Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 26 (4.7.1913)
- Date
- 1913-07-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Leite 4. Frankfurter JsraeWsches Familienblatt. Ute 26 II , ii K Kommission für die Gerrnania Judaica anschließen. Nach dieser Sitzung wird auch mit dem Druck der Germania Judaica begonnen werden. Berlin. Der Deutsch Israelit. Gemeindebund hat für den Neubau der Fürsorgeerziehnngsanstalt für isr. Mädchen bis jetzt ca. 77 000 M. erhalten; erforderlich sind 140 000 Mark. - Berlin. Den soeben erschienenen Mitteilungen des Deutsch-Israelit. Gemeindebundes sei folgendes entnommen: P«f. Philippson verwahrt sich gegen die Behauptung, „daß die „Aera Philippson" an dem Irrtum gescheitert sei, daß ein Zusammenhalten der deutschen Juden möglich sei; sein Rücktritt „fei nur aus Gesundheitsrücksichten veranlaßt." Die vom Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg bestätigte „Neue Grundverfassung" bedingte eine Vermehrung der Ausschußmitglieder. Entsprechend den Intentionen des 13. Deutsch-Israelitischen Gemeindetages hat der Ausschuß bei seinen Zuwahlen darauf Bedacht genömmen, Vertreter der kleinen Gemeinden, Anhänger der gesetzcstreuen und zionistischen Richtung sowie weitete Vertreter des Rabbiner- und Lehrerstandes und einen Vertreter der Kantorenschaft in sein Kollegium zu berufen. Folgende Herren sind in den Ausschuß eingetreten: Direktor Dr. Adler-Frankfurt a. M., Lippmann Bloch-Breslau, Landtagsabgeordneter Rechtsanwalt Dr. Cohn-Dessau, Isidor Dülken-Cöln, Kantor Fabifch-Göttingen, Rabbiner Dr. Nobel-Frankfurt a- M., Sanitätsrat Dr. Peyfer-Königsberg i- Neumark, Vorder Rosenbaum -Grebenstein, Rechtsanwalt Dr. Victör-Wandsbek. Ferner ist an Stelle des verschiedenen Stadtrat Gabriel Hirsch-Halberstadt, Dr. Emil Hirsch- Halberstadt und für Geheimrat Wollstein-Breslau. Stadtrat Marck,, daselbst, als Vertreter des Gemeindeverbandes Breslau-Liegnitz und seiner Heimatgemeinde in Den Ausschuß eingetreten. Die Gemeinde Berlin hat vom Jahre 1914 ob ih«n Beitrag von 12000 auf 15 000 M. erhöht. Der Mehrbetrag soll zur Erhöhung des Etats der Gemeind e-Unterstütznrrgs-Kvmrnission verwendet werden. Dem stenographischen Berichte über die Beratung der -Verhältniswahl" ist zu entnehmen, daß die „Gemischte Kommission" ohne Widerspruch anerkannt hat, „daß das Proportionalwahlsystem für politische Körperschaften und Interessengemeinschaften wertvoll sein mag, sich aber für die Ausschußwahlen nicht eignet, da der Deutsch- Israelitische Gemeindwund wwer partei-religiöse Ziele verfolgt, noch mit politischen Parteibestrebungen etwas zu tun hat. In die leitende Körperschaft einer Bereinigung, die sich lediglich mit Derwaltungs-, Erziehungs- und WohÜLtigkeitsfragen beschäftigt, passen nicht Parteimänner, sondern unpartensche und sachverständige Mitarbeiter." Charlotteubnrg. In der Stadtverordnetenversammlung gab es eine lebhafte Debatte über die Privatmädchenschulen, die jüdischen Kinl Lern die Aufnahme verweigern. Es lag nämlich der Magistratsantrag vor, den Lehre-' rinnen der Privatmädchenschulen eine Altersversorgung zu gewähren. , Granitza (unp.) bekämpfte diesen Antrag. Es läge keine Veranlassung vor, die Konfessionsschule zu unterstützen. Eine Lehrerin, die in einer Schule tätig ist, wo jüdische Kinder nicht geduldet werden, könne nicht verlangen, daß sie aus Mitteln der Allgemeinheit eine Altersversorgung erhält. Der vorberatende Ausschuß habe denn auch beschlossen, in der Vorlage den Satz aufzunehmen: ,/Von dieser Unterstützung sollen Leiter und Lehrerinnen von solchen Privatmädchenschulen oder Lyzeen ausgeschlossen werden, die Schülerinnen aus Gründen der Konfession oder Religion ganz oder zum Teil von ihrer Anstalt ausschließen." Bürgermeister Dr. Maier widerspracht Liefern Anträge. Er könne durchaus versteh«:, wenn die jüdischen Einwohner sich verletzt fühlen, sofern ihre Kinder von einer Schulleiterin zurückgewiesen werden. In der Verurtellung Lieser Ungerechtigkeit und Unduwsamkeit sei sch wohl die ganze Versanunlung einig. (Lebhafter Beifall bei alle» Fraktionen.) Die Stadtverordnetenversammlung dürfe aber diese Ungerechtigkeit in anderer Weise rächt Wenfalls begehen, indem sie die Lehrerinnen, die in solchen Schulen ihrem Broterwerb nachgehen, von sozialen Wohltaten ausschließt. Nachdem Dr. Jastrow (lib.) und Dr. Landsberger (lib.) im Sinne des ersten Redners und Prof. Dr. Schwarz im Sinne des zweiten Redners gesprochen hatten, wurde der Ausschußantrag mit wenigen Stimmen . Mehrheit abgelehnt und die Magistratsvorlage angenommen. LiB»lenm ä □ m 3.75 einfarbig braun, Ia Qual. 3,6 nun Bei grössere» Quaste» Extraofferten. G. Kupach, Frankfurt a. M., Altegasse 27/29. ' Bingfreie Tapetenindnstrie. Oesterretry-UZrsar». Wie«. An dm gegenwärtig auf Grundlage eines veralteten Kuriensystemes stattfindenden Wahlen in den galizischen Landtag nimmt tüe zionistische Partei keinen Antell durch Aufstellung eigmer Kandidaten. Durch die mündliche Abstimmung und dm unversöhnlichm Haß der polnischen Behörden gegen die Zionisten werden dic^ jüdischen Wähler dermaßen eingeschüchtert, daß es große Kraftanstrengung kostm müßte, in dm wenigen Wahlbezirkm mit jüdischer Majorität sogar nur Zählkandidaturerfolge zu erringen. Das. Zentralkomitee hat dämm die Parole ausgegeben. lediglich'auf die Parteizugehörigkeit und das Programm der verschiedenen Kaudwaten Einfluß zu nehmen. Die jüdischen Wähler werden aufgefordert, sowohl in die Urwählerals in die Wahlmänncrversammlungen zu gehen und dort die Unterstützung durch jüdische Wähler von der Stellung der Kandidaten zu den jüdischen Forderungen abhängig zu machen. „Jüd. Ztg." Wie«. Zwischen dem Universitätsrektor und den Vertretern der jüdischnationalen Studentenschaft fanden Verhandlungen statt. Die Herren erklärten, dem Wunsch für die Aufrechterhaltung der Ruhe zu garantieren, nicht entsprechen zu können. Ihre Kommilitonen seien zu sehr erregt darüber, daß der Wademische Senat den Forderungen der Deutschnationalcn nachgab, während die Weidenhofencr Beschlüsse weiter bestehen, und während die sich gegen solche Beschlüsse wehrenden jüdischen Studenten auch weiterhin bestraft werden. Rußland. Gorbatka. Hinter verschlossenen Türen fand hier eine große Versammlung der führenden Chassidim statt. Die bedeutendsten Rebbes hatten sich beteiligt- Einen großen Teil der Verhandlungen beanspruchte der Boykott durch die Polen. Es wurden soziale Maßnahmen beschlossen, Vorstellungen bei den polnischen Geistlichen usw. befürwortet, ein Kampf jedoch wurde nicht gutgeheißen. Bedeutsam ist die Nachricht, daß der Kusmirer Rebbe, Reb Mottele von Lublin, 20 000 Rubel zur Gründrmg einer Kolonie in Palästina spendete. Palästina. Ehedem. Bon hier ist nur Günstiges zu berichten. Die Ernte ist glänzend ausgefallen; sie brachte einen Ertrag, wie wir ihn seit Jahren nicht kannten. Zum materiellen Aufschwung der Kolonie trug auch, die rege Bautätigkeit Lei. Bon seiten des Jüd. National so nds wurden für die Jemeniten 20 Häuschen aus Zementsteinen, außerdem 3 solide Holzbaracken, enthaltend 24 Zimmer, nebst einem Zubau von 7 Zimmern zum Ledigenheim für aschkenasische Landarbeiter gebaut. Der Berliner Verein „E s r a" baute 10 Wohnhäuser und ein Krankenhaus. Es sind also für die hiesigen jemenitischen und aschkenasischen Landarbeiter in diesem Jahre insgesamt über 60 Häuser erbaut worden. Da die gesamten Bauarbeiter:, mit alleiniger Ausnahme des Krankenhauses, durch jüdische Arbeiter ausgeführt wurden, so ergibt sich, daß diese Bautätigkeit auch den hiesigen Kolonisten direkten Stutzen brachte, abgesehen natürlich von dem Umstande, daß durch die Seßhaftmachung der jüdischen Arbeiter in der Kolonie die Anlagen derselben eine erhebliche Wertsteigerung erfahren. Neu eröffnet! Cafö Corso Ecke Kaiserstrasse and Moselstrasse. Franz Kristm KMetm. Das „Scheker-Bilbul". Bon C. Berg. (21. Fortsetzung). „Warum ist Pelagia so plötzlich verschwunden?" Es dauerte eine Weile, ehe der Wasserträger antwortete: „Was weist ich?! Melleicht wollte sie einen andern Dienst suchen gehen." „Einen anderen Dienst!" wiederholte der' Amtsrichter spöttisch. „Du lügst gar nicht ungeschickt, mein guter Perez, wenn Du nur wüßtest, wie Du dadurch immer tiefer Deinen Hals verstrickst! Vielleicht wollte das liebe Mädchen dem braven Perez keine Ungelegenheiten bereiten, und so machte sie sich eben davon. Aber sorge nur nicht, wir werden Deine Freundin bald gefunden haben und ihr die Zunge zu lösen verstehen." „Herr Amtsrichter," fuhr der Bürgermeister entrüstet auf, „Sie sehen es nicht, wie höhnisch der steche Kerl lacht." Die Angeberei verdroß Philipp, er rief heftiger, als es sonst seine Art war: „Herr Bürgermeister, Sie haben hier nicht das Recht, Perez zu beschimpfen; ein Angeklagter ist noch lange kein Ueberführter." „Danke für gütige Belehrung, Herr Referendar, Sie mischen sich in Dinge . . ." ~ „Meine Herren, ich führe die Leitung der Verhandlung," unterbrach sie der Amtsrichter, „der Angeklagte steht unter meinem Schutz, das' genügt . . Perez, warum hast Du gelacht?" „Sie wollen die Pelagia suchen! Sie werden eher den Schnee vom vorigen Jahre finden." „Du weißt also, wo sie fit?" „Ich?" stagte Perez mit der unschuldigsten Miene von der Welt — er wußte es wirklich nicht —, „i?? Woher soll ich das wissen? Reisende Leute soll keiner aufhalten, ich bin nicht der Landgendarm, der sie wohin und woher bestagt." „Mso verstockt, durch und durch verstockt," rief der Amtsrichter zornig. „Nun, für heute sind wir mit Dir fertig.. Bald wird ein anderer mit Dir sprechen, weniger nachsichtig und geduldig als ich, und dann wirst Du es bitter bereuen, durch Dein halsstarriges Leugnen Deine Sache so verschlimmert zu haben, daß Dich hernach die volle Strenge des Gesetzes treffen must." „Das ist eine verzwickte Geschichte," sagte der Wärter kopfschüttelnd, nachdem die Herren von der Gerichtskommission die Zelle wieder verlassen hatten. „Wenn der alte Pauli selbst herübermarschiert, must es ein verdammt schlimmer Fall sein. Beinahe komnit es Mir sogar vor, als ob der Dich noch so durchschlupfen lassen möchte, aber der Bürgermeister und der Amtsrichter wollen Dich mit aller Gewalt hineinlegen, das ist gewiß!" Jetzt brach Perez mit vollem Unmut los: „Nun, unser Herr Amtsrichter! Ich hätte ihn auch firr gescheiter gehalten! Nach was hat er mich gestagt? Nach lauter Verliebtheiten . . Solcher Unsinn! Als wäre ich der junge Herr Graf. Verliebt und verliebt! Narrischkeit! Wenn ich mich einmal verliebe, wird es ein jüdisches Kind mit etwas Geld sein. Brauche ich den Amtsrichter mit seiner Pelagia Äs Schadchen? Und darum must ich hier in dem Loch sitzen!" „Nun, nun," begütigte ihn der Wärter, der ihm sehr wohl wollte, „es ist ein ganz anständiges Zimmer, Du hast es hier besser als bei Dir zu Haus." „Wer sagt Ihnen denn das?" fuhr Perez gereizt auf, „ich war mit meiner Stube daheim ganz zustieden! Schöner als bei Euch! Ist das ein Aufenthalt für einen bekoweten Mann? Nicht 'mal Mesuscs an den Türen!" Er ging mit grosteir Schritten auf und ab. „Mag sich der Herr Amtsrichter hierher setzen! Das will ein Gelehrter sein! Etwas DumMeres ist mir in meinenr Leben rwch rricht vorgekommen. Für was bekommt er den hohen Gehalt, wenn er nichts als Verliebtheiten studiert hat? Und dafür muß man Steuern zahlen!" „Ruhe! Ruhe!" gebot der Wärter streng; „Du hast' mit Mehr Respekt vom Herrn Amtsrichter zu reden! Ueberhaupt war Dein Betragen heute sehr ungebührlich, das glaube mir! Mensch, tvie kanr es Dir nur bei, gegen den Herrn Bürgermeister so ausfällig zu werden? Das ist doch keine Manier! Gegen einen Mann von so feiner Herkunft. Seinen Herrn Vater habe ich recht gut gekannt, er war Hauptmanu!" „Nun, was ist?" antwortete Perez Mürrisch, „meiner war ei» Kauhen . . ." Denselben Abeno rwch wurde der Wasserträger nach dem Landgericht überführt. ___ Frau Christine macht eine Entdeckung und Hanne auch. Frau Christine saß an ihrem Schreibtisch uno blickte auf einen Brief. Sie seufzte; es lag eine Falte auf ihrer weißen Stirn, sie dachte an Men Schützling und an den freilich etwas übereilt abgelegten Schwur, die Unschuld des Wasserträgers an den Tag zu bringen. Nun hielt man Perez schon drei Monate in Untersuchungshaft, und Philipp Hirschthal, welcher sich fteiwillig als zweiter Verteidiger des Angeklagten erboten hatte (den ersten, einen berühmten Rechtsanwalt, hatten wohlhabende Glaubensgenossen des Angeklagten mit erheblichem Kostenaufwand berufen), schrieb hier wenig ermutigend: „Wir sind schön in der Enge: eine erschreckend hohe Anzahl gravierender Zeugen, die für die Feindschaft zwischen Perez und dem Getöteten aussägen, liegt vor; es wird kaum anderes übrig bleiben, als den Aermsten mit Paragraph 51 herauszuhaueu." Mso Freisprechung auf Grund geistiger Gestörtheit. Christine ließ unmutig den Brief in ihren Schoß sinken. Wenn Philipp und seinem berühmten Beistand nichts Gescheiteres cinfiel, so mochten sie sich die Kollegicngelder wieder heraustzeben lassen und Weiberröcke «»ziehen; sie, Christine Müller, wüßte sich wohl der Robe und des Baretts würdiger zu bezeigen. Jnr nächsten Moment schalt sie sich eine Renommistin. Was hatte sie bis jetzt getan, die Unschuld des Armen zu beweisen? Sie hatte heimlich mit Philipp. Hirschthal