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Neue jüdische Presse · 1913-07-18 · Heft 28 (18.7.1913) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 28 (18.7.1913)
Date
1913-07-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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g&s. Spaziergängen in den Massen des Jndenviürtels mllnchmen werden, und' kein noch so pauswangiger Optimismus wird es vermögen, ihre gute Laune zu erhalten, wenn sie all das Elend dieser Quartiere wahrnehmen werden. Wem die gute Laune das Höchste in der West istsoll in Jerusalem nicht mehr als drei Tage weilen. (Die Tatsache, daß die meiste Reisenden diesen Rat befolgen, beweist) wie hoch die gute Laune in dieser Welt bewertet wird.) Auch derjenige, der nach! Jerusalem kommt, um dann bei seiner Rückkehr nach! Westeuropa von der hohen Tribüne herab auf die „schmutzigen, widerwärtigen Schnorret und Chalukahjuden Jerusalems Winken zu können, braucht nicht langer als eine Woche in dieser Stadt Au weilen. Wer aber diese Stadt verstehen will, wer ein wahres Verständnis der Lage dieser Chalukahjuden gewinnen will, der muß. schon längere Zeit dom Aufenthalte in. Jerusalem! widmen. Zu erkennen, daß diese Juden arm sind, ist sehr leicht zu sehen, daß sie im Kaftan und mit Pechs herumgehen, noch leichter; eine Erstellung von der Größe ihres Fanatismus, chres Aberglaubens ihres unversöhnlichen Hasses gegen jedes Nene, gegen jede Zivilisation zu erhallen, iß auch nicht schwer; — aber die Ursachen dieses Zustandes Au erkennen, in die Psychologie dieser Menschen näher einzudringen, däs ist schwer, ungeheuer schwer. Dann sie bilden einen Kreis, in den «inzudringen dem Fremden fast unmöglich ist, Mißtrauen und Fanatismus bilden Mauern, durch die kein Unberufener hindurchgelangt. Und ein kurzer Rock, ein weißer Kragen, ein bartloses Gesicht genügen, um Dir sür immer ein Bekanntwerden mitdiesen Juden fast unmöglich zu machen. Und so gern ich in Palästina so München Anforderungen europäischer Kultur entsagt habe, — meinen Rock gegen einen Kaftan zju vertauschen und auf den sauberM Kragen Au verzichten, das vermochte ich denn doch nicht! Und so darf ich mich. auch nicht dessen rühmen, WirÜich ein volles Verständnis des Chalukahjudentums gewonnen zu haben. Immerhin: die Stimmung des Zornes, der Feindschaft — kann ich beinahe sagen —, die mich in den ersten Tagen meines hiesigen Aufenthalts immer ergriffen hat, wenn ich einen dieser bleichen, mageren Jünglinge mit Peehs und StreimÄ er- Hidt habe, ist nach und nach verflogen und hat einer solchen namenlosen Mitleides und Erbarmens Platz gemacht. So manche Streifzüge durch die Judenviertel, so Manche Unterhaltungen mü gründlichen Kennern Jerusalems, so manche - Besuche in Jeschibahs und ChedariM haben mich dem Verständnis dieser seltsamen Welt nähergebracht. Die Tore, die sie verschließen, hat man mir allerdings nicht geöffnet; aber das stete Herumspivnieren um die Mauern hat mich doch so manche Ritze und Spalte entdecken lassen, durch die ich hindurchzuWhen vermochte. Und . was sich, mir da gezeigt hat, ist — so wenig es ist, gemessen an der ganzen Eigenart dieser SBelt für sich — doch so mannigfalttg und interessant, daß es demjenigen, der nie mll diesem Reiche des Chalukahjudentums in Berührung gekommen ist, doch eine leise Ahnung vom Wesen dieses Reiches Au geben vermag. Und. es ist ein Verdienst um diese Judcnheit, den westeuropäischen Juden diese Ähnung zu vermitteln. Denn hier wie überall gilt das Wort: „Nicht Haß und nicht Liebe, nur das Verstjändnis kann wirken." Ans ftett Ereigiüffe« des Tages. , 4Hn kräftiges Wort zur rechten Zelt! Wahrlich, das war eine große Stunde, ein großer Wioment: unser Leid wurde der Welt geklagt; nein, nicht geklagt wurde — schon längst sind wir zu leiden ohne zu klagen gewöhnt —, Indern au ge klagt, jangeklagt wurde die zivilisierte Welt, daß sie die russischen Greuel an uns Juden ruhig mll ansieht; und -deshalb schlugen die versammelten Notabeln des 5. Mädchenhandelskongresses die Augen nieder, als sie die Anklagen des englischen Chief-Rabbi Dr. Hertz vernahmen. Wie lautete diese Anklage? „Hier ist es weder an der Zell, noch ist hier der Platz, das wirtschaftliche Elend in denjenigen Ländern An . schildern, wo die Leiden meines Volkes bis an die .Grenze des Erträglichen angelangt sind. Gestatten Frarckfurter. Israelitisches FamiÜeMatt. Sie mir aber, Ihre Aufmerksamkeit aus eine Tatsache zu lenken, die vor einigen Wochen durch den Letter der liberalen Partei in der russischen Duma, Prpf. .Mlljukow, Anr Kenntnis .der Welt gebracht wurde. Sechs Millionen meines Volkes sind in dem Ansiedlungsrayons Rusfischi-Polens zusammengepfercht, und nur in den seltensten Ausnahmesällen wird es einem Juden oder einer Jüdin erlaubt, außerhalb dieses schmalen Stteifens des westlichen Rußlands zu wohnen. Wenn jedoch eine Jüdin sich daAu hergibt, ein Leben der Schande zu leben, dann erhält sie die Erlaubnis, unbehelligt in den weiten Gebieten des Zaren zu leben. Noch tragischer ist das Folgende: Der einzige Wetz, auf dem z. B. eine Anzahl jüdischer Studentinnen den Zugang In den Universttäten von St. Petersburg und Moskau erlangt, ist der, bei der Polizei um ein „gelbes Billet" <- das Zeugnis der Schande —\ einzukomMen. In früheren Zellen pflegte die Polizei diese Fälle zu vertuschen, und wenn sie fand, daß diese Studentinnen in Wirklichkeit ehrbare! Mädchen waren, des Lichtes der Wissenschaft bögierig, wurden sie ohne weiteres ausgewiesen. In den letzten Monaten jedoch geht diö Behörde noch einen Schritt weiter und besteht darauf, daß siö ihr „gelbes Billet" durch ihre Lebensführung rechtfertigen. Und wenn sie sich weigern, geht die Polizei dazu über, selber die Mädchen zu schänden! Meine Damen und Herrön! Dieses Leid ist. zu fürchterlich, als daß es Tränen entlockt, diese Abscheulichkeiten sind so schrecklich, daß sie jedes Kommentars spotten. Nur wird meinü Darstellung Ihnen zeigen, warum ich! einen Kongreß begrüße wie den Ihrigen, ddr sich zur Aufgabe Macht, den Sündensall der Jugend eines jeden Volkes zu verhüten. Dieser Kongreß kann, mll G. Hilfe, eine öffentliche Meinung bilden, die imstande ist, den Zynismus der kosakischen Bureaukratie zu überwinden." „Dieser Kongreß kann eine öffentliche! Meinung bilden, die imstande ist, den Zynismus der kosakischen Bureaukratie zu überwinden." Gewiß kann er es ebenso gut wie die viör Vorhergehenden Internationalen Kongresse zur Unterdrückung des weißen Sklavenhandels und wie auch all die anderen Kongresse zur Verteidigung der Menschenrechte; — allein es fragt sich, ob mll dem Können auch der nötige Wille zum Handeln gepaart ist. Dies aber Muß! bezweifelt werden! Schon die bloße Tatsache, daß für den 6. Kongreß Zur .Unterdrückung dös Mädchenhandels als Versammlungsort Petersburg, jenes heilig« Petersburg, in dem die „gelben Billüts" so gern an unbescholtene.Mädchen verabreicht werden und in .dem deren Besitzerinnen zur Ausübung des Berufes angehalten werden, bestimmt wurde) beweist, auf welchen schwachen Füßen der gute Wllle zum.Eingreifen steht! Und. doch Ovaren die kraftvollen Worte des Chief-Rabbi nicht vergebens gesprochen! Nicht di« zarische Regierung allein saß auf der. Anklagebank, sondern mit ihr der gesamte Kongreß als stillschweigender Mitschuldige! Und wenn auch dieser Mitanklage keine Worte verliehen wurden, so geschah es aus kluger Berechnung: eine'stille, stumme Anklage wirkt auf verständig« Leute viel mehr als eine bare dt e. Die Todesl stille, die während der Rede des Chief-Rabbi im Kongreß- Herrschte, bewies, welch tiefen Eindruck seine Wirte auf die Anwesender Machte. Ueberhaupt imponierte die .Rede mit ihrer Schlichtheit und Ungeschminktheit und durch das Fehlen jedes Politisierens und jeder Rücksichtnahme gegen oben, — gegen di« englische Regierung, die im. Nachlaufen Rußlands sich nicht genug tun kann. Es war ein kräftiges Wort zur rechten Zeit, und dafür wissen wir und Mit uns das ganze Mische Volk dem Sprecher Dank. Brief aus Rußland. Ich glaube' nicht, daß man mich des bodenlosen Optimismus anklagen wird, wenn ich) angesichts der letzten Ereignisse in Rußland) sage: das politische Leben beginnt sich zu regen. Es - sind gewiß reine großen und bedeutungsvollen Momente, die diese Regung verkünden, und, einzeln genommen, sind sie wohl kaum der Beachtung wert? Aber Är. 28 das Gesamtbild, daß diese {feinen Striche ergebe», deutet wohl darauf hin, daß die Reaktion im! Volke keine Dtätte Mehr hat, und daß die Regierung immer mehr und.mehr isoliert dasteht.. Das bestätigen die Vertreter sämtlicher Parteien, in diesem Sinne äußerte sich mir gegenüber ein sozialdemokrattscher Dmuadeputierler, und angesichts dieser Erscheinungen schreit Purischkewitsch von der drohenden Revolution: „ . . Diese Momente sind bekannt: die vierte Duma ist trotz der schrecklichsten Repressalien bei d'ün Wahlen etwas liberaler als die dritte. Die Oktobristen, denen ihre Politik von den Wählern quittiert wurde, erschienen in der vierten Duma oppositionell gestimmt, ein Präsidium aus Verttetern der ‘ Linken wurde gewählt, in vielen Fragen blldete sich eine linke Majorität, «ine Formel, die in den schärfsten Wvrten die Politik düs Ministeriums des Innern und die Judenverfolgungen verurtellt, wurde angenommen, Kokowzow, der Ministerpräsident, hielt einige liberale Reden, gezwungen von der Verschiebung der Parteien nach links, die Regierungspolitik wurde verurteilt sogar von ehemaligen Gouverneuren und Ministern rc. Andererseits verschärfte die Opposition in dör Duma ihren -Ton, sie verwarf in vielen glänzende Rüden Miljukows, 'Konowalows u. a. die Judenverfolgungen, sie Mach vom Schaden, den diese dein russischen Volke zufügen. . . Und dazu die diplomatische Niederlage Rußlands, das den flapischen Bruderkrieg trotz der persönlichen Einmischung des Zaren nicht abwenden Lunte! Ist doch durch diesen Krieg der Panflavismüs, der offiziell oder unoffiziell, eine der Grundlagen der eng-nationalistischen russischen Politik bildet, ins Lächerliche gezogen worden. . ." Die Tragödie des russischen Lebens besteht nun darin, daß all dieses ausgehende Licht in schärfstem Widerspruche zur ultra-reaktionären Politik der Regierung steht, hauptsächlich wiederum den Juden gegenüber. Kokowszows Versprechungen in der DuMa sind eben nur Versprechungen geblieben. Der Konflill zwischen Regierung und Volk wird immer deullichcr, und wenn man auch vorläufig von keiner Krisis sprechen kann, so wird doch die Kluft immer breller und weiter. Ist verstehe' sehr gut die Entstehung der Gerüchte, daß di« vierte DuMa aufgelöst werden wird, obwohl die Gerüchte kaum verwirklicht werden werden. Die Wirllichkeit ist aber, wie ich schon gesagt habe, schwarz und finster, sür uns Juden besonders. Ich will nicht an die einzelen Moment« der ständig wachsenden tragischen Lage von 6 Millionen Menschen erinnern. Als Beispiel« mögen dienen die letzten Massenausweisungen und Arrest« in Kiew, die neuen .Zirkulare gegen die Juden des Aufklärungsministers Kasso, die Beilis-Affäre rc. Die Lage der Juden wird sell dem Tode Stolypins und besonders seit dem Beginn der vierten Duma immer schlimmer, wie es der Deputierte der dritten DuMa Nisselo witsch richttg bemerk hat, über dessen jüngste Aeußerungen einem Mitarbeiter dieser Zeitung gegenüber ich übrigens etwas bemerken wollte: Ich habe die energische und aufopferungsvolle Arbeit Msselowllschs in der dritten Duma stets Au würdigen gewußt. Seine letzten Aeußerungen, die, nebenbei bemerkt, für mW nichts Neues enthielten, weisen aber Meiner Ansicht nach einen großen Fehler seiner Tallik auf. Nisselowitsch gesteht, daß er für sein Projekt der Abschaffung des Rayons die Ollooristcn für die Juden „gewinnen" wollte, das Schicksal der Juden stellt er in Verbindung Mll einer zufälligen Majorität in der Kommission. In diesen Fragen war er „Realpolitiken, aber eben zu sehr. Die Frag« der jüdischen Rechtlosigkeit, ist eines der Grunpproblente des russischen Staats- und Volkslebens überhaupt, mit unserer Rechtlosigkell wird auch das alte reaktionäre Rußland fallen und eine neue Periode der russischen Geschichte beginnen. 'Eine solche Frage kann durch keinen Zufall und durch keine Ueberredung gelöst werden. Die Stimmüng der Ollobristen ist, wie di« einer jeden gemäßigt liberalen Pattei, wie zj. B. der deutschen Nationalliberalen, sehr wechselnd und von der Regung .des gesamten Landes abhängig. Ueberredungen sind hier lächerlich und können die Juden nur dislleditieren. Es kommt , noch hinzu, daß pie Abschaffung des Rayons doch niemals ins

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