Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 28 (18.7.1913)
- Date
- 1913-07-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint wöchentlich am Freitag. Mrnwaprri» pr« Nirrtrtjahr: In Frankfurt >. M. Mt. 1.— frei uä HauS. Bei . der Post abonniert 90 Pfa-, frei in» Hau» 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei ZufeÄung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Ml. 1.59, für Rußland I Rubel, für alle übrigen Länder Ml. 2.— Einzel - Nummern losten 10 Pfg. Redaktion und Grpedition: Franklurl a. M. » Catiseftr. 7. Fernsprecher Amt I. 10507. Herausgeber: Hals Hei». pnan ,.j j-■> aa.-. h'.'.l ====n Jnsertionsprris für die fünfaefpaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Rellämezeile Ml. 1.—. Ber Mederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Ersuche, WohmmgSmserste, Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sechSgefpaltme Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Darum-Borschrist ohne Berbindlichleit. Annoncen-Annahme bei der EMed. und maJlmwncen-BureauL Konto bei dem Postscherlamt in Frankfurt a. M. unter Rr. 4884. - 11. Jahrgang. Freitag, de« 13. ruvilis 5673 (18. J«li 1913) Kr. 28. Erez-Jsrael. (Reisebriefe.) Von Nachuw Goldmann. IX. : Jerusalem. — Das C h a l u k a h j n d e n t um. Es gibt wohl keine Stadt in der Welt, über die sich schwieriger schreiben läßt als über Jerusalem. Denn jede Stadt von einiger Bedeutung hat irgendwelche besondere Eigenart, irgend einen ausgesprochenen Charakter, — der Charakter Jerusalems hingegen besteht, nun, ich will nicht gerade! sagen, in seiner Charakterlosigkeit, denn dieses Wort müßte zu Mißverständnissen führen, wohl aber in dem völligen Mangel jeglichen ausgesprochenen, einheitlichen Charakters. Jeglichen einheitlichen Charakters! Dies ist das Wesentliche. Denn der Mangel eines einheitlichen Charakters kommt hier nicht von zu großer, ArMut her, sondern von zu großem Reichtum. Es liegt hier ein emburras de richesse vor, wie nirgends wieder. Jerusalem hat keinen Charakter, weil es tausend Charaktere hat; jedes Viertel dieses wunderbaren Stadt, manchmal jede Gasse, hat ihre Eigenart, was Wunder, wenn die Stadt als Ganzes auf ihre Eigenart veWchten Muß. Ja, saßt man Jerusalem als moralische, geistige Einheit — und jede bedeutsame Stadt stellt gewissermaßen ein geistiges Wesen dar —, dann gibt es heutzutage gar kein einheitliches Jerusalem mehr. Was diese vielen Gassen mit ihren so unendlich verschiedenen Bewohnern noch zu einem einheitlichen Ganzen zusammenbindet, das ist neben der Stadtmauer, die heute auch schon nahezu ohne Bedeutung ist — da der verkehrsreichste Teil der Stadt außerhalb derselben liegt —, einzig und allein die Geschichte, die historische Vergangenheit. Sie gibt der Gegenwart ihren Rahmen, sie schließt all die vielen Steinchen, von denen jedes seine eigene Farbe und Gestalt hat, zu einem einzigen Mosaikbilde zusammen. Nirgends wieder wird man eine Stadt finden, die mehr aus der Vergangenheit beruht, die so sehr dank ihrer Historie überhaupt existiert als diese heilige Zionsstadt. Nimm Jerusalem seine Geschichte, und morgen ist es ein menschenleeres Ruinenfeld, bestenfalls eine elende Araberansiedlung. Wer niemals hier geweilt hat, wird es mir kaum glauben wollen; aber jede einfache Statistik — wenn Man in Jerusalem von Statistik überhaupt reden darf —, wird es beweisen. Von den ca. 60,000 Juden, die in Jerusalem leben, existieren gut zwei Drittel von der Chalukah, der Rest zuM großen Teil von den Modernen Institutionen, die ebenfalls vom Ausland her ihr Geld erhalten. Von den hiesigen Christen mit ihren großartigen Missionsgebäuden und Kirchen gilt dasselbe, ja in noch höherem Grade. Bleiben die armen, schmutzigen Araber übrig, die ebenfalls fast ausschließlich dank der jüdischen und christlichen Bevölkerung existieren. Wer aber würde einen Groschen fiir Jerusalem spenden, wenn es eben nicht das tausendjährige Jerusalem wäre? Also rein ökonomisch gesprochen existiert diese Stadt fast einzig und allein dank ihrer großen Vergangenheit. Diese nirgends anders wieder zu findende Erscheinung fällt dem aufmerksamen Fremden schon nach kurzer Zeit auf. Ich gehe beispielsweise in einer Nachmittagsstunde aus dem Jafsaer Tor hinails, einem der lebhaftesten . Verkehrsplätze " der Stadt. AM Tor steht eine lange Reihe von Droschkenwagen (man , fährt hier trotz aller ArMut sehr viel Droschke). Ich betrachte die Kutscher. Auf der ersten Droschke kutschiert ein sephardischer Jude, nrit lebhaften Gebärden späniolisch schreiend; hinter ihm thront auf deM Kutscherbock ein älterer, graubärtiger. aschkenasischer Jude, der gerade! mit Fahrgästen in galizischem Jargon um den Preis handelt; auf der nächsten Droschke sitzt ein widerlich aussehender Neger, mit kahlem Schädel, plattgedrückter Nase und ewig grinsendem Antlitz, in dem die weißen Zähne gegen die schwarze Haut grell abstechen; eine Droschke weiter, und ich sehe einen langen, schwarzbärtigen Araber, dasitzend in echt orientalischer Trägheit, nrit einem Ausdruck der Gleichgültigkeit — das unliterarische Wort „Wurstigkeit" drückt diesen Seelenzustand viel treffender aus — auf dem Gesichte, daß ich ihn am liebsten ohrfeigen möchte. Und so geht's fort: auf jeder Droschke ein Kutscher mit anderer Nationalität und anderem Glauben. Die reinste Völkerausstellung? Und nun die Fußgänger, die den Platz füllen! Vor mir gehen zwei Chassidim in Kaftan, Streimel und kunstvoll gedrehten Peehs, die bis übers Kinn herunterhängen, mit den bekannten Gebärden des Dauntens und der übrigen Finger laut disputierend; neben ihnen schreitet ein russischer Priester daher, mit langer, ungekämmter Mähne, einen hohen, schwarzen Hut aufdem Kopf und Stiefeln, die seinem Gange das nötige Gewicht und die erforderliche Schaltbarkeit verleihen. An mir vorbei kommt eine Gruppe feister, wohlgenährter, glattrasierter französischer Jesuiten, denen man es anmerkt, daß die Religion ihrem Magen wohlbekommt; hinter mir höre ich lautes Zanken: ein frecher, junger arabischer Kutscher iyill zwei alte russische Pilgerinnen in seinen Wagen hineinzwängen; er lacht aus vollem Halse, arabische Gurgellaute hervorstoßend, und sie suchen sich loszureißen, indem sie mit gellender Stimme in ihrem kleinrussischen Dialekt alle ihnen bekannten Flüche — und deren sind nicht wenig — auf das unschuldige, schmutzige Haupt des humorvollen Araberjünglings herabschleudern. Ich stehe da, mit Vergnügen die interessante Gruppe betrachtend, da erhalte ich einen Stoß in die Seite, und an mir vorbei rennt ein hohlwangiger JeMenitenjude, in der Hand einen Haufen von Zeitungen und laut schreiend: „Hacheruth! Hacheruth!" (Name einer hiesigen hebräischen Tageszeitung, deren literarischer Wert unter aller Kritik steht). Während des Laufens wackeln die langen Peehs — die Länge der Peehs ist hier einer der Maßstäbe der Frömmigkeit — hin und her. Einige europäisch gekleideten jungen Geschäftsleute kaufen ihm eine Nmnmer ab, sie unterhalten sich hebräisch und'machen sich über einen Cheröm lustig, den das hiesige Beth-din über sie verhängt hat, weit sie — nun, weil sie gemeinsam mit Mädchen einen Ausflug nach Ein-Fara unternommen haben. Hinter ihnen kommt ein stattlicher marokkanischer Jude mit prachtvollem Fez und langem rot-grünen Gewände, begleitet von einem hiesigen spaniolischen Geschäftsfreunde. Und so könnte ich schildern und schildern, jeder Mensch ein neuer Typus, eine andere Tracht, eine andere Sprache, eine andere Art des Gehens und sich Benehmens, kurzum: jeder Vorübergehende der Repräsentant einer anderen Welt. Und was suchen sie alle hier um Jafsaer Tor? Was bringt diese Ansammlung der Vertreter aller Völker und aller Länder hier zusammen? Ich blicke um mich: Rechts unten erstreckt sich das Schinnomtal, und vor mir liegt der Zionsberg mit dem Davidsgrab und dem hoch emporragenden Dävidsturm, umgeben von der mächtigen Stadtmauer. Nun weiß ich's: Diese Monumente sind es, die all diese Menschen hierher geführt haben, die Erinnerungen der Vergangenheit. Der eine kommt, um an der „Kotel hamaarawi" zu beten, der andere, um die Steine der Grabeskirche zu küssen; diese fromme englische Lady, die voriiberfährt, ist hierher gekommen, um auf der Bia dolorosa eimnal gehen zu können, und jener reiche Effendi mit seinen drei verhüllten Frauen dort ist hierher gepilgert, um in der Omarmoschee zu beten und die drei goldenen Nägel Müssen zu können, die der große Prophet in den Erdboden geschlagen, und von denen er weiß, daß die Welt untergehen wird, wenn diese Nägel aus dem Boden gezogen würden. Bon der russischen Kirche klingt ein lautes, mahnendes Glockenläuten her. Und ich weiß: In dieser Stunde beten die Christen in ihren Kirchen, knien die Mohammedaner gen Mekka gewandt, schütteln sich die Juden in den Minjanstuben: Jerusalem betet. Die Stadt ist mit ihrem. Hauptberufe beschäftigt: sie betet. Als ich einige Tage »Väter einen gründlichen Kenner der Stadt danach fragte, von welcher Beschäftigung die Bewohner Jerusalems leben, entwortete er mir: „Jerusalem hat einen großen Industriezweig, der für seinen Unterhalt ausreicht: Hier wird en gros gebetet." Seltsame, bemitleidenswerte Stadt! Das Heiligste wurde in dir zum Niedrigsten entwürdigt. Wie sehr hat dich Gott verstoßen, wenn er es so gefügt hat, daß die höchste seiner Gaben, jene, die von allem irdischen Schmutze Befreit sein sollte, das Gebet, dir zur Quelle deines täglichen Brotes werden mußte! Eine Stadt, die vom Beten lebt, ein grausameres Schicksal - ist wohl keiner Stadt jemals widerfahren! * Hat sich der Fremde von dem ersten sinnverwirrenden Erndrucke dieser Stadt nrit ihren tausend Mannigfaltigkeiten, mit ihrem Neuen und Interessanten, das sie auf jeden Schritt und - Tritt bietet, erholt, dann fängt er an, eine gewisse Ordnung in dieses Chaos von Menschen aller Art zu bringen, um sich eine gewisse Methode seines Studiums zu schaffen. Der jüdische Reisende tut am besten, die nichtjüdische Bevölkerung von feinen Betrachtungen auszuschließen, es sei denn, daß er genullt sei, Jahre in Jerusalem zu verbringen. Gewiß, man besucht einmal den Har hamoriah, läßt sich einige Wunderdinge von den dortigen Priestern erzählen, durchwandert auch einmal die Bia dolorosa von dem prachtvollen Gethsemanegarten bis zur Grabeskirche, in die kein Jude hineingelassen wird, — dann aber läßt man die Mohammedaner sich fünfmal im Tage nach Mekka bücken, läßt die Christen weiterhin sich untereinander zanken und in christlicher Liebe sich verleumden und wendet sich der Judenheit Jerusalems zu, die genug des Interessanten und' Bedeutsamen bietet. Allerdings: Reisende, deren erste Frage in jeder Stadt dem besten Restaurant gilt, und denen das Reisen vor allem ein Mittel zur Verschaffung neuer, ungekannter Genüsse ist. ist ein eingehenderes Studium der hiesigen Judenheit nicht zu empfehlen. Kein Eau de Cologne wird reichen, um die üblen Gerüche zu vertreiben, die sie aus ihren