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Neue jüdische Presse · 1913-07-11 · Heft 27 (11.7.1913) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 27 (11.7.1913)
Date
1913-07-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Rr. 27. G«te 4. fen und Häuserdemolieren. Aber meine Franja! Me macht sich jetzt groß in der ganzen Stadt, su: hat die Mordtat aüfgedeckt, als müßte sie für ihre Stänkereien noch einen Orden kriegen! Ich möchte ihr einen anhängen, ich! Meiner Seel, erwische ich sie mal allein, dann werde ich ihr die Ponnyh'aarc schön aus dem Gesicht streichen! Um Perez erbarmt's mich. Das alte Röschen hinkt alle Tage vor das Toktorhaus zu hören, ob ihr Sohn noch nicht heraus darf aus dem Kittchen." Es klopfte an der Tür, zuerst bescheiden, dann stärker; draußen rief eine Helle Zungenstimme: „Mach' auf, mach' auf!", und da das Oefsnen nicht so schnell geschah, als er cs wohl wünschte, schrie Heinrich Dcsiderius mit aller Kraft seiner Prachtluvgen: „Ausgemacht, ich hole die Polizei!" Christine schloß auf. „Und ich hole den Stock!" sagte sie, erzürnt über das Geschrei. „Was unterstehst Du Dich?! Deiner Mutter willst Du die Polizei holen?" „Mcht für Dich," beteuerte Heinrich ganz rot und aufgeregt, „wirklich, Mütterchen, nicht für Dich, nein, für andere Leute. . . Mutter, Hanne!" schrie er, in die Höhe hüpfend, „ich habe im Borkcller einen Spitzbuben erwischt und cingeschlvssen!" „Ja, wer soll das wohl glauben?" „Kommt mit, dann werdet Ihr sie sichen!" „Sind's denn gleich zwei?" fragte Hanne, nach ihrem Besen langend. „Kommt nur mit!" Der Knabe faßte seine Mutter und die Köchin an den Händen und zog sie eilig hinaus, die Treppe hinab. „Wir gehen durch den Garten, hinten 'rum," crklätte er, „dort könnt Ihr durch die Giüertür gucken!" Der Garten lag kahl und weiß, die bereiften Baume funkelten. Auf der Erde im frischgefallencn Schnee vermochte man noch deutlich die Fußspuren des kleinen Heinrich zu erkennen; seitwärts von der Straße her durch den Garten zogen sich fremde, wie, sie «in mäßig großer, schwer mit Nägeln beschlagener Ledcrschuh hinterläßt. Die letzteren Fußtapfen leiteten richtig bis an den Kellereingang. Hanne sah darauf mit Entrüstung: „Es ist wahr. Da hat sich wieder jemand cingeschlichen. Na, Dich will ich!" ' „St," mahnte der Leine Heinrich, „kommt!" Die Keller' erstreckten skch durch das sehr geräumige Hinterhaus bis unter die an der Straße liegenden Schlafgemächer und das Arbeftszimmer des Amtsrichters; sie hatten unverwah'rte Fensterluken, zum Kummer der Hausftau und zum höchsten Verdruß der Köchin, welche nacheinander die gesamte Zladnoer Sttaßenjugend des schweren Einbruchs und Diebstahls an ihren geliebten .Vorräten beschuldigte. Freilich konnte sich nur ein sehr schmaler Körper durch die Luken zwängen, Erwachsene vermochten bloß auf rechtmäßigem Wege die Keller durch den Hausflur zu betteten. Hinab führte eine schmale, gewundene, vielstufige Treppe. Heinrich kletterte flink voraus, Christine und 'Hanne folgten, dann holte der Knabe eine Att Diebeslaterne aus seiner Tasche, brannte sie behend an und winüe die beiden Frauen näher. Der sogenannte Vorkeller, eine Reservespeisekammer (denn das Hauptdepot befand sich oben neben der Küche), lag noch um ein schmales Treppchen von zehn oder zwölf Stufen tiefer, der Eingang war durch eine hölzerne Gittertür versperrt. Da unten pflegte Frau Christine allerhand Speisevorräte zu verwahren, eingepökeltes Fleisch, Obst, Schinken, Butter, Käse, Wein und Mer; auch stand hoch auf einem Kasten eine recht stattliche Anzahl Gläser mit eingelegten Früchten, Marmeladen und anderen guten Dingen mehr. Behutsam, wie ein gelernter Einbrecher mtt der Laterne haiüiercnd, schlich Heinrich an das Gitter und bedeutete die Frauen, hinabzuschauen; vorsichtig reichte er Hanne das Licht. „Klirr, üirr," Lang es heraus wie beim Zerbrechen eines Glases; ein Weib, von oben bis unten in ein großes Umschlagetuch gehüllt, stand vor dem Kasten. Nachdem cs vergebens versucht hatte, das wohlverbundcne Pergamentpapier von einem hohen Glasgefäß herabznreißen, schmetterte cs den Hals der Kruke an das Holz und schlürfte dann den leckeren Inhalt, unbekümmert darum, daß sich der hervorquellendc Saft chr reichlich auf Hals und Tuch ergoß. „Solche Frechheft!" knirschte Hanne. Frau Christine hatte alle Mühe, ihre Köchin zurlukzuhalten, daß die Empörte nicht das Gitter zerbrach, um die da unten ihre Fäuste fühlen zu lassen. „Wart, Du Spitzbübin!" — „Spitzbübin," Lang cs wie ein Echo, ' st Frankfurter UravWWes AmrWenLtütt. hohl und dumpf, und noch einmal „Dieb — Meb—" gewaltig dröhnend, wie im Chor unsichtbarer Geisterstimmen. Christine und Hanne sahen sich erstaunt um und dann wieder in den Keller hinab. Die Person da unten horchte auf, wollte sich davonmachcn, blieb aber vor Schreck wie gelähmt stchcu; die Kruke fiel ihr ans der Hand und zerbrach vollständig. Denn nun erhob sich in dem weiten, tiefen Gewölbe ein Lärmen, Geknatter und Gekreisch, als ob Satanas ein Dutzend armer Sünder auf dem Rost brate, zu deren Wehklagen sämtliche höllische. Schinderknechtc Bravo schrien. „Der Teufel ist los!" tteischte Hanne und blickte bestürzt auf ihre Madame. Aber weniger der Höllenlärm lvar cs, Ivclchcr Christine erschreckte, als der Anblick der Fremden da unten: sic lag auf dcnr Boden und wand sich in Zuckungen. „Sic liegt in Krämpfen!" rief Christine, so laut als sie ftl denr Toben sich verständlich machen konnte, „das Gitter auf! Hanne, mache auf!" „I, Ivo denn! Die Art kommt nicht um." Hanne rüttelte aber doch mit aller Kraft an dem Gitter. „Es geht nicht auf," keuchte sie, „Heinrich hat den Schlüssel. Heinrich! Heinrich!" Der Junge war plötzlich verschwunden. „Heinrich! Heinrich!" Die beiden Frauen riefen mit aller Kraft, keine verstand die andere in dem Getöse. „Hole den Schlosser!" befahl Christine mft letzter Anstrengung ihrer Stimme; jetzt schallten ihre Worte überlaut, mit einem Schlage war das gespenstische Lärmen im Keller verstummt. Auch wurde es unnötig, einen Schlosser zu rufen, Klein-Heinrich polterte eben die Stiege hinab und gab auch gutwillig gleich den Schlüssel heraus. „War's fein?" fragte «r leise und zwinkerte vergnügt seiner Mutter zu. Christine riß ihm den Schlüssel aus der Hand und eilte zuerst die Treppe hinab. Sie brachten die Ohnmächtige herauf in den Garten und rieben ihr die Schläfen mft Schnee. „Wir wollen chr lieber einmal das schwere Tuch abnchmen," sagte Hanne. „Ei, was guckt da für ein roter Kopf hervor? Also Du bist es?" rief sie in aufquellcnder Wut, „ja, für Dich hätte man wohl Aprikosen eingelegt! Und was hat sie sich für einen Sack umgebunden und hübsch mit Wurst, Aepfeln und Käse gefüllt! Und eine Flasche Magenbitter! O, welch ein gutes Kind, geht dem Vater zum Saufen stehlen!" Sie langte nach dem Besen, vergebens' wehrte Christine; in demselben Augenblick schlug Franja die Augen aus, erkannte die Situation und lief blitzschnell davon, Tuch und Sack in den Händen chrer Feindin lassend. Hanne wollte der Flüchtigen nachsetzen, Frau Christine verbot cs ihr: „Laß nur, sie ist durch den ausgestandencn Schrecken mehr als genug bestraft!" „Hurra!" brüllte Heinrich, „die maust kein Naschzeug meh-!" „Heinrich, Du kommst jetzt mit mir herauf." Der Junge blickte zaghaft in seiner Mutter Gesicht, so ernst sprach Mama selten, aber wenn — so gab es ganz bestimmt Hiebe. „Bist Du böse, Mütterchen?" Ohne zu antworten, führte ihn Christine in ihr Zimmer. 'Dort beichtete Heinz schnell, unter Tränen. „Wirst Du mich bei Papa verklagen?" fragte er bekümmert. „Nein," sagte Christine, „Du wirst auch zu keinem über Deinen dummen Streich reden, hörst Du wohl. Du böser Junge?" Sic tat sehr erzürnt gegen ihren Sohn und brachte ihn streng, noch vor Schlafenszeit, zu Bett. Bitterlich schluchzend sah der Leine Sünder, wie Mama seine Taschen ausräumte und ein blinkender Gegenstand, sein Lieblingsspielzeug, in ihren Händen verschwand. An demselben Abend hatten Frau Christine und ihre Köchin noch eine lange, geheime Unterredung in der .Wiche. Der heimgekchrtc Hausherr saß allein beim Nachtmahl und hatte schon dreimal vergeblich geklingelt, als endlich seine Ehehalste erschien, rot, mit blitzenden Augen. „Wo bleibst Du, Frau? Was gibt cs so Wichtiges?" „Ministerwechsel," antwortete Christine gleichmütig, „Hanne zieht in vierzehn Tagen ab." „Nun, das wird gut," brummte Müller ver« dricßlich, „mit der Zeit g<cht es bei uns her wie in einem Taubenschlag. Ich glaubte, Du wärst mit dem Mädchen zufrieden?" „Bin ich auch," dachte Frau Christine, aber sie sagte cs nicht laut. Ein Mann braucht nicht alles zu wissen.^ -> Allerhand Seltsamkeiten. Wer Frau Amtsrichter Müller sonst recht genau zu kennen geglaubt, geriet jetzt in Gefahr, sich sehr über die schöne Dame zu verwundern. Sie war anders geworden, wie der Regen etwas anderes ist als die liebe Sonne, und das schlechte Wetter kam über Nacht. Die sonst so aufgeweckte, heitere Frau erschien ihren Bekannten einsilbig, zerstreut, zeigte sich seltener ani Tage außer dem Hause und trug gegen alle Welt ein so wunderliches, launisches Wesen zur Schau, daß diese plötzliche Verdüsterung eines liebenswürdigen Charakters auch in den Kreisen einer Großstadt höchst abfällig kritisiert worden wäre, geschweige in Zladiw. Was sollte man auch von einer jungen Frau denken, die sich halbe Tage lang in ihrem Zimmer einschloß, die an chren ättcstcn Freimden mit kurzem, kaum merklichen Kopfnicken vorüberging! Eingeweihte wußten, daß Christine sogar das Haus des Doktor Thorncr seit zwei Wochen nicht mit einem Fuß betreten hatte. Ja, die Frau Amtsrichter, deren Teilnahme fiir den armen Perez der ganzen Stadt bekannt war, der um ihrer Anmut und Freundlichkeit willen von der gesamten Judenschaft Zladnos gehuldigt worden, sie begegnete auf dem Martt wie in den Straßen den Juden mit kaltem, stolzen Gesicht. Und eine Menge verletzender Bcnierkungcn, welche von Mund zu Mund weiter .wucherten, taten der bekanntlich sehr empfindsamen Jndenheit kund, daß ihre ehemalige Gönnerin jählings in das Lager der Antisemiten nbergcgangcn war. Es sollte noch schlimmer kommen. Am Neujahrs-Dienstag ttat zur Vesperstunde die Frau Amtsrichter bei dem Schlvsier Luschek ein. Wenn je ein Mann bei Christinens Anblick nüchtern bleiben konnte, so wäre es der alte Schnapsbruder vor Staunen beinahe geworden. Man denke: diese schöne, elegante Frau plötzlich in der rußigen, schmutzigen Stube des verrufenen Trunkenboldes! Christtne entschuldigte mft sehr verbindlichen Worten ihren überraschenden Besuch bei dem „werten Herrn Nachbar". Ob es der kleinen Franja auch ja wieder wohl ergehe? Sie wolle dem „lieben Mädchen" nur das Tuch und den Sack wieder zustellen, welche sich „durch ein Mißverständnis" in ihrem Hause jüngst vorgcfunden. Der brave Schlosser sperrte Maul und Augen auf, als die Frau Amtsrichter mft ihrem süßesten Lächeln aus dem Sack eine Wurst, Kuchen, Apfelsinen und andere gute Dinge hervorholte, zuletzt auch eine versiegelte Flasche Magenbitter auf den Tisch stellte. ' * Alles dies tat die Frau Amtsrichter mft gewinnen-W der Grazie, sprach ihr wohlklingendstes Polnisch, lachte und scherzte; ein unbefangener Beobachter hätte geschworen, daß die elegante, junge Frau mft dem kupfcrnasigen Alten seit Jahren auf dem freundschaftlichsten Bcsuchsfuß stehe und nun eben wieder auf ein Mertelstündchen herbeigeeilt war, um ihrem lieben Freunde einige Erfrischungen zu bringen. Der Alte schmunzelte und grunzte vor Behagen, befahl seiner Tochter, aus ihrem Versteck hervorzukommcn (Franja hatte sich beim Erscheinen des' Gastes hinter eine Schranktür geflüchtet), um der „Panni" einen Stuhl abzustauben und ihr die Hand zu küssen. Die gnädige Frau sprach so herzlich zu Franja, daß selbst dieses tückische, verstockte Ding Zuttauen zu ihr zu fassen begann. ' _(Fortsetzung folgt.)_ J. W. Albert, Optik Fitsn. Pincenez Donblä Mk. 7.50, Nickel Mk. 4.00. Weissfrauenstrasse ll> Ecke Nene Mainzeratrasse. Maiser Frledrlcli Quelle - Ottenbach a. X. - Gegen Gicht nnd BheamathmmB bewährt. Alleiniger Generäl-Vertreter: Frledrloh Stahl, Frankfurt a.M., Güntheraburg-Allee 87. Tel.259 n. 714. Wocherr-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem I>o»cb.) Samstag, den 12. Juli (= 7. Tamus.) — Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 8 Uhr- — Min. Sabbat-AuSgang in Frankfutt a. M. 9 Uhr 30 Min. in Berlin 9 Uhr 25 Min. Wochenabschnitt: Bolok. — Bolok, der Moabiterkönig, hat Angst vor. Israel und sendet Boten zum heidnischen Propheten Bileam in Midjan, der durch seines Mundes Fluch Israel unschädlich, machen soll. Gott

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