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Neue jüdische Presse · 1913-07-11 · Heft 27 (11.7.1913) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 27 (11.7.1913)
Date
1913-07-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. . Aus Ben Ereignisse» des Tages. B»« der Organisattouder polnischen RabbinerRußlands. Von einer Organisation polnischer Rabbiner soll hier die Rede sein. „Polnische Rabbiner und Organisation?" — sind dies nicht zwei entgegengesetzte Pole? Bedeutet nicht schon der bloße Name Rußland: Desorganisation?? Rußland und noch Polen dazu — und Organisation; — .ist dies nicht etwa eine Mär?! Nein, es ist keine Mär, sondern eine Tatsache: Mawlona bei Warschau ist der Sammelplatz der Rabbiner Polens zum Zwecke der Begründung eines polnischen Rabbiner-Verbandes, zur Hebung der Ehre ihres Standes. Schlimm muß es um die Ehre der Rabbiner Polens bestellt sein, wenn jene Männer, die es von jeher gewöhnt waren, alles ausschließlich dein Himmel zu überlassen, zur Selbsthilfe und dazu .noch zur Organisation, dem verpöntesten Ding der Aioderne, greifen? Und wahrlich, die Lage der Rabbiner Rußlands überhaupt und die der polnischen insbesondere tft_ keine beneidenswerte. Der Rabbiner des Ostens hat mit der Zeit nicht Schritt gehalten, weltfremd, abseits jeglicher welllichen Bildung, hat er die! Fühlung mit den Massen, besonders aber mit der jüngeren Generation, verloren und damit seine autoritative Stellung eingebüßt. Dazu .kontmt noch ein weiteres: Durch die schwierig gewordene ökonomische Lage der Juden Rußlands drängt sich ein jeder, der „Hatorat haurooh" hat, zum Rabbinerberuf. Früher gab es überall unter den Baalei-batim bedeutende Gelehrte, die unter keinen Umständen ihr Laientum um einen Rabbinersessel eingetauscht hätten; jetzt aber ist eine Konkurrenz und ein Wettlaufen um freie Rabbinerstühle entstanden, daß, um den Sieg zu erreichen, bisweilen zu Verleumdungen und Bestechungen gegriffen wird. Aus den unbö- - deutendsten Posten melden sich zwei bis drei Kandidaten, — und gar oft werden allesamt gewählt, die Leine Gemeinde wird in drei Gemeinden geteilt, die sich dann einander in der häßlichsten Weise bekriegen, zum Schaden der Ehre der Rabbiner. Kurzum, die Lage der Rabbiner ist unerträglich geworden, Grund genug zur Beratung! Auch die Religiost liegt in Rußland iM Argen, also ein zweiter, noch wichtigerer Punkt zur Beratung. - Doch weder der erste Punkt noch der zweite Punkt stand auf der Tagesordnung, sondern — man höre und bewundere? —: Die gesamte schiefe Lage des jüdischen Volkes wurde als erster und wichtigster Punkt auf die Tagesordnung gesetzt und am meisten erörtert! Gar viele Dinge wurden in den Kreis der Beratungen gezogen, so die Auswanderung, so die Besiedelung Palästinas, deren tatkräftige Förderung einstimmig beschlossen wurde. Also handelten die armen Rabbiner Rußlands! Man ziehe eine Parallele mit den Beratungen der Rabbinerverbände Westeuropas... Zur Würdigung der Pro - Falascha - Bewegung. Die Mitteilung über die Fortschritte der Pro- Falascha-Bewegung, der wir jüngst in unserem Blatte Raum gegeben haben, erhält eine eigenarüge Ergänzung und Beleuchtung. Aus Veröffentlichungen in Misswnsblättern wird die dringende Notwendigkeit rascher Hilfe ersichtlich. Bor uns liegt „Der Freund Israels", das Organ des Baseler Missionsvereins. Sein Januarheft enthüll einen „Bericht einer Missionsreise nach der Provinz Belesa durch die Brüder Debtera-Desta und Debterq-Asressa." Die beiden von Flad getauften Falaschas erzählen ihre Erlebnisse während einer längeren Missionsreise, berichten von Erfolgen und Enttäuschungen. Die Methoden der Missionare sind dieselben, die wir von ihren Kollegen in Europa her sattsam kennen. Es wird mit denselben Schriftbeweisen aus der Bibel und den Paulinischen Briefen vorgegangen. Die ganze Art .der Annäherung an die Opfer chres Bekehrungseifers ist die gleiche, die namentlich den osteuropäischen Glaubensgenossen gegenüber fast täglich geübt wird. Frankfurter Israelitisches FamilrenLIatt. Es ist aber sehr interessant und erfreulich zu erfahren, wie wenig die Falaschas sich geneigt zeigen, den Lockungen dtzr Missionare Folge zu leisten. Wiederholt heißt es in dem Bericht, daß die Falaschas den Missionaren eine freundliche Aufnahme gewährten, willig zuhörten und sich den ganzen Tag über die Bibel auslegen ließen, — aber einer wirklichen Bekehrung und in jüngster Zeit vorgekommener Taufen wagen die Berichte sich nicht zu rühmen. Hingegen wird Häufig genug der starke Widerstand zugestanden, ifön die Männer auf ihrer Reise gefunden haben. Besonders die Frauen erweisen sich als glaubensstark und unerschütterlich. Sie begegnen dein Missionaren sehr unfteundlich, lassen es sogar an Beschimpfungen nicht fehlen, sie sind scharf und haßerfüllt gegen diejenigen, die den Glauben verleugnen, ermahnen ihre Männer, den Gesprächen der Missionare nicht so lange zuzuhören. Die Männer wiederum verstecken sich bisweilen, um dem Bekehrungseifer zu entgehen und verlassen ihre Schlupfwinkel erst, wenn die Verkünder des neuen Glaubens ihrem Dorfe den Rücken gekehrt haben. Wo sie sich zur Aussprache einfinden, zeigen sie sich sehr belesen in der Bibel, sie verlangen Schriftbeweise, und wenn sie gegen die Redegewandtheit, die ihnen Psalmen und Propheten verkehrt auslegt, sich nicht mehr zu wehren wissen, dann wünschen sie Belege aus dem Pentateuchsstir die Richttgkeit des chrWichen Glaubens. Wo sie aber dem Worte der Missionare garnichts mehr entgegenzuhalten wissen, ergeben sie sich noch immer nicht. Ihre letzte Zuflucht lautet: „Wenn der Jakob Faitlovitsch wiederkommt, dann könnt Ihr Mit ihm disputieren, er wird Euch überwinden, dann wird sich's entscheiden, auf welcher Seite die Wahrheit liegt, dann werden auch alle getauften Falaschas zu ihrem alten Glauben zurückkehren." Es ist das beste Zeugnis für die bisherigen Leistungen dieses Mutigen jüdischen Missionars, daß die Falaschas in dieser Weise sein Andenken bewahren und jo fest, darauf bauen, daß er zu ihnen zurückkehtt. und sie aus ihren Gewissensnöten erretten wird? Der Bericht enthält auch Hinweise darauf; mit welch unsagbaren Schwierigkeiten eine Reise zu den Falaschas verknüpft ist, „Oft kamen wir an fast undurchdringliches Dickicht und Gestrüpp. Wir blieben an den Dornen und Stacheln immer wieder hängen, sodaß unsere Kleider manchen Riß.bekamen und unsere nackten Füße übel mitgenvnrineu wurden. In einer schrecklichen Bergwildnis standen wir auf einmal vor einem mit einer Flinte bewaffneten Mann. Es war ein Räuber. Er hielt uns an, fragte uns, was wir tun, und wo wir hingingen. Am folgenden Tage litten wir bei unserem Weitermarsch sehr unter heftigem Regen." Es kann garnicht genug anerkannt werden, daß Dr. Faittovttsch, obwohl er alle diese Leiden und Gefahren bereits mehrmals kennen gelernt hat, sich wiederum den Schwierigkeiten der Reise unterwarf. Die christliche Mission ist mit großem Eifer an der Arbeit. Der „Freund Israels" spricht sogar die Hoffnung aus, daß es dem Pro Falaschakomitee nicht gelingen wird, „ die christgläubig gewordenen Falaschas vom Glauben abwendig zu machen, daß sie wieder ins Judentum zurückfallen und Jesum Christum verleugnen." Es ist eine Ehrenpflicht der Judenheit, den Falaschas die Stärkung und Belehrung im .Mauben, nach der sie so sehnsüchtig verlangen, zu gewähren und alles aufzubieten, um diejenigen, die dem Glauben der Väter treu geblieben sind, darin zu stärken, denjenigen aber, die den Verlockungen der Missionare anheimgefallen sind, den Weg zur Rückkehr zur angestammten Religion zu bahnen. Die Mittel, mit denen das zu erreich m ist, zeigt uns das Missionsblatt sehr deutlich. „Auf jeder .der Stationen", so heißt es dort, „besteht eine Schule, die fast ausschließlich von Kindern der Bekehrten besucht wird. An Samstagen besuchen sie oft die Falaschas in den umliegender! Ortschaften. An den Sonntagen werden Gottesdienste gehalten, die gut und regelmäßig von den Bekehrten besucht werden." Bon Gegnern wollen wir, nach des Dichters Wort, lernen, was wir sollen. Auch wir müssen ■ __Nr. 27 derartige Stationen gründen, Schulen errichten, hie als Mittelstunkt in diesem Glaubenskampfe dienen können. Dazu freilich sind weit größere Mittel nötig, als dem Pro Falascha-Komitee zur Verfügung stehen. Jeder Jude, dem die gute Sach am Herzen liegt und der bereit ist, für die Erhaltung des glaubenstreuen Stammes beim Judentum mtteinzutreten, muß es als Ehrenpflicht betrachten, für diese Bewegung sein Scherflein beizutragen.*) Eine neue jüdische Organisation in Deutschland. In der Vertrauensmänner-Versammlung der „Zion. Vereinigung für Deutschland" am L Mai war, wie seinerzeit berichtet, der Beschluß gefaßt worden, mit Rücksicht auf die bekannten Vorgänge im „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" eine neue Organisation der deutschen Juden zu gründen, die bei völliger Neuttalität für die Wahrung der Rechte der Juden einzutreten hat. Die Vorarbeiten zur Begründung dieser neuen Organisation sind nunmehr abgeschlossen. Die neue Vereinigung wird den Namon „Reichsverein deutscher Juden" führen. Mitglieder können sowohl einzelne Personen als auch jüdische Organisationen in Deutschland werden. Die Aufgaben des „Reichsvereins" sind Wahrung der Rechte der deutschen Juden sowie Förderung gemeinsamer Arbeit auf. politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet. Erfüllt von dem Bewußtsein der geschichtlich bewährten Anhänglichkeit der deutschen Juden an ihr Vaterland soll der Reichsverein die Mitarböit der deutschen Juden an den positiven Aufgaben des Vaterlandes erstreben. Zu. den verschiedenen Richtungen innerhalb des Judentums wird der Reichsverein selbstverständlich keine Stellung nehmen. In den wichtigsten deutschen Städten, in denen Juden wohnen, sind beretts Vertrauensmänner gewonnen. Die vorläufige Leitung hat Rechtsanwalt Dr. Klee- Berlin übernommen. Linoleum } einfarbig braun, Ia Qual. 3,6 mm Ö«10 Bei grösseren Quanten Extraofferten. Gm KupaoMr Frankfurt a. 9L, Altegasse 27/29. Bingfreie Tapetenindustrie. Aus aller Wett. Deutsches «aq. Frankfurt a. M> Wir erhalten von dem Palästina- Informationsbüro Wien das Programm der Palästina-Gesellschaftsreise, dir sich dem 11. Zionistenkongreß anschließen soll. In diesem Programm heißt es: , „Die Passagiere, die auf rituelle Verpflegung reflektieren, müssen diesen Wunsch bei der Anmeldung zur Teilnahme an der Fahrt äußern. " Gegen diese Disposition müssen wir energisch protestieren. Es ist eine selbstverständliche Forderung, daß die Verpflegung rituell ist und einem Rabbiner unterstellt wird, so daß nicht das Rituelle eine Ausnahme des einzelnen bildet, sondern vielmehr das Nichtrituelle. Wir bedauern aufs lebhafteste den Mangel an jüdischem Verständnis, der aus einer solchen Disposition spricht, und wir sind erstaunt, grade bei einer Seite diesen Mangel seststellen zu müssen, bei der Achtung der jüdischen Tradition selbstverständlich sein sollte. Berlin. Am 7. und 8. September wird die Jü d. Turnerschaft aus dem Sportplatz Hohe Warte in Wien ein Jüdisches Turn- und Sportfest veranstalten. Damit wird sich zum 3. Male den Delegierten eines Zionistenkongresses Gelegenheit bieten, den Fortschritt in der Arbeit der nationaljüdischen Turner zu beobachten. Nach dein ersten Kongreßschauturncn vor den Delegierten des 6. Kongresses (Basel 1903) wurde die Jüdische Turnerschaft begründet, so daß diese Organisation diesinal in Wien die Feier ihres zehnjährigen Bestehens festlich begehen wird. Die vier Jahre seit dem Hamburger Kongreß mit -seinem Schauturnen haben der Turnerschaft in erster Linie die Ausnahme und den Ausbau des sportlichen Betriebes in ihren Vereinen gebracht, und dieser Fortschritt wird in dem Programm der Wiener Veranstaltung besonders zuni Ausdruck kommen. *) Beiträge nimmt der Schatzmeister des Pro Falaschas -Kommitees in Berlin, Bankier Bruno Galewski i. Fa. Gebr. Opvler, Burgstr. 28, Postscheckkonto Berlin 11038 entgegen. >

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