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Neue jüdische Presse · 1913-07-11 · Heft 27 (11.7.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 27 (11.7.1913)
Date
1913-07-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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An der Klagemauer. Niemals, glaube ich, bin ich einen traurigeren Weg gegangen, als denjenigen, der mich! vom Bahnhof Jerusalem zur Klagemaner führte. Niemals habe ich das Elend und die Schmach unseres nationalen Daseins furchtbarer empfunden als in diesen unbeschreiblichen Schmutzhaufen, durch die man zur Klagemauer watet. All die Irrwege, kreuz und quer, die unser Volk in zwei Jahrtausenden unaufhörlicher Wanderung gegangen ist, schienen mir in diesen krummen Gassen mit ihren unzählichen Windungen ihren symbolischen Ausdruck gefunden zu haben. Und aus den Gesichtern der in Schmutz und Lumpen gehüllten ^Araber, die zu beiden Seiten des Weges schreiend und roh lachend dasaßen und unserer Gruppe nachgrinsten, schien mir dys ganze boshafte Lachen, die grausame Befriedigung unserer Feinde entgegenzustarren, die sich mit diabolischer.Lust an unseren Qualen weiden. Es war schon dunkel, als ich den Bahnhof verließ, um den Weg zur Klagemauer anzutreten. Der Bahnhof liegt eine gute Strecke außerhalb der Stadt, und wir mußten einige Zeit gehen, ohne etwas von Jerusalem wahrzunehmen. Endlich, als wir aus dem Schimmontal kamen, erblickten wir Jerusalem. Vor uns lag der Zionsberg in seiner ganzen Erhabenheit da. lieber der Stadt lagerte die wehmütige, die Seele mit seltsam bangen Ähnungen füllende Atmosphäre des beginnenden Abends, und die tief im Westen stehende Sonne sandte ihre letzten Strahlen wie zu einem letzten Abschiedskusse. Sie warfen ihre rotgoldenen Reflexe auf den Zionsberg und verliehen der Stadtmauer einen zauberhaften Glanz. Ich blieb eine Welle stehen. Alte Jugend-. Märchen wurden wach: Jerusalem, die Stadt mll den Marmornen Mauern und den goldenen Toren, durch die Moschiach reiten wird, der Zionsberg mit seinem eitel goldenen Davidspalast, in dem der wiedergekommene DavidsspröWng thronen wird; der hellige Moriahberg mit seinem uralten Felsen, der von den Urtagen der Schöpfung da liegt, und von dem aus Propheten das Wort Gottes künden werden; auf allen Wegen strömen Völkermassen, die gen Jerusalem ziehen, um die Lehre Gottes zu vernehmen, .und über der Stadt leuchtet ewig der herrliche Glanz der Schechinah zum Zeichen, daß Gott seinem Volke wieder seine Gnade geschenkt hat und seinem.Leiden ein Ende bereitet. Da erwache ich aus itzer Träumen. Die Sonne ist schier völlig untergegangen, ein allerletzter Strahl.noch, dem das Scheiden schwer fällt, beleuchtet ein prachtvolles Gebäude, das die Spitze des Zionsberges krönt. „Was ist es?" frage ich Meinen Begleller. ,,Die deutsche Franziskanerkirche", ist seine Antwort, und alle Illusion ist zerstört. Statt des Davidspalastes die Franziskanerkirche, statt .der TeMpelhallen die Qmarmoscheö. Was haben wir noch in dieser Stadt, die einst unser Ruhm und Stolz war! Ach ja, ich habe es schier vergessen, wohin ich eigenllich gehe. Auch wir haben unseren Matz in dieser Stadt, wir haben ja die alte, morsche Klagemauer. „Gehen wir weiter, cs wird spät", sagt mein Freund, und müde, gebrochen setze ich den Weg fort. Bald haben wir den Zwnsberg erklommen, und nun treten wir in die Gassen der eigentlichen alten Stadt ein. Es ist schwer, einem Europäer, der nie den Orient gesehen hat, ein Bild von diesen Gassen zu geben. Eng, oben so verbaut, daß kaum Licht hereinfällt; voll von allen möglichen Abfällen, die einen nicht zu ertragenden Gestank ausströmen; an beiden Seiten die Berkaussläden mit ihren unaufhörlich schreienden Verkäufern, durchflutet von laufenden, fluchenden, lärmenden Arabern, die, brutal und rücksichtslos, stoßend und drängend, an Dir vorbeistürmen; dazwischen ab und zu eine Eselskarawane, die mit ihren zu beiden Seiten herabhängenden Lasten Dir Rippenstöße versetzen und die Kleider beschmutzen, — sind diese Gassen eine wahre Inkarnation von Unkultur und Vernachlässigung, eine Brutstätte aller gefährlichen Bazillen und Krankheitserreger. Durch solche Gassen geht es zur Klagemauer, und zu all dem physischen Unwohlsein, das dieser Weg Hervorrust, kommt der psychische Schmerz hinzu, der aus dem Bewußtsein entsteht, daß man durch solche Gassen schreiten muß, um zum Allerheiligsten unseres Volkes zu kommen. Und endlich gelange ich zur Klagemauer. Eine mächtige, hohe Mauer pon riesigen Quadratsteinein, davor eine enge Gasse. Darin etwa 20 Menschen, die beten. Ich muß. gestehen, daß ich mir alle Mühe gab, nicht gerührt zu sein. Diese Rührung an der Klagemauer schien mir beinahe schon banal zu sein; es ist schon nahezu zur Mode geworden, daß jeder Gast sofort von der Bahn zum Kotel hamaarawi geht und dort tränenden Auges betet. Und ich sträubte mich dagegen, diese Mode mitzumachen. Aber es half nichts! Niemals hätte ich vorher geglaubt, welche Macht die Historie über den Menschen zu besitzen vermag. Alle Logik in mir schrie: Was ist an dieser Wand und an diesen Steinen? Eine gewöhnliche Umfassungsmauer des alten Tempels! Und zugleich empfand ich, wie ein Tränenstrom mir in die Augen stieg, und ich mußte alle Willensgewalt aufwenden, um die Träum, die mir aus den Augen stürzen wollten, zurückzuhalten. Wären nicht Fremde umhergeständen, ich hätte diese Steine küssen Mögen, wie man eine Mutter küßt, der man sich nach Jahren namenloser Leiden trostsuchend in die Arme wirst. Neben mir ordnete sich ein Minjan, und ein Vorbeter begann das Abendgebet. Ich! betete mit. Niemals habe ich Menschen mll solcher Andacht beten sehen wie hier. Wenn ich es mir heute überlege, zweifle ich daran, ob all diese Juden mit den langen Peiehs wirklich so inbrünstig betetm, wie es aussah. Mehrmalige Besuche an der Klage- Mauer haben mich etwas skeptisch gemacht. Wer in jenen Augenblicken schien mir alles reinste, innigste Andacht zu sein, und auf mich wirkte mein Gebet wie eine Schilderung einer Reihe furchtbarer Leidensjahre, die Man schluchzend der wiedergefundenen Mutter gibt. Ringsum lagerte schon tiefes Dunkel, und nur einige elende Lampen, die ausgestellt waren, erhellten ein wenig die Gasse. Und in diesem matten Lichte nahmen die mächtigen Steine eine grandiose Gestalt an: Wie die ewigen stummen Zeugen unserer Leidensgeschichte standen sie Majestätisch da, und die große Mauer ward mir mit einem Mal zum Symbol unseres ewigen Daseins. «r. 27. Verlassen, ungepflegt, allen Stürmen schütz, los ausgesetzt, steht diese Mauer da, aber sie steht, gleich dem Volke, das sie erbaut, das seit Jahrhunderten von allen verfolgt wird und doch lebt. Und diese Steine schienen mir die Verheißung unserer ewigen Zukunft zu künden: Gleich chnen, die niemand fortzurücken vermag, die trotz aller Zerstörungen sich durch die Jahrhunderte forterhalten haben, piird auch ihr Volk fortexistieren bis in die Ewigkeit. Am Himmel erschienen die leuchtenden Sterne, und in mir ward ungewollt die Erinnerung wach an das große göttliche Gelöbnis an Abraham: „Du wirst sein wie die Sterne am Himmel!" rief mir der gestirnte Himmel zu, und die große, ewige, herrliche Mauer schien stumm bejahend das Besprechen zu bekräftigen. Noch stehe ich in diesen Gedanken versunken da, empfindend, wie -mein Inneres sich beruhigt und meine Seele wieder von Trost und Hoffnung und Zuversicht erfüllt wird, als hinter mir plötzlich das widerwärtige, grunzende Schreien eines Esels erschallt. Erschrocken wende ich mich um und' sehe einen Araber, zwei Esel durch die Gasse treibend. Im ersten Moment erfaßte mich eine Wut, daß ich diesen blöden, ungeschlachten Kerl hätte totschlagen mögen. Aber bald war die Wut verflogen und einem Gefühle namenloser Schmach gewichen. Trifft ihn die Schuld? Mußte ich mir sagen. Die Gasse ist ein öffentlicher Durchgang, und es ist lächerlich, von diesem Barbaren solch zarte Rücksichtnahme zu fordern, daß er, um die Betenden zu schonen, einen Umweg machen soll. Schuld haben wir, wir Juden. Welch ein Volk sind wir, daß wir solches dulden können? Wie bar aller Ehre und aller Pietät müssen wir sein, daß wir diesen Platz vor dem Allerheiligsten unseres Volkes nicht vor solcher Profanierung zu schützen permögen. Wahrhaftig! Ein Volk, das seine heiligste Stättevon Eseln beschmutzen läßt, verdient keine besseren Stätten als solche. _ Neben mir standen zwei Europäer, scheinbar Reisende, die ein wenig befremdet aus dieses Bild mit den Betern auf der einen und dem Araber mit seinen zwei Eseln ' auf der anderen Seite schauten. Ich vermochte es nicht, auf sie zu blicken. Ich schlug die Augen nieder: es war das erste Mal in meinem Leben, daß ich mich schämte, ein Jude zu sein. ... Zerknirscht trat ich den Weg ins Hotel an. Ich fühlte mich wie namenlos verletzt in meinem tiefsten Empfinden, ohne in der Lage zu sein. Mich zu wehren, wie brutal geknebelt von einem grausamen Peiniger und dem Hohn aller Welt pröisgegeben, ohne mich rühren zu können. All diese Menschen, die um mich saßen, gingen, liefen, schrien, sie schienen mir alle Meine Schande zu künden, in jedem Lachen, das ich vernahm, glaubte ich Hohngelächter zu hören, und mich erfüllte einet solch namenlose Scham, daß ich mich fortwünschte aus dieser Stadt, fort, sott in eine weltfremde Einsamkeü, um still über unsere Schande zu weinen. Und noch spät in der Nacht, als ich Müde in meinem Bette lag und der Mond durch das Fenster sein bleiches, grünliches Licht warf, schien es mir, als ob auch er da droben seine Miene zu einer höhnenden Fratze verzog, und in den Ohren gellte mir noch das widerliche, die Nerven zum Rasen bringende Grunzen des Esels an der.Klagemauer.

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