgebracht. „Geben Sie das 'Ding her und scheren Sie sich zum Kuckuck!" Der Amtsrichter galt allgemein für einen besonnenen, ruhigen Mann; nur wenige, seinem intimsten Privatleben nahestehende Freunde wußten, daß diese Besonnenheit und Ruhe durch sein Amt und seine Jahre mühselig errungen waren, daß Müller in Wahrheit ein leidenschaftliches Temperament hatte. Er verstand, sich vortrefflich zu beherrschen, dennoch gab es Zeiten, wo ihm die kühle, vornehme Maske abfiel und darunter ein ungebändigter -Naturmensch zum Vorschein kam. Heute brach solch ein kritischer Tag für seine Geduld heran, dessen Sturm und Wettern diese künstlich gezogene Treibhauspflanze durchaus nicht gewachsen war. Er knitterte das Papier verächtlich zusammen: „Ein anonymes Pamphlet!" dann las er es aber doch. „Geschieht cs mit Wissen und Willen des Herrn Amtsrichter Müller, daß seine Frau Gemahlin mit dem jüdischen Referendar P. H. eifrig brrrespondicrt? Weiß der Herr Amtsrichter, mit wem Frau Christine M. öfters des Mends an der Marienbuche geheime Zusammenkünfte hält? Ein ungenannter Warner." „Ein unbekannter Schafskopf! Wenn ich den biederen Schreiber erwische, werde ich ihm ein Paar Maulschellen verabreichen. Vielleicht hilft mir Christine, dieser Handschrift ans die Spur zu kommen." Er eilte nach ihrem Zimmer. Christine fuhr bei seinem Eintritt erschrocken zusammen; Müller sah noch, tvie sie eine Handvoll Briefe zusammenrafste und flink in eine Schublade ihres Schreibtisches beförderte. „Was schreibst Du da?" ftagte er verwundert. „Ach, ich buche Rechnungen," sic schloß, wie sie glaubte, von ihm unbeachtet, geschwind ihren Schreibtisch ab. „Wünschest '3u etwas von mir, Heinrich?" Einem dunklen Jnstinll folgend, verschwieg Müller plötzlich den Grund seines Kommens. Er antwortete nicht sogleich. Bei dem hastigen Zusammenrollen der Papiere war Christine ein beschriebenes Couvert entfallen. Müller ivußte im Augenblick selbst nicht, warum er seinen Fuß darauffctzte. „Ich wollte Dich eigentlich zu einem Spaziergang auffordern, liebe Frau, es ist prächtiges Wintertvetter." „Sofort." „Nein, nicht sofort. Ich habe den Nachmittag über zu arbeiten. Gegen Mend, so unt sechs." „Schatz, die Zeit ist mir ungelegen." (Fortsetzung folgt.) J. W. Albert, Optik Pits - n. Pincenez Doublö Mk. 7.50, Nickel Mk. 4.00. Weissfrauenstrasse II, Ecke Neue Mainzerstrasse. Kunst und Literatur. Aus dem Ghetto. Erzählungen aus dem vorigen Jahrhundert von Moritz Steinhardt. 2. Auflage, 156 Seiten, geb. JL 2.—. Leipzig, Gustav Engel. Der Berfasser hat die Erinnerungen seiner Kindheit liebevoll festgehalten. Es ist die alte ungarische Judengemeinde Eisenstadt zu einer Zeit, da Eisenstadt noch abseits von dem Weltgetriebe lag und sich noch Originale in seinen Gassen entwickeln konnten, mit der der Leser bekannt wird. Ob er die Zeit zurück wünscht? Vielleicht die Ruhe, — jedoch nicht die Enge dieser Gassen; vielleicht die Poesie, — jedoch nicht die Prosa dieses Lebens. Geist des Ost e n s. Monatsschrift für Asiatenkunde mit Bildern. 1. Jahrgang, 4. Heft. Vierteljährlich 2,50 Ji. Herausgeber: Dr. phil. Hermann von Staden. Verlag: Verlag des Ostens (H. v. Staden), München. Inhalt: Mahmud Schewket Pascha (Dr. Ernst Jäckh) — Das Eingeboren-Problem in Formosa (Dr. Fritz Wert-' heimer) — Ueber religiöse Vorstellungen und Bolkssitten der Tibetaner (Dr. Erich Zugmayer) — Das chinesische Schachspiel (B. Greiser) — Menschentat und Schicksal nach indischer Auffassung (Dr. Will). Jahn) — Die Siebenschläferlegende (Dr. Wilh. Weyh) — Die Erzählungsliteratur der Jaina (Prof. Dr. Hertel) — Heimführung einer Nebenfrau in China (A. Nagel) — Bücher usw. Die Zeitschrift will ihre Leser mit der Gedanken- und Empfindungswelt der Völker Asiens bekanntmachen. Das vorliegende Heft bietet in reicher Fülle interessante Aussätze. Hacschkol. Hebräisches Sammelbuch sür Wissenschaft und Literatur. Herausgeber: Rabb. Dr. Günzig-Loschitz (Mähren). Bd. 7. Kr. 3.—. Selbstverlag. Die Iiidische Welt. Literarisch-Gesellschaftliche Monatsschrift. Abonnement: Rußland 4 Rbl., Ausland 5 Rbl. jährlich, Wilnaer Verlag von B. A. Klezkin. Heft 6. Inhalt: Rote Lilien (David Einhorn) — Meine Sichraunaus (Perez) — Das neue Leben (Sch. Asch) — Lieder (M. Teitsch) — Waaseh Ger Zedek (A. M. Dik) — Neue jüdische Literatur (Sch. Niger) — Heinrich Heine (Dr. R. Seligmann) — Die jüd. Kolonisation in Palästina (I. Lewin) — National- und Sprachfrage in Belgien Entc 5. (I. Podrusschnik) — Statistik der jüd. Gemeinden Rußlands und Polens (M. Schallt) — Reue Bücher usw. Duisburger Kaufmännisches Fach-Institut für Privatunterricht, kaufmännische Praxis und moderne Kontor-Ausstattung. Einzige deutsche Handelsschule mit lehrplanmäßig angeschlossenen Geschäftskontoren. Katalog. 136 Seiten. Duisburg, Königstr- 53. Offenbaeher Druckluft - Anlage Ottenbach a» H. Telefon 123. (Anschluss mit Frankfurt). Bewährteste Tapplchrallllgaiig, 100,000 qm jährlich sowie unübertroffene Betten- und Bettfedernreinigung mittelst Druckluft und Wasserdampf. Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. X. - Gegen Gicht und Bheumatisnms bewährt. Alleiniger General-Vertreter: Friedrich Stahl, Frankfurt a.M., .Günthersburg-Allee 37 .-TeL259 u. 714. Wocheir-Kalender. (Zeitangaben nach dem Losch.) Samstag, den 19. Juli (= 14. Turnus.) Sabbat-Anfang in Frankfurt a. SW. 7 Uhr 50 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 9 Uhr 25 Min. in Berlin 9 Uhr 15 Min Wochenabschnitt: Pinchas. — Pinchas, der Sohn Eleasars, ersticht in heiligem Eifer den jüdischen Stamm-' fürsten Simrk nebst einer midjanitischen Stammfürstin, da sie öffentlich den Mfall zeigten durch Vermischung Israels mit den Heidenvölkern. Daraufhin erfolgt eine Zählung Israels nach den Einzelstämmen. Es wird der Verteilungsmodus für das einst in Besitz zu nehmende Land Kanaan mitgeteilt, die Stammes- und Familieuzahl bilde den Maßstab. — Zelofchads Töchter beanspruchen einen Landanteil für ihren verstorbenen Vater. Moses befragt Gott. Der Anspruch wird als gerechtferllgt erachtet. Das Erbfolgerecht wird dabei fixiert. Moses bestellt zu seinem Nachfolger de» Josua. Er autorisiert ihn durch „Händeauflegen." Den zweiten Teil der Sidra bilden die Opserabschnitte: Das beständige Opfer und die sogenannten „Zugabeopfer" für Sabbat, Neumond und Fasttage. Lehre: Das beständige Opfer lehrt die beständige, d. h. alltägliche Lebensweihe; die Zugabeopfer lehren die gehobene Weihe des betr. Tages. Dienstag: S chiwo-O sor-be-T amns, erinnernd an die Eroberung Jerusalems durch die Röiner. Gairztägiger Fasttag. Einschaltung von Selichaus und Aneinn im Morgengebet. Verlesung des 'Abschnittes Wajechal. - Mit dem 17. Tamus beginnen die sogen. „3 Wochen" bis 9. Aw dauernd. Haarabnehmen. Hochzeiten, auch sonstige Vergnügungen unterbleiben. Die Benediktion „Schehechijonu" spricht man, wenn Gelegenheit dazu geboten, nur am Sabbat. Wochengottesdienste in Frankfurt a. M. Morgens: 6 Uhr (Hauptsynagoge 7 Uhr, Synagoge Königsteinerstraße 7 Uhr 30 Mi».). Wends: 7 Uhr 15 Min. (Hauptsynagoge 4 Uhr, Synagoge Königffeinerstraße 7 Uhr). Allgemeine Mitteilungen. Eine originelle Reklame " bringt in diesen Tagen die bekannte Firma Glocken- Drogerie von Apotheker Saßmann (Allerheiligenstr. 53) heraus, die im besonderen den Sammelinstinkt von Kindern und Erwachsenen anregen und befriedigen wird. Natürlich sind es Reklamemarken, aber doch solche, die von den allgemein vorhandenen wesentlich abweichen. Es handelt sich um Spezial-Flaggen-Reklamem a^r k e n, die in sechs einanderfolgenden Serien zu je 25 «tück von der erwähnten Firma herausgegeben werden. Im ganzen werden es'150 Flaggenbilder sein, die Flaggen aller Länder und Völker der Erde darstellen. Was aber das Originelle dabei ist, die meisten Marken bringen außer dem Namen der Firma auch eine Reklamebezeichnung, die zu der Flagge oder zu dem betreffenden Lande in gewissen Beziehungen steht. So werden bei der Flagge von Bulgarien „Rosenöl und Parfümerien", bei der von Norwegen „Lebertran, Lebertran-Emulsion", bei der von China „Tee" empfohlen, und die Sammler lernen auf diese Weise das Ursprungsland vieler Waren kennen, die in einer Drogerie gehandelt werden. Stellt doch so eine moderne Drogerie gewissermaßen einen Stapelplay von Erzeugnissen der verschiedensten Art aus aller Herren Länder dar. Eine Sammlung von Flaggenbildern mis aller Welt dürfte aber für viele «ammler von besonderem Interesse sein. Die Marken selbst werden kostenlos bei entsprechendem Einkauf in der Glocken-Drogerie abgegeben. Die Gefährlichkeit des Wassers inderKüche. Manche Köchinnen wissen leider nicht, wieviel Schaden das Wasser beim Kochen verursachen kann! — Denn sie kennen die Rolle nicht, die das Wasser beim Kochprozeß zu übernehmen hat. Beim Kohlenherd, bei dem die ganze Wärmeentwicklung nur vom Boden des Kochtopfes aus erfolgt, übernimmt das Wasser den Transport der Hitze vom Topfboden nach dem übrigen Raum des Topfes dadurch, daß das erhitzte Wasser nach oben steigt und der kühlere Teil nach unten sinkt. Diese Bewegung setzt sich während der ganzen Kochdauer fort, sodaß ein vollständiges Auslaugen der darin befindlichen Speisen stattfindet und die edelsten Teile derselben in das Wasser übergehen. Beim Kochen von Rindfleisch ist das nicht schlimm, denn bis zu einem gewissen. Grad ist dieser Kochvorgang hier ein gewollter! ''Aber beim Kochen von jungen Gemüsen, Spargel», jungen Erbsen, Blumen-