Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 27 (11.7.1913)
- Date
- 1913-07-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr 27. Weite 8. Breslau. Unter Borsitz des Stadtrats Marck- Breslan tagte hier die Hauptversammlung des Bez irks-Gpineindeverb and Breslan- Liegnitz. Der Bericht erwähnte als neue Einrichtungen eine Religionsunterrichtsiuspektoreu-Koufcrenz und Vorträge in den Gemeinden. In der anregenden Debatte wurde besonders eingehend die Tätigkeit der Provinzialkasse für Wanderersürsorge gewürdigt. Oesterreich-Ungar«. Czernowitz. Mit einer vollständigenNiederlagederProsessors Dr. Kellners che n Parteik l i q it c endeten die hiesigen Kultnswa.hlen. Mit Recht schreibt die Wiener „Neue National-Ztg.": „Die Wahlen haben eine über die Grenzen der Bukowina hinausgehende Bedeutnng. Die Bukowina ist die einzige Provinz in Oesterreich, die über eine festgefügte jüdische Organisation verfügt; ihr Landtag ist der einzige, der einen jüdischen Klub aufzuweisen hat. Für die Jndenschaft der Bukowina ist die Assimilation eine längst überwundene Farce; die Bukowina ist das Piemont der jüdisch-nationalen Bewegung in Oesterreich. Und gegen den Mann, der durch feine unermüdliche Agitation und seiiw nncrschöpsliche Arbeitskraft die Juden in der Bukowina' zu einem nationalen Organismus und zu einein maßgebenden politischen Faktor znsammengeschweißt hat, tvird seit mehr als drei Jahren ein rücksichtsloser persönlicher Vernichtnngskamps geführt. . . Nicht ein Kampf um Prinzipien oder Programme, sondern um Herrschaft und Mandate. Strancher sollte gestürzt werden, damit, Kellner an seine Stelle gelange. Ich habe diesen Kampf durch drei Jahre beobachtet; ich habe ihn an Ort und Stelle eingehend studiert. Ich sah, wie er nicht nur immer verbissener, sondern auch ekelhafter wurde, wie feile Jndustrieritter, die im trüben zu fischen pflegen, als Helfershelfer herbeigezogen wurden, wie man selbst vor Denunziationen bei den staatlichen Behörden nicht zurückschreckte, um sic gegen jüdische Institutionen in Aktion zu bringen. Und nach drei Jahren dieses Kampfes, beim ersten Zilsammenstoß auf der jüdischen Arena, eine komplette Niederlage Kellners und seiner Partei, die nicht einmal für ihren Führer ein Mandat zu erobern vermochte. Es ist nicht nur interessant, sondern auch sehr lehrreich, dieser Aeußerung der jüdischen Volkspsyche auf den Grund zu gehen. Die Volksmasse, auch die jüdische, ist für feine programmatische Nuancen nicht empfänglich Sie sieht den Inbegriff aller ihrer Wünsche in einer bestimmten Persönlichkeit, die es verstanden hat — die Mittel hiezu sind mannigfach — sich das Vertrauen und die Gunst der Massen zu erobern. Man nennt das Volkstümlichkeit. Wenigen ist es vergönnt, — wie beispielsweise Dr. Herzl *—' sie von heute auf morgen zu erringen. In der Regel gehört dazu der volkstümliche Ton, ein gewisses intuitives Verständnis für die Regungen der Volksseele und eine ausdauernde Hingebung für die noch so kleinlichen Alltagssorgcn und AUtagsbedürfnisse des kleinen und allerkleinsten Mannes. Eine so volkstümliche Persönlichkeit ist zweifellos Dr. Strauche r." Budapest. Die „Allg. Jüd. Ztg." berichtet aus L e i t s ch a n über merkwürdige Zustände. Die dortigen Orthodoxen hatten es im Jahre 1907 nach langer Mühe gegen den Willen der dortigen Statusquo-Gemeinde erreicht, daß sie die Erlaubnis zur Gründung eines Bethausvereins erhielten. Die Statusgno-Gemeinde tut nun seitdem alles, was nur das Dasein des Bethausvereins erschweren kann. So machte man mit Hilfe der Behörde dem Verein das Änsüben des Schächtens unmöglich, und dann erhöhte man die Stenern der Mitglieder des Vereins um das Zweinnd Dreifache. Der Kultusminister hat jetzt als höchste und letzte Instanz die Beschwerde hiergegen zurückgewiesen, da kein Gesetz verletzt worden sei. Die „Allg. Jüd. Ztg." schreibt hierzu: „Daß der Kultusminister diese ganze, unerfreuliche Vergewaltigung sanktioniert, bildet nicht mir ein lokales Unglück der Leitschauer Orthodoxen, sondern kann für alle jene 30—40 Bethausgenossenschäften, ■ die sich auf dem Territorium nichtorthodoxer Gemeinden befinden, verhängnisvoll werden." Petersburg. Durch kaiserliche Verordnung ist das Schächtverbot in Finnland aufgehoben worden. Die Verordnung hat folgenden Wortlaut: „1. In Finnland wohnende Juden und Mohammedaner dürfen Haustiere nach jüdischem und mohammedanischem Ritus schachten mit der Bedingung, daß nachstehende Vorschriften beobachtet werden. 2. Das Schächten soll ausgeführt werden von einer hiefür speziell ausgebildeten, von der zuständigen Behörde anerkannten Person, die zugegen sein muß, bevor das Tier gebunden wird. 3. Das Tier soll mit tveichen nicht zu schmalen Riemen oder Stricken gebunden werden und muß unmittelbar möglichst vermittels der Anwendung eines für diesen Zweck konstruierten Apparates auf eine weiche Unterlage nmgeworfen werden. Das Umwerfen muß schonend Vorgehen, so daß der' Kopf nicht am! Boden anschlügt und dem Tiere kein Schaden zugefügt wird. 4. Der Halsschmitt soll sofort nach Umwerfung des Tieres und mit einem möglichst scharfen Messer ausgeführt werden. Den Kopf des Tieres soll man gestreckt halten, bis der Tod eintritt." FrarHurter JsraeMsches FamiKeMatt. Kiew. In den letzten drei Wochen sind 136 Hausdurchsuchungen — zum Teil des Nachts! — vorgenommen worden, bei denen 444 wohnrechtslose Juden verhaftet ünrrden. ■ ■ > ‘ Petrikau. In der Ortschaft Pozniewicz ließen die gegen die Inden aufgehetzten Bauern 'den Juden ein „Ultimatum" zut'ommen, innerhalb einer kurzen Frist das Dorf zu verlassen sonst würde es ihnen genau so ergehen wie der jüdischen Faniilie in Pontenew, wo bekanntlich die Bauern des Nachts das HauS in Brand steckten und die Unglücklichen im Feuer rimkommen ließen. Diese Drohung versetzte die Juden der Ortschaft in einen derartigen Schrecken, daß die meisten von ihnen schleunigst nach Petrikau flohen. Hier wandten sie sich an die Behörden, wurden aber überall glatt abgewiesen. Frankreich. Paris. Am 29. Juni fand unter dem Vorsitz von Fr. Philippson -Brüssel die Generalversammlung der Jewish Colonization Association („Jca") statt. Es waren außerdem vom Verwaltungsrat anweseiüi: Li.. Co,hen„ Herbert G. Lousada, S. R e i n a ch, C. Netter- Berlin, Justizrat Dr. B l a u - Frankfurt a. M., Claude G. Montefiore -London u. Dr. A. Netter. Bericht und Bilanz wurden zur Kenntnis genommen und genehmigt. Palästina. Jaffa. 23. Juni. Die Jerusalemer Rabbiner haben einen Bann in der Form eines Protestes gegendieMaccabäervereinePalästinas geschleudert. Diese Art des Verkehrs der Rabbiner mit der Heranwachsenden Jugend ist wahrlich nicht dazu angetan, auf unsere Jugend zu wirken. Der scharfe Protest hat natürlich von der Seite der genannten Vereine einen noch schärferen, der eine völlige Auflehnung der Jugend gegen die Rabbiner darstellt, herausgefordert. Da versteht •. cs schon der Jaffacr Obcrrabbiner Kuck besser, mit der ihm zur Erziehung anvertranten Jugend ümzugehen. Auf seinen ausdrücklichen Befehl müssen die Bachurim, die seine Jeschiwa besuchen, die Turnübungen des hiesigen Maccabäervereines mitmachen. Amerika. New-Aork. Auf den Vorschlag des russischen Botschafters, den Icussifch-amerikanischen Handelsvertrag endlich wieder zu erneuern und nur die Paßfrage in Schwebe zu,halten, gab Präsident Wilson einen ablehnenden Bescheid, da nur wegen der die Juden betreffenden Paßfrage der Handelsvertrag bisher nicht erneuert worden sei. New-Aork. In einem Maffenmeeting, das jüngst im Waldorf-Astoria-Saale stattfand, wurde die Bildung eines amerikanischen Komitees für die Emanzipation der rumänischen Juden beschlossen. Auf dem Meeting hielten verschiedene amerikanische Parlamentarier, Richter und sonstige angesehene Männer des öffentlichen Lebens flammende Reden für die Rechte der rumänischen Juden. Die BUdung des Emanzipationskomitees wurde sogleich in die Wege geleitet, und der Speaker des amerikanischen Repräsentantenhauses, Champ Clark, wurde zum Vorsitzenden gewählt. Dem Komitee gehören ferner Frank Tilford, Edward Lanterbach und eine Reihe angesehener amerikanischer Politiker an. Kanada. Montreal. Hier spielt seit Wochen ein Talmud-Prozeß. Kanada ist wohl eine englische Provinz, wird aber zumeist von Franzosen bewohnt, die zum allergrößten Teile unter dem Einflüsse eines eingewanderten fanatischen Klerus stehen. Dieser klerikale Antisemitismus konnte auch, toenigstens bisher, von dem englischen Liberalismus nicht niedergerungen werden. In dieser Atmosphäre war es ein Leichtes, in einem Queeb'aker Blatte eine Artikelserie erscheinen zu lassen, in welcher die alten Lügen gegen den Talmud aufgesrischt und zu einer Hetze gegen die Juden benützt wurden. Da es in Kanada keine gesetzlich anerkannte jüdische Körperschaft gibt, entschlossen sich die Herren Lazarewitsch und Artenberg, beide hochangesehene Kaufleute in Queebak,, gegen den Verfasser dieser Artikel klagbar aufzntreten. Oberabbiner Dr. Abramovic wurde als Sachverständiger vorgeladen, und ihm gelang es, den angeklagten Flammandon so in die Enge zu treiben, daß dieser gestand, den Talmud nie gesehen zu haben und nicht lesen zu können, ja noch mehr, daß er persönlich gegen die Juden nichts habe und die Juden, mit denen er bisher in Berührung kam, einwandfreie Menschen seien. Schließlich mußte er auch zugeben, daß er zu seinem aufrührerischen Artikel von zwei französischen Ordensbrüdern, die er mit Namen nannte,'und durch die berüchtigten Schriften Drumonts, die er gleichfalls von den beiden Geistlichen erhielt, beeinflußt worden sei. Diese zwei Patres verwickelten sich in starke Widersprüche und gaben für ihre Behauptungen Bücher als Quellen an die nie existiert haben und die zu beschaffen sie auch außerstande waren. Trotzdem erfrechten sie sich zu behaupten, daß, sie in diesen Büchern, also nicht im Talmud selbst, den angeblichen Nachweis dafür gefunden hätten, daß laut Vorschrift des Talmud Juden zu rituellen Zwecken Christenblut gebrauchen. Aber der Aufforderung des Gerichtshofes, diese Schriften beizustellen, konnten sie bis heute nicht Nachkommen. stidr. Restaurant und Gats Inh.: Anton Pfeiffer» Tel. 493? I empfiehlt seine prachtvollen, schattigen Gärten, Terrasse, Saal, sowie diverse separate Gesellschaftszimmer. - Für Sommerfeste vorzüglich geeignet. =■-— Aus der zionistische« Beweg««-. Bielitz (Oesterr. Schlesien!. Bei den Wahlen in den Kultusansschuß errangen die Zionisten einen großen Sieg. Es wurden ihre Kandidaten Ingenieur Klipper, B. Simachowitz, W. Sobel, Dr. med. Karl Waguer und Adjunkt Adolf Wolf gewählt. Cincinnati. Die Föderation der amerikanischen Zionisten, die 162 Vereine, resp. 13000 Schekelzahler zählt, hielt 'hier ihre Jahresversammlung, ab. Wie wir dem Berichte entnehmen, wurden im abgelaufenen Geschäftsjahre ca. 30000 Dollars für den Nationalfonds gespendet. Die Tagung beschloß, dem Zionistenkongresse in Wien eine Resolution zu überreichen, die die Errichtung einer jüdischen Universität in Jerusalem empfiehlt. IßttiOefon. Das „Scholer-BUbul". Von C, Berg. <22. Fortsetzung). „Wenn mir die gnädige Frau ein paar Höschen von dem kleinen Heinrich schenken wollte oder einen Rock für meinen Jungen." „Bewilligt, bewilligt!" rief Christine, noch immer ganz rot vor Freude, „und hier hast Du ein Goldstück, aber jetzt mache, daß Du hinauskommst, sonst schenke ich Dir noch mein ganzes Portemonnaie! . . Nein, warte, bleibe einmal da, schließe vorsichtig die Tür, ich habe mit Dir etwas zu reden. Setze Dich!" Das Mädchen gehorchte, ließ sich respektvoll auf den Rand eines Stuhles nieder und blickte aufmerksam nach der Gnädigen. „So, Hanne, Du bist nicht die 'Dümmste, was hältst Du von der Sache, — hatte Pelagia eine Liebschaft mit Perez?" Dienstboten haben eine seine Witterung für die Sympathien ihrer Herrschaft. Ohnedies hatte Hanne die allzeit gefällige und bescheidene Pelagia gut leiden mögen; bei weitem stärker als die Neigung für die Verschwundene war aber der Haß, mit welchem sie die Keine Franja verfolgte, — ein echter, starker Weiberhaß, instinkttv, ohne sichtbare Ursachen, aber um so nachhaltiger und ausdauernd wie Eisen. Entzückt über das reiche Geschenk, das Vertrauen der Madame und der Erlaubnis, einmal ihrer Zunge freien Laus 'zu lassen, antwortete sie voll Eifer: „Der Perez und die Pelagia! Glauben Sie doch solche Dinge nicht, gnädige Frau! Drüben des Schmieds Ferdinand — fußfällig beinahe hat er die Pelagia gebeten: „Wenn Du meine Frau werden willst, morgen bestelle ich das Aufgebot. Ob Du Dich auch vergessen hast, Mädel, ich mach' mir nichts daraus!" Und wissen Sie, gnädige Frau, was die Pelagia ihm geantwortet hat? „Weg!", hat sie gesagt, „daß Du Dir nichts draus machst, das ist noch schlimmer, als daß ich mich vergessen Hab'!" Ein Mädel, die so denkt, wird sich gerad' mit Perez abgeben! Das hat kein anderer als der Luschekrvtkopf aufgebracht, und den Leuten vorgeschwindelt." „Aber Hanne," Frau Christine gab sich ein nachdenkliches Aussehen, „der Herr Bürgermeister meint's auch." „Der!" Es lag eine Welt von Verachtung, in. Hanne's Tonfall. „In Zladno müssen sie auch immer den Dümmsten zum Bürgermeister haben, das war schon immer so! Dr. Thorner sagt, warum die Herren den Perez eingesteckt haben, das wüßten sie wohl selbst nicht, und der Herr Doktor ist grundgescheut, in drei Tagen hat er mein krankes Jungerle gesund gemacht. Wogegen unser Bürgermeister! Im ganzen Leben hat er noch keiner Fliege aufgeholfen, dazu ist er viel zu dämlich. Er sollte lieber auf Ordnung halten, — das ist ein Gehetz und Gezänk! Kein Jude, nicht Weib nicht Mann, kann über die Straße gehen, ohne daß ihm Stichelreden und Schimpfworte nachfliegen; nächstens kommt es wieder zum Steinewer-