Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 26 (4.7.1913)
- Date
- 1913-07-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches FamilieMatt. Nr. 26 Abhänge, aus denen schwarz Ziegenherden weiden, ab und Ku eine tiefe Höhle, und'Wer allem schwebt die Weihe der Historie. Auf diesen Bergen haben einstens die Philister gehaust, hat David triumphiert, haben die Makkabäer gekämpft, hat Bar- Kochbah das blutige Schwaneillied der jüdischen Freiheit gesungen. „Betir, Betir!" dringen die Stimmen der Eisenbahnschaffner an unser Ohr; das alte Bethar, da Var-Kochbah sich heldenmütig gegen die römischen Legionen verteidigt hat, bis er durch Verrat niedcrgezwungen wurde. Die Tragik der jüdischen Geschichte beginnt, aus ihren Gräbern emporzustcigen. Vergessen ist die holde, schöne Gegenwart der schien Tage, schon lebe ich ganz in den Erinnerungen der Vergangenheit. Und heiße, tiefe Liebe zu dem Boden, der diese Erinnerungen in sich wahrt, ergreift mich Ich blicke auf: das Kupee gefüllt mit Arabern, die, laut mit einander redend, ganz die Miene der Herren des Landes ^tragen. Und doch: ich fühle mich so heimisch Mischen diesen kahlen Bergen. Trotz dieser fremden Besitzer; es ist doch mein Land. Die Vergangenheit ist mach tiger als die Gegenwart, Blut ist stärker als alle Macht, das Land, das Geschlechter unserer Ahnen mit ihren Leichen bedeckt haben, bleibt ewig unser Land. Der Zug Haft. Jerusalem! Es ist schon dunkel, und von der Stadt ist nicht viel zu scheu. Mit schweren, langsamen Schritten steige ich aus dem Waggon. Mir iffs, als .sollte ich nun den Schleier geheintnisvoller Möchte lüsten, als sollte ich das Tor durchschreiten, das zu dem Reiche der Legende führt. Und doch!: ich schreite sicher, fest, furchtlos. Es ist mein Jerusalem, das ich betrete. Und von all dem Ehaos der Empfindungen, das nrich erfüllt, löst sich endlich eine einzige, die stärkste, als Siegerin heraus: sie gleicht jenem Gefühle, wenn ich nach längerem Fernsein das Elternhaus betrete. Und als ich den Bahnhof verlasse, da fühle ich nur eines: ein Sohn kehrt zu seiner Mutter zurück. „Wohin?" ftagt mich mein junger Freund, der mich empfangen hat. „Zur Klagemauer!" rufe ich ungestüm; einer Mutter gegenüber gibt cs keine Zeremonien und kein Warten; der erste Weg Muß gleich zu ihrem Herzen führen. Girre Unterredung mit dem jüdischen Abgeordnete« der dritte« D«ma L. R Riffelowitsch Von L. Pe r lm u t t e r - Frankfurt a. M. Im schönen Münster am ragenden Rheingrafenstein erholt sich der jüdische Abgeordnete der dritten Dnma Rechtsanwalt L. N. Nisselowitsch. Fünf Jahre hindurch hat er die ganze Last des jüdischen Volkselends in Rnßlarid getragen. Fünf lange Jahre jenen großen Leiden und tausend Leinen Sorgen der unglücklichsten unserer Brüder tagtäglich ins Auge gesehen! In unzähligen Petitionen, Biü-Telegranrmen wurden ihm die Wunden des jüdischen Bolkskörpers unbarmherzig bloßgelcgt. Zu ihm hinauf gelangten jene herzzerreißenden Klagen, die Todesschreic eines aufs Blut gepeinigten Volkes; auf ihn herab prassellen die Schläge der grimmigsten Judengegner unserer -Zeit, entlud sich der Haß unserer brutalsten Todfeinde. Und mitten in diesem Getümmel anfgepeitschter Leidenschaften hat Nisselowitsch unentwegt und ungebeugt gekämpft, „von der Parteien Gunst und Haß," nnrtobt, oft vom Feind mehr geachtet als vom Freundnicht selten von allen verlassen, unverwandt sein Ziel int Auge.- Ihn kümmerten nicht die Drohbriefe der schwarzen Hundert, nicht die verstohlenen, aber schmerzenden Stiche politischer Gegner im eigenen Lager. Man erinnert sich, mit welcher Zähigkeit, Energie und Umsicht Nisselowitsch sich bemühte, bis in die Reihen der keineswegs judenfteundlichcn Oktobristen hinein eine Mehrheit für seinen großen Plan zu finden, die Judenfrage in Rußland durch einen kühnen, entschlossenen Streich zu lösen und durch eine Abschaffung der Tscherta, des Ansiedlungsrayons, den zusammengepreßtein jüd. Massen Bewegungsfteiheit zu verschaffen. Erfolganbeter werden heute zwar für sein Projekt nur ein mildes Lächeln haben; die Neunmal- Lugen haben den Mißerfolg ja vorausgesclM. — Wer indessen Kenntnis von den einzelnen Stadien der Verhandlungen und Vorbereitungen für diese große Angelegenheit erhält, und in die Details der diplomatischen Vorarbeit dieses besonnencn Realpolitikers par excellence eingeweiht wird, der wird ob des traurigen Ansgangs sich stumm beugen vor der Wucht der Tragik des Judenschicksals. „Nicht d i e Tatsache beugt mich nieder" — so beginnt mein Gegenüber —, „daß die Vorlage so jäh ein ungünstiges Ende fand, obwohl es mir gelang, den. Pessimismus meiner engeren Parteigenossen, der Kadetten, Lügen zu strafen und eine unbedingt sichere Mehrheit in der Kommission.vorzubereiten, auch nicht, daß dieses Faktum eintrat, trotzdem daß sich die ängstlichen Befürchtungen der „jüdisch-fwlitischen Gruppe in Petersburg nicht erfüllten, — sondern vielmehr, daß dieser Mißerfolg eintreten mußte, obwohl — wer wagte es zu hoffen — das Projekt zur Endberatung an die „Kommission für die Unverletzlichkeit der Person" überwiesen wurde. Das erst verleihtder ganzen Angelegenheit den tragischen Anstrich. Schon in meiner 1909 erschienenen Schrift. „Die Judenftage in Rußland" wies ich darauf hin, daß die Ueberweisung der Judenftage überhaupt an eine Kommission angestrebt werden müsse und ihre Erledigung gerade in dieser Kommission fast gleichbedeutend mit ihrer Annahme anzusahen sei, da diese Kommission wie keine zweite für eine vorurteilslosere Prüfung des Projektes günstig zusammengesetzt war. Welche Hoffnungen knüpften wir nicht alle an diese Beratungen! Da trifft eines Tages jenes gräßliche Unglück ein, das nur der verficht, wel- . cher die russischen Verhältnisse kennt, jenes Unglück, das mich aus allen Himmeln reißt und mir die Unmöglichkeit, das Projekt zu retten1, unwiderleglich zu Gemüte führt." „Sie meinen den Tod des geplanten Befürworters der Vorlage, des Jüdcnfteunds und großen Kadettenführers Karauloff?" warf ich ein. „Nicht doch", entgegnet Nisselowitsch. „Zwar war dies ein großer Verlust für die Sache. Wenn ich auch stets verfocht und iwch verfechte, daß es nicht nur würde-, sondern auch wirkungsvoller ist, wenn die jüdische Frage stets von Juden vertreten wird, so muß jch doch sagen, daß, nachdem1 die Partei einen Nichtjuden bestimmt hatte, Karauloff jedenfalls ein anderer Verteidiger gewesen wäre als Mallaloff, dessen Rede einen antisemitischen Anstrich! hatte, weil er sich seinem Auditorium!, das aus Antisemiten bestand, anzupassen suchte. Ich meine aber nicht dies, sondern jenes Unglück, daß der Mörder Stolypins sich als JudenabköMMling entpuppte. Die „Nowojc Wrcmja" hat mich damals übel karrikiert, als ich meine Rede begann: „Mir standen die Haare zu Berge." Welche Gefühle mich indessen bewegten, als Gutschkow, dieser'besonnene und damals mächtigste Politiker Rußlands, durch die Unterschrift unter die Interpellation über den Mörder Stolypins und die UebernahMe des Refe- ' rats für diese Interpellation, welche mit den Worten begann: „Der Jude Bagrow hat Stolypin ernwrdct!" sich mit dcnPurischkewitschs und Markows solidarisch erklärte -und damit jeder Aktion für die Besserung der Judenftage ein für allemal den Faden abgeschnitten hatte, kann ich kaum wiedergeben. Der Pistolenschuß Bagrows hat nicht nur Stolypin, sondern auch alle politischen Besserungsprojefte des jüdischen Elends in Rußland auf lange Zeit hinaus ins Herz getroffen. All' mein Hoffen war von diesem Moment an dahin, und wenn ich nachher noch in der Duma austrat in jenen Reden, die mir die 'tätlichein An- . griffe der Purischkewitsch und Markow eintrugen, so tat ich dies lediglich, um die niederträchtigen Lügen dieser „Echtrussen" nicht ganz ohne Antwort zu lassen. . Ich war gebrochen, und nach Schluß der Dumüsession erkrankte ich an den Folgen der durchgemachten Auftegung." Ich : „Die Lage der Juden in Rußland ist seitdem keine bessere geworden?" „Leider hat sie sich bis ins Unerträgliche verschlechtert. Von außen gejagt und geplagt, vvn innen zerklüftet und geschwächt. Ein Feind ist Uns entstanden in unserem eigenen Lager, der unsere Reihen dezimiert und schwere Opfer fordert: Die Taufe. Es ist kaum glaublich, wie weit die Taufe um .sich gegriffen hat. Selbst in der eigenen Familie ist Man nicht sicher, eines Tages zu hören,. dieser und jener ist in staatliche Position gerückt, was gleichbedeutend ist mit seiner Taufe. Als man vor kurzem während einer Sitzung den Boykott der Täuflinge empfahl, fanden sich! Vorstandsmitglieder der jüdischen Gemeinde!, die den Boykott ablehntenweil sie ihre eigenen Kinder hätten boykottieren ntüssen. In ganz jüngster Zeit,' seitdem ein neuer Erlaß der Regierung über die überhandnehmenden Täuflinge herausgekommen, ist allerdings auch dieser Kanal zur Flucht vor denk Jndenunglück versperrt worden. Der Antisemitismus verfolgt nun die Judenstämmlinge bis ins vierteGlied. Kann doch z. B. der Sohn des Unterstaatssekretärs Senators Gaßmann nicht in die medizinische Militär-Akademie ausgenommen werden, weil er noch JudenstäMmling im dritten Gliedc ist, so auch der Sohn, des Leibarztes des Kaisers, Bertensohn, des Senators Utin, des Generalleutnants Danilewsky, des früheren Chefs derselben Akademie u. a. in. Aber auch das Häuflein der Trengebliebenen ist uneinig und zerfallen. Ich spreche hier nicht von jener „Gruppe" jüdischer Politiker in Petersburg, die keine Gelegenheit versäumen, um Politik auf eigene Faust zu machen, und vor allem leider von Zeit zu Zeit jene üble Pressekampagne inszenieren, die das Ansehen der offiziellen jüdischen Politiker nur allzusehr zu beeinträchtigen geeignet ist. Ich meine vielmehr die jüdische Masse und die -Oberschicht, die sogenannte Intelligenz. Zwar an „Wohltätigkeit" läßt man cs nicht fehlen.' Meine Frau, die in zahlreichen philantropischen Gremien.mit^.rbeitet, wird Ihnen bestätigen, welch' hilfsbereites Herz sie bei den Juden Petersburgs findet. Aber dabei läßt man's bewenden. Nirgends ein großer Zug für die jüdische Volkssache. Wie habe ich mich während meiner Dumatätigkeit bemüht, die zu Mir kommenden Delegierten aus der Provinz der verschiedensten Schichten der jüdischen Bevölkerung zu organisieren, für eine großzügigere Anteilnahme an jüdischpolitischen Bestrebungen zu. interessieren. Leider umsonst. Ich hatte seiner Zeit den versammelten orthodoxen Rabbinern borgsschlagen, sich zusammenzuschließen, ihnen ein Büro eröffnet; auch hier bin ich leider bald enttäuscht worden." „Es wird Sie wohl interessieren", erwidere ich, „daß j>ic Idee der Agudas-Jisroel gerade in Rußland besonders viele Anhänger findet und allem Anscheine nach imstande ist, die Orthodoxie dort zusaMmenzuschließen." „Ich wünsche Ihnen von Herzen viel Erfolg zu diesen Bestrebungen", entgegnete Herr Nisselowitsch, „und .glaube auch, daß infolge des Organisationstalents der deutschen Juden Aussicht auf Gelingen besteht. Indessen ist dies eine ungeheuer schwere Aufgabe, angesichts des schwer traitablcn Materials der russisch-jüdischen Massen. Es wäre eine schöne Sache, denn jene Massen leben unter schrecklichen Verhältnissen. Die Not ist unbeschreiblich. Dazu der Druck von /außen. Wohin dies führt, läßt sich kaum iwch übersehen." „So gibt es keinen Ausweg aus diesem Elend?" Da wendet sich Herr Nisselowitsch zur Seite und weist auf den dränenden, finsteren .Rhoingrafenstein: „Sehen Sie diesen Stein. Ist er nicht ein Symbol für die finsteren Golusleidcn unserer Brüder, jener Leiden des Mittelalters, die dort die Ebernburg ihm gegenüber andeutot? Wie oft mag dort ein.Jude in diesem Raubritternest gelitten haben, bis das Lösegeld für ihn eintraf! Wie oft mögen Port herab die Helligen Ritter des Kreuzes ins Feld gezogen sein, um. Tausende von Juden unmenschlich hinzuschlachten! Und was ist heute? Die Burgen sind zerfallen, die Ritter sind dahin. Und über ihren Gräbern sitzen wir Juden jetzt in ihrem Burghof, der heute zur Restauration geworden ist. Damals wie heute. Sic können uns nicht vernichten. Es schläft und schlum'mert nicht der Hüter Israels."